Kopfweh heraufbeschwörendes Bum-Bum ohne Tiefschürf
Text: Sarah Schwerzmann aus De:Bug 112


Techno hört sich an, als wären George Clinton und Kraftwerk zusammen im Fahrstuhl stecken geblieben. Mit diesem mittlerweile legendären Zitat verpasste Derrick May Techno vor knapp zwanzig Jahren eine erste musikhistorische Verortung, die haften blieb. Danach kultivierte er das Bild der flamboyanten Techno-Diva. Auf seinem Label Transmat hat er mehr Techno-Klassiker veröffentlicht als sonst jemand aus Detroit. In den letzten Jahren war es allerdings recht still um ihn und Transmat geworden. Jetzt ist er wieder auf Tour und glänzt im Interview mit allerlei kunst-philosophischen und pädagogischen Auslassungen.

De:Bug: Ist Techno tot?
Derrick May: Sicher. Mausetot.

De:Bug: Und was feiern wir dann?
Derrick May: Den 20. Geburtstag des Detroiter Techno.

De:Bug: Bitte?
Derrick May: Es ist ganz einfach: Techno ist tot. Ich meine den Techno, wie ihn die breite Masse kennt.

De:Bug: Und wie definiert sich dieser Techno?
Derrick May: Ich würde sagen als Kopfweh heraufbeschwörendes Bum-Bum ohne tiefschürfenden Hintergrund, bei dem selbst bei näherem Hinhören keine Ähnlichkeit mit Musik festgestellt werden kann.

De:Bug: Du bezeichnest dich selber als Musiker. Dann machst du also Derrick May: Musik, nicht Techno?
Ja. Ich mache High-Tech-Soul. Das ist eigentlich ein Synonym für Techno, aber eben für den richtigen Techno.

De:Bug: Ich kann nicht folgen.
Derrick May: Der Detroiter Techno ist eine musikalische Bewegung der Schwarzen Anfang der achtziger Jahre. Ich nenne Techno aber Hightech-Soul, weil der Name Techno bei den meisten Menschen grausige Assoziationen hervorruft.

De:Bug: Leidest du darunter, dass deine Musik heute in ihrem Wesen missverstanden wird?
Derrick May: Natürlich. Meine Kunst und meine Art und Weise sich auszudrücken wird als unintelligent, nicht innovativ und banal abgetan.

De:Bug: Das wird sich nicht ändern.
Derrick May: Klar, die Frage ist nur, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Die Definition von Techno hat sich von dem Moment an verändert, als nicht mehr nur Menschen auf die Partys in Detroit kamen, die um der Musik willen an dieser Bewegung teilhaben wollten.

De:Bug: Das ist praktisch allen Musikstilen passiert, die wir heute kennen.
Derrick May: Ja, klar. Irgendwann merkt mal irgendwer, dass sich das Ganze kommerzieller aufbereiten lässt und man viel Geld damit verdienen kann. Und das war der Anfang vom Ende. Techno wurde als Trendbewegung ohne Hintergrund abgestempelt.

De:Bug: Du hast aber die Chance auch genutzt und bist auf den kommerziellen Zug aufgesprungen.
Derrick May: Klar muss ich Kompromisse eingehen, aber mein Herz schlägt immer noch für die Musik und nicht fürs Geld.

De:Bug: Auch wenn du viel verdienst …
Derrick May: Wer sagt das?

De:Bug: Nur so ein Gefühl … Auf jeden Fall kann ich aber einfach nicht glauben, dass die Kommerzialisierung des Techno für dich nicht auch etwas Gutes hat.
Derrick May: Klar haben sich Türen geöffnet. Andere haben sich geschlossen. Es gibt ja nie nur Nachteile. Aber das Schlimme für mich ist, dass die Menschen durch die Kommerzialisierung eine falsche Vorstellung von Technomusik bekommen haben.

De:Bug: Es gibt viele Geschichten, wie der Name Techno damals entstanden ist. Wie war es wirklich?
Derrick May: Ich habe mit meinen Produzentenkollegen Juan Atkins und Kevin Saunderson dem bekannten Face-Magazin ein Interview gegeben.

De:Bug: Das wichtigste deiner Karriere …
Derrick May: Das kann man so sagen, ja. Face stellte uns der Welt als Erfinder des Detroiter Techno vor. Wir saßen also den ganzen Tag mit diesem Journalisten auf der Couch und erzählten ihm, was er wissen wollte.

De:Bug: Unter anderem, wie denn der neue spektakuläre Musikstil hieß?
Derrick May: Allerdings. Er war uns schon den ganzen Tag auf den Sack gegangen mit dieser Frage und wir hatten uns immer schön rausgeredet, weil wir es selber nicht wussten. Abends mussten wir zum Flughafen. Wir waren schon spät dran und stürmten vom Check-in Richtung Passkontrolle. Als wir durchgehen wollten, schrie der Typ von Face: “Wie heißt diese Musik eigentlich?“

De:Bug: Und was sagtest du?
Derrick May: Kevin und ich waren schon durch die Passkontrolle. Juan spurtete noch mal zurück und sagte dem Typen: “Ich nenne es einfach Techno.“

De:Bug: Vor 20 Jahren war Techno etwas sehr Futuristisches. Deine Generation hat durch Musik in die Zukunft geblickt. Wie sieht’s heute aus?
Derrick May: Der Detroiter Techno ist heute noch genauso futuristisch wie vor zwanzig Jahren. Wir sind keine Wahrsager, wir wollten damit nicht irgendwelche Trends und Erfindungen voraussagen. Uns hat einfach das Abstrakte fasziniert. Allein der Fakt, dass man mit Maschinen Musik machen kann, ist heute immer noch unglaublich.

De:Bug: Dein Lieblingsfilm ist “2001 – A Space Odyssey“. War Stanley Kubrick eine Art Vorbild?
Derrick May: Vorbild ist vielleicht zu viel gesagt, aber Kubrick und besonders dieser Film waren damals schon wichtig für mein Schaffen. Diese Kühle, das Sterile und Abstrakte von einer von Maschinen gesteuerten Welt ist einfach faszinierend.

De:Bug: Eine deiner ersten Produktionen, “Strings of Life”, ist zum musikalischen Wahrzeichen von Detroit, der Entstehungsstadt des Techno, geworden. Wie hat man sich Detroit vor zwanzig Jahren vorzustellen?
Derrick May: Detroit ist seit Ende der sechziger Jahre gleich. Es ist eine Stadt, die dem Holocaust verdammt nahe kam.

De:Bug: Inwiefern?
Derrick May: 1967/68 herrschte während zwei Tagen in den Straßen Detroits Krieg. Es war neben Ohio das einzige Mal in der Geschichte Amerikas, in der das amerikanische Militär seine eigenen Leute beschoss. Sie hatten sogar Panzer in der Stadt, fuhren damit herum und erschossen Zivilisten.

De:Bug: Detroit hat sich nie davon erholt?
Derrick May: Nein. Als ich “Strings of Life” gemacht habe, bin ich fast in Tränen ausgebrochen. Ich habe den Track aus Mitleid mit meiner Stadt und deren Bewohnern produziert. Ich hatte das Gefühl eines Traumes, der niemals wahr werden wird.

De:Bug: Klingt deprimierend.
Derrick May: Das war es auch. Aber irgendwie hat bei diesem Stück auch der Hauch eines Kampfgeistes durchgeblitzt, eine Art Hoffnung. Denn nach allem, was geschehen ist, sind die Menschen von Detroit gute Menschen. Menschen wie in jeder anderen Stadt auch. Sie wollen ein gutes Leben haben. Und “Strings of Life“ sollte beide Seiten zeigen.

De:Bug: Detroit scheint eine sehr wichtige Stadt in der neueren Musikgeschichte zu sein. Nicht nur Techno ist dort entstanden, sondern auch teilweise Soul und HipHop. Hat das tiefe soziale Niveau der Stadt Auswirkungen auf die kreative Tätigkeit von Menschen, so dass sie zu Künstlern werden?
Derrick May: Detroit ist eine verlorene Stadt, eine Industriestadt im 21. Jahrhundert, die nicht gemerkt hat, dass die Welt sich weiterdreht. In Detroit gibt es in kultureller Hinsicht nichts. Vielen Leuten geht es schlecht. Nur wenige Menschen haben die Möglichkeit, eine gute Ausbildung und später eine gut bezahlte Arbeit zu bekommen. Es gibt nichts zu tun. Also hat man nichts zu verlieren. Und man schafft sich seine Kultur selber.

De:Bug: Nicht ganz einfach.
Derrick May: Auf keinen Fall. Wir haben keine Unterstützung bekommen. In Detroit gab es weder Plattenfirmen noch sonst was, mit dem man seine Karriere hätte beschleunigen können. Das Schöne daran ist aber, dass das niemand vermisst hat. Wir haben für uns Musik gemacht, zu Beginn jedenfalls. Als sich dann herumsprach, dass in Detroit etwas mit Musik läuft, waren alle so überrascht, dass in dieser Stadt etwas Fruchtbares gedeihen konnte, dass man uns zugehört hat. Einfach nur weil die Menschen so neugierig waren.

De:Bug: Das Bild, das du von deiner Heimatstadt zeichnest, ist nicht gerade positiv. Was hält dich noch dort?
Derrick May: Ich will nicht dort sein. Ich hasse diese Stadt, aber ich stecke dort fest, und zwar nicht, weil ich das will, sondern einfach so. Ich stecke fest, weil ich nicht weggehen kann. Wenn man noch nie in Detroit war, ist das schwer zu verstehen. Das klingt irgendwie verwirrt, oder?

De:Bug: Ja, denn eigentlich bist du gar nicht aus Detroit, oder?
Derrick May: Doch, ursprünglich schon. Aber als ich ungefähr 13 Jahre alt war, zog ich mit meiner Mutter nach Belleville, das war ein kleiner Vorort von Detroit. Ein absolutes Provinzkaff, schrecklich!

De:Bug: Was war der Grund?
Derrick May: Ich war ein Teenie, vaterlos und kurz davor, auf die schiefe Bahn zu geraten. Also tat meine Mutter, was die meisten Mütter tun würden, sie verließ mit mir mein gewohntes Umfeld, so dass ich nicht abstürzte. Sie rettete mir damit das Leben.

De:Bug: Du kamst also in diesen weißen Vorort.
Derrick May: Ja. Und dort lernte ich die beiden einzigen schwarzen Jungs kennen, Juan Atkins und Kevin Saunderson, deren Mütter genau dasselbe getan hatten wie meine. Wir wurden Freunde. Nicht zuletzt, weil Belleville eben ein sauberer, weißer Vorort war und wir die einzigen Schwarzen.

De:Bug: Wie bist du zur Musik gekommen?
Derrick May: Ich bin von der Schule geflogen und wusste nicht, wohin ich soll. Ich hatte Angst, es meiner Mutter zu sagen, also habe ich einfach weiterhin getan, als ginge ich zur Schule. Dann habe ich Juan angerufen und bin bei ihm und seiner Oma eingezogen. Juan und ich blieben die ganze Nacht auf und diskutierten über Musik. Jede Nacht. Das war 1983, also noch bevor wir selber anfingen, Musik zu machen.

De:Bug: Um was für Musik ging es da?
Derrick May: Wir diskutierten David Bowies “Fashion“, “Trans Europa Express“ von Kraftwerk und Musik von Sly and the Family Stone, Funkadelic und all das andere Zeug, das Mojo in seiner Radiosendung spielte.

De:Bug: Ihr habt also die ganze Nacht Radio gehört?
Derrick May: Ja. Wir lagen auf dem Bett, ich hatte seine Füße im Gesicht und er meine und wir diskutierten darüber, was diese Jungs sich dabei gedacht haben mögen, als sie diese Musik produziert haben. Heute bin ich mir sicher, dass wir da etwas reininterpretiert haben, das nicht unbedingt so war. Die hatten zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung, was sie taten. Wir nahmen einfach an, dass sie so tiefgründig und intellektuell waren und dass dies die Grundlage war, um Musik zu machen.

De:Bug: Und dann habt ihr angefangen, Musik zu machen?
Derrick May: Nein, Juan hat angefangen, Musik zu machen. Ich wollte es von ihm lernen und habe ihn ausgequetscht und gebettelt, er möge mir doch zeigen, wie man Musik macht. Aber er hat es beharrlich abgelehnt. Es war ein Geheimnis und das war ihm heilig. Es war nicht die Art von Wissen, die man damals mit anderen teilte. Jemand, der die Seele der Maschinen verstand, behielt dieses Wissen für sich.

De:Bug: Warum hast du dich nicht einfach daneben gesetzt und zugeschaut?
Derrick May: Das ging nicht. Er schloss sich drei bis vier Tage in sein Zimmer und kam einfach nicht raus. Er kam nicht aus dem verdammten Zimmer, bis er fertig war. Ich habe ihn nicht gesehen in diesen Tagen, aber gehört habe ich ihn. Und wie! Wenn er fertig war, durfte ich mir das fertige Produkt anhören. Ich habe viel von ihm gelernt.

De:Bug: Ich dachte, er hat dir nichts beigebracht?
Derrick May: Doch schon. Ich habe von ihm gelernt, dass man im Produktionsprozess niemals jemanden nach seiner Meinung fragen soll. Egal, ob du Bilder malst, Musik machst oder einen Film drehst: Zeige es niemandem, solange du nicht fertig bist. Sag nie jemandem: Hey, ich mache gerade dies und das, es wird großartig, höre es dir an. Wenn du das zu oft machst, hörst du irgendwann auf mit deiner Kunst.

De:Bug: Und wenn sie doch mal eine Meinung einholen wollen?
Derrick May: Dann sage ich: Ich habe das eben fertig gemacht. Bis später. Und dann haue ich ab.

De:Bug: Das ist alles?
Derrick May: Das ist alles. Es ist fertig. Es ist für dich. Schluss, Ende. Ich muss nicht nach deiner Meinung fragen, weil du es mir so oder so sagen wirst, wenn du dich für oder gegen das Stück entscheidest. Wenn du mir nichts sagst, ist alles gesagt.

De:Bug: Aber Kritik könnte ja auch hilfreich sein?
Derrick May: Nein, nicht zu diesem Zeitpunkt. Wie viele Menschen haben mit ihrer Kunst aufgehört, weil sie ihr Produkt jemandem gezeigt haben, von dem sie dachten, er oder sie würde es lieben oder respektieren und dann war es nicht so? Es ist absolute Zeit- und Energieverschwendung. Die Menschen sagen dir nicht die Wahrheit, weil sie Angst haben, deine Gefühle zu verletzen. Man sollte es lassen.

De:Bug: Okay. Und was machst du, wenn dich jemand nach deiner Meinung fragt und du das Produkt schlecht findest?
Derrick May: Wenn ich sehe, dass dieser Mensch nicht 150 Prozent gegeben hat, dann zerreiße ich ihn in der Luft. Ich zerstöre ihn. Ich habe keine Zeit für Verlierer. Ehrlich. Ich bin eine sehr kämpferische Person. Ich gebe mich nicht damit zufrieden, irgendwo am Rande der Szene mitzuschwimmen. Ich bin mittendrin und ich arbeite hart dafür.

De:Bug: Du hast also keine Angst davor, die Gefühle anderer zu verletzen?
Derrick May: Nein. Weil ich keine Zeit und keine Lust auf Menschen habe, die Angst haben, etwas zu riskieren. Habt keine Angst da draußen! Wer Angst davor hat, Fehler zu machen, ist bei mir am falschen Platz. Wenn du eine Gelegenheit beim Schopf packen und unter Umständen versagen willst: kein Problem, ich bin dabei. Hauptsache, du machst keine halben Sachen. Hauptsache, du bist kein Verlierer. Dann habe ich keine Zeit für dich.

De:Bug: Klingt nicht gerade so, als wäre es einfach, mit dir zusammenzuarbeiten.
Derrick May: Nein, das ist es wirklich nicht. Ich treffe viele junge Künstler, die nach Detroit kommen wollen, um mit mir zu arbeiten. Ich sage denen: “Das wird nicht einfach. Ich werde dich nämlich nicht verhätscheln. Ich werde dir nicht mal was zu Essen kaufen. Ich werde nämlich gar nichts tun.“

De:Bug: Klingt nicht so, als wärst du ein herzlicher Gastgeber?
Derrick May: Doch, genau das bin ich. Indem ich nämlich dafür sorge, dass diese Künstler durch die Hölle gehen und verletzt werden, kümmere ich mich um sie. Sie sollen begreifen, was es heißt, aus meiner Stadt zu kommen. Ich will, dass sie verstehen, was die Jungs, die diese Musik gemacht haben, durchgemacht haben, wie sie gelitten haben. Wie sie hart arbeiten mussten, um ein Minimum an Glaubwürdigkeit aufzubauen.

De:Bug: Und das nennst du herzlich?
Ja. Sie werden danach ein besserer Mensch sein.

De:Bug: Zurück zu dir: Wie ging es weiter, nachdem ihr nächtelang Mojo zugehört hattet?
Derrick May: Irgendwann hat sich Juan erbarmt und mir ein paar Sachen beigebracht. Ich durfte ihm zuschauen. Den Rest habe ich mir selber beigebracht. Die meiste Zeit haben wir aber immer noch nachts beim Musikhören verbracht. Wir liebten Mojos Radiosendung und waren total beeindruckt, dass er Tracks von Prince und George Clinton von Funkadelic spielte, bevor die Platten veröffentlicht wurden. Er kannte sie persönlich. Natürlich sagte er nie, von welchem Künstler das Lied war, sondern meinte nur: “Ruft an und erratet, von wem das Lied ist.“ Wir wussten sofort, von wem es war.

De:Bug: Wolltet ihr ihn damals schon kennen lernen?
Derrick May: Ja klar. Als Juan seine erste Platte “Alleys Of Your Mind“ fertig hatte, gingen wir einfach zum Sender und klopften an die Tür. Sie ließen uns rein und dann warteten wir Stunden, um Mojo kennen zu lernen. Es klappte aber nicht. Wir bekamen ihn nicht zu Gesicht. Aufgegeben haben wir aber nicht. Ich hatte beschlossen, dass ich diesen Typen kennen lernen wollte. Ich fand also heraus, dass er um 5.30 Uhr nach seiner Sendung immer im gleichen Lokal frühstückte. Da ich aber kein Auto hatte und mir meine Mutter verbot, ihres zu benutzen, musste ich mir etwas einfallen lassen. Zu Fuß war es zu weit.

De:Bug: Also hast du das Auto deiner Mutter geklaut.
Derrick May: Richtig, und zwar jeden Morgen. Ich stand um 5.30 Uhr vor diesem Schuppen und wartete darauf, Mojo anzutreffen und ihm die Platte in die Hand zu drücken. Danach hetzte ich nach Hause, um das Auto so hinzustellen, so dass meine Mutter nicht merkte, dass ich es benutzt habe.

De:Bug: Hat sich der Stress gelohnt?
Derrick May: Ja. Eines Morgens sah ich ihn und drückte ihm eine Kopie einer meiner ersten Platten in die Hand. Die Restaurantbesitzer sagten: “Der Junge kommt schon seit Monaten her und fragt die ganze Zeit nach ihnen.“

De:Bug: Wie war dieses erste Zusammentreffen?
Derrick May: Ich war total aufgeregt. Er sagte nur: “Danke“. Nach vier Tagen rief er mich an und bestellte mich ins Radiostudio. Ich brachte Juan mit. Er ließ uns in der Lobby sitzen und spielte die Platte in seiner Sendung. Das hat unser Leben verändert. Und das meine ich wirklich. Ohne dass uns Mojo eine Chance gegeben und ein offenes Ohr für junge Musiker gehabt hätte, wären wir nie so weit gekommen.

De:Bug: Wäre eine solche Geschichte heute denkbar?
Derrick May: Nein. Da bin ich mir ganz sicher. Solche Chancen gibt’s heute nicht mehr für Künstler. Das heutige Musikgeschäft fördert nicht mehr die Kreativität, im Gegenteil: Es verhindert sie sogar noch. Und mit dem ganzen Hype um Stars und Sternchen gibt es gar keine Möglichkeit mehr, einen Künstler direkt anzusprechen.

De:Bug: Ist das bei dir auch so?
Derrick May: Ich hoffe nicht! Ich versuche dem entgegenzuhalten. Deshalb grüße ich auch immer die Kids und Jugendlichen, die auf die Partys kommen, um meine Musik zu hören. Ich versuche Menschen zu begegnen, mit ihnen zu reden und ihnen Mut zu machen. Wenn man als Musiker in einer Position ist, wie ich das bin, und das nicht macht, sollte man sich schämen.

De:Bug: Was hat sich sonst noch verändert im Musikgeschäft, seit du angefangen hast?
Derrick May: Früher waren Maschinen Maschinen. Wenn man sie brauchte, war das okay, aber man versuchte es zu reduzieren, selbst in der elektronisch produzierten Musik. Voraussetzung für den optimalen Einsatz der Geräte war aber, dass man sie in- und auswendig kannte. Heute ist das nicht mehr so.

De:Bug: Bist du forschrittsfeindlich?
Derrick May: Im Gegenteil! Nichts gegen den Fortschritt der Technik. Ich bin 100% für den Fortschritt, für die Zukunft, aber die sieht leider nicht so aus, als würde sie auf Kreativität setzen. Deshalb ist diese Zeit früher etwas sehr Spezielles für mich. Weil man wusste, wie ein Synthesizer funktionierte, und mit diesem Wissen ein Lied machen konnte.

De:Bug: Das ist heute nicht mehr so?
Derrick May: Viele junge Produzenten verlassen sich auf die Maschinen. Das ist falsch. Man sollte nie aufhören ein Musikinstrument zu spielen. Das ist wichtig, sonst wird man zu einem roboterhaften Techniker, der weder musikalischen Hintergrund noch Qualität hat. Und dessen Musik sich nicht aus der Masse hervorheben wird.

De:Bug: Du machst das so?
Derrick May: Klar. Um ehrlich zu sein: Ich bin einfach zu stolz, um mich 100% auf Technik zu verlassen. Ich will doch nicht, dass mir ein Computer sagt, was ich kann und was nicht! Ich kämpfe nicht gegen Maschinen.

De:Bug: Sondern?
Derrick May: Ich kämpfe gegen zu viel Musik.

De:Bug: Zu viel Musik?
Derrick May: Viele Menschen denken, dass eine Zeit angebrochen ist, in der jeder einfach und schnell Musik machen und ins Internet stellen oder eine CD rausbringen kann. Das ist so, aber es ist nicht nur positiv. Es ist auch sehr gefährlich.

De:Bug: Inwiefern?
Derrick May: Je mehr Musik zugänglich ist, desto weniger scheinen die Menschen hinzuhören. Die meisten suchen nur nach Quantität und nicht nach Qualität. Das macht das Ganze so gefährlich. Qualität sollte immer an erster Stelle stehen, das Problem ist aber, dass man qualitativ hochwertige Musik in der ganzen Masse kaum findet. Man spricht mit seinen Freunden nicht mehr über Musik und gibt einander Tipps. Heute sagen dir MTV und VIVA, was du toll finden sollst. Die haben die Kontrolle.

De:Bug: Vielleicht sagen MTV und VIVA ja die Wahrheit?
Derrick May: Es geht nicht darum, ob sie die Wahrheit sagen oder nicht. Es geht darum, dass hier mit schwarz und weiß, mit scheiße oder top gearbeitet wird. Wir haben heute nicht mehr den Mut, unser Gehirn einzuschalten und selber zu entscheiden, was gut für uns ist und was nicht.

De:Bug: Was ist gute Musik für dich?
Derrick May: Gute Musik ist nicht Unterhaltung, dass heißt aber nicht, dass sie nicht unterhaltsam sein kann. Gute Musik ist in erster Linie Philosophie. Als Künstler muss man etwas zu sagen haben, um gute Musik machen zu können. Man muss eine Botschaft vermitteln wollen, sonst funktioniert es nicht.

De:Bug: Britney Spears, Christina Aguilera und Robbie Williams haben nichts zu sagen und es funktioniert trotzdem.
Derrick May: Klar, weil Musik auf verschiedenen Ebenen funktionieren kann. Im internationalen Popgeschäft ist eine der wichtigsten halt die kommerzielle Ebene. Kein Thema. Aber diese Leute sind einfach keine guten Musiker, sie regen die Menschen nicht zum Nachdenken an.

De:Bug: Folglich ist ihre Musik schlecht.
Derrick May: Ja. Ich mag es nicht, wenn jemand keine Botschaft rüberbringt, sondern einfach aus Langeweile, Einfallslosigkeit oder einer Geldnot heraus Musik macht. Es gibt da einen Track von einem Typen aus Amsterdam. Der Refrain geht irgendwie so: “Detroit is a nice city, welcome to Detroit …” oder so ähnlich. Detroit ist eine der schlimmsten Städte in Amerika. Der Typ war noch nie da und singt so was. Und glaub’ mir: Das war nicht ironisch.

De:Bug: Schiller hat auch “Willhelm Tell“ geschrieben, ohne jemals in der Schweiz gewesen zu sein.
Klar, aber ich bin mir sicher, dass er sich nicht einfach so hingesetzt und mal aus Langeweile etwas geschrieben hat. Der hat sich schon etwas dabei überlegt, auch wenn das Resultat dann vielleicht nicht unbedingt der Realität entsprochen hat.

De:Bug: Wenn man es sich in der Kultur nicht leisten kann, von Dingen zu sprechen, von denen man nichts versteht, wo dann?
Derrick May: Ich habe ja nicht gesagt, dass man nicht von Dingen sprechen darf, von denen man nichts versteht, aber man sollte die nötige Seriosität an den Tag legen und sich ernsthaft mit einem Thema auseinander setzten. Egal, wie das Resultat dann aussieht. Aber diese Gedankenlosigkeit in der Welt, dafür habe ich keinen Nerv. Das Schlimme daran ist, dass viele Künstler glauben, sie hätten eine Botschaft. Das grenzt aber an Selbstüberschätzung.

De:Bug: Harte Worte.
Derrick May: Im Musikgeschäft geht es nur darum, zu jedem Zeitpunkt auf Tonnen von Kritik gefasst zu sein. Von dem Moment an, wo du in die Öffentlichkeit trittst, gibt es kein Zurück mehr. Ich gehöre euch. Ihr gehört alles andere als mir. Ich bin Subjekt der öffentlichen Meinung. So funktioniert das Musikgeschäft. Und von dem Punkt an, wo du den Schritt machst und deine Musik in die Welt rausgeht, ist deine Musik draußen und du musst akzeptieren, was auch immer kommt.

De:Bug: Welchen Einfluss hat elektronische Musik auf die Musik von heute?
Derrick May: Direkten Einfluss hat sie keinen. Indirekt haben dieser Musikstil und seine Geschichte aber einen enormen Einfluss auf aktuelle Musik. Geschichte ist eine Chance, ein Türchen, das sich öffnet. Das haben viele noch nicht begriffen.

De:Bug: Du gehörst zu den Künstlern der ersten Stunde, was elektronische Musik angeht. Für dich ist die Wichtigkeit dieser Musik evident. Aber ist es wirklich so?
Derrick May: Hör’ doch mal eine Stunde Radio und zähl’ die Lieder, die nicht elektronisch produziert sind.

De:Bug: Was ist mit Klassikradio?
Derrick May: Selbst da wärst du erstaunt, wie viel im Nachhinein noch elektronisch bearbeitet wird. Aber im Ernst: Techno ist nicht einfach nur eine Bewegung oder ein Musikstil. Das Bahnbrechende daran war, dass wir allen gezeigt haben, dass man Musik – etwas so Persönliches und Emotionales – mit Maschinen erzeugen konnte. Das hat die Welt und vor allem die Musikbranche verändert.

De:Bug: Wann hörst du auf?
Derrick May: Wenn ich morgens aufwache und keinen Hunger mehr habe. Hunger auf Neues, Kreatives, Innovatives. Ich werde in den Spiegel schauen, und ich werde es wissen.
http://www.myspace.com/derrickmay

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Elektronische Lebensaspekte.

One Response

  1. Stefan

    Immer nen bischen aggro drauf der Herr May. Was hatter denn?