Text: riley reinhold aus De:Bug 14

A world citizen and a man who puts himself to the test Derrick May Riley Reinhold rrr@de-bug.de Er ist ein Dandy, Playboy, Connaisseur, eine Diva, der Erfinder des Detroit-Techno, der Originator. Derrick May sitzt vor mir, frisch geduscht, in farblich abgestimmte Brauntöne gekleidet und ist extrem entspannt. Zugegeben, es geht nicht um viel. Die Promotiontour anläßlich seiner Compilation auf R&S beinhaltet eigene, zu Klassikern der Technogeschichte gewordene, alte Stücke inklusive zweier Bonustracks und wird sich gut verkaufen. Aber dennoch: Sein Erscheinungsbild, das einem Neugeborenen gleicht, ist faszinierend. Denn immerhin tingelt er wie kein anderer durch die Welt und schlägt sich die Nächte in Clubs von Ibiza bis San Francisco um die Ohren, ohne Zigaretten und Alkohol allerdings, zugegeben. Bekannt wurde Derrick May weltweit durch sein Stück “Strings Of Life”, das er 1990 unter dem Projekt-Namen Rhythim Is Rhythim auf seinem eigenem Label Transmat veröffentlichte. Er prägte eine Form von elektronischer, hybrider Tanzmusik, die eine starke Verbindung mit klassischen Streicherklängen einging und über das bekannte Maß hinaus mit Dissonanzen arbeitete. Die jetzt erschienene Compilation Innovator reflektiert diese “romantische-euphorische Qualität mit Abgründen” und wirkt heute wie die klangliche Zukunftsvision eines Menschen, der versuchte dem postindustriellen Detroit zu entfliehen. Derrick Mays DJ-Sets mit drei Plattenspielern gelten bis heute als ein einzigartiges Manifest Detroiter Identität. Im Unterschied zu anderen DJs seiner Heimatstadt verschrieb er sich nie einem Trend, sondern zehrte von den musikalischen Anfängen des Detroit Techno und House und seinem Wissen um diese Musik. So wurde er zum lebenden Mythos, dem die Kritiker eine unhippe Einstellung vorwarfen. Meine Erinnerung holt Momente zurück, als er vor fünf Jahren im Ministry Of Sound in London spielte. Dort geschah es, daß er an einem Punkt seines Sets komplett die Mitten und Bässe ausschaltete und nur noch die Höhen aus den an Kronleuchtern hängenden Hochtönern auf uns herabfielen. Es war phantastisch. Er wußte um die Möglichkeiten des Clubs und nutzte sie radikal aus. “Wenn ich in England spiele, dann stößt meine Art des Auflegens bei den Promotern nicht immer auf Wohlwollen. Sie verstehen es meist nicht. Ist mir aber egal. I don’t give a fuck. Ich lebe in meiner eigenen Welt und habe mir geschworen, die Leute dazu zu zwingen mir zuzuhören, meine Musik zu mögen, zu tanzen. Menschen glauben, was im Radio und im Fernsehen gesagt wird. Sie lassen sich konstant manipulieren. Medien bringen die Leute aber nie dazu, sich über sich selbst Gedanken zu machen. Das machen Menschen ohnehin nie. Erst wenn ihr Leben in Gefahr ist oder Geld ins Spiel kommt. Sie stellen sich nie die Frage, warum sie auf dieser Welt leben. Warum bist du hier? Ich habe mir immer Gedanken gemacht über diese Dinge.” Derrick May ist ein Phänomen in der Technoszene. Ungeheuer redegewandt, und so ist klar, warum er ein Mentor für viele andere DJs in Detroit gewesen sein muß. Seine Überzeugung, sein Selbstbewußtsein und nicht zuletzt seine kompromißlose Art im Umgang mit Musik haben ihm einen Platz auf Ewigkeit im DJ-Business gesichert. “Es gibt Menschen, die sagen, ich sei ein arrogantes Arschloch, weil ich mache, was ich will. Die hassen mich. Auf der anderen Seite hätte ich damals Kapital aus dieser neuen Musikrichtung Techno schlagen können. Parties mit 15.000 Leuten in Detroit wären machbar gewesen. Ich habe es aber nicht gemacht.” Ich warte auf mein Interview, während Derrick May mit einem Journalisten redet, und es kein Ende zu nehmen scheint. Hinter vorgehaltener Hand schiebt man mir ein Stück Papier zu. “Keine Fragen zu Detroit, Carl Craig, Juan Atkins und der ausstehenden LP.” Auf die warten wir seit ungefähr einem Jahr, auf R&S soll sie erscheinen. Angeblich hat er sich für mehrere LPs und 12″s beim belgischen Technogiganten verpflichtet. Seitdem hält die englische Presse nicht still, projezieren viele ihren Haß auf diesen Mann. Inzwischen 35jährig, nach fast zehn Jahren on the road, kümmert sich Derrick May nun verstärkt wieder um sein Label Transmat. Aus der Not heraus, sagen einige. Er bestreitet das und fügt hinzu, daß es einfach an der Zeit war, sein Leben zu verändern. Zurückgezogen ist er wieder nach Detroit. Es ist schön anzusehen, wie er in seinen Gedanken auflebt und sich dabei immer wieder selbst beschwichtigt, wenn er über die Zukunft von Transmat redet. ”In den letzten Monaten hat sich einiges bei Transmat verändert. Ich habe meine alten Künstler rausgeworfen und bin wieder mit der ursprünglichen Einstellung an die Sache herangegangen. Die hatte ich für eine Zeit einfach vergessen, weil ich dauernd unterwegs war. Ich habe gemerkt, daß ich viel mehr Zeit zu Hause verbringen muß. Es gibt fünf neue Projekte auf Transmat. Einen richtigen Jazzmusiker zum Beispiel – Kenny Drake. Er verkörpert musikalisch eine Mischung aus Vangelis und Stuart Coupland und macht sehr ethnische, schwarze Musik. Er spielt Klavier wie andere Leute Wasser trinken. Unglaublich! Ein weiterer Akt heißt Indio, besteht aus drei Leuten aus Chicago und Michigan. Sie machen sehr tanzbare Jazz-Hi-Tech-Musik. Nicht alles, was auf dem Label in der Zukunft erscheinen wird, ist Dance. Die Musik wird sich eher im Avantgardebereich abspielen. Gleichzeitig soll sie Spaß machen. Weitere Künstler auf Transmat werden Kevin Saunderson und Kenny Larkin sein, die jeweils Ende August LPs herausbringen. Ich weiß nicht genau, was Kevin macht, aber Kenny arbeitet an etwas Besonderem. Im nächsten Jahr erscheint dann ein Album von Aril Brikha aus Skandinavien. Von ihm gibt es derzeit schon eine 12″ auf Fragile, das ja auch zu Transmat gehört. Ich glaube, daß alles, was ich bisher gemacht habe, aus meinem starken Willen entstanden ist. So soll es auch weiterhin sein. Um dir die Wahrheit zu sagen: Ich habe so lange keine eigenen Stücke mehr gemacht, weil ich einfach keine Sehnsucht danach hatte. Ich habe das Leben genossen und bereue es nicht. Wenn ich jetzt wieder Stücke mache, dann schaue ich in den Spiegel und sehe, daß ich keine 18 mehr bin. Ich bin eine andere Person. Meine Musik soll das reflektieren. Ich muß betonen, daß ich kein Vertrauen in die Leute habe, die heutzutage in Clubs gehen. Ich vertraue auch der heutigen Jugend nicht. Sie haben keine Geschichte, musikalisch. Genau die aber zählt für mich. Es gab einmal diesen Architekten, der nach Detroit kam, um die Stadt neu zu gestalten. Er wollte das Stadtzentrum nicht abreißen, sondern es in seinem damaligen Zustand als eine Art Museum erhalten, ein Museum der Ruinen. Das war ganz in meinem Sinne.” Für Derrick May ist das Musikmachen bei vielen jungen Produzenten heutzutage zum bloßen Sport verkommen. Es fehle an der eigenen Überprüfung, sagt er. “Die Schallplatte ist zu einer Institution geworden. Selbst schlechte Platten verkaufen sich gut. Deutschland ist ein gutes Beispiel. Ehemals führend in elektronischer Musik, ist es jetzt das Zentrum für Hardcore-Techno. Das macht sich auch bei den DJs hier bemerkbar. Leute, die früher House aufgelegt haben, legen jetzt harten “banging” Techno auf. Ich glaube, daß sie seitens des Publikum einen Druck verspürt und nachgegeben haben. Viele waren nicht stark genug, besaßen nicht genug Selbstvertrauen. Sie haben selbst nie in den Spiegel geschaut. Inzwischen sind es andere, die ihnen sagen, wer sie sind. Ich habe immer an mich geglaubt, und ich sage Dir, ich bekämpfe sie. I fuck them!” Neue Veröffentlichungen auf Transmat Derrick May – Innovator (Transmat) Aril Brikha – Art Of Vengence EP (Transmat/Fragile) ZITAT: Die Schallplatte ist zu einer Institution geworden. Selbst schlechte Platten verkaufen sich gut, Deutschland ist da ein gutes Beispiel.

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Elektronische Lebensaspekte.