Deadbeat aka Scott Monteith aus Montreal braucht sich um Sounddesign keine Sorgen mehr zu machen. Mit einer Klangbibliothek bis unters Hochbett kann er sich auf seinem neuen Album für Scape voll auf den Song im Dub konzentrieren. Auch bei nicht-jamaikanischen Temperaturen klingt "Wild Life Documentaries" so, als ob alle Tapeschleifen vom Black Arch auf einmal lostuckern. Ein Meisterwerk.
Text: Pat Kalt aus De:Bug 67

Von Zurückhaltung kann mit Sicherheit nicht die Rede sein, wenn es um den Gebrauch des kurzen Wörtchens Dub in den vergangenen Jahren geht, denn nur all zu gerne und unbedacht bediente man sich der drei simplen Buchstaben, um einen elektronischen Musikstil zu beschreiben, der mit weniger als 130bpm tickerte und weiche, große, runde Sinuswellen-Basslinien vor sich herschob. Für den Kanadier Scott Monteith aka Deadbeat liegt in diesem Wörtchen allerdings mehr Tiefgang verborgen als eine nur rein technische Verfahrensweise bei der Produktion. Begriffe wie Nostalgie oder Geschichte stehen für ihn als Möglichkeit, den Dub-Begriff wieder an eine spirituelle und emotionale Perspektive zu knüpfen, die bei einer rein technizistischen Vorgehensweise unterzugehen droht.
War sein viel beachtetes Debüt-Album “Primordia” auf dem Montreal-Label “Intr_Version” noch eine – wie er es nannte – “Erforschung von Dub auf zellulärer Ebene”, ein “intensiver Lernprozess”, bei dem er jeden einzelnen Klang über das Arrangement stellte, so ist beim neuen Album “Wild Life Documentaries” ein deutlicher Wille zu einem narrativeren Kompositionsverfahren spürbar, das die einzelnen Klänge und Stücke auf einer höheren Ebene verbindet. So wirken die technizistischen Elemente der Echos, des Filterns, und der Kompressionen wie diskrete Wellenberge auf einem sanft dahingleitenden Fluss atmosphärischer Verdichtungen, Konzentrationen und Abfolgen elektronischer Klanglandschaften. Viele der zusammenhängenden Tracks auf dem Album, so Montheit, seien aus einem Live-Set mit Tikiman in Montreal heraus entstanden: “Als ich dann Zeit hatte, diese Stücke auszuprobieren und in ein Album zu verpacken, funktionierte diese Art von endlosem Mix am besten. Ich war eigentlich schon immer an der Idee eines narrativen und melodischen Navigierens interessiert, und so dachte ich mir bei diesem Album, dass es ganz spannend sein könnte, zu sehen, was passiert, wenn ich die Dinge einfach etwas deutlicher an die Oberfläche treiben lasse.”

Kein Platz mehr im Klangregal

Diesen Wandel macht Monteith auch bei seiner Produktionsweise fest: “Früher habe ich die meiste Zeit dazu genutzt, um Klänge zu erzeugen. Mittlerweile habe ich einen Punkt erreicht, an dem ich eine Palette an Klang-Werkzeugen besitze, mit denen ich ganz glücklich bin und die mir erlauben, auf eine ganz natürliche, fließende Art und Weise zu arbeiten. Ehrlich gesagt, ist es mir mittlerweile ziemlich egal, welche neue Musik-Software auf den Markt kommt, weil ich nun alles habe, was ich brauche!” So räumt Monteith dem Kompositionsakt in seiner augenblicklichen Produktionsweise auch einen Anteil von rund 50 Prozent ein. Obwohl bei der Klangerzeugung nicht mehr Song-orientiert programmiert wird, erscheinen viele der neuen Stücke paradoxer Weise Song-typischer denn je: “Ich mache mir jetzt keine Gedanken mehr darüber, wie der nächste Klang klingen soll, sondern konzentriere mich mehr auf Thematiken und Bewegungen während der Kombinationsprozesse. Vielleicht liegt gerade darin auch ein Element aus dem Urgeist des Dubs – so als würde man die komplette Sammlung alter Tonbänder zum Laufen bringen und sich durch deren Geist dahintragen lassen – all das auf der mikroskopisch-unberührbaren Ebene des Computergedächtnisses.” In diesem Sinne ist es auch nachvollziehbar, warum der Kanadier von einem Moment träumt, in dem die technischen Aspekte und Arbeitsmethoden vollständig transparent werden, in den Hintergrund treten, und der musikalische Raum mit der puren Energie einer Idee oder einer Emotion gefüllt wird.
Konsequente Worte für jemanden, der tagsüber seine Brötchen bei “Applied Acoustics” verdient – einer Musiksoftwareschmiede, die mit ihrem Flaggschiff-Produkt “Tassman” eine mit “Max” oder “Reaktor” vergleichbare modulare Klangsynthese-Umgebung auf den Markt gebracht hat. Um so konsequenter, wenn man daneben das persönliche Umfeld näher betrachtet, aus dem Monteith erwachsen ist: Nach dem Umzug von Toronto nach Montreal im Jahr 1995 gehört Monteith bald zu jenen Musikern neben Marc Leclair aka Akufen, Jeff Milligan aka DJ Algorithm (“die besten DJ-Sets, die ich kenne!”) oder Tim Hecker, die – nicht zuletzt dank des Mutek-Festival – einer breiten internationalen Öffentlichkeit bekannt werden. Trotz (oder vielleicht gerade aufgrund) des großen Hypes, der in der jüngsten Zeit um die Montrealer Musikszene gemacht wurde, hält er es für zu verfrüht, um von einem “spezifischen Montreal- oder Kanada-Sound” sprechen zu können. “Die meisten von uns haben noch ganz normale 9-bis-5-Jobs und bleiben bis spät in die Nacht auf, um ihre Musik zu machen. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns, aber es ist ungemein inspirierend, einen Teil dieses kreativen Prozesses auszumachen und die Dinge voranzutreiben!”

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Elektronische Lebensaspekte.