Im Netz finden seit einiger Zeit in der virtuellen Stadt "Loslogos" verdrängte Logos vor der alles schluckenden Incorporate-Macht Zuflucht. Die (typo)grafische Hommage an alte Logos wird vom Schweizer Grafikdesign-Kollektiv Büro Destruct realisiert.
Text: Nick Luethi aus De:Bug 68

Büro Destruct bieten Asyl für alte Logos
Eine Stadt für aussterbende Logos

Ausgangspunkt für Los Logos war die Heimatstadt von Büro Destruct. Seit Mitte Dezember gibt es in der historischen Altstadt von Bern vier Filialen des amerikanischen Hamburgerzubereiters McDonalds – alle paar hundert Meter eine auf der Haupteinkaufsmeile – die Kaffeehaus-Kette Starbucks hat vor noch nicht allzu langer Zeit ihren zweiten Laden eröffnet. Und weitere werden wohl folgen. Auf den Konsum kann man verzichten, dem visuellen Auftritt von McDonalds & Co. auszuweichen, ist ungleich schwieriger. Durch die steigende Präsenz identischer Firmeninsignien und der grafischen Gleichförmigkeit dieser Logos erfährt die optische Identität des urbanen Raums eine Uniformität, deren Vorbedingung das Verschwinden von alten Markenzeichen und -schildern ist. Nicht so in der virtuellen Stadt “Loslogos”, dort haben Corporate-Insignien nichts verloren. Ein Blick in die Gründungsgeschichte der Logo-Stadt.

Besorgnis in Belgrad…
Ungleich stärker als hierzulande, verändert sich das Erscheinungsbild von Städten in Transitionsländern. Nehmen wir zum Beispiel Belgrad. Fast täglich eröffnet in der jugoslawischen Hauptstadt ein West-Unternehmen seinen Ableger. Und das geht so: Um den Claim abzustecken, wird ein knallig-buntes Firmenlogo an die Wand genagelt, meist dort, wo früher dezent und verblichen auf eine staatliche oder genossenschaftliche Verkaufsstätte aufmerksam gemacht wurde. Diese Entwicklung beobachtet Walter Müller, Südosteuropa-Korrespondent des Schweizer Radios in Belgrad mit Besorgnis. Da der physische Erhalt alter Jugo-Logos höchstens etwas für Sozialismusnostalgiker ist, die Logos als kulturelles Erbe aber durchaus erhaltenswert sind, entschied sich Müller für eine zeitgemäßere Form der Logo-Konservierung: Networking, Digicam, und schickes Grafik-Design.

…Santiago und Bern
Ähnliche Beobachtungen wie Müller macht auch Uwe Schmidt a.k.a. Atom Heart – bekannt wegen seiner Soundkreationen, die sich irgendwo zwischen Kraftwerk und Salsa bewegen – in Santiago de Chile. Kristallisiert haben sich die Sorgen um die Vergänglichkeit des visuellen urbanen Erbes aber schließlich in der schweizerischen Hauptstadt Bern. Genauer: Bei Heiwid und Lopetz vom Grafikdesign-Kollektiv Büro Destruct, die von ihren Freunden aus Belgrad und Santiago auf das traurige Schicksal alter Logos aufmerksam gemacht wurden.
Nach einem Brainstorming in einem schmierigen Motel im Berner Oberland waren sich 3D-Spezialist Heiwid und Grafik-Multitalent Lopetz einig – eine “Gesellschaft zur Erhaltung des urbanen visuellen Erbes” wurde gegründet, die künftig als Stadtherrin in “Loslogos” schalten und walten soll. Die 3D-Engine stand schon bereit, für die Datenbankprogrammierung konnte Büronachbar Kaspar Lüthi von Humantools gewonnen werden und auch der Schriftzug war bereits entworfen. Letzterer ziert den Titel eines aktuellen Logo-Kompendiums aus dem Gestalten-Verlag; das Buch hat aber inhaltlich mit der gleichnamigen virtuellen Stadt nichts zu tun.

Name ist Programm
Wer sich im Netz nach “Loslogos” begibt, segelt durch Schriftzüge, Icons und Firmenwerbung. Alles in allem ein kunterbuntes typografisches Chaos, ein anarchischer Mix, der sich wohltuend von der zeitgenössischen Corporate-Logo-Einöde abhebt. Mit einem Klick auf sein Lieblingslogo erfährt man, woher das Bild stammt, vorausgesetzt der Einsender hat dies vermerkt. Denn “Loslogos” ist kein pfannenfertiges Produkt, sondern lebt von der Kollaboration der User, die aufgefordert sind, selbst Logos zu knipsen und einzusenden.
Den beiden “Loslogos”-Autoren Lopetz und Heiwid geht es um mehr, als nur um ästhetische Kategorien, wenn sie – wie etwa an der Fresh Conference in Singapur – fragen: “Verlieren wir bald endgültig unseren Status als Augenzeugen der sinnlich wahrnehmbaren Realität, zugunsten von technischen Datenüberwachungsprothesen und gefräßigem Corporate-Identity-Denken in der Gefolgschaft von internationalen Großkonzernen aller Art, die uns zu hilfsbedürftigen Sehbehinderten und Unterhaltungsindustrie-Idioten machen?”
Dass sich das Büro Destruct mit urbanen Lebensaspekten beschäftigt, ist nicht neu und zieht sich wie ein roter Faden durch das Schaffen des bald zehnjährigen Kollektivs. Eine bewusste Themenwahl sei dies allerdings nicht, relativiert Lopetz: “Klar sind für uns die Aufenthalte in den Städten dieser Welt eine wichtige Inspirationsquelle, einen genau so großen Einfluss auf unser Schaffen hat zum Beispiel auch die Musik, die wir den ganzen Tag hören.”

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Elektronische Lebensaspekte.