Die Poesie des Vergänglichen, die Konzentration auf das patinierte Detail, das zeichnet das japanische Stilprinzip "Wabi Sabi" aus. Die Lehre aus dem 16. Jahrhundert inspirierte in den letzten Jahren vor allem europäische Modedesigner zu einem grundlegend veränderten Kleidungsverständnis. Die Zeit vergeht, der Fetzen belegt's.
Text: Frederike Winkler aus De:Bug 68

Wabi Sabi

Am Minirock führt im nächsten Jahr zwar kein Laufsteg vorbei, viel nachhaltiger als solche klaren und deshalb auch kurzlebigen Formen wirken in der Mode allerdings fundamentale Gestaltungsprinzipien – wie etwa Wabi Sabi. Nachdem japanische Modemacher wie Rei Kawakubo und Yohji Yamamoto Ende der Achtziger Jahre diesem japanischen Prinzip als Stil zum internationalen Durchbruch verhalfen, hat er immer wieder junge Designer fasziniert – zuletzt etwa die zweite und dritte Generation der immer wieder überraschenden Antwerpener Schule für die derzeit etwa so frische Eigennamen wie Anne Demeulenmeester, Veronique Branquino oder Raf Simmons stehen.

Unvollkommenheit

Im eigenen Land fast in Vergessenheit geraten, breitet sich der Begriff eines uralten japanischen Gestaltungsprinzips, ob als Name für eine Platte oder in Verbindung mit gestaltender Kunst, immer weiter in unseren Breitengraden aus. Die Rede ist von Wabi Sabi. Was sich erst nach einem scharfen Gewürz zum Sushi anhört, entpuppt sich als eine ästhetische Stilrichtung, die seit dem 16. Jahrhundert einen wichtigen Begriff in der japanischen Teezeremonie darstellt. Mit der Natur als Vorbild und dem Zen-Buddhismus als geistigem Unterbau müssen Dinge nach diesem Stil die Unvollkommenheit und die Vergänglichkeit des natürlichen Zyklus zum Ausdruck bringen, um als wertvoll oder schön zu gelten. Rost auf Metall, ein verwesendes Blatt, von der Sonne gebleichter Stoff oder rissiger Lehm oder Ton gelten als Momentaufnahmen der Zeit und sind somit Ausdruck dieser Symbiose von Gestaltungsprinzipien und philosophischen Theorien. Während das Fehlen oder Vergehen von etwas in der westlichen Kultur negativ konnotiert wird, besteht bei Wabi Sabi genau in der entstehenden Lücke die Beziehung zwischen Objekt und Betrachter, der das Betrachtete erst vervollständigt.

Blume statt Strauß

Sowohl das Teilhaben am Betrachteten als auch die Ästhetisierung der Vergänglichkeit macht Wabi Sabi zu einem Stil, der durchaus Unwohlsein oder Negativgefühle freisetzen kann, wie eben im Falle der japanischen Modemacher Rei Kawakubo und Yohji Yamamoto Ende der Achtziger Jahre. Als die Designer ihre ersten Kollektionen im Wabi Sabischen Stil auf den westlichen Laufstegen präsentierten, wurden sie die Zielscheibe der Empörung. Deformationen, dunkle Farben und abgerissene Materialverarbeitungen waren für das vom kalten Krieg geschwächte Auge wohl anfänglich ein zu harter Brocken und motivierten die Kritiker zu missbilligenden Ausrufen, wie “apokalyptische Endzeitmode” und “postatomaren Fetzen- und Löcherlook”.
Das Gestaltungsprinzip, das ursprünglich eine friedlich, fatalistische Weltanschauung darstellt, ist im Westen in Anmutung und Wirkung wohl eher vergleichbar mit Stilrichtungen wie dem Beat, Punk oder Grunge. Zwar formuliert die ästhetische Richtung keine konkreten politischen Standpunkte, sondern ist eher philosophischer Natur, trotzdem beinhaltete der Stil schon zu Beginn des 16. Jahrhunderts mit seiner klaren Abkehr von der allgemeinen chinesischen Opulenz einen Hauch von gesellschaftlicher Kritik. Und tatsächlich praktiziert Wabi Sabi Einzelhaftigkeit und gibt der Blume und nicht dem Strauß den Vorzug. Auch die Schöpfungen der japanischen Modemacher betonen gezielt ihre einzelnen Komponenten – die Haptik und der Fall des Stoffes, Licht- und Schattenspiel, den Schnitt und den Körper, der sie trägt. Auf Farben und aufwendige Details werden zugunsten der Wirkung dieser Komponenten verzichtet. Demnach sprechen wir also von einem sehr reduzierten Stil, genauer von einer Reduktion, welche die Poesie der Sache hervorhebt.

Mittlerweile hat das japanische Prinzip auch europäische Anhänger gefunden, die sich die subtile Herangehensweise zunutze machen und Kollektionen entwerfen, die weit über die bloße Addition von Kleidungsstücken hinausgehen. Gerade im modischen und womöglich auch politischen Revival der Achtziger Jahre sind es die Ansätze der Antwerpener Schule und einiger Japaner, die eine tiefe und emotionale Auseinandersetzung mit ihrer Mode herbeiführen. Bei Anhängern aus unseren Reihen bringt man die Auseinandersetzung mit der Stimmung manchmal auch ganz plakativ mit einem Shirtprint eines roten Punkts auf Herzhöhe zum Ausdruck. Und der Aufschrift “J’ai peur”.

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Elektronische Lebensaspekte.