Auf dem Kuhberg liegen sie, die Wurzeln der Designausbildung. Dort stand in den 50er und 60er Jahren die Hochschule für Gestaltung Ulm und zog Studenten aus aller Welt an. Über die Mutter aller Designschulen.
Text: Hannah Bauhoff aus De:Bug 91

Hochschule für Gestaltung Ulm
Die Mutter aller Schulen

Ulm ist überall. Nicht nur in der Luft, am Flughafen und in Reisebüros. Überall hängt der Kranich, das Logo von Lufthansa. Entworfen vor 43 Jahren von Studenten der Hochschule für Gestaltung Ulm. Sogar im Garten gibt es Ulm. Wasseranschlüsse für Gartenschläuche von Gardena, designed in Ulm. Ein Blick zurück:
Deutschland, 1947. Wenige Jahre nach der Ermordung ihrer Geschwister Sophie und Hans Scholl durch die Nationalsozialisten versammelt Inge Scholl ihren Freundeskreis, den Grafiker Otl Aicher – ihren späteren Mann – und den Schriftsteller Hans Werner Richter. Sie träumen von einem neuen Menschen. Kennzeichen: asketischer Lebensstil, puristische Gegenstände, stets auf der Suche nach Wahrheit und antifaschistischer Ethik.
Richter geht, der Bauhaus-Schüler Max Bill aus der Schweiz kommt. Es bleibt der Traum von einer experimentellen Ausbildungsstätte für Gestaltung, die Grenzen überwindet und einen offenen, überstaatlichen Diskurs fördert. Eine große Herausforderung in einem Land, in dem Internationalismus lange gewaltsam unterbunden wurde.

Weg mit dem Nierentisch
Sie gründen eine Stiftung, veranstalten Kurse in der Ulmer Volkshochschule, sammeln Millionen und überzeugen Besatzungsmächte und Wirtschaft. Die hausbackenen, deutschen Produkte müssen international wettbewerbsfähig werden. Weg mit Nippes und Nierentisch. Her mit der “Guten Form”, also zeitlosen, materialgerecht geformten Produkten zu sozial verträglichen Preisen.
1953 beginnt der Lehrbetrieb der Hochschule für Gestaltung Ulm (HfG) in den provisorischen Räumen der Volkshochschule Ulm. Dann 1955 der Umzug auf den Oberen Kuhberg, in den Neubau von Max Bill, dem ersten Rektor.
Doch dessen künstlerische Ausrichtung à la Bauhaus will die Mehrheit der Ulmer Dozenten nicht mittragen. Sie setzen den Schwerpunkt auf eine technisch-wissenschaftliche Ausbildung der Gestalter. 1957 unterscheiden sich die Meinungen über die Lehrinhalte zu sehr, Bill scheidet aus. Freie Bahn: Es kommt zu einer Neukonzeption der Grundlehre, dem so genannten Ulmer Modell, das bis heute weltweit die Designausbildung beeinflusst. Neben einem disziplintypischen Angebot wie Zeichnen und Farblehre gibt es Unterricht in Philosophie, Ökonomie, Psychologie und Politik. Durch Verpflichtungen wie die des Sprachphilosophen Charles W. Morris und des Mathematikers Horst Rittel bekommen die Studenten Einblicke in den aktuellen internationalen wissenschaftstheoretischen Diskurs. Deutlich distanziert sich die HfG damit von den kunstorientierten Programmen der Werkkunstschulen und Kunstakademien. Mit der Übertragung einer mathematischen Methodik auf Entwurfsprozesse, also rational und exakt messbaren Problemlösungen, entsteht eine Systematik des Entwerfens. Außerdem konzentrierte sich die industrielle Produktgestaltung nicht länger auf Einzelobjekte, sondern auf Objektsysteme und Entwurfsprogramme. Nicht nur ein Hocker wurde entworfen, sondern ein erweiterbares Möbelsystem. Der Paradigmenwechsel weg von der Kunst, hin zum Design, ist vollzogen.
Der Ulmer Geist gewinnt an Gestalt und wird legendär: Der “Schneewittchensarg”, Teil des Radio- und Phonogeräte-Programms für Braun (1956), das weiße Kantinengeschirr “TC 100” von Nick Roerichts (1959) oder das Erscheinungsbild mit dem Kranich von Lufthansa (1962) unter Leitung Otl Aichers.
Das Ulmer Modell fasziniert und ist einzigartig. In der Zeit von 1953 bis 1968 strömen Studenten und Dozenten aus mehr als 49 Ländern in die württembergische Stadt. In den fünf Abteilungen der HfG – Produktgestaltung, Visuelle Kommunikation, Bauen, Information, und ab Herbst 1961 Film – ist von der beklagten geistigen Enge der Ära Adenauer nichts zu finden.
Trotz aller Offenheit: Die unterschiedlichen Haltungen und Charaktere von Dozenten mit verschiedener kultureller Herkunft sind oft zu kontrovers, interne Kritik wird laut. In der Aufbruchstimmung der wilden 60er Jahre erscheint die HfG in mancherlei Hinsicht oft zu starr: Die Begrenzung auf Methodik und Denken in Systemen und das Festhalten an der “Guten Form” kontrastieren immer stärker mit den zeitgleichen Design-Strömungen der Pop- und Protestkultur. 1968 folgt auf politischen und finanziellen Druck der Landesregierung Baden-Württembergs die Auflösung.
Dennoch: Überall ist Ulm. Auch noch heute. Einerseits weil das Ausbildungsmodell der HfG als Grundlage der Curricula der nationalen und internationalen Designschulen, wie in Indien (National Institute of Design), dient. Und andererseits spielt die Vereinfachung und Reduktion der Formenrepertoires – wenn auch unbewusst und oft unmittelbar – noch immer die zentrale Rolle für Industrie und Design. Normierung und Rationalisierung verringern den Preis – noch immer das mächtigste Argument, auch für Industriedesigner.

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Elektronische Lebensaspekte.