Im Neasden Control Centre in London verschwindet Material nicht im Design, sondern tritt an die Oberfläche. Ohne ein emphatisches Pathos der Kunst verliebt man sich in Material und seine gezielte wie filigrane Verwendung zwischen Ausstellungsdesign, Print und Film. Jetzt kommt ein Buch für alle und zwei aus dem Center haben geplaudert.
Text: Matthias Sohr aus De:Bug 71

Kommando: Freies Spiel
Design im Neasden Control Centre

‘Neasden Control Centre” zeichnet weniger die gezielte Materialsuche als die kontrollierte Collage aus “ ob Graphikdesign, Objektkunst oder was immer. In ihrer imaginären Bibliothek von objets trouvés verschiedener Formate versammeln Steve Smith und Marcus Diamond aus London anregenden Input für potentiellen Output. Bis dato ungefiltert auf ihrer Homepage zu bewundern, nehmen die beiden Graphikdesigner jetzt den gewillten Betrachter an die Hand und führen ihn durch ein wucherndes Metapherngewirr, gebündelt in zwölf Kapiteln ihrer ersten Veröffentlichung im “DieGestaltenVerlag”.

Gestalten-Revolte

Mal ganz kurz abschweifen, das Zentrum aus den Augen verlieren. Nur um die Aufmerksamkeit neu zu lenken, vielmehr breiter zu streuen. Denn der ‘DieGestaltenVerlag” legt mit “Neasden Control Centre” sein erstes, vollkommen in frequenzmoduliertem Raster produziertes Buch vor – das bedeutet eine wesentlich höhere Detailschärfe dank flexiblen Abstands und variabler Anzahl der Rasterpunkte, insbesondere bei metallischen Objekten. Ungelenke Farbabstufungen stören nicht mehr beim Genuss der Reproduktionen von Graphikdesign – ganz ohne Plastikcoverschnickschnack betonen “DieGestalten” die inneren Werte. Zu keinem sinnvolleren Zeitpunkt als zur Veröffentlichung von “Neasden Control Centre”, denn gerade die filigranen Handzeichnungen von Steve Smith und Marcus Diamond wirken erst in dieser Technik wie im Original, auf das Papier dezent aufgetragen. Mit der Fingerkuppe verwischt man nahezu die Bleistifttexturen, die visuelle Erfahrung geht unter die Haut. Naturgemäß an der Oberfläche bleiben T-Shirts, stoßen sie doch direkt vor ins Zentrum des alltäglichen Universums von ‘Neasden Control Centre”.

Steve:
“Ein T-Shirt wie für O6N zu gestalten, ist sehr einfach für uns. Wir machen solche Dinge ständig. So etwas wird schnell langweilig, wir würden gerne weiter gehen. Das Buch im ‘GestaltenVerlag’ ist eine gute Plattform, um Interessierten unsere bisherige Arbeit zu präsentieren, hauptsächlich zweidimensionales Artwork. Hoffentlich erkennt man aber auch, dass wir noch mehr können. Zum Beispiel Visuals für eine Band gestalten oder an einem Filmset arbeiten, Räume ausstatten, Typographie und Kampagnen gestalten. Wenn wir selbst mit bewegten Bildern arbeiten, dann wollen wir das Endprodukt voll kontrollieren. Allerdings haben wir nicht das nötige Equipment. Wir müssen und möchten also andere davon überzeugen, mit uns zusammenzuarbeiten. Ich habe bereits die Adresse von David Lynch im Internet gesucht und ein Postfach gefunden. Wir könnten ihm ein paar unserer Arbeiten schicken. Er hat angeblich auch ein Faxgerät auf der Toilette.”
Aber Steve nicht die Nummer.
Steve:
“Wir machen auch einen Film mit der englischen Band ‘Wevie Stonder’ über Darts. It’s funny! Professionelle Dartspieler sind immer unglaublich fett und wir werden ihnen unsere Gesichter aufsetzen.”

Logo-Reproduktion

Das Gesicht beginnt erst zu existieren, wenn der Kopf seinen Körper verliert. Das NeasdenLogo ist dann womöglich Beispiel einer zunehmenden Perfektionierung der Verflachung des Gesichts: als Logo der andauernden Reproduktion unterworfen, kokettiert es mit anonymer, militanter Unabomberpose. Keine schlechte Assoziation, findet Steve: “Außerdem habe ich solch eine Sonnenbrille mal sehr gemocht.” Das zweidimensionale Logo als Karte aller Höhen und Tiefen identitätstiftender Assoziationen mit Neasden – das nächste Level, bitte!
Martin:
“Gut an der Produktion des Buches war auch, dass wir alles neu überdenken mussten. Wir haben all unsere Arbeit durchgeschaut, was und warum wir es drucken wollen. Gleichzeitig haben wir eine Struktur von zwölf Kapiteln erstellt, die unsere Arbeit beschreibt. Die Homepage soll auch eine am Buch orientierte Struktur erhalten, klarer und übersichtlicher werden. Damals, als wir mit der Seite begonnen haben, haben wir jedes Produkt sofort veröffentlicht.”

Zeichnung

Am Anfang sind die ”words”, so der Titel der ersten Sektion, denn Austausch über das in Angriff zu nehmende Projekt steht am Beginn eines typischen Neasden-Arbeitsprozesses. Dann erst werden die ”sketchbooks” geöffnet.
Steve:
“Wenn wir wirklich einen Stil hätten, dann wäre es gezeichnetes Design. Zeichnen ist eine Kunst der Ideen, ein kontinuierlicher Prozess, für uns eine absolute Grundlage. Man startet hier und geht irgendwohin. Wir streben nicht auf ein Ziel hin. Graphik muss nicht für immer unser Thema bleiben. Wir möchten mehr mitteilen, nicht nur über Bilder. Für die Homepage haben wir auch eine neue Sektion, sie wird ‘speak’ heißen. Sprechen bedeutet, aus dem Augenblick schöpfen, denn Dinge sind relevant im Moment. Wir möchten auch Vorlesungen halten. Neue Geschichten, dramatische Komödie! Vorlesungen am College sind richtig langweilig und realitätsfern. Anders, als einem einige Dozenten vermitteln, ist es nämlich immer schwer, Arbeit und Aufträge zu finden. Neunzig Prozent deiner Kommilitonen können nach dem College nicht fortfahren, Kunst zu machen “ in England gibt es nicht den Markt für so viele Absolventen. Man muss kämpfen, um nicht depressiv zu werden.”
Martin:
“Wir haben uns am selben College in Brighton getroffen, aber in Brighton gibt es kein Auskommen für Illustratoren. 2000 sind wir dann nach Neasden in London gezogen, wo rein gar nichts geschieht, gegenüber ist lediglich das U-Bahn-Kontrollzentrum.”
Steve:
“In London hatten wir täglich acht Termine verstreut in der ganzen Stadt – wir haben so viel reingepackt in den Tag wie möglich, um unser Portfolio zu zeigen. Am Ende waren wir richtig kaputt. Wir erzählen eine wahre Geschichte: Mit unserem Portfolio und einem Mikrofon werden wir eine ganze Vorlesung auf dem Laufband halten … Ein wenig wie in einer KunstPerformance – dabei demonstrieren wir gleichzeitig, dass man nicht auf einem Gebiet bleiben muss.”
Martin:
“Wir möchten über unsere Arbeit in einer anderen Art und Weise sprechen, Performance, Music, VJing mit einbeziehen, alles kombinieren, an dem wir gerade arbeiten.”

Weiterfalten

Eine Vorlesung am College of Print in London über die Erstellung der “DieGestalten”-Publikation ist bereits zugesagt. Auch die Ausstellung bei MagmaBooks in London ist eine Möglichkeit, die Grenzen auszuweiten. Die Dreidimensionalität der Galerie bedeutet für Neasden, ähnlich wie die Bearbeitung gesprochenen Raumes, den nächsten Schritt.
Steve:
“Wir werden den ganzen Raum mit Werken füllen, wie wir es schon mit unserer Homepage getan haben. Dieses Mal aber werden wir den Raum richtig attackieren.”
Konstruktion sozialer Handlungsräume in der Universität, Institutionskritik in der Galerie und Minimalanweisungen in Briefings.

Steve:
“Für die Bekleidungsfirma ’55DSL’ lautete der Auftrag lediglich, den Begriff ‘psychedelic military’ umzusetzen. They are Americans, forget about the concept! Wir nahmen es wörtlich: Wenn man auf das Werk schaut, ist es sehr schwer, ein Ding wirklich zu fokussieren: Das ist das psychedelische Element. Militär ist offensichtlich: Camouflage, Kriegsgerät – wir haben einfach Kram zusammengestellt, herumgespielt. Wir hatten ein Bild von einem Jeep, also benutzten wir es. Amerikaner brauchen das. 48 Stunden hatten wir Zeit und die verfließen schnell, man muss einfach etwas auf’s Papier bringen. Nicht so sehr clever.”
Martin:
“Es war lediglich für den Messestand einer Kleidungsfirma. Es ging nicht um absolut detaillierte Nachforschungen.”
Steve:
“Wir möchten nur, dass die Leute darauf schauen und selbst Dinge assoziieren, eine eigene Geschichte erzählen. Visuelle Narration. Ich erzähle dir nicht die Geschichte. Schau gefälligst drauf und finde deine eigene Geschichte!”
Aber Geschichten werden erst lebendig, wenn man sie erzählt. Sie können so einfach sein, schön oder schrecklich, neue Blickwinkel eröffnen oder aber sich immer wiederholen.
Steve:
“‘Psychedelic military’ ist ein Modethema, es ist in Mode. So denken die Amerikaner darüber, womöglich, weil sie Krieg lieben.”
Fokussieren auf Details und Relationen. Lupe bei der Rasterpunktsuche nicht vergessen und staunen.

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Elektronische Lebensaspekte.