Zum Entwerfen ihrer Schriftsysteme haben die Grafiker Dimitri Bruni und Manuel Krebs von Norm aus Zürich drei Kriterien: Einfachheit und leichte Handhabung, die Ökonomie eines Zeichens und sein Glanz. Wir sind ihren Schriftsätzen auf den Grund gegangen.
Text: Anne Pascual aus De:Bug 65

Typographen leben in einer eigenen Welt. Für sie sind Buchstaben, Zeichen und Schriften ein Geflecht ohne Knoten, ohne Anfang und Ende. Ihre Wortgefüge gehorchen nicht nur dem Utilitarismus seiner Bestandteile, sondern lassen auch Bilder mit weiteren symbolischen Aussagen sichtbar werden. Obwohl das eher die Ausnahme ist. Stattdessen übernimmt meistens das Logo diese Funktion, heute ist es nicht weit her mit den Eineindeutigkeiten. Versuchen nun Designer in die Welt der Typographen von außerhalb vorzustoßen, kommt etwas ganz anderes dabei heraus. Wer “The Things” der zwei Schweizer von “Norm” in seinen Händen gehalten hat, der sieht die lateinische Schrift mit anderen Augen – und damit auch die Welt, mit der über sie geschrieben wird.

“The Things” ist die Fortsetzung der ersten Norm Veröffentlichung “Introduction” von 1999. Wieder ist es kein gewöhnliches Graphikdesignbuch, obwohl es reichlich bunte Zeichen und Piktogramme enthält. Ein kleiner Schriftteil in der Mitte des Buches führt den Ahnungslosen in die verwirrende Gedankenwelt der materiellen Symbole ein. Norm lieben Klassifikationen. Sie teilen die Dinge, die es gibt, in vier Gruppen: Gruppe eins umfasst alles, was etwas aus dem dreidimensionalen Raum darstellt; Gruppe zwei dagegen die Dinge, auf die dies nicht zutrifft; in Gruppe drei beziehen sich die Symbole auf nichts und Gruppe vier sind Dinge, die Norm unbekannt sind oder aber, die es gar nicht gibt. Diese Art Manifest endet mit der Aussage “Was unsichtbar ist, interessiert uns nicht.” Da erinnern wir uns: “Die Welt ist alles, was der Fall ist”. Das Spiel geht also weiter.

Diese Klassifikationen werden weiter unterschieden, z.B. anhand von Größenverhältnissen, kleiner, gleich oder größer als der Mensch, oder anhand von Darstellungsverhältnissen: “Beispiel Pflanze, die Schönheit der reduzierten Darstellung bewirkt, dass das reale Ding in ebendiese Form gepresst wird”. Wie ernst sie ihre Einteilung selbst nehmen, wird bei dem Beispiel “Döner” klar. Dieser unförmige Fleischklumpen, der weder an seine Herkunft noch an seine Verwendung erinnert, seine Form sich aber trotzdem durchgesetzt hat, zeigt, dass es in diesem Fall und auch in der Entwicklung der Schriftzeichen nicht um die Darstellung von Wirklichkeit, sondern um Abstraktion ging.

Systemupgrade der lateinischen Schrift

Dass Buchstaben, Schriftsysteme und Schriftzeichen sich nach strengen Gesetzmäßigkeiten und Regeln zusammensetzen und erst in Kombination weitere Möglichkeiten ergeben, liegt in der Natur der Sache. Aber nach zwei Jahrtausenden schlagen Norm ein Systemupgrade der lateinischen Schrift vor. Denn die Ausdrucksmöglichkeiten des Denkens mit Hilfe symbolischer Zeichen entspricht ihrer Meinung nach nur noch der Idee des Schreibens an und für sich. Außerdem “…ist die lateinische Schrift Bastelarbeit. Und ein Ende ist nicht abzusehen.”
Das ist also der Anfang ihres Projektes, die Vermessung von Zeichen – so schön, wie wir uns Exzesse immer schon gewünscht haben. Das Schreiben, Zusammensetzen, Umformen, Abwandeln, Auseinandernehmen, Multiplizieren, Ableiten, Auflösen. Auf jeder Seite finden sich mehrere Experimente und neue Methoden. Nach und nach lassen sich immer mehr freie Koordinaten zwischen den Zeichen und dem Denken ausmachen. Manuel Krebs vergleicht Design mit dem Hundezüchten: “Wir beschäftigen uns den ganzen Tag mit Fonts, das ist, wie wenn du Hunde züchtest. Du stellst dir Fragen: was gibt es für Hunde, wie sehen meine aus und wie die der andern, welche mischst du und was passiert dann.”

DEBUG:
Was unterscheidet euer Buch von dem eines Typographen?

MANUEL KREBS:
Ein Teil des Buches ist im Wesentlichen eine Dokumentation von bekannten Tatsachen: Niemand kann ernsthaft bestreiten, dass die lateinische Schrift mittelmäßig ist. Außerdem haben wir andere Ansprüche an eine Schrift. Für uns stehen weniger Harmonie und Rhythmus im Vordergrund, uns interessieren eher die Grenzen des Codes. Um die lateinische Schrift fundamental in Frage zu stellen, braucht man wohl eine gewisse Distanz, die ein Typograph wohl kaum hat.

DEBUG:
Redundanz macht ein Großteil der Arbeit aus, wird euch das nie langweilig?
MANUEL KREBS:
Wir versuchen, möglichst systematisch und sachlich zu sein. Wir definieren zunächst einen möglichst klaren Ausgangspunkt, wobei ab einem gewissen Punkt nicht mehr deutlich ist, welches nun die Richtung ist, die du einschlagen musst. Du lässt dich dann verführen, von Zufällen oder Dingen, die du nicht voraussehen konntest. Bei “The Things” waren wir ab einem gewissen Punkt schlicht abgekoppelt und trieben dann in unserer Kapsel durch den Raum. Wir versuchen subjektive Entscheidungen zu vermeiden, weil es dafür keine Kriterien mehr gibt (‘Ich finde blau schöner’ zählt nicht!). Meistens legen wir so etwas wie Gestaltungsgesetze fest.

Wie bei der Entwicklung ihres Sign-Generators (s. Server, Debug 64) legen Norm zuerst Parameter fest, Rechner und Zufall erledigen dann ihr Übriges. Am Ende ist klar: Nur wenn es Gesetzmäßigkeiten gibt, können diese gebrochen werden, werden Regeln willkürlich, schließlich wieder eingeführt, um den Spielverlauf zu verändern. Der Unterschied zwischen dem Gebrauch der Zeichen und der ursprünglichen Funktion bzw. ihrer Vorstellung, kennzeichnet dann auch das jeweilig Neue bzw. die Verschiebung, die in dem Vorstellungsbild begründet liegt.

DEBUG: Bleibt Norm auf der Suche nach Gruppe vier?
MANUEL KREBS: Das neue Unbekannte kann es eigentlich gar nicht geben.

Wir danken und schweigen.

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Elektronische Lebensaspekte.