Sie lassen Hochhäuser explodieren und entwickeln dabei Bilder zwischen Clip und Kunst. Pleix zeigen mit ihren eigenständigen Visuals und bissigen politischen Anspielungen, dass durchaus einiges geht in Old Europes Westen.
Text: Sascha Pohflepp aus De:Bug 81

Videoclips aus der Pariser Kommune / Pleix

Unlängst machte ein Video die Runde über Screens und Festivals, in dem ein schwarzer Skyscraper monolithisch aus dem amerikanisch-anonymen Citydunst aufragt. Ein Frame später zersplittert selbiger in einen Regen tausender schwarzer Partikel, der sich in einer langen Sequenz zum Sound von Kid606’ “Sometimes” im Sonnenlicht über die namenlose Großstadt ergießt, um sich letztendlich wieder zu einer schwarzen Fläche zu formen. Wunderschöne Bilder, großartige Allegorie, aber man fühlt sich auf eine sehr angenehm unangenehme Weise erinnert. Und war das jetzt ein Musikvideo? Nach kurzem Googlen ist zu lesen, dass die Arbeit von Pleix stammt, einem Künstlerkollektiv, die auch schon für Plaid Schweinefabriken gerendert haben. Ja, das sind schon Rocker, die Jungs aus London, denkt man sich. Aber nix da: Pleix sind waschechte Pariser, die auf ihren Scootern über Boulevards brettern und in Cafés Kette rauchen. Quasi eine Pariser Kommune aus digitalen Künstlern, Grafikdesignern, 3D-Artists, einem Musiker und Cutter und einer Projektmanagerin, die ihre Skills verbinden wollen, um so größere Freiheit für verschiedene Projekte zu erhalten. Pleix gibt es seit 2001, vorher hatten alle bei den Regisseuren Olivier Kuntzel und Florence Deygas gearbeitet, die etwa für Dimitri from Paris die Musikclips produzieren. Da die einzelnen Mitglieder von Pleix technisch und kreativ sehr komplementär an die Dinge herangehen, ist das nun für die sieben eine ideale Situation. Während nahe Eurodisney gerade die beeindruckende erste Einzelausstellung läuft und der Rest der Truppe gerade in Tokyo und Bilbao Preise einsammeln ging, hatten wir die Gelegenheit, Laetitia Rouxel auf einen Café Crème zu treffen.

Debug:
Laetitia, was ist der besondere Style von Pleix?
Laetitia:
Da jeder der Sieben bei unseren Projekten seinen persönlichen Einfluß einbringt, gibt es nicht nur einen Style, der die Videos von Pleix ausmacht. Ich glaube, es gibt aber trotz alledem eine Stimmung und eine Atmosphäre, die alle Arbeiten verbindet. Uns geht es um das Arbeiten mit Limits, mit Widersprüchen und kleinen Katastrophen der digitalen Welt und der Welt allgemein. Wir lieben es alle, Spannung durch das Verbinden von eigentlich heterogenen Grafiken, Bildern und Sounds zu schaffen. Da wir eine Gruppe sind, können wir dafür aus einer großen Inspirationsquelle schöpfen, aber die Hauptquelle bleibt natürlich unser Everyday Life.

Debug:
Was macht die Verbindung zwischen Bild und Sound in euren Filmen aus?
Laetitia:
Für uns ist beides gleich wichtig, wir versuchen wirklich hybride Arbeiten zu realisieren, in denen beides perfekt zueinander passt. Mit Bleip einen Musiker im Kollektiv zu haben, der gleichzeitig unser Cutter ist, macht das besonders interessant, da er die Rhythmen von sowohl Bild als auch Sound kennt.

Debug:
Würdet Ihr die Arbeiten von Pleix für Kid606 oder Bleip eher als Musikvideos oder Videokunst sehen?
Laetitia:
Wahrscheinlich eher als Kurzfilme oder Videokunst, aber eigentlich ist nicht so wichtig, was sie sind, denn die Visuals und der Sound sind nicht kommerziell genug, um im TV ausgestrahlt zu werden. Dafür haben wir sie auch nicht geschaffen. Sie haben jedoch die formellen Vorteile von Musikvideos. Sie sind nicht zu lang und nicht zu kurz, und ohne zu wenig Zeit für Details zu haben, gibt uns diese Länge alles, was wir brauchen.

Debug:
Apropos Musikvideos – ist die Situation in Frankreich für Künstler die zwischen Bild und Sound arbeiten, genauso schwierig wie in Deutschland, oder gibt es Fernsehformate, um die Arbeit hier zu zeigen? Und wären DVDs eine Perspektive? Die Plattenlabels springen ja derzeit auf das DVD-Format, um ihre Musik mit Visuals anzureichern.
Laetitia:
Die Musiksender in Frankreich zeigen auch nur die üblichen Mainstream-Videos, das ist gar nicht gut. Wir denken alle, dass es im Moment eine sehr schwierige Zeit ist. Die DVD ist ja ein nettes Format, aber keine wirkliche Alternative. Es ist immer noch schwierig vorauszusagen, welche Rolle sie eigentlich spielt, da ihre Entwicklung ja gerade erst richtig startet. Wir denken jedoch darüber nach, selber in der Zukunft eine DVD zu releasen.

Debug:
Ihr seid eine eher große Gruppe und momentan auch recht erfolgreich. Könnt ihr bei der derzeitigen Situation schon von Pleix leben?
Laetitia:
Im Moment ist es noch schwierig, aber wir glauben daran, dass es einfacher werden wird, da wir immer bekannter werden. Trotzdem sind wir sehr glücklich, weil wir immerhin das machen können, was wir lieben.

Debug:
In euren Arbeiten finden sich auch politische Anspielungen, besonders in “Sometimes”. Das Auseinanderbrechen des schwarzen Hochhauses ist einfach eine schöne Szene, sie erinnert aber gleichzeitig an Bilder, die wir alle tausend Mal auf unseren Fernsehscreens am 11. September gesehen haben.
Laetitia:
Ja, das stimmt. “Sometimes” für Kid606 ist gleichzeitig eine Arbeit über Form als auch über ihre Wahrnehmung. Nach der Explosion des Hochhauses, am Anfang des Films, beginnt man nämlich sofort, nach dem Fehler zu suchen, der den Rückfall der Arbeit ins Politische erlauben würde. Aber frustriert von der totalen Abwesenheit von Verbindungen zum 11. September, wird man mehr und mehr von der hypnotischen Wirkung der Bilder und des Sounds ergriffen. Wir spielen über die Bilder mit der Wahrnehmung der Menschen. Im Video geht es darum, die mediatisierten Bilder aus ihrem politischen, historischen und oft auch polemischen Kontext zu befreien, um nichts als ein sehr einfaches und pures Konzept zu behalten.

Debug:
Ihr habt schon einige Auftragsarbeiten realisiert, unter anderem ein Intro für eine Fernsehshow mit Thomas Gottschalk. Wie ist die Relation zwischen euren freien Projekten und den kommerziellen Aufträgen?
Laetitia:
Wir versuchen uns immer von schon existierenden Arbeiten freizumachen. Es wäre natürlich einfach und günstig, eines unserer freien Projekte für ein kommerzielles Projekt umzubauen, aber das stünde in einem grundsätzlichen Widerspruch zu dem, was wir suchen. Jedes unserer Projekte muss einzigartig sein. Bestimmte Künstler klagen darüber, Gefangene ihres eigenen Styles zu sein und das macht uns Angst. Deshalb versuchen wir ständig, unsere vergangenen Arbeiten zu hinterfragen.

Debug:
In einigen der freien Projekte findet man eine recht bissige und kritische Attitüde gegenüber der Konsumgesellschaft, würdet Ihr versuchen, diese auch in ein großes kommerzielles Projekt einfließen zu lassen?
Laetitia:
Auch wenn wir für eine sehr kommerzielle Kampagne arbeiten, würden wir natürlich weiter versuchen, mit dem Konsumuniversum zu spielen. Zum Beispiel indem man einen Werbespot für Autos durch den Einsatz von süßlichen Off-Stimmen oder übertriebenen Effekten an seine stilistischen Grenzen bringt, bis es fast ‘too much’ wird. Ein Teil des Publikums würde das nur bis zu einer gewissen Ebene erkennen, während ein anderer Teil auch die andere Seite verstünde. Dennoch muss man, um mit der Werbung wirklich spielen zu können, erst alle ihre Geheimnisse kennen. Wir sind in diesem Universum noch recht neu. Im Moment haben wir das Gefühl, dass es gut ist, noch einige Zeit an kleinen Projekten unsere Waffen zu schärfen.

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Elektronische Lebensaspekte.