Der Name Syd Mead sagt in der Regel keinem was, es sei denn er/sie ist Hardcore-Cineast oder begeisterter Designer mit Schwerpunkt Futurismus. Erwähnt man jedoch Filme wie Blade Runner, Tron oder Alien, fangen die Augen an zu glänzen. Die wurden nämlich maßgeblich von dem Visualisten mit Liebe zum Stift geprägt.
Text: Moritz Sauer aus De:Bug 73

Twist the cliché

Auf der TypoBerlin V.03
Dieses Jahr im Mai trafen sich wieder die Design- und Schriftbegeisterten zum Kongress-Happening in der “schwangeren Auster” zu Berlin, von Font Shop organisiert. Glücklich und stolz darüber, dass lediglich 20 Teilnehmer weniger als im vorigen Jahr die Formulare ausgefüllt hatten, erwartete man voller Elan den Eröffnungsredner: Syd Mead. Das Motto der Veranstaltung war Humor. Auf den hatte uns schon die liebevoll gestylte Flash-Website mit Pillen um sich werfenden Ärzten vorbereitet. Die Frage war nun: Was präsentiert ein visionärer Künstler wie Syd Mead, der vor allem durch seine stromlinienförmigen Designs auf sich aufmerksam gemacht hat? Zuallererst sich selbst. Und dann ein paar selbst gescribbelte Cartoons. Unter dem intelligenten Motto “Draw Your Own Conclusions” stellte Syd erst einmal seine Arbeiten vor, die er für die oben genannten Filme, eine Boing-747 eines Scheichs oder einen ehemaligen Präsidenten der USA entworfen hatte. Die Vorstellung war zwar sehr interessant, doch hatte sie nichts mit den ganz netten Cartoons zu tun. Die erschienen im zweiten Teil des Gastspiels plötzlich zusammenhanglos, um am Ende noch einmal Platz für die eigentliche Werbung, sein Buch “Syd’s Mead Sentury” zu machen. Draw Your Own Conclusions …

Der Künstler
Syd Mead weiß, wer er ist und was für eine Persönlichkeit er für viele darstellt. Gemeinsam mit seinem Kompagnon Roger Servick, der sich ums Bizniz kümmert und sich mit Anwälten und Kunden kloppt, bildet er ein einzigartiges Team. Als Duo haben sie außergewöhnliche Projekte abgewickelt, für die die Arbeiten von Blade Runner und Tron die Eingangstüre waren. Dabei wirkte Syd Mead trotz seiner visionären Zeichnungen und Entwürfe immer nah am Geschehen – er arbeitet auch heute noch sehr eng mit der Industrie und ihren Ingenieuren zusammen.
Natürlich fragt man sich, woher seine ganzen Ideen stammen, woher die Inspiration für elegante Auto-Formen, futuristische Kleidung und architektonische Interieurs kommt. Die Antwort des Amerikaners ist am Ende nicht weniger verblüffend als seine visualisierten Ideen: Die Inspiration entsteht aus dem Job heraus. “Wichtig ist das Briefing und die Informationen, die du vom Kunden erhältst. Auf der Art Center School in Los Angeles habe ich zwar auch meine Mal-Techniken verbessert, entscheidender jedoch war das Lernen von Problem-Analysen und die methodische Herangehensweise an einen Auftrag.” Das Ausleuchten der Anfrage steht immer vor der Arbeit. Für jeden neuen interessanten Job wird Syd Mead zu einem Kurzzeit-Experten. Ob er nun die Innenarchitektur einer Boing 747 für den König Fah’d aus dem Oman entwirft oder bei der Entwicklung eines neuen Schiffes einer norwegischen Firma hilft, die Informationen bilden den Kernpunkt der Operation. Stolz und gelassen erzählt der Kalifornier, dass es bisher keinen Auftrag gegeben hätte, an dem er gescheitert sei. Zwar gab es oft Momente, in denen der Flow nicht funktionierte, doch das lag am Ende meistens an einem Mangel an Aufklärung bzw. Information.

Technik, Twist und Talent
Seit seiner Kindheit ist der Stift Syd Meads Lieblingswerkzeug Nr.1. Die ersten Ideen entstehen immer auf Papier. Die Zeichnungen scribbelt er meist schnell und spontan auf Papier. Manchmal liegen die Bilder schon abrufbereit im Kopf vor, erfahrungsgemäß jedoch entsteht mit akkurat gezeichneter Quantität ein immer genaueres Bild bzw. Entwurf von dem endgültigen Ergebnis. “Je größer deine Kollektion ist, desto eher kommst du mit etwas Neuem.” Dabei sieht er den Haupttrick beim Gestalten eines neuen Objektes, ob Auto, Phantasiegestalt oder Szenario darin, dass man vorhandene Clichés so lange dreht, verbiegt und wendet, bis etwas Neues und Außergewöhnliches entsteht. “Ein Cliché ist deshalb eins, weil viele Leute daran glauben. Darum sollte man ein Cliché benutzen, es ‘twisten’ und verändern, um es interessant zu machen. Das ist der Trick. Dabei darfst du nur nicht den Bezug zu deinem Publikum verlieren. Ein Designer ist dann gut, wenn er weiß, wie er ein Objekt richtig drehen muss, um mit etwas Neuem daherzukommen, ohne die Leute zu verschrecken.” Deswegen ist die Analyse so wichtig. “Wenn du ein Fortbewegungsmittel für einen Film entwirfst, dann musst du dich fragen: In welcher Zeit spielt die Geschichte? Wie hoch ist das technische Level? Dadurch arbeitest du dich an die Grenzen des Geschehens heran.”
Mit diesen Strategien wird dann zum Beispiel eine Halbkugel, die etwas in die Breite gezogen wird und matt glänzt, als ein futuristisches Auto erkennbar. Lediglich zwei waagerechte, länglich hervorgehobene Streifen geben dem Betrachter über den Sinn des Objektes Aufschluss. Ein dreibeiniges Etwas mutiert in einer gemalten Szene dadurch zum Lebewesen, weil es etwas Ähnliches wie einen Raumanzug anzuhaben scheint. Da Pflanzen sich nicht von ihrem eigentlichen Standpunkt wegbewegen und deshalb keinen Schutzanzug benötigen, nehmen wir das Etwas als Außerirdischen wahr.

Am Puls der Zeit
Syd Mead hat die Maltechniken von der Pike auf gelernt, in den 60ern war es sogar noch Usus, dass Präsentationen mittels Kreide gemalt wurden. Ein großer Schritt in der Entwicklung seiner Arbeiten waren dann die ersten guten Marker in unzähligen Farben und Graustufen. Doch der mittlerweile 69-Jährige hat früh die Vorteile von Computern erkannt. “Das Einzige, was für mich die Technik verändert hat, ist, dass das heutige Arbeiten viel einfacher, schneller und komfortabler geworden ist. Das, was der Computer am besten kann, ist kopieren.” Schon 1986, während der Arbeit für einen japanischen Anime-Film, kaufte er sich seinen ersten Macintosh in Maximalausstattung. Vor allem der 8-Pen-Plotter katapultierte ihn zeittechnisch nach vorne. War es zuvor noch notwendig gewesen, extra jedes Mal ins Filmlabor zu fahren, um Bilder zu vergrößern und zu dublizieren, konnte er nun selbstständig so viele Kopien wie möglich plotten, um sie anschließend weiterzuverarbeiten. Deswegen ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass der Self-Made-Man nun sein eigenes Buch selbst über das Internet weltweit verkauft. “Das Buch umfasst 175 Seiten mit meinen Illustrationen. Ich habe es in Eigenregie mit Illustrator und Quark Express zusammengebaut. Das ganze Buch passt genau auf 6 CD-ROMs, da hatte ich noch nicht das DVD-Medium zur Hand.”

Mit dem Replikator in die Zukunft
Der in Hollywood lebende Künstler hat es immer verstanden, am Puls der Zeit zu bleiben. Nicht zuletzt die Arbeiten für SciFi-Filme wie Startrek oder seine Arbeiten für die Industrie sensibilisierten den futuristischen Maler. Auch heute noch bleibt er nicht stehen und paddelt fleißig vorne mit. Für die Zukunft wünscht er sich einen Replikator, denn… “Heute können wir alles in drei Dimensionen beschreiben. In Zukunft wird der fertige Artikel nicht halb so imposant und spektakulär sein wie die Daten, die ihn definieren. Dann wird das Ergebnis nur ein Beweis dafür sein, dass die Daten korrekt waren. Geschäfte werden hinfällig, wenn wir die Daten in einen Replikator laden können, um die Objekte zu materialisieren. Denn irgendwelche Artefakte wollen die Menschen immer in den Händen halten.” Howgh!, der Häuptling hat gesprochen.

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Elektronische Lebensaspekte.