Burschenschaft-Uncoolitäts-Faktor war gestern, das gute alte Wappen ist wieder schwer im Kommen. Nicht nur Kompakt, De:Bug und zahllose Trance-Labels bedienen sich gerne des mittelalterlichen Distinktionsmittles Wappen, auch im schwer progressiven WeltWeitNetz darf wieder ordentlich geprotzt werden. Also, schnell noch den Helmschmuck gerade gerückt und los geht?s mit der lustigen Expedition ins Reich der Sagen und texanischen 3-D Zigarren.
Text: Caspar Borkowsky aus De:Bug 71

Don’t call it a comeback!
Wappen kann jeder

Nehmen wir zuerst die Blasonierung des vorliegenden Wappens vor: Auf verfisselt schwarz-weißem Grundsatz erhebt sich, eingerahmt von halbgefledderten Adlersflügeln und völlig verkümmerten Krallen, ein dämonisch-schelmisch grinsender Aphex Twin-Lookalike und denkt sich: Jetzt bin ich schon in der Heraldik angekommen, oder wie? Häh? Internet goes Mittelalter. Das zu Beginn blasonierte (gleich nochmal, denn das ist heraldischers Fachkauderwelsch für “beschreiben”) crazydazy Wappen ist auf der coolen Site der unnerdigen Neo-e-Commercern von “www.stolenshirts.com” zu finden.

Ausritt ins Mittelalter

Überlebten in den meisten Teilen der Welt Wappen die Zeit der Moderne eigentlich als Corporate Identity-Spender oder als Fußballclub-Grölprojektions-Fläche ganz gut, war speziell in Deutschland Ornamentik und preußischer Adler ja doch ziemlich out in den letzten Jahrzehnten. Doch seit einigen Jahren tauchen sie wieder vermehrt auf, die Löwen, Drachen und Adler in stolzer Pose, und das auch noch da, wo man es nicht wirklich erwartet hätte. Nicht etwa Saxonia e. V. oder die Reitsportgruppe Starnberg machten auf Old-School, die sind ja eh noch ganz gut in der Nostalgie-Schaukel am Chillen, nein. Vielmehr griffen ganz ungeniert zahllose Internetseiten in die Mottenkisten der mittelalterlichen Schlachtfelder.
Kulturanthropologen, die Jungs und Mädels mit dem feschen Namen, aber den weniger feschen Klamotten, wissen über den Entstehungszusammenhang von Wappen folgendes zu berichten: Im 12. Jahrhundert herum, Mitten im dunkelsten Mittelalter, hauten sich immer häufiger die falschen Kampfhähne das Breitschwert über den Kübelhelm-geschützen Schädel. Was war geschehen? Im Zuge der alarmierend schnellen Evolution der Kriegsmonturen wurden Freund und Feind immer ununterscheidbarer. Im Kampfgewühl konnte man ja schlecht erst mal am Helm anklopfen und nachfragen, wer da unter ca. 27 Kilo Schwerblei vor sich hinschwitzte. Da halfen nur Teamtrikots in Form der neuerfunden Wappen auf den Schildern. Später wurden Wappen dann auch der Verwendung als graphisches Familien-Maskottchen würdig, um in einen letzten Schritt die totale Entgrenzung zu erfahren: Siegelring-Negativ, Aufnäher, Firmenwappen, Trüffel-Logo. Und jetzt also: Adaption im digitalen Raum.

Von preußischen Adlern und instabilen Gabeln
Klar, wir haben es alle eingehämmert bekommen bis zum neuronalen Totalschaden, Geschichte ist eine ernste Sache, insbesondere die Deutsche. Ganz anders sieht das David Lindermann, Mastermind von “fork unstable media” und Posterboy der de:Bug Kampagne (oh Man, ich will auch so eine coole Fototapete haben… Retro-Jeeps rulen wie Sau!). Der Amerikaner hat es sich gemütlich gemacht in der bierernsten Bundesrepublik und launchte 1996 ein Wappenlogo, dass den preußischen Adler in mutierter Doppelköpfigkeit auf das Schild der noch jungen Agentur hob. “Der Wappenstyle war als Gegenpol zu der damaligen Welle von süß-netten Styles gedacht. Ziel war auch, als hybride deutsch-amerikanische Design-Großmacht dazustehen. Wir – zwei Amerikaner und ein Deutscher – wollten einfach ein wenig Spaß mit der deutschen Geschichte haben. Einige Leute fanden unseren ‘tongue-in-cheek’ Stolz auf Deutschland zu nah am deutschem Nationalismus. Aber damit hat das für mich nichts zu tun, es sollte einfach nur dazu dienen, uns als Pseudo-Design-Großmacht zu präsentieren. Ich war immer fasziniert von der deutschen Grafikgeschichte, besonders von der aus der Vorkriegszeit.” Inzwischen wackelt auf der fork.de Seite ein abstrahiertes Hirschgeweih mit ornamentaler Umrandung herum, man verweilt also bei Fork noch ein wenig in germanischen Jagdgründen. Im Crossover mit retro-kommunistischem Schick und der Möglichkeit für alle preußische Adler-Gegner, das Federvieh mausklick-ballernd vom Himmel zu holen, kommt das alles verdammt locker um die virtuelle Ecke gebogen.

Infizierte Wappen im System

Die science-fictionalisierte Variante des preußischen Adlers wird unter anderem von den Bionic Systems Machern Doris und Malte verwendet. Der Bionic-Adler, besonders wicked wirkend, da mit extra starker Hackennase versehen, war das unwahrscheinliche Abfallprodukt der neuen CI für einen Weinvertrieb namens Prehm & Arendt in Düsseldorf. Ob er trinkfest ist, wissen wir nicht, dass er das perfekte Logo für die fiktive Organisation DiSLOC war, wird klar, wenn man das Konzept dahinter kennt. “Bionic Systems wird verdächtigt, unter dem Deckmantel eines Designbüros einen rechnergestützten Chiffrierservice zu betreiben. Mobile Arbeitsroboter (BioSYS® Probe Units), deren Standort ständig wechselt und die schwer zu lokalisieren sind, speisen die Internetseite Bionic-Systems.com mit steganographisch manipulierten Daten. DiSLOC (Digital Security Logistics & Operations Center), die von den G7 Staaten unterhaltene Organisation zur Bekämpfung von Hightech-Spionage, konnte eine der BioSYS® Probe Units orten und unschädlich machen. Diese wird zur Zeit im DiSLOC Forschungslabor von Experten analysiert. Mit Hilfe der bereits aus dem Roboter gewonnenen Daten konnte der Server der Internetseite lokalisiert und gesperrt werden.” Adlerauge, sei wachsam. Trotz der doch recht offensichtlichen Nähe zu Sci-Fi- und Hacker-Liebäugeleien des bionischen Systems gab es aber bereits historisch-politisch motivierte Probleme mit dem Adler-Motiv: “Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Die meisten verstehen zum Glück das Konzept und finden die Mischung aus traditionellen Motiven und moderner Formensprache interessant und ästhetisch. Leider passiert es aber auch immer wieder, dass der Adler mit Insignien aus dem Dritten Reich assoziiert wird. Seltsam, wenn man bedenkt dass unzählige Länder und Organisationen den Adler noch heute als Symbol verwenden und auch schon vor dieser Zeit verwendeten. Das selbe Phänomen kann man leider auch bei Frakturschriften beobachten, obwohl diese schon im 15. Jahrhundert entwickelte Schriftgattung von den Nationalsozialisten 1941 sogar als ‘Schwabacher Judenschrift’ verboten wurde.”
Den ewig Nörglern sei an dieser Stelle die Seite http://wahnsignal.de empfohlen, die ein total wahnsinniges Post-NS Verarschungswappen auf dem Schild führt: der obere Teil des Wappens ist der wirkliche NS-Adler (also die futuristische Variante des Adlers, nicht die preußische!), unterschmückt von einem (Achtung, Satire!) angry-faced Hitler im Pixelstyle. Booyaa.

Smoke on, Texas
Noch klebriger wird es dann in den knalligen 3-D Welten des texanischen Studios whoswe.com. Die streng in silber-türkis gehaltene 3-D Page schindet vor allem Eindruck durch spektakuläre Aufklapp-, Wegklapp- und sonstige Motioneffekte. Aus Kugeln morphen sich Menüfunktionsobjekte in einer leicht nerdigen Formensprache, da mal ein fliegendes Objekt, hier mal ein Tentakel-Robot. Und dann poppt – most unlikely event indeed – eine Zigarrenschachtel auf die 3-D Scape, hebt den Deckel und ein schwer schnörkelig-ornamentales Wappen im spanischen Stil funkelt uns von der Innenseite des Deckels her an. Muss ich jetzt schon kaufen oder darf ich erst mal paffen?
Es könnten zahllose weitere Beispiele angeführt werden, Erwähnung finden soll noch das Wappen von http://www.turncodeintobeauty.com: Über dem Emblem räkeln sich zwei grazile Einhörner, den ja wohl coolsten Fabelwesen überhaupt, und darunter zwinkern uns verschmitzt zwei Disney-Zwerge an. Angesichts dieser Wappen-Schwemme im Internet stellt sich natürlich irgendwie auch die Frage, ob das Wappen inzwischen nicht einfach zu einer ornamentalen Form des Logos mutiert ist. Der Schwede Robert Lindström von http://www.designchapel.com argumentiert in dieser Linie, wenn er erklärt in seinem Preußen-Adler mit schwarz/weiß Kreuz-Markierung auf der Brust, ein passendes Logo zu seinem Konzept eines Designchapels gefunden zu haben. David Lindermann von 4RK hält dagegen: “Das Wappen nur als ornamentale Form des Logos? Nee… das hat doch definitiv etwas mit Macht und Überlegenheit zu tun. Elite, Gesellschaft und Aufgehobenheit sind für mich die stärksten psychologischen Assoziationen mit dem Wappen. ” Darauf genehmigt sich der De:Bug-Drache noch ein Gläschen Champagner. Prost.

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Elektronische Lebensaspekte.