Es sind harte Zeiten für Designer. Interface Experten zermalmen zur Zeit ihr Steckenpferd, die Flash basierten Websites. Die Manifeste der meist vollanimierten Kaschierung der Inhaltsleere und performancefressenden Seifenblasen, so ihre Einschätzung, entsprechen einer Usability-Krankheit. Solche Frechheit braucht neue Designer-Prototypen, die mit allen Kompetenzen und Eigenarten gewappnet, gegen den Website-Konservativismus zu Felde ziehen. - Die Diven.
Text: Sabine Fischer aus De:Bug 42

Die Schnittstelle zum Glück
Der Designer als Diva

Nicht jeder Webdesigner ist eine Diva und nicht jeder Webdesigner, der sich gleichermaßen benimmt, hat das Recht eine solche zu sein. Die echte Diva behauptet in ihrer steil anmutenden Karriere schon frühzeitig von sich, Medien-Mogul oder Online-Gott zu sein, um dann wieder für lange Zeit in arbeitsames Schweigen zu verfallen. An diesen persönlichen Merkmalen werden wir sie denn auch stets erkennen: Maßlosigkeit in Selbstdarstellung und Eifer und partielle Kommunikationsarmut. Alle anderen Diven sind gemeine Eklektiker.

Was zeichnet die Diva aber aus? A priori muss ihrem Ruf eine ungeheuer kreative Schaffenskraft vorausgegangen sein, welche die Basis des Erkennens der Einzigartigkeit durch die anderen ist. Dem speziellen Ruf der Webdesigndiva haftet dabei eine Vielfalt interdisziplinären Wissens an:
Einmal sind es die klassischen Komponenten, wie die Beherrschung der visuellen Träger-Komposition (=Sympathie), die der visuellen Träger-Wirkung (=Markenkennung) und die der visuellen Träger-Sprache (=Informationserkennung), die dem Betrachter schließlich den Sinn und Zweck der Darstellung mit all ihrem Hintergründen offenbaren soll. Diese Komponenten zeichnen einen Teil des Webdesigns aus, nämlich jenen, der sich auch in analogen Visualisierungen wiederfindet. Die Medienspezifik des Internets (und ihren Devices) öffnet darüber hinaus aber die Tore in neue, vielfältig undefinierte Dimensionen. Der Webdesigner beherrscht diese Komponenten in einem neuen Regelwerk eines neuen Mediums und vernetzt sie mit dem eigentlich unsichtbaren, der Architektur, die hinter der einen Dimension des Bildschirms liegt. Und genau dieser Punkt bringt ihn dem nahe, was er manchmal sein kann und immer sein möchte: Diva oder …

Die Schnittstelle zum Glück.

Doch erst einmal ist die eitle Diva der Bremser des täglichen Pragmatismus: Sie macht alles selber, kann alles besser und weiß alles besser. Deshalb glaubt sie auch stets als einsamer Wolf den Olymp erklimmen zu müssen.
Aber so sehr sie das Rudel scheut, so sehr sucht sie es als Realitätsabgleich: Die kreative Einsamkeit misst sich, besonders für den Webdesigner, stets an der kreativen Gesellschaft. Diese Form der schöpferischen Sozialisierung gleicht einem Drahtseilakt. Er heißt interdisziplinärer Workflow und ist für alle Beteiligten eines Internet-Teams gleichermaßen eine Quelle der Kraft, der Ideen und nicht zuletzt der Überzeugung für und gegenüber dem Auftraggeber. Für den stur-egozentrischen Designer hingegen scheint die Zusammenarbeit eher das dornenumkränzte Vehikel auf dem Weg der Vollendung zu sein. Er kann nicht ohne, aber er leidet am Miteinander. Dennoch: Die Einsicht, hochkomplexe Strukturen wie Websites nicht linear zu erarbeiten, wie es aus rein organisatorischen Gründen in mitarbeiterstarken Agenturen geschieht, die sich zudem noch mit dem Attribut des Full-Service belasten, sondern, wie es das Medium per se vorgibt, gleichzeitig zu steuern, könnte eine Erfindung des Webdesigners sein. Denn vor nicht allzu langer Zeit, zu Beginn der browsergesteuerten Dinge, war es undenkbar, dass eine Idee bezüglich einer Website losgelöst von ihrer Visualisierung und der technischen Machbarkeit derselben entwickelt wurde. Verknappt gesagt: Ein Webdesigner war ein Webdesigner, weil er die Seiten, die er vor Augen hatte, auch selber baute.

Der Webdesigner definierte in das Team aus technischen Entwicklern, Programmierern, Konzeptern, Managern und Content-Strategen eine neue Arbeitsstruktur. Er legte den Grundstein für die Integration von Backend und Frontend und überbrückte durch Visualisierung die technischen Möglichkeiten mit verständlicher Darstellung für den Betrachter. Das klassische Expertenprinzip der überstarken Wissensfokussierung in linearem Workflow (a -> b -> c = d) weicht also mehr und mehr der integrativen Gleichzeitigkeit von Wissensfokus und deren Schnittmengen (abc -> aabc -> abbc -> abcc = abcd). Die Gründe sind einfach: Gestaltung und Produktion lassen sich erst dann trennen (und damit linear bearbeiten) , wenn das Potenzial der Entwicklung soweit aus der Gestaltung gewichen ist, daß fixe Produktionsabläufe mit hoher Halbwertzeit entstanden sind.
Aber noch scheint das Internet an Entwicklungsdynamik nichts eingebüßt zu haben. Die Ausgestaltung der Spezifika eines integrierten Prozesses schreitet voran. Wesentlich bei diesem Gedanken der mehrheitlichen Überschneidung von Entwicklung und Produktion bleibt, vorausgesetzt man betrachtet sich immer noch als Entwickler und nicht Bediener des neuen Mediums- oder besser, betrachtet man sich als Diva und nicht als Designer – , dass erst die überwiegende Schnittmengenkompetenz die eigentliche und ursprüngliche Kreativität und den wirtschaftlichen Erfolg ausmacht. Die Ideenfindung ist kreativer, also erfolgversprechender, die Arbeitszeit wird effizienter, also auch motivierter genutzt, der Know-how-Transfer hat kürzere Wege. Gegen das Prinzip spräche eigentlich nur die eigene Unbeweglichkeit.

Dass sich die Diva des Webdesigns dennoch und deshalb gerne als brillant-schöpferischer einsamer Wolf sieht, ist jedem bewusst, der mit ihr arbeitet. Dass sie die Gleichberechtigung und Gleichzeitigkeit von inhaltlicher, technischer, organisatorischer und visueller Kraft wesentlich vom selbstgebastelten Olymp aus bestimmte, gestehe man ihr dabei gerne zu. Denn eines hat sie allen voraus: Die Diva schafft durch die Visualisierung der Ideen aller den Zugang zur Wahrnehmung durch Dritte.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.