Auf der Designkonferenz Numer in Paris versuchten sich die Franzosen mit der internationalen Gästeschar zu messen. Solange Multimedia in Frankreich jedoch mit Luftblase übersetzt wird, lassen sich die französischen Pensées nur widerwillig auf den Screen übertragen.
Text: Anne Pascual aus De:Bug 44

Auf nach Frankreich, die Displays wachküssen
Designkonferenz Numer in Paris

Hierzulande ist der Begriff Design als Lebensbeschäftigung und als Kulturform längst so selbstverständlich geworden, dass niemand mehr nach seiner Berechtigung, nach irgendwelchen Definitionen oder Normen zu fragen braucht. Staat, Stadt und Leute fördern das Start-Up in der alten Fabriketage, erklären das New Media-Symposium als Kulturevent und pflanzen Internet Cafés in die Galerienviertel. In Frankreich sieht die Sache etwas anders aus, denn obwohl dort das Wort “Multimedia” in aller Munde ist, scheint sich kein positives oder spannendes Bild von Design (als Konzept) außer als Luftblasen durchsetzen zu können. Design ist ein ungeliebtes Exportprodukt, ebenso wie das Internet, das es als Nachfolge des Minitel gar nicht einfach hat. Und überhaupt, wie lassen sich französische pensées auf den Screen übertragen, ohne ausländischen Vorbildern auf den Leim zu gehen?

Noch etwas zur speziellen Topographie dieser wachsenden Auseinandersetzung: Paris ist schon lange nicht mehr das Zentrum für alternative Formen, die sich nicht einordnen lassen. Die entstehen woanders, in den Regionen, wo die Mieten nicht so hoch sind und die Luft besser. Trotzdem, wer es dann dennoch in Paris geschafft hat, ist einfach noch chiquer! Und es gibt tatsächlich solche Beispiele in Musik und Kunst. Die Regierung weiß um diese Lage und versucht nun, mit ein paar Jahren Verspätung die Situation zu ändern. Gelder fließen großzügig in die Förderung von Existenzgründungen und in öffentliche Veranstaltungen.
Anfang Dezember fand zum ersten Mal die zweitägige Design Konferenz Numer in den Räumen der École des Beaux Arts in Paris statt, zeitgleich zur ISEA 2000. Die Veranstalter haben ihr Interesse und ihr Geld vor allem in die internationale Gästeliste gesteckt, das Programm selber aber etwas überladen und die Themen ganz symptomatisch allzu blumig formuliert. Bereits der Eingangs–Slogan “Interaktivität verstehen” verwunderte, man geht gern rationalistisch an die Sache ran.

Einstiegsschwierigkeiten

Minna Tarkka vom UIAH Media Lab in Helsinki eröffnete das Panel zum Thema Esthétique. Niemand, auch sie selbst nicht, wusste, wie an die Sache rangehen. Aber es gelang ihr, eine kritische Grundstimmung zu formulieren, die die gesamte Veranstaltung nicht zu einem »Wir feiern uns selbst« werden lassen konnte. Ihr eigener Vorschlag zur Analyse von Ästhetik bezog sich auf das antike Modell der Rhetorik: Wie überzeugen, auf welche Art ein Kontext herzustellen ist? Die Aufgaben der Kommunikation würden auf die neuen Medien übertragen, stünden aber in einem bestimmten geschichtlichen Zusammenhang, der bis in die Antike reicht.

Tomohiro Okada, von dem online Magazin Shift aus Japan entsandt, nutzte die Gelegenheit, um mit dem japanischen Web-Design aufzuräumen. In Japan geht längst der stärkste Einfluss darauf von Initiativen der privaten Wirtschaft aus, wie beispielsweise bei Canon, was schließlich Auswirkungen auf die Ausbildungssituation hat. Japanische Talente lernen dort zwar Software denken, aber ihre Imagination verkümmert dadurch eher, statt wechselseitige Effekte zu erzielen. Zumal durch Verbreitung der Software und ihrer Ergebnisse sich auch die Ästhetiken der Gestalter immer mehr ähneln. Eine Entwicklung, die längst auch in Europa und USA zu beobachten ist. Individualistische Positionen werden selten.

Zwischenkonfusion

Joshua Davis (PRAYSTATION) ging in seinem flammenden Plädoyer für die Imagination noch ein Stück weiter, in dem er den Unfall als Ausgangspunkt und Arbeitsgrundlage für seine Experimente erklärte. Und um ehrlich zu sein, damit brachte er die Zuhörerschaft endgültig aus dem Konzept. Die meiste Zeit hätte er keine Ahnung von dem, was er gerade mache. Es ginge ihm nur um seinen Spaß am Entdecken und der Befriedigung seiner Neugierde durch kuriose Ergebnisse, Hauptsache, er erziele mit seiner Arbeit Konfusion. Nach etlichen Kindheitsanekdoten (Lebensmittelfarben in die Augen träufeln, um die Welt mal farbig zu sehen) gelang ihm das dann auch für den ersten seiner Auftritte bei Numer. Erst am nächsten Tag zeigte er, wovon er am vorigen Nachmittag gesprochen hatte, ganz glaubte ihm daraufhin niemand mehr so recht, dass Flash ein Kinderspiel sein soll. So richtig rausrücken mit der Wahrheit wollte er aber nicht und erklärte sich kurzum zum Künstler.

Der heimliche Held der Veranstaltung war Casey Reas, Mitglied der Aesthetics and Computation Group (ACG) am MIT Media Lab. Er stellte einige kleine Demos von Experimenten der Gruppe um John Maeda zu dynamischen Systemen vor, verblüffte damit alle Zuhörer und ließ alle bisher präsentierten französischen CD-ROM Projekte oder Webseiten von assozierten Agenturen klein aussehen. Wie von einem anderen Stern erschien Ben Frys Visualisierung des Romans “The Innocents Abroad” von Mark Twain. Diese Applikation liest den Text linear, um dann jedes einzelne Wort in einer dreidimensionalen Struktur anzuordnen. Häufig vorkommende Wörter bilden Knoten und rücken dadurch an den Rand, selten benutzte Wörter dagegen in das Zentrum des Datenraumes. Dieser verändert sich permanent und transformiert den Inhalt in eine andere Gestalt. Reas Arbeit »dynamic composition« geht in eine ähnliche Richtung. Hier können graphische Elemente generiert und animiert werden. Seit kurzem experimentiert er mit Objekten im realen Raum, da es sich seiner Ansicht nach in Zukunft entscheidend um die Verknüpfung des realen Raumes mit dem Rechner durch Sensoren und Motoren drehen wird. Sein Auftritt war der dichteste der Veranstaltung, denn die Arbeiten beantworteten alle offenen Fragen zum Benutzer, über den Zufall, den Vergleich mit biologischen Mechanismen und den Möglichkeiten der Technologie. Kein Text, der erklärt, keine Metaphern, die sowieso nicht hinreichen, braucht es zur Interaktivität, die einfachsten Lösungen sind Poetik.

Endverunsicherung

Lev Manovich kam aus Kalifornien eingeflogen, um die Veranstaltung zu einem Fazit zu bringen. Er stellte kurze Thesen aus seinem neuesten Buch Info-Aesthetics vor. Gewohnt amerikanisch plädierte er für den Wechsel in eine nächste Zeit, denn ab jetzt würden Daten nicht nur unseren Lebensraum bestimmen, sondern stellten auch neue Repräsentationsformen bereit, die eingebunden in alltägliche Zusammenhänge ungefähr so daher kommen: »Information is play«, die IT society braucht customisable forms and functions.
Das Abschlusspanel zu Metadesign ließ die Veranstalter wirklich blass aussehen, denn spätenstens jetzt wurde jedem klar, dass sie sich zu viel vorgenommen hatten, ohne genau zu wissen, wohin. Zu weit weg von den pragmatischen Fragen, von technologischen Realitäten bewegten sich die Diskussionen, die zudem ganz ohne Hilfe von medientheoretischen Begriffen auskommen wollten. Minna Turkka versuchte ganz am Ende nochmal ihr Bestes, um dem zu Beginn eingeforderten kritischen Blick auf die Interaktivität gerecht zu werden. Sie erklärte, wie entscheidend es sei, Design als Sprache zu begreifen, als System, das anderen Wissensgebieten der Gesellschaft an Bedeutung und auch Macht gleichgestellt sei. Im Saal ließ das Einige skeptisch drein blicken. Zumal die französischen Beiträge sich mit den anderen Gästen wirklich noch nicht messen konnten. Ein Problem, das bei Chanel, Dior oder Louis Vuitton gelöst wurde, in dem ganz einfach ausländische Designer die Labels zu neuem Glanz brachten. Numer war jedenfalls ein etwas fahriger Versuch, eine französische Design Position zu bestimmen, hat aber zumindest Ohren und Augen für die Lage woanders aufgemacht. Auf nach Paris, um die Displays wachzuküssen!

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Elektronische Lebensaspekte.