Eine Ode an das Flachdach und sein brachliegendes Potential hat der Berliner Designer Werner Aisslinger entworfen: Die Mobile Home Unit bietet 42 qm im kondensierten Design und die Skyline fast gratis dazu. Zum DesignMai gibts in Berlin jetzt den ersten Prototyp zum durchtappen.
Text: Caspar Borkowsky aus De:Bug 71

Oben auf dem Dach, unter den Wolken

Der Wind pfeift, die Völker aller Länder schnattern um die Wette, die Gitterstäbe stören doch ein wenig den Ausblick und die Fifth Avenue brummt irgendwo da unten vor sich hin. Jeder, der schon einmal auf dem Empire State Building in New York stand, auf der wohl berühmtesten und höchstfrequentiertesten Urban-Jungle-Spannerplattform der Welt, kann danach wohl halbwegs etwas mit der Kategorie des Erhabenen anfangen. Doch ist eigentlich schon jemandem aufgefallen, wie viel Brachland dieser angeblich dicht besiedelteste Ort der Erde immer noch zur Verfügung hat? Aber nicht nur in Manhattan sind die Flachdächer unsäglich vernachlässigt, eigentlich sämtliche Skylines dieser Erde sind nur von der Seite ganz fesch anzuschauen – rundum hui, oben pfui. Man wage nur anzudenken, was hier alles möglich wäre und warum eigentlich niemand vorher auf genau DIE Idee gekommen ist, die jetzt der in Berlin ansässige Designer und Architekt Werner Aisslinger im Rahmen des DesignMai präsentiert. Seine “Mobile Home Units” sind ein deluxe Ausbaustool für die wohlbekannten Konzepte des Glam-Urbanismus und des Architektur-Parasiten.

Gel-Kissen für den Arsch, Sonnendeck ahoi
Nachdem er die Wallpaper-Gemeinde mit seinen garantiert ergonomischen Gel-Kissen-Stühlen schon mal bequem zu Tisch gebeten hat, holt Aisslinger jetzt den Rundum-Service-Plan für Hansi und Mausi Designbegeistert aus der virtuellen 3-D Tasche, Style-Garantie inklusive. Wohn-, Arbeits- und Lifestyle-Zelle in einem möchte er sein, der so genannte Loft-Cube. Ein quadratisch praktisches Haus, formschön im rundlichem Plastik-Look, das Wohnen, Arbeiten, Essen und Wellness auf kleinstem Raum ermöglichen soll. Einen schönen Lebens-Quader hat sich Aisslinger da entworfen, ein Raumschiff auf Erden geradezu. Doch soweit nichts Neues, nur eben frei transportabel, denn dieses Wohnschiff ist tatsächlich so mobil wie eine Löwenzahnpolle im Frühlingswind. Retro-Futurismus ist also nicht nur die Style-Devise des Loft-Cubes, sondern auch Leitgedanke seines Konzepts. Die Sonne geht auf, man wälzt sich hoch in seinen 42 Quadratmetern von kondensiertem Style und braucht nicht lange überlegen, wo man eigentlich ist, denn ein Blick aus dem Panoramafenster genügt. Zuckerhut oder Millenium-Riesenrad, Hafenblick oder Wolkenkratzer-Panorama, alles nur eine Frage des Reisebudgets und des Verhandlungsgeschicks bei der Abstellfläche-Akquise.

Gibt?s den auch in rosa?
Schöne neue Welt auffem Flachdach. Und in einer Stadt wie Berlin, wo Aisslinger das Konzept entwickelt hat und jetzt auch erstmals umsetzt, auf dem Dach des Universal-Headquater an der Oberbaumbrücke, bekommt das Ganze noch die dezent-obskure Note des Plattenbau-Romantik-Toppers trifft auf Sozialsprengstoff-Wohnutopie. Unter dir die letzten Häckeldecken-Fans im Timefreeze-Modus und darüber du mit deinem oberstyler Loft-Cube mit angeschlossenem Sonnendeck soweit der Dachlevel konstant bleibt, einer anderen Wanderroute je nach Windrichtung, einem integrierten Swimming-Pool auf dem eigenen Dach und Logen-Plätzen in jeglicher Lebenslage. Ist das okkupierte Gebäude groß genug, kann man sich zu Loft-Cube WG?s formieren, für notorische Beziehungshopper und projektbasiertes Arbeiten der Himmel auf Betongrund. Schlechte Jahreszeiten sind ab jetzt auch äußerst umgänglich, immer der Sonne nach ist ja eh so ein alter Menschheitstraum. Rosa-rote Welt des Urbanen ahoi!

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Elektronische Lebensaspekte.