Die Produktdesigner Voigt und Weizenegger schaffen mit modernsten Techniken ein Alltagsdesign, das das Wesentliche zum Schönen und den Konsumenten zum Produzenten macht. Beim Designmai passen sie ihren Industriestuhl "Sinterchair" dem individuellen Rückgrat von zehn Prominenten an. Ganz nach PLAN-A.
Text: Verena Dauerer aus De:Bug 71

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Oliver Vogt und Hermann Weizenegger gestalten seit zehn Jahren die Formen von vielem, einschubladen lässt sich das unter Produktdesign, Inneneinrichtung oder auch Dozententum wie bei Workshops fürs Vitra Design Museum: Porzellansets, Bürsten aus der Blindenwerkstatt, Platten-Regale, self-service-Bastel-Möbel und gerade die Lounge vom Hotel Ku’damm 101. Jede Menge Preise heimsten sie ein und wurden schon von der UNESCO gewürdigt. In welchem Bereich sie auch tätig werden, zeitlos formschön mit zielstrebiger Gewitztheit ist es. Formschön – für Oliver Vogt heißt das Reduzierung auf das Wesentliche und Form ohne Deko. Genau wenig genug wie die Autobahnschrift, die DIN-Schrift von Frutiger.
Formschön ist zum Beispiel die “Blaupause”, eine Möbelkollektion, die nur aus Schnittbögen besteht. Es kann auch eine Huldigung an die Plattenbauten sein wie beim Prinzip der Steckmöbel vom “123-Regalsystem”. Es besteht aus Betonschalungsplatten, die auf einem Gerüst zusammengesteckt werden. Ganz was anderes ist ihr Projekt “DIM”, die imaginäre Manufaktur: Bürsten und Besenwaren werden von der Berliner Blindenanstalt in Kreuzberg seit fünf Jahren nach V + W-Entwürfen und anderen Designern zu kratzbürstigen Schlüsseln, dominanten Schuhbürsten (“Dr. Bürstenschuh”), Gebissen (“Gebissbürste”) und der Kreuzkratzbürste (“Erlöserin”) verarbeitet. Oder sie bringen Multitasking in die Küche mit “Units”, dem Steckgeschirr für Thomas Rosenthal. Das Becherset ist so kommod stapelfähig wie Plastikgeschirr, leicht umzubauen und vielzweck-verwendbar mit ansteckbarem Henkel. Für Authentics entwarfen sie mit “Pure Glass” Gläser mit einem Hang zum strengen Laborutensil, aus Borosilikat gefertigt, mit Deckel als Tupperware verwendbar.

Prosument nach PLAN-A
Ihr aktueller Streich, der “Sinterchair”, schafft neue Abenteuer in Kunst und Technik. “Der Stuhl aus der Maschine”, so Oliver, wird in 24 Stunden individuell in 3D gezaubert. Aus Nylonfäden wird ein filigranes Netz aus Bienenwaben schichtweise per Laser mit der Sintermaschine gesponnen, einem bislang in der Auto- und Flugzeugindustrie eingesetzten Tool. Die Dichte des Musters wie seine Form richtet sich nach den persönlichen Befindlichkeiten aus dem Fragebogen des Kunden. Zum Designmai werden zehn Stühle gesintert, deren Beschaffenheit sich nach den Vorlieben von zehn Prominenten modelliert. “Sinterchair” verbildlicht PLAN-A, das Manifest der beiden Designer, indem er Produktionsabläufe knickt und sich Fertigung und Maschinen spart. “Bei PLAN-A, sprich der Fabrik der Zukunft und dem Produkt, das dabei herauskommt, ging es uns in erster Linie um das Szenario einer flexiblen Produktionsstätte. Das ein Stuhl herausgekommen ist, hat Methode, denn ein Stuhl ist die beste Ikonisierung dieses Prozesses”, sagt Oliver. PLAN-A bedeutet massenweise Individualanfertigung, und, wie damals bei der Möbelschablone, das Einsmachen von Produzent und Konsument zum “Prosument”. Es war deshalb nie gewollt, dem Design durch charakteristische Markierungen und Eigenschaften sein Logo aufzustempeln: Weg mit der Autorenschaft, hier kommt die Universalware. V + W schrauben lieber an Industriestandards. Jedes Stück von ihnen ist herausragend für sich im Sinn von bemerkenswert und gliedert sich trotzdem ein in die Reihe der Gebrauchswaren auf dem Küchenboard. Unaufdringlichkeit ist seine Eigenschaft und die Einbettung, das Eingleiten in den Alltag. Oliver: “Als ob es schon immer da war.” Sich der Umgebung anpassen, auch eine Form von Macht, um Platz zu machen für den Inhalt.

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Elektronische Lebensaspekte.