Die Detroit Escalator Co. sitzt in San Francisco. Da geht die Sonne nämlich viel öfter auf. Aber die Musik von Neil Ollieverra bleibt in Detroit und splittet das Erbe seiner Freunde May, Atkins, Saunderson in kleine Mikrokosmen, die mit ihrer eigenen Bildergalerie kommunizieren.
Text: Thaddeus Herrmann   aus De:Bug 54

Hochfahren mit
Detroit Escalator Co.

“Detroit ist auch nicht mehr das, was es mal war”, erzählt Neil Ollieverra aka Detroit Escalator Co. “Jetzt gibt es Downtown sogar eine Starbucks Filiale. Kannst du dir das vorstellen? ‘Hey komm, wir gehen einen Latte trinken Downtown Detroit’…Absurd! Die Mieten steigen und steigen, immer mehr Firmen eröffnen Büros, in ein paar Jahren wird man Detroit nicht mehr wiedererkennen können. Ich bin jedenfalls froh, für eine Weile hier in San Francisco zu leben.” Da ist es sechs Uhr früh, als ich Neil anrufe, was ihn nicht daran hindert, mir sein ganzes Leben zu erzählen. Doch zunächst die Fakten. Ca. 1995 veröffentlicht Herr Ollivierra zwei 12″s auf seinem eigenen Label und kurze Zeit später, 1996 um genau zu sein, das Doppelalbum “Soundtrack 313” auf dem englischen Label Ferox und fügt Detroit genau die musikalische Komponente hinzu, die ihr bislang noch fehlte. Kleine, minimale Mikrokosmen, vorsichtig gesetzte Töne, die sich in einem Berg aus Delays zu einer Art von elektronischen Songs zusammensetzen, doch dabei in ihrer Skizzenhaftigkeit sehr wage bleiben und einem die Stadt von einer anderen Perspektive zeigen. “Ich lebte von 1992 – 1995 in Chicago, hatte dort die beiden Maxis aufgenommen und kam zurück nach Detroit mit ein paar vagen Demos, aus denen eigentlich ein Album für Transmat werden sollte. Derrick May triezte mich immer wieder und bohrte nach. Eines Nachts fuhr ich mit dem Fahrrad durch Detroit und schnitt die Geräusche um mich herum mit einem DAT-Recorder mit. Diese nächtlichen O-Töne bilden das Herz des Soundtrack 313. Es ist eine Reportage, direkt aus Downtown.” May und Ollivierra hatten sich im Music Institute kennengelernt und bald schon arbeitete er für Mays Label Transmat. “Ich schrieb zu dieser Zeit Drehbücher, die Musik war mehr ein Hobby. Doch nach einem zerplatzten Deal mit einer Produktionsfirma wollte ich mit dem Schreiben nichts mehr zu tun haben, jedenfalls nicht um damit Geld zu verdienen. Also konzentrierte ich mich auf die Musik. Aber vorsichtig, weil ich nicht einen ähnlichen Reinfall erleben wollte wie mit dem Schreiben.”

Schwarze Gebäude

In der Tat hat es lange gedauert, bis es neues Material von Detroit Escalator auf Tonträger geschafft hat. “Das neue Album ‘Black Buildings’ gibt es nur, weil Peacefrog mich gefragt hat. Ich bin übervorsichtig mit meiner Musik und würde von mir aus, glaube ich, niemandem meine Tracks anbieten.” Black Buildings, das sind die 20 Tracks auf der CD auf der einen und eine Sammlung von großflächigen Bildern auf der anderen Seite, die Neil selbst gemalt hat. “Es ist kein Konzeptalbum, es ging mir lediglich darum, meine Situation in Detroit als Afro-Amerikaner künstlerisch umzusetzen. Ich mietete eine Etage in einem Warehouse, malte bis die Sonne unterging, schmiss den Pinsel in die Ecke und schaltete die Instrumente an. Bilder und Musik sind eng miteinander verknüpft, beide Seiten illustrieren sich gegenseitig.” Ollivierras Tracks haben sich über die Jahre weiter verfeinert. Die Delays schießen einem durch die Gehörgänge, die Drumcomputer entwickeln einen fast untanzbaren, nie dagewesenen Funk und die Melodien verquirlen diese magische Leichtigkeit zu einem süchtig machenden Ganzen. Jeder Track eine Geschichte, und Detroit hat viel zu erzählen. “Mir ist wichtig, dass Detroit in meinem Projektnamen auftaucht, denn hätte ich damals nicht Derrick, Juan, Kevin und die ganzen anderen DJs und Produzenten kennengelernt, wäre ich mit meiner Musik wahrscheinlich nie in die Öffentlichkeit gegangen. Außerdem ist die Escalator Co. so angenehm anonym, dass auch Kollaborationen einfach passieren können, ohne Dinge erst großartig erklären zu müssen. Ich habe zum Beispiel letzte Woche hier in San Francisco einen Drummer kennengelernt, mit dem ich unbedingt zusammenarbeiten will. Die Escalator Company soll ein Pool von Künstlern werden, die ständig irgendwie alle miteinander arbeiten. Die neue Platte hat mir Mut gemacht, ich glaube, dass eine ganze Menge passieren wird. Nur Detroit wird noch eine Weile auf mich warten müssen. Ich schaue hier aus dem Fenster, die Sonne geht gerade auf…das ist nicht Detroit und ich will hier nicht mehr weg.” Du hast ja alle Zeit der Welt, Neil.

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Elektronische Lebensaspekte.