Nix UR und Detroit Bass. Detroit Rock City! Die Präpunks MC5 forderten im Namen der White Panther Party in den 60ern dazu auf, die Levi's-Jeans auszuziehen und Sex in den Straßen zu machen. An diesen historischen Aufruf erinnern Levi's und reanimieren MC5 für ihren energetischsten Auftritt seit 30 Jahren.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 71

Es gibt ein Leben vor dem UR-Sweater
MC5 ziehen die Jeans an und kicken die Jams out – ein letztes Mal

Die Hose
Anfang der 80er setzte ein enormes Revival der Levi’s 501 ein. Das brachte ein Problem mit sich. All der finanzielle Erfolg konnte nicht darüber hinweghelfen, dass sich Levi’s einem Missverständnis gegenüber sah. Die 501 war plötzlich gesellschaftsfähig geworden, eine Bürohengsthose zu Businesshemd und Krawatte. Ein müder, domestizierter Abklatsch des einstigen Wildpferdes, das die treuen Eingeschworenen immer zwischen den Schenkeln spürten, sobald sie in ihr Paar sprangen. Marlon, Jimi, Janis, welcher schändliche Geist hat euch verraten? Levi’s verstand sich doch zeitlebens als die blau abgewetzte Fahne couragierten, ungebügelten Freigeistes. Ja, fast möchte man so weit gehen zu beschwören, Levi’s standen die Punks mit dem Mercedesstern am Lederjackenrevers bedeutend näher als die Nobelautos selbst mit dem Stern auf der Haube. Lebensvisionen werden nicht geboren in einem 9 to 5 Job, bei dem man höchstens den Arsch der Jeans durchwetzt statt der Knie.
Längst ist eine Richtigstellung fällig. Es muss wieder klar sein: Levi’s ist die Hose mit Pionier-Charakter. Einem Charakter, der keine Stacheldrahtzäune verträgt! Und Büroschreibtische schon gar nicht.
Also betont Levi’s bei seiner aktuellen Vintage-Linie genau das, vor dessen anrüchiger Derbheit die Bürohengste und Stacheldrahtverordner allzeit zurückkuschen werden: die groben Nähte, die Nieten, den tiefen Hüftsitz, der keinen Wohlstandsbauch duldet.

Der Rock
Jeder kennt Malcolm McLaren und die Sex Pistols. Aber was ist mit John Sinclair und den MC5? Mitte der 60er antizipierten die MC5 in Detroit mitten in der aufstrebenden Flowerpower-Friedseligkeit den aggressiv militanten Punkgestus. Ihr Spiritus Rector John Sinclair, ein ehemaliger Jazzkritiker und Mitglied der White Panther, die den Black Panthern die revolutionäre Stange zu halten gedachten, machte aus MC5 die lichterloh brennendste Rock’n’Roll-Aufstands-Revue, die Radical Chic auf einem 30-Tonner mit Vollgas zu seiner radikalen Einlösung dreschen wollte. Wenn die Stooges sich in nihilismusgeiler Selbstzerstörung suhlen wollten und The Fugs und Frank Zappa sich in politsatirischer Formzerstörung kaputtlachten, dann setzten MC5 alles aufs Durchbrechen, und zwar gleich ganz und endgültig aus den Repressalien einer sinnesfeindlichen Gesellschaft in die permanente Revolution als permanente Orgie – kick out the Jams. Das brachte John Sinclair in den Knast und MC5 in Vorortvillen.

Der Hosenrock
Die Erinnerung an diesen “elektromechanischen Höhepunkt des Zeitalters” (MC5-Fan Norman Mailer) wird durch die Levi’s Vintage-Kollektion geradezu zwanghaft aufgerufen. Denn wenn Malcolm McLaren Vivienne Westwood hatte, hatten MC5 Levi Strauss. Ohne Levi’s keine outgekickten Jams. Beteuert zumindest Wayne Kramer, Gitarrist der Band. Was liegt also näher, als das noch lebende MC5-Fragment um Wayne Kramer und Dennis Thompson 2003 um ein Konzert im Spirit of MC5 zu bitten, um es allen illegitimen Levi’s-Trägern ein für allemal einzubleuen, was für eines Geistes Denim-Kind ihnen da am schlaffen Arsch schubbert. Levi’s lud also zum einmaligen Gig von MC5 und kongenialen Gästen – Dave Vanian von den Klamaukpunkern The Damned, Lemmy von den Speedhardrockern Motörhead und Ian Astbury von den Breitwandglamrockern The Cult – in den Londoner Museumsclub 100 Club, in dem noch immer die Schweißperlen unzähliger Punk- und 60ies Soul-Nächte an der Decke, aber nur brave Oldtime-Jazzer-Portraits an den Wänden kleben. Und, he, was soll ich sagen: Fehlfarben, bedeckt euer Haupt mit Asche. Im Gegensatz zu euch keine Wampe nirgends bei MC5, weder musikalisch noch körperlich. Sie hatten zwar nicht mehr Sinclairs “Minister of Defence” und den Revolutionsüberbau, aber sie hatten dafür das geballteste musikalische Durchbrechen ohne wenn und aber seit ihrem ersten Album. Ich spielte in meiner antiautoritären Kindheit auf Baustellen. Einmal versteckte ich mich vor einem ungeheuerlichen Höllenrumms hinter einem Sandberg. Ich lugte klamm rüber. Da stand fauchend eine Kettenraupe. Komatsu ist nicht aufzuhalten, höhnte mich ein Schriftzug auf ihrer Flanke an. MC5 ist nicht aufzuhalten, brüllte es durch den 100 Club, bis die historischen Schweißperlen sich von der Decke ergossen.
Und, well, Kids, man wusste mal wieder, es gibt ein Detroit vor Underground Resistance. Und brach sich mit einer wehmütigen Träne einen Mercedesstern vom nächsten Briten-Benz, um ihn über sein limitiertes Konzert-T-Shirt mit Motiv von 60ies-Posterlegende Gary Grimshaw zu hängen.

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Elektronische Lebensaspekte.