Ron Murphy ist der Mann, der Jeff Mills und Co dazu gedrängt hat, Botschaften in die Auslaufrillen zu ritzen oder Platten von innen nach außen zu schneiden. In seinem Mastering- und Schneidestudio NSC nahm der Mythos, der sich später um Detroit rankte Gestalt an.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 100


Ron Murphy kennt sie alle

Debug: Mr. Murphy, erinnern sie sich noch, wann die Begeisterung für Platten bei ihnen anfing?

Ron Murphy: Oh ja. Als meine Mutter, ich war noch ganz klein, zum ersten Mal ”Symphony in Blue“ von George Gershwin auf ihrem neuen Phonographen abspielte und ich ganz fasziniert über eine Stunde auf die Platte und ihre Rillen starrte und mich fragte, wie das bloß möglich ist, Musik auf eine Platte zu bekommen. Ab diesem Zeitpunkt wollte ich mit Platten arbeiten. Meine Mutter hat zu Hause immer viel Musik gehört, aber immer nur Radio. Ich wusste nicht, dass es so etwas wie Platten gibt, und dachte, dass die Radiostationen während der Sendung immer voller Musiker sein müssten. Bis ich zum ersten Mal eine Platte gesehen habe, dachte ich, im Radio wäre alles live. Ich hab mir immer vorgestellt, dass dort ein ganz schönes Gedränge herrschen müsse (lacht). Auf jeden Fall war ich mir von da an sicher, dass ich immer etwas mit Musik und Platten zu tun haben würde, was ja auch eingetroffen ist. Ich liebe es, Platten zu schneiden. Wenn jemand etwas gefunden hat, für das er Talent hat und von dem er leben kann, dann ist er wirklich gesegnet. Ich bin jetzt 58 Jahre und alt und ich habe 1966 in einem kleinen Detroiter Studio angefangen als Engineer zu arbeiten. Die ersten Studios, die es in Detroit gab, waren die Studios von Radioleuten, die wussten, wie man produziert. Ich hatte das Glück, von Leuten zu lernen, die wirklich wussten, was sie taten. Die Techno-Kids hier in Detroit hatten niemanden, der ihnen das hätte zeigen können. Nachdem Motown Detroit verlassen hatte, gab es hier nichts mehr. Sie saßen mit ihrem billigen Equipment in ihren Schlafzimmer-Studios und haben einfach gemacht. Man muss wirklich den Hut ziehen vor dem, was sie erreicht haben.

Debug: Wie war ihr Verhältnis zu den Techno-Produzenten, mit denen sie ja ziemlich viel Zeit verbracht haben?

Ron Murphy: Die Jungs (oh man, ich nenne sie immer noch Jungs) sind vor meinen Augen erwachsen geworden, haben Kinder bekommen, geheiratet, all das. Sie nannten mich Onkel Ron und wir haben uns viel ausgetauscht. Ich war seit den frühen Sechzigern in der Musikindustrie beschäftigt, hatte schon alles gemacht – vom Label bis zum Produzieren – und hab ihnen Ratschläge gegeben. Ich hatte das Ganze studiert, sie hatten niemanden. Ich kann mich gut daran erinnern, wie zum Beispiel Mike Banks zu mir rüberkam und wir zusammen beim Mittagessen darüber geredet haben, wie ihre Plattenverträge sein sollten. Ich erzählte ihm, wie Motown es damals gemacht hat.
Als ich anfing mit NSC und gerade dabei war, mir langsam ein Business aufzubauen, hatte ich recht viel Zeit, die ich mir dann auch genommen habe, um mit den Jungs an ihren Tracks zu arbeiten. In der Anfangszeit saßen wir manchmal einen ganzen Tag lang bei mir im Studio, bis wir ein Ergebnis hatten, das akzeptabel war. Sie nahmen ihre Sachen meist einfach zu Hause auf Tape auf und die Qualität war wirklich mies. Die Jungs, die über die Jahre die besten Platten herausgebracht haben, waren die, die sich wirklich die Zeit genommen haben zu lernen, was eine gute Platte ausmacht. Leute wie Jeff Mills, Mike Banks und Richie Hawtin waren wirklich Studenten, die immer kamen und mich gefragt haben, wie sie verschiedene Dinge machen sollten. Aber es gibt auch einen ganzen Haufen von Jungs, die es bis heute nicht wirklich gelernt haben, denen der Sound immer noch egal ist. Sie machen dieselben Fehler, die sie seit Jahren machen, aber es interessiert sie nicht.

Debug: Die besondere Art und Weise Platten zu schneiden ist nicht nur zu ihrer Trademark geworden, sondern auch zu der von Detroit-Techno. Ein Teil der Legende. Wie kam das zustande?

Ron Murphy: Ich hatte damals viele Ideen im Kopf und diskutierte sie mit den Jungs, die zum Mastern und Schneiden zu mir kamen. Zum Beispiel kam Kevin Saunderson einmal zu mir, was eigentlich nie vorkam. Normalerweise schickte er immer einen Kurier mit einem Tape, das ich dann gemastert und geschnitten habe. Aber dieses Mal kam er persönlich mit ein paar Tracks, die er gerade fertig gemacht hatte. Er war ziemlich müde und während er sich bei mir im Büro ins Sofa sinken ließ, fragte er mich, ob es möglich wäre, mit dieser Platte irgendetwas Besonderes zu machen. Ich hatte schon eine Weile die Idee gehabt, eine Platte rückwärts zu schneiden, hatte mir das aber bis dahin aufgespart, weil ich diese Idee nicht an einen schlechten Track verschwenden wollte. Als erstes hatte ich Jeff Mills davon erzählt und es ihm angeboten, aber er meinte (imitiert Jeff Mills): “Och nööö, vielleicht beim nächsten Mal.” Kurz darauf bot ich es Richie Hawtin an, aber er konnte sich auch nicht so recht damit anfreunden. Als ich es schließlich an jenem Tag Kevin gegenüber erwähnte, guckte er mich an und fragte: “Rückwärts?” Und ich erwiderte: “Ja, vom Label auswärts.” Also stellte sich Kevin an einen meiner Plattenspieler und versuchte es sich vorzustellen, wie es wohl wäre, so zu scratchen. Nachdem er eine Weile eine imaginäre Platte gescratcht hatte, drehte er sich um und sagte: “Mach es!” So fing das damals an. Die Platte hat sich auch ziemlich gut verkauft. Auf Network, wenn ich mich nicht irre. Mit Jeff Mills lief es dann letztendlich ähnlich ab. Auch er schickte normalerweise immer jemanden mit einem Tape, das ich schneiden sollte. Zum Schneiden kam er eigentlich nie selber. Dieses Mal kam er aber und erzählte mir von seinem neuen Projekt, das ”Rings around Saturn“ heißen sollte, und auch er wollte etwas Besonderes damit machen. Mir war schon vorher beim Schneiden oft aufgefallen, dass viele Tracks auf Loops basieren, die sich wiederholen, und dass diese Loops teilweise eine ganze Umdrehung ausmachten. Also dachte ich mir, wenn der Track sowieso nur aus diesem Loop besteht, warum schneide ich dann nicht einfach nur diesen einen Loop in eine Endlosrille, dann muss ich nicht eine ganze Platte schneiden. Eigentlich war das eher ein Witz von mir. (lacht) Als Jeff mit ”Rings around Saturn“ kam, bot ich ihm an, um den Track einfach ein paar Endlosrillen zu schneiden. Wie die Ringe des Saturns. Was ich aber nicht bedacht hatte, war der Sound. Mir war nicht klar, dass der Track 133,3 BpM schnell sein musste, damit der Loop als Endlosrille funktioniert. Aber sein Track war, wie er mir später erzählte, 134 BpM schnell, also passte es. Nach einem Testschnitt entschied ich mich, es einfach zu versuchen. Ich markierte den Punkt der Platte, an dem ich anfing zu schneiden, und schnitt genau eine Umdrehung. Währenddessen saß Jeff herum und schrieb auf, was auf die Labels der Platte kommen sollte: Tracktitel etc. Aus irgendeinem Grund fangen die Jungs damit immer erst an, wenn sie bei mir sitzen. Als ob sie das nicht auch schon früher machen könnten. Na ja, egal. Als ich die Platte fertig geschnitten hatte, legte ich als erstes den Loop auf, und es funktionierte perfekt. Beim ersten Mal. Ich war ganz aufgekratzt und schaute mir an, wie sich die Platte immer wieder im Kreis drehte und denselben Loop spielte. Nach etwa zwei Minuten schaute Jeff plötzlich auf, weil eigentlich wohl eine HiHat hätte kommen müssen (Ron imitiert wieder Jeffs scheinbar etwas piepsige Stimme): “Hey Mann, was ist da los.” Und ich rief ihm aufgeregt zu: “Das ist der Loop. Die Endlosrille, von der ich dir erzählt habe.” Jeff sprang auf und ab da schauten wir beide auf die Platte, die sich immer noch perfekt drehte. Und nach kurzer Zeit stieß Jeff mich an und sagte: “Weißt du, was das bedeutet? Weißt du, was das BEDEUTET? Das müssen wir patentieren lassen.” Ich schaute ihn nur an und fragte: “Was meinst du mit ‘wir’?” (lacht laut)
Für mich war die Umsetzung dieser Ideen vor allem auch ein Weg, NSC außerhalb Detroits bekannt zu machen. Einfach weil es etwas Besonderes war. Ich weiß noch, dass Derrick May ganz am Anfang zu mir meinte, dass er mir eine Menge Kunden besorgen würde, da er so zufrieden mit meiner Arbeit wäre. Kurz darauf kam er wieder und erzählte mir ganz stolz, dass alle ganz heiß darauf wären zu erfahren, wo er seine Platten schneiden ließ. Er schaute mich an und meinte: “Weißt du was, ich werde es ihnen aber nicht erzählen.” Ich hatte mir schon gedacht, dass so etwas kommen würde, und deswegen erinnerte ich mich daran, dass früher immer etwas in die Platten geritzt wurde, und fing selber an, die Platten mit dem NSC-Logo zu markieren. In der Hoffnung, dass die, die wirklich interessiert waren, irgendwann eins und eins zusammenzählen und sich bei mir melden würden. Und weißt du, wer die ersten waren, die von außerhalb der USA in mein Studio kamen?

Debug: Nein, wer?

Ron Murphy: Es waren die Hardwax-Jungs. Mark Ernestus und Moritz von Oswald. Ich erinnere mich noch, dass ich den Plattenladen, kurz bevor sie zu mir kamen, geschlossen und ausgeräumt hatte, um mehr Platz zu haben für eine zweite Schneidemaschine. Und ich hatte all die Platten, die ich geschnitten hatte, an die Wand gehängt. Als die beiden also reinkamen, blieben sie erst mal wie angewurzelt stehen, als wären sie gerade in eine Kirche gekommen. Sie starrten die Platten an den Wänden an und riefen: “Das ist es, das ist es. Hier sind sie alle geschnitten worden.” (lacht. Sehr laut, sehr lang).

Debug: Sie wissen, dass die beiden ihr eigenes Schneide- und Masteringstudio gestartet haben, oder?

Ron Murphy: Klar. Sie riefen mich irgendwann an. Das war sehr lustig, denn sie wollten sich bei mir entschuldigen (imitiert Mark Ernestus’ Räuspern): “Hi Ron, es tut uns leid, wir haben uns eine Schneidemaschine gekauft. Es war ein guter Deal und wir hoffen, dass du nicht sauer bist.” Darauf fragte ich ihn, ob sie denn vorhätten, das Ding nach Detroit zu verschicken, was er verneinte. Ich: (brüllt ins Telefon) “Na dann ist es mir doch scheißegal.” (Ron prustet vor Lachen.) Meine Philosophie war immer, aus dem Schneiden keine geheimnisvolle Sache zu machen, weil es ein ganz einfacher Prozess ist. In dem man zwar viel falsch machen kann, aber wenn man es kann, ist es simpel. Da muss man nicht so tun, als ob man etwas ganz Mystisches macht, wie andere es tun. Ich weiß, wann eine Platte gut ist, und ich weiß auch, wann eine Platte, egal, was ich mache, scheiße klingen wird. Und ich bin da auch nicht zu schüchtern, es demjenigen ins Gesicht zu sagen. Es ist dann seine Entscheidung, ob er noch mal nach Hause geht und guckt, ob er einige meiner Ratschläge umsetzt oder ob er darauf besteht, dass ich die Platte so schneide, wie sie ist. In letzter Zeit habe ich aber viele sehr gute Produktionen geschnitten. Die Qualität hier wird bei vielen von den Produzenten immer besser. Das macht es natürlich auch mir leichter.

Debug: Aber Leute wie Theo Parrish und Omar S sind berühmt dafür, dass sie einen sehr dreckigen Sound haben.

Ron Murphy: Ich habe gerade vor zwei Wochen eine Platte von Theo Parrish geschnitten. Und auch sein Sound hat sich verbessert. Aber er war einer von diesen Jungs, die einfach nie zuhören und ihre Lektionen nicht lernen wollten. Als er das erste Mal hier war, Kenny Dixon Jr. hatte ihn mitgebracht, saß er total stoned rum und wollte immer an den EQs rumfummeln. Er drehte die Mitten hoch und dann die Bässe und Kenny war außer sich und schrie ihn die ganze Zeit an, dass er die Finger davon lassen soll. Kenny wusste, das man aus den Sounds, nachdem sie gesampelt waren, nicht mehr viel rausholen konnte, aber Theo wollte nicht auf ihn hören. (lacht) Na ja, als er jetzt vor zwei Wochen da war, war er wenigstens wach. Und die Platte ist auch wirklich gut. Sie müsste bald auf Sound Signature erscheinen. Wie gesagt, in letzter Zeit gab es eine Menge guter Platten, die ich gehört und geschnitten habe. Das war lange Zeit anders. Die sieben, acht Jahre davor musste ich teilweise wirklich schreckliche Platten schneiden. Klar, es gab großartige Ausnahmen. Aber sie waren genau das: Ausnahmen in einem Meer von Mittelmäßigkeit. Du musst wissen, dass ich nie einen Job abgelehnt habe, egal wie mies der Track war. Wie gesagt, wenn der Kunde darauf besteht, mach ich es halt. Aber irgendwann hatte ich das Gefühl, dass es meinem Ruf nicht gut tut. Deswegen bin ich froh, dass es jetzt wieder aufwärts geht. Leider sind die Plattenverkäufe nicht mehr so wie früher.

Debug: Wie haben Sie die Entwicklung von Detroit-Techno gesehen?

Ron Murphy: Etwa 1995 war der Zenit erreicht, danach waren die großartigen Sachen eher die Ausnahme. Vor zwei Jahren war ich mal im Rahmen des Detroit Electronic Music Festival zu einem Panel eingeladen. Und die erste Frage, die gestellt wurde, war: ”Was ist passiert?“ Terrence Parker und die anderen, ich weiß jetzt nicht mehr genau, wer alles da war, die mit auf dem Panel saßen, wussten keine Antwort darauf. Ich hab mir dann das Mikro geschnappt und habe gesagt, dass ich denke, dass es daran liegt, dass viele Detroiter Produzenten zu früh aufgehört haben Musik zu machen. Oder sie waren zu high. Mike Banks hat zum Beispiel Platten gemacht und sie unter Juan Atkins Namen herausgebracht. Ich hab das immer sofort erkannt, weil Mike Banks Gitarrist ist und egal welches Instrument er spielt, es hört sich immer so an, als würde er eine Gitarre spielen. Ich erinnere mich an eine Geschichte: Mike hatte eine Platte unter Juans Namen herausgebracht und sie verkaufte sich wirklich gut. Ich weiß leider den Titel nicht mehr. Auf jeden Fall treffen sich Mike und Juan eines Tages und Juan sagt zu Mike (Ron imitiert einen bekifften Juan Atkins): “Hey, ich höre in letzter Zeit immer wieder von dieser Platte von mir, aber ich kann mich nicht an sie erinnern. Aber ich höre, dass sie sehr gut ist. Hast du was darüber gehört?” Mike sagt ihm den Titel der Platte und darauf fragt Juan: “Und, verkauft sie sich gut?” Und als Mike nickt, saugt Juan kräftig an seinem Joint und ruft: “Ja Mann, ich glaube, jetzt erinnere ich mich. Ja, jetzt erinnere ich mich.” (lacht) Yeah right. Aber so war das damals oft.

Debug: So etwas habe ich auch schon gehört. Allerdings ging die Geschichte in etwa so, dass Mike Banks Rolando noch einen Gefallen schuldete und ihm deswegen ”Jaguar“ schenkte …

Ron Murphy: (lacht) Als Reagan Präsident war, gab es den Begriff ”Reagan Economics“, weil er eine bestimmte Art hatte, Dinge zu handhaben. Bei Mike Banks ist es dasselbe. Ich hab das immer ”UR-Economics“ genannt. Ich werde jetzt keine Namen nennen, aber die Geschichte stimmt für ziemlich viele Produzenten hier in Detroit. So ist Mike Banks eben. Wenn jemand bei ihm bzw. Submerge Schulden hat, versucht er einen Weg zu finden, damit sie Geld machen können, um es ihm zurückzuzahlen. Aber zurzeit geht es ihm finanziell selber nicht gut. Es stehen gerade einige Neuausrichtungen und Veränderungen an. Die Plattenverkäufe sind eingebrochen und die Ausgaben, die sie haben, allein für Personal, sind einfach zu hoch. Sie haben zwar noch ein gutes Einkommen, aber sie müssen ihre Ausgaben reduzieren. Aber um noch mal auf die Entwicklung von Detroit-Techno zurückzukommen:
Meiner Meinung nach hat sich der Sound damals zu schnell verändert. Und das war ein Grund, warum es irgendwann bergab ging. Die meisten der Techno-Jungs hatten und haben teilweise bis heute keinen blassen Schimmer davon, wie die Musikindustrie funktioniert. Sie wollen immer sofort etwas Neues machen. Guck dir Juan Atkins an. Für ihn war Elektro irgendwann sozusagen unter seiner Würde, weil er schon so viel davon produziert hatte. “I am moving on to better things”, sagte er immer. Aber die Leute wollten diesen Sound noch hören und andere kopierten ihn und verkauften stapelweise Platten. Sie haben ihn mit seinem eigenen Scheiß geschlagen. Ich hab ihm, und auch Mike Banks, immer gesagt, dass sie nicht aufhören sollten die Tracks zu machen, die sich auch verkaufen. Die die Leute immer noch wollen.

Debug: Gibt es denn noch neue Herausforderungen für Sie? Vermissen Sie manchmal die Zeit, in der sich die Fertigkeit Platten zu schneiden mit der Musik und den Ideen der Detroiter Produzenten zu einer konzeptuellen Einheit verschmolzen haben?

Ron Murphy: Ja, manchmal schon. Ich träume gerade davon, eine Platte zu schneiden, die nie endet. Die immer weiterläuft. Und das Lustige ist, dass der Teil, bei dem ich dachte, dass er am schwersten wäre, problemlos funktioniert hat. Die Idee ist, dass die Platte ganz normal von außen nach innen läuft und dann, wenn sie beim Label angekommen ist, wieder zurück nach außen läuft. Und das so lange, bis man die Platte vom Plattenspieler nimmt. Ich fragte mich, wie ich es schaffen könnte, dass die Nadel, wenn sie am Label angekommen ist, wieder zurückläuft, ohne zu springen. Wie schon gesagt bekam ich das problemlos hin. Aber da die Rille eine Spirale ist, muss ich die Rille, die von außen nach innen geht, und die, die dann von innen nach außen geht, einmal kreuzen. Wenn ich einen Weg finden könnte, das hinzubekommen, dann wäre das wirklich eine grandiose Sache. Ich brauche eine Weiche.

Debug: Gibt es die Plattenfirma NSC eigentlich noch?

Ron Murphy: Hm, ich weiß nicht. Was das angeht, bin ich etwas verwirrt. Die Qualität der Tracks, die mir angeboten wurde, verschlechterte sich, die Tracks, die ich gut fand, konnte ich nicht bekommen, und auch die Verkäufe waren nicht so, wie ich es mir gewünscht hätte. Ich würde das Label schon gerne wieder aktiver betreiben, aber momentan fehlt mir noch ein bisschen die Idee dafür. Vielleicht starte ich ein 7″-Label.

Debug: Und das wird dann auch ein House- oder Techno-Label sein?

Ron Murphy: Auf jeden Fall Techno. Vielleicht ein bisschen housey. Ich habe hier auch noch sehr viele Masterbänder von Soul-Bands aus den Sechzigern rumliegen, die ich auf 7″ wieder veröffentlichen werde. Für Sammler. Aber NSC wird immer ein Techno-Label bleiben, wenn ich es denn weitermache.

Debug: Haben Sie eigentlich jemals getanzt?

Ron Murphy: Ich habe mein ganzes Leben nicht getanzt. Ich bin ein echter Soul-Fan und hatte den kompletten Motown-Katalog. Ich hab selber Songs geschrieben und produziert, aber getanzt habe ich nie. Ich denke immer, dass ich bescheuert dabei aussehe. Ich glaube, da habe ich eine Phobie. Das war mir immer unangenehm. Ich bin auch nie ausgegangen. Auch nicht in den Sechzigern und Siebzigern. In meinen Ohren klangen die ganzen Soul-Bands live einfach nicht so gut. Ich hab mir lieber die Platten angehört. Ich war eigentlich nur in Clubs, als ich Ende der Sechziger mein eigenes Label hatte und meine Künstler irgendwo einen Gig hatten, da bin ich dann manchmal mitgekommen. Aber ich bin kein Partytyp. Ich höre auch die Techno-Platten am liebsten zu Hause oder wenn ich mein Studio aufräume. Einer meiner Lieblingstracks ist ”The Choice“ von Ron Trent und Chez Damier. Ich kann vor einem großen Publikum einen Vortrag halten oder eine Präsentation machen, wenn es um Plattenschneiden geht, aber in Clubs fühle ich mich komplett fehl am Platz.

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Elektronische Lebensaspekte.

2 Responses

  1. terry bell

    dnk, das interview ist godlike!