Detroit ist tot, es lebe Detroit. Die Heimatstadt des Techno blickt 25 Jahre nach Geburt sorgenvoll in die Zukunft und gebärt vorsorglich eine neue Kreativschmiede in der Provinz.
Text: Walter Wasacz aus De:Bug 91

Draußen ist es kalt.

Eine kalte Märznacht in Detroit. Auf der Straße ist nicht viel los. Die neu gelegten Bürgersteige in Downtown sind leergefegt. Bis man die Tür eines Clubs aufmacht. Egal welcher. Die Energie springt dich an. Egal ob Godfather, Theo Parrish, Kenny Dixon Jr. oder Todd Osborn von Spectral. Wenn alles glatt läuft, pulsiert der Raum mit Beats und schwitzt vor lauter tanzenden Körpern. Detroit lebt im Untergrund.

Die meisten Wochenenden gibt es alles. Straighte Techno- und Housesachen aus Detroit selber. Booty, Ghetto, HipHop, verrückte Elektro- und Punkverschnitte. Und – klar – die internationalen Superstars machen regelmäßig ihre Pilgerfahrt an die Stätte, die die Zukunft der Tanzkultur in den frühen 80ern erfunden hat.

Fast 25 Jahre nach der Geburt von Detroit Techno lebt die Stadt das immer noch intensiv. Aber die Veränderungen sieht man überall, in jedem Subgenre. Die erste Generation, Juan Atkins, Derrick May, Kevin Saunderson, immer noch aktiv, spielen mehr irgendwo anders in der Welt als zuhause. Atkins lebt in L.A., May und Saunderson kamen mit Carl Craig zusammen, um einige der freien Musikfestivals (DEMF, dann Movement, dann Fuse) zu organisieren. Für den 28.-30. Mai dieses Jahres ist die Saunderson-Crew KMS Productions am Steuer.

Diese Rekonstruktion des Festivals ist ein Symbol für den generellen Wiederaufbau und die Neuerfindung der Detroit-Szene. Während einige der Pioniere ausgezogen sind (allen voran Jeff Mills) und viele, die blieben, ihre Produktionsrate verlangsamt haben, halten ein paar der historischen Titanen die lokale Flamme am Lodern und finden über Submerge nach wie vor einen weltweiten Vertrieb. Die Hingabe von “Mad” Mike Banks, des Players der Szene von damals bis heute, ist eine dauernde Inspiration. Und seine Bescheidenheit lässt ihn weder sich selbst in den Vordergrund stellen, noch irgendetwas an anderen mäkeln. “Mad” Mike ist diese Art radikales Genie, das es nur selten gibt, und Detroit kann sich glücklich schätzen, ihn zu haben.

The Politics Of Detroit Dance

Während die musikalische Aktivität in Detroit immer weiter vorwärts geht, ist die Beziehung der Szene zu Politik, ob lokal, national oder global, bestenfalls und enttäuschenderweise minimal. Die Crews, die unter dem direkten Einfluss von Mike Banks und UR stehen, sind auch hier die Ausnahme. Und veranstalten nach wie vor Events, deren Erlöse Schulkindern und den verarmten Bewohnern der Stadt zukommen, denn Detroit ist immer noch eine der ärmsten Städte des Landes. Aber davon abgesehen gehen die Issues nicht über den Dancefloor hinaus. Während letzten Sommer und Herbst überall in New York und anderen Städten das Partyvolk gegen Bush aufgerufen hat und für die Gegner des Präsidenten Geld sammelte, gab es in Detroit nichts dergleichen.

Vielleicht ist einer der Gründe dafür der, dass hier in den Szenen starke Abgrenzungen herrschen. Techno- und House-Events ziehen zwar viele, aber immer die gleichen Leute. Die Booty- und HipHop-Partys haben etwas mehr Crossoverpotenzial, da die Leute hier vor allem wegen des Spektakels und in der Hoffnung auf eine Nacht voller unartiger Scherze zusammenkommen. Die Elektroszene wiederum hat einen Fan-Support, der nicht viel mit House oder Techno anfangen kann. Detroit 2005 ist eine Sammlung stark voneinander getrennter Szenen und Subszenen, die unabhängig an den gleichen Zielen arbeiten. Anders als in Berlin oder Köln, wo eine gegenseitige Abhängigkeit und Kameradschaft und das Teilen von Musik die deutsche Szene zu einer weltweiten Geltung gebracht haben. Detroit ist eine harte Stadt. Sozial, ökonomisch und kulturell. Und Künstler, genauso wie Fans, spannen die Musik lieber vor ihren eigenen Karren. Innerhalb Nordamerikas existiert Detroit als eine Art Insel musikalischer Produktivität. (Montreal in Kanada wäre vielleicht das einzig vergleichbare in der Nähe). Aber bedenklich wird das erst, wenn man sieht, dass sich bei manchen Detroiter Künstlern langsam eine Xenophobie entwickelt, die sich gegen Musiker richtet, die nicht aus ihrer Stadt kommen. Die Technoszene, die ein richtiges Protektorat rings um ihren Signatursound aufgebaut hat (hart, schnell, sehr laut), ist da gegenüber europäischen Variationen besonders misstrauisch.

Auch die “Rassen”-Separation der verschiedenen Szenen ist bedenklich. Als Michael Mayer neulich in Detroit gespielt hat, war er sehr enttäuscht, überall nur Weiße zu sehen. Techno – auch hier wieder in einer eher fragwürdigen Vorreiterrolle – ist immer mehr in eine Region gedriftet, in der die weißen Kids aus dem Umland klar in der Überzahl sind. Elektro hat ebenfalls zumeist weiße Crowds. House hingegen ist wesentlich integrativer, da hier auch die meisten DJs und Produzenten der Stadt Schwarze sind. Die Zahl der schwarzen Technoperformer in der Stadt nimmt aber, ebenso wie bei Booty und HipHop, ständig ab. Bei all dem sollte man aber auch nicht vergessen, dass der Konsum von Livemusik, ebenso wie der von Schallplatten, den Lauf der Wirtschaft widerspiegelt: Die Menschen, die Geld haben, werden daran teilnehmen können. Und das sind in Detroit nun mal hauptsächlich Weiße.

Es gibt Formen der Zusammenarbeit in der Stadt, aber in vielen Fällen erscheinen sie sehr gut nach innen abgeschirmt. Größere Organisationen wie Submerge und UR haben ihre eigene innere Gemeinschaft und hoffen, dass diese sich in andere Gruppen hineinträgt. Vor allem wird es wohl an dem Feuer von “Mad” Mike liegen, dass dies hier so erfolgreich funktioniert, und – wir haben es schon erwähnt – ein Nachfolger von ihm ist nicht in Sicht.

THE FUTURE OF THE FUTURE

Auch wenn viele Veränderungen zu beobachten sind, wie das Auswandern mancher Schlüsselfiguren, die weitgehende politischen Apathie und der Druck, mit der eigenen Mythologie fertig zu werden: Detroit ist immer noch ein wichtiger Player in der Szene der weltweiten Musikkultur. Die Frage wird aber wohl sein: Wie kann man das aufrechterhalten? Wie können zersplitterte Szenen wieder eine gemeinsame Basis finden? Wird die Struktur des Fuse Festivals (zum ersten Mal kostet es dieses Jahr Eintritt) erfolgreich sein? Kann diese Stadt, bekannt für die produktive Intensität und ihre Partys, wieder auferstehen, obwohl die Bevölkerung Detroits von 2 Millionen in 1950 auf 900.000 heute geschrumpft ist?

Wohin geht es mit Detroit in der Zukunft? Die Trends scheinen sich momentan aufzusplitten zwischen den Vertretern der traditionellen Stile auf der einen Seite und denjenigen, die etwas ganz anderes versuchen wollen. Im Detroit Underground finden sich Breaks, D&B und Techhouse-Experimente, und Acts wie Jimmy Edgar und Kero oder das Docile Label breiten sich immer mehr aus. Partypromoter spielen in Detroit mittlerweile auch eine große Rolle, allen voran Paxahau, die Crew, die in der letzten Zeit einige der Größen Europas geholt hat (Michael Mayer, Reinhard Voigt, Jake Fairley, Monolake, Thomas Brinkmann, Vladislav Delay/L’uomo) aber auch das Suft Curls Team hat mit Pole, Highfish, Thomas Fehlmann, Bus und Alexander Robotnick für Erfrischung gesorgt und will demnächst auch Tracks von Sienkiewicz und Highfish releasen.

Ein paar der besten Elektro-Acts, oder Dance Punk wie es hier manchmal heißt, kommen aus Detroit. Klar, an Ersatz Audio kommt da ebenso keiner vorbei, wie Adult immer noch beweist, wie an Brendan Gillen und seiner Band Ectomorph. Womit wir schon in Ann Arbor wären. Und beim unglaublichen Output von Ghostly/Spectral, dem in Detroit wohl keiner hinterherkommt. Da Ann Arbor glücklicherweise aber zu klein, provinziell und für die meisten Studenten eine Zwischenstation ist (Heimat der University Of Michigan) wird es wohl nicht zum nächsten Detroit werden, hilft aber, die Tradition von Detroit am Leben zu erhalten: ebenso mutige wie frische Musik zu machen. Denn in Detroit gilt noch immmer: Wer nicht geladen ist, nicht im richtigen Moment die Bombe platzen lassen kann, der hat in Techno City keine Überlebenschance. Wenn du von der leeren Straße in den Club hinuntergehst, dann sollte da jemand hart an den Beats arbeiten, um dich da unten zu halten. Und in Detroit ist das meistens auch so.

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Elektronische Lebensaspekte.