Text: taddi aus De:Bug 05

Detroit – Urlaub im Mythos

Thaddi Herrmann
thaddi@zedat.fu-berlin.de

“Germany? So, what is the SPD doing?” fragt der Taxifahrer, der eigentlich aus Ghana kommt, lange in Hamburg gelebt, in Hotels gearbeitet hat und jetzt in Detroit Leute vom Flughafen nach Downtown fährt.
Ich besuche Detroit zusammen mit einem Freund als klassischer Technotourist. Wir verbringen eine Art Wochenendurlaub im Mythos. Trotzdem kommen wir ohne große Erwartungen oder Anlaufpunkte und vor allem nicht, um einen epischen, im Kopf schon halbfertigen Grundsatzartikel über Detroit mit allerhand staubiger Philosophie von vorgestern zu schreiben. Was mich betrifft, soll ein kleines, spontanes Reisetagebuch entstehen, mit dessen Hilfe man sich vielleicht einige Fragen beantworten kann.
Wir nähern uns Detroit, wie man sich jeder amerikanischen Stadt nähert: per Flugzeug und Taxi. Der Flughafen ist mittelprächtig langweilig und die Autobahn nach Downtown genauso durchgerockt wie in New York oder anderswo. Rechts neben dem Freeway liegt eine Ford-Fabrik und wir hören, was wir bereits zu wissen glauben: Daß Detroit irgendwie anders ist. Ja, die Arbeitslosigkeit sei hoch, höher, als die Stadtverwaltung zugibt und unser Taxifahrer möchte so bald wie möglich zurück nach Ghana. “Und dann? Wieder ins Taxi?”, fragen wir. Aber da ist er sich noch nicht so sicher. “Ghana ist wie Detroit. Man findet keinen Job, man schafft sich einen.” erwidert er, als wir gerade am Motown Museum vorbeifahren.

Samstag, 27.09.1997
Wir wohnen im elften Stock eines der drei Hotels in Downtown, Windsor/Kanada ist in Sichtweite. “Was kann man denn in Detroit unternehmen?” mimen wir an der Rezeption die ahnungslosen Touristen, die irgendwie das falsche Flugzeug erwischt haben und jetzt in einer Stadt gestrandet sind, die man eigentlich eher links liegen läßt. “Mmmm…Windsor ist sehr hübsch” ist die etwas verlegene Antwort. Die Stadtpläne, die wir bekommen, sind fotokopiert.
Mit Terrence Parker (Studio K7) wollen wir uns treffen. Er soll am Abend auch auf einer größeren Party spielen. Außerdem kennen wir schon die Anrufbeantworter von Alan Oldham aka DJ T1000, Pure Sonik Records) und K. Hand (Acacia).
Es ist erst 13.30 Uhr; ich rufe bei Submerge an, einer der beiden Vertriebe in Detroit, außerdem Plattenladen mit Studio von Underground Resistance. “YouÔve reached Submerge”, raunt mir eine Telefonanlage entgegen, “press 3 for store appointments”. Obwohl Submerge einer der größten UPS-Kunden (gleich nach General Motors und Konsorten) der ganzen Detroit Metropolitan Area ist, hat der Laden keine festen Öffnungszeiten. Anrufen und einen Termin machen, so läuft das. Zwar habe ich bald eine Pager-Nummer, doch irgendwie verliere ich mich im Dschungel der Telefonanlage und so kommt es, daß ich nochmal und nochmal und nochmal dieselbe Nummer wähle und irgendwann nimmt jemand ab. Die Stimme kenne ich schon. “Submerge?” Ich frage, ob und wann ich vorbeikommen könne und erfahre, daß der Submerge-Plattenladen eigentlich nicht mehr existiert. Es gebe einen neuen Laden, den Metroplex Shop. Der habe sogar richtige Öffnungszeiten, außerdem gehöre er Juan Atkins und da werde Submerge als Laden nicht mehr benötigt. So richtig offen sei Metroplex aber wiederum auch noch nicht, schwierig zu erreichen und zu finden obendrein und ob ich nicht einfach vor 15.00 Uhr vorbeikommen könne. “I play Baseball at three, so…” Verwirrt machen wir uns auf den Weg.
COVERENDE

Submerge ist vom Hotel nur knapp 10 Minuten entfernt. Auf dem Weg dorthin haken wir einen Teil der Innenstadt ab und baden im Detroit-Klischeé. Uns umgibt eine gute Portion Trostlosigkeit. Die Sonne scheint, aber außer uns sind kaum Leute unterwegs. Die wenigen noch existierenden Läden haben bereits geschlossen. Detroit ist der Super-Gau der amerikanischen Downtown-Misere. Über uns rattert der people mover, eine vollautomatische, hochmoderne Einschienenbahn, die die Existenz eines öffentlichen Nahverkehrs in Detroit vortäuscht. Seine Strecke ist ein Loop.
Bei Submerge wartet ein Typ auf uns, der sich als Mike vorstellt und uns den Laden aufschließt. Rund eine halbe Stunde später ist klar, daß Mike mit Nachnamen Banks heißt. Glückliche Umstände und gemeinsame Bekannte machen die Unterhaltung leichter und ehe wir es so richtig mitbekommen, haben wir die Büros und das Mailorder-Lager besichtigt und einen Blick in das U.R.-Studio geworfen, aus dem der eine oder andere wichtige Track kam. Über dem Mischpult kleben Metalheadz-Sticker.
Irgendwie klappt es mit dem Plattenkaufen nicht, denn Mike Banks erzählt und erzählt. Der Laden sollte eigentlich schon vor geraumer Zeit schließen, aber da öfter Leute aus Europa oder Asien bei Submerge klingeln, als aus den Suburbs in Michigan, hat es noch nicht so richtig geklappt. Dabei gibt es seit geraumer Zeit neue Bebauungspläne für das ganze Viertel und der Countdown für den jetzigen Standort von Submerge, 2030 Grand River, läuft bereits. Dann ist es kurz vor 15.00 Uhr, das Baseballspiel rückt näher und wir verabreden uns für Sonntagmittag. Banks gibt keine Interviews. Das Wesentliche über Detroit könne man aber eh nicht erzählen, das müsse man sehen. Und er will es uns zeigen.
Auf dem Weg zurück ins Hotel schauen wir noch ins Renaissance Center rein, dem Hochhausklotz in Downtown, einer Mischung aus Einkaufszentrum und Hotel. Es ist wahrscheinlich die einzige Mall in den USA, in der die wenigen Besucher unbekümmert rauchen und die Finanzmittel für die Fertigstellung so unglaublich früh zur Neige gingen, daß dies nicht mal notdürftig vertuscht werden konnte. Wir suchen einen Buchladen, genauer den Buchladen in Downtown, um uns nach dem Buch The Mental Machine von The Electrifying Mojo zu erkundigen. Mojos Rolle in Detroit, das wurde bereits in der ersten kurzen Unterhaltung mit Mike Banks klar, war und ist größer, als ich bislang angenommen hatte. Nebenbei erfuhren wir, daß er immer noch sendet, Sonntagabends. Wir fragen an der Kasse und der Verkäufer befragt leicht irritiert seinen Computer und findet tatsächlich einen Eintrag: Lieferzeit 6 Wochen. Neben uns steht eine Mutter mit ihrer Tochter, die beim Namen Mojos aufhorcht, sich umdreht und uns fragt: “Mojo? The DJ?” Wir bejahen und sie erzählt uns, sie habe zwei Kopien des Buches, höre seit Jahren seine Sendung und woher wir Mojo kennen würden, da wir ja offensichtlich nicht aus Detroit seien. “Wer ist denn das, dieser Mojo?”, fragt jetzt der Verkäufer, der merkt, daß ihm sein Beratungsgespräch entgleitet. “Ein Radio-DJ, der immer von den Sendern rausgeschmissen wird, weil er die Sachen spielt, die ihm gefallen”, erwidert die Frau. Allgemeinbildung in Detroit, wie wir später merken.
Zurück im Hotel und die VoiceMail-Anzeige vom Telefon blinkt wie verrückt. Terrence Parker hat sich gemeldet, ebenso Alan Oldham und K. Hand. Zunächst rufe ich Dan Sicko an, einen freien Journalisten, dessen Artikel “Techno Rebels. DetroitÔs Agents of Change” im URB-Magazine (VOL. 6, NO. 50, AUG/SEPT. 1996) Aufklärungsarbeit im eigenen Vorgarten leistete. Techno aus Detroit ist in den USA immer noch kein Thema, allenfalls Motown wird mit der Stadt assoziiert. Dan hatte mich per E-mail mit Landekoordinaten für Detroit versorgt und einige Hotels empfohlen. “Hat sich Alan Oldham schon gemeldet?” fragt er. “Ja, auf dem Anrufbeantworter.” “Na, den sammle ich auf dem Weg ein. Bis gleich.”
Es dauert keine Stunde und die beiden stehen im Zimmer und bewundern den Ausblick auf Windsor. Wir einigen uns zu Record Time zu fahren, einem weiteren Traditionsplattenladen in Roseville, rund 20 Minuten von Detroit entfernt. Im Autoradio läuft die neue LP von PLAID und wir reden über Pure Sonik, das relativ neue Label von Alan. Nummer vier und fünf sind gerade als Anpressungen da und über die Verkäufe will er sich nicht beklagen. Warum aber wurde Generator, sein früheres Label, eingestellt? “Wir hatten alles gezeigt, alles durchdefiniert”, antwortet Alan. “Pure Sonik ist ein neues Kapitel, ein sehr persönliches, denn ich veröffentliche nur mein eigenes Material.” Bei Submerge hatte ich beim ersten Durchschauen keine Platte gefunden, die man nicht getrost als Techno bezeichnen könnte. Auch die Pure Sonik Releases, die von Submerge vertrieben werden, klingen sehr traditionell. Warum nicht mal andere Dinge ausprobieren? “Das ist wie ein Handwerk”, sagt Alan, “ich bleibe der Sache treu, die ich am besten beherrsche. Das heißt nicht, daß ich andere Entwicklungen nicht verfolge. Drum & Bass ist interessant, aber ich kann mir nicht vorstellen, jetzt mit Breakbeats zu experimentieren. Das können andere besser.” Man merkt Alan an, daß er hart gearbeitet hat, um dorthin zu gelangen, wo er heute ist. Sein Debüt auf Tresor erscheint in wenigen Wochen. “Und wenn der hier nicht wärÔ” sagt er und winkt mit seinem eingegipsten Arm, “wäre ich heute bestimmt auch nicht in Detroit.” DJ-Schicksal. Das Wochenende gehört den Fluggesellschaften.
Bei RecordTime, einem großen Laden mit guter Techno- und Dance- Abteilung, streiche ich ein paar Einträge auf meiner “wanted-list”, schlendere zur Kasse und der Verkäufer will wissen, von wo er mein Elektro T-Shirt bekommen kann.
Inzwischen ist es dunkel geworden und nach einem kurzen Stop am Geldautomaten fahren wir ins Union Street, einem gemütlichen Restaurant auf halbem Weg nach Downtown. Auf dem Freeway ist die Hölle los und plötzlich merke ich, daß Detroit doch nicht so ausgestorben ist. Bei Bier und dem obligatorischen Eiswasser stöbere ich weiter in der Geschichte Detroits und erfahre, daß die Belville Highschool, die Schule, auf der Juan Atkins, Derrick May und Kevin Saunderson sich trafen, eigentlich gar nicht die Techno Highschool war. “Meine war viel technoider”, grinst Alan. “Blake Baxter, Scan 7, K. Hand und ich. Immerhin vier Leute!”
Dan Sicko, der sich in seiner langjährigen Tätigkeit als Journalist glücklicherweise die nötige Neutralität bewahrt hat, also eigentlich mit jedem gut auskommt und gerade ein Buchprojekt über Detroit und seine Musik betreut, kommt wieder auf die Rolle Mojos und des Radios zurück. Als Disco verebbte, fing Mojo an, New Wave zu spielen. Human League, Gary Numan, B 52Ôs. Soft Cell und Depeche Mode nicht zu vergessen. “Depeche Mode?” Alan schaut von seinen Spare Ribs auf: “The best band in the world!” Auch Alan hat eine Radiokarriere hinter sich. “Es gab eine Zeit, da gab es für amerikanische Verhältnisse eine relativ gute Radio-Infrastruktur in Detroit. Zumindest ein paar gute Shows,” sagt Alan. “Mojo hat die Leute vorbereitet! Er ließ die Hörer oft im Unklaren darüber, was gerade auflag. Er hat das Interesse geschärft. Gleichzeitig hat er Leute rauf und runter gespielt, an die er geglaubt hat. Prince war ein Star in Detroit, bevor überhaupt jemand im Rest des Landes von seiner Existenz wußte. Schwarze Kids, süchtig nach Industrial. Daran war das Radio schuld. Und heute? ItÔs all fucking HipHop!”
Weil Jeff Mills ja schließlich auch eine Radioshow hatte, landen wir irgendwie bei ihm und Alan erzählt uns seine favorite Jeff Mills story. “Habt ihr schon mal darüber nachgedacht, wo dieses Image von Underground Resistance herkam? Ich war mit Jeff beim Front 242 Konzert. Die hatten wieder ihre üblichen schußsicheren Westen an, Militärklamotten und ihre Gesichter waren nicht zu erkennen. Und Jeff schubste mich nur an und meinte: “Cool, sowas muß ich auch machen.” Ein Weile später kam die Riot E.P.”
Nochmal ein paar Jahre zurück. Warum hat sich Techno dann entwickelt? Ebenso hätte Detroit ja zur Synthiepop-Hauptstadt der Staaten werden können. “Daran ist wohl Derricks Mutter schuld.” sagt Alan. “Derricks Mutter?” “Ja, die wohnte in Chicago und Derrick war oft bei ihr. Da hat er wohl gemerkt, was man von House übernehmen müßte, um mit Techno auch ein bißchen Geld zu machen.”
Auf dem Weg zurück ins Hotel sprechen wir noch kurz über die Party am Abend. Wir sollten auf alles vorbereitet sein. Ein Rave in der Vorstadt sei nicht so stilvoll, wie wir uns das vielleicht für eine Party in Detroit wünschen würden. Wir verabreden uns um Mitternacht in der Nähe des DJs.
Vom Hotel aus rufen wir rufen Terrence Parker an. In seinem Haus war am Vormittag ein Rohr geplatzt, was ihn den ganzen Tag beschäftigt hat. Jetzt ist er entsprechend müde und auch ein bißchen skeptisch, was die Party angeht. Der Soundcheck war desaströs und die Promoter reichlich verpeilt. Naja. “Ich bin gegen 23 Uhr im Hotel”…
Terrence Parker entpuppt sich als ein wahnsinnig lieber Mensch, mit dem man sich wunderbar unterhalten kann, auch über andere Dinge als Musik. Wir bleiben aber bei unserem Lieblingsthema, denn im Autoradio läuft eine Variante von Bass, die wir so bislang noch nicht kannten. Irre schnelle Breakbeats, eine Sampling-Attitude von 1992 (alles rein, Hauptsache viel), darüber ein MC, der so herrlich albern ist, daß die ganze Mischung einfach nur noch lustig ist, einem nach 20 Minuten dann aber aucn langt. “Das hören die HipHop Kids am Wochenende.” erzählt Terrence Parker. Und warum dann kein Jungle? “Gute Frage, irgendwie klappt das noch nicht. Aber heute abend läuft auf alle Fälle ein bißchen DrumÔnÔBass.” Wir biegen von einer Hauptstraße ab und sind schon fast da. Die Autos werden auf Parkplätze gelotst und schließlich stehen wir in einer riesigen Lagerhalle: Deko gibt es nicht, und die ganze Halle sieht aus, als ob sie erst vor wenigen Tagen gebaut wurde.
Musikalisch verspricht die Party eine bunte Mischung zu werden. Drum’n’Bass sollte es geben (Auf dem Flyer stand Lemon D., ich bilde mir auch ein, ihn gesehen zu haben. Gehört habe ich ihn aber nicht.), Kevin Saunderson (dto.), Terrence und noch ein paar unbekannte Leute. Wir kommen also rein, es ist ungefähr 23.30 Uhr und der erste DJ des Abends begrüßt die Leute mit Atomkriegsjungle, womit die Kids nicht so unbedingt klarkommen. Wir ziehen uns erstmal an die Bar zurück, wo sich Dan Sicko und Alan Oldham auch schon postiert haben. Die amerikanische Raveruniform ist schnell ausgemacht: Wahnsinnig weite Hosen, unter denen man die Schuhe einfach nicht mehr erkennen kann. Zu diesen enorm schicken Hosen trägt der Vorstadtraver dicke Absperrketten an der Hose. Meine Plastikflasche Mineralwasser lasse ich aber erst fallen, als mir die Leuchtstäbchen auffallen, die hier scheinbar irre in Mode sind. Leider bekomme ich bis zum Ende nicht heraus, ob das ein neuer Trend ist, oder ob die Leuchtstäbchen immer noch aktuell sind. Auf jeden Fall dauert es keine fünf Minuten, bis mich ein ungefähr 16jähriger Typ fragt, ob ich Speed möchte. Der Sound ist echt schlecht und irgendwie ist es nicht meine Party.
Nach dem Techstep-Gewitter legt dann Terrence Parker auf. Er beginnt mit einem alten New Wave Song, langsam wird die Bassdrum grader und grader, dann kommt der erste HouseTrack, gefolgt von Michael Jackson und wieder zurück. Die Mischung ist wild und gewöhnungsbedürftig, aber technisch brilliant und zumindest sehr inspiriert. Das dauert so bis 2.00 Uhr und kurz bevor Terrence’ Set zu Ende ist, tippt mich ein Mädchen an und fragt: “Are you from outta town?” “Ja.” erwidere ich. “Germany?” Langsam wird es mir unheimlich und ich sage nochmal ja. “Are you from Basic Channel?” Energisch schüttele ich den Kopf und flüchte in eine andere Ecke und überprüfe, ob mir jemand German auf die Stirn tätowiert hat. Dann ist Terrence fertig, ziemlich genervt und fragt, ob wir noch bleiben wollen. In dem Moment tippt mich ein Typ an und fragt: “Are you the Basic Channel guy?” Dann gehen wir endlich. Wieder im Auto fahren wir durch die Detroiter Nacht Richtung Innenstadt. Noch ein Mixtape für den Weg; wir wollen am Sonntag telefonieren.

Sonntag, 28.09.1997
Wieder ist das Wetter erschreckend schön und wir trudeln so um 12.30 Uhr bei Submerge ein. Erst jetzt fallen mir die Briefkästen auf. Die Namensschilder lesen sich wie das Who is Who des Techno: Rob Hood, Mad Mike, Metroplex, UR, Alan Oldham. Mike Banks wartet schon: “IÔm gonna teach you some shit, get in the car.” Was folgt ist eine stundenlange Reise durch Detroit und die Umgegend. Dabei geht es weniger um die Musik. Die Technostraße, mit dem Büro von 7th City, dem zweiten großen Vertrieb neben Submerge, dem Loft von Derrick May und einem noch nicht genutzten Haus gewisser europäischer Produzenten, dem Second- Hand Laden, in dem schon so mancher Synthesizer über den Ladentisch ging, haben wir ziemlich schnell abgehakt, genau wie die Clubtour mit dem Music Institute, der Location vergangener Tage schlechthin.
Wir wollen versuchen zu begreifen, warum Techno hier entstand und, was vielleicht noch viel wichtiger ist, warum die Musik hier immer noch gemacht wird. Positiv formuliert: sehr traditionsbewußt. Eine Tatsache, die inzwischen aber mehr Vorwurf als Kompliment ist. Eine Antwort bekommen wir nicht, nur Indizien können wir sammeln. Die Situation der Stadt hat sich für die Menschen in den vergangenen Jahren nicht großartig geändert. Soziale Bedingungen und musikalisches Output bedingen sich hier. Das haben wir bereits begriffen.
Aber dennoch: “Detroit tritt auf der Stelle, es gibt keine neuen Impulse, junge Leute können nicht Fuß fassen, die Szene ist geschlossen” sind die Anschuldigungen. Das sei eine reine Schutzmaßnahme, wird uns im Auto erklärt. Viele der Plattenfirmen mit Postfachadresse in Detroit haben ihre Büros ganz woanders, spielen mit dem bekannten Namen, lassen sich aber nie in Detroit sehen, geschweige denn bei Submerge. Da gibt es keinen Respekt. Doch genau darum geht es. Zuviele Typen seien in den vergangenen Jahren in der Stadt aufgetaucht, hätten interessiert getan, die Zeit der Musiker verplempert und wären dann irgendwann wieder nach Europa abgehauen und hätten dumme Artikel geschrieben, dabei aber nie daran gedacht, den Menschen in Detroit irgendetwas zurückzugeben, etwas für DJ XY zu arrangieren oder in einem Artikel nicht wieder auf den üblichen Klischees rumzureiten. Also sei man vorsichtig geworden, jedem gegenüber. Als Techno groß wurde und die ersten DJs in Europa für längere Touren gebucht wurden, teilweise mehrere Monate weg waren, fiel die Szene in Detroit in eine Krise. Die DJs waren nicht nur Musiker, sondern auch soziale Vorbilder und wurden von den Kids als eine Art Lehrer respektiert. Sie brachten Ordnung, waren Orientierungshilfen. Von Europa aus war das nicht mehr möglich. Auch die drei großen Labels, Metroplex, KMS und Transmat, lagen auf Eis, Veröffentlichungen wurden seltener und seltener. Nur sehr langsam entwickelten sich daraufhin neue Labels, die die neuen Talente auffingen. Und unmöglich bei Submerge unterzukommen sei es ganz und gar nicht. Da draußen gibt es einen Haufen Vinyl, an dem Mike Banks mitgearbeitet hat, sein Studio für die Produktion zur Verfügung gestellt hat, einfach nur, weil die Kids, schwarze oder weiße, korrekt waren und klar war, daß man miteinander arbeiten könnte.
Offenbar braucht die Stadt Persönlichkeiten und Orientierungshilfen. Noch nie wollte ich das akzeptieren. Aber in Neighborhoods mit großen sozialen Problemen sind jede Menge Rattenfänger unterwegs, schmierige Pseudogurus. Da muß man selbst über das Engagement der Nation Of Islam froh sein, auch wenn Mike Banks die sehr skeptisch beobachtet. Sicher, es gebe einige Dinge, mit denen sie recht hätten, aber alles würde auch er nicht unterschreiben, im Gegenteil. Langsam kommen wir in eine Gegend, die ich Ghetto nennen würde. Doch dieses Wort ist hier nicht so beliebt. Ghettos gibt es nur in den Köpfen, höre ich. Soviel zu vertrockneten Slogans. Dann wird es etwas konkreter. “Was ihr in Downtown gesehen habt, die vernagelten und verlassenen Häuser…das bedeutet nichts. Schließlich könnt ihr da nicht reinschauen. Detroit lebt. Unsichtbar und vor allem nachts. Überall arbeiten kreative Menschen an ihren Visionen. Musiker, Künstler und skurile Typen” sagt Mike.
Tyree Guyton ist so einer. Er arbeitet seit über zehn Jahren am Heidelberg Project. Zunächst begann er überall in Detroit bunte Punkte – Polka dots – an Häuser, Bäume und auf Bürgersteige zu malen. Eine ähnliche Idee wie die Smileys auf Hamburger Verkehrszeichen. Doch Tyree, ein freundlicher, engagierter Mann Mitte 40, ging gleich mehrere Schritte weiter. Die Straße, in der er geboren wurde, die Heidelberg Street, kann man seit einigen Jahren nicht mehr wiedererkennen. Die Bürgersteige sind gesäumt von ausgestopften Tieren, alten Schuhen, Spielzeug und kaputten Puppen. Auf einer Wiese steht der Bus, in dem Rosa Parks sich 1955 weigerte, ihren Platz zu räumen. In den Südstaaten waren Schwarze im öffentlichen Nahverkehr dazu verpflichtet, den Sitzplatz für Weiße zu räumen. Kinder aus der Nachbarschaft spielen zwischen den alten Spielzeugen, die Häuser sind knallbunt angemalt und man denkt, man ist in einer Märchenwelt. Tyrees Kunst ist eine wilde Mischung aus Dada und Pop, traditioneller amerikanischer Volkskunst und der sogenannten African-American Yard Art, einer Kunsttradition aus den Südstaaten, bei der Vorgärten, ganze Häuser und Bäume mit allerhand Schrott dekoriert werden.
Diese Kunst kann man mögen oder nicht. Wichtig ist, daß so die Heidelberg Street von einer unangenehmen, gefährlichen Straße in eine liebenswerte Neighborhood verwandelt wurde. “Die Polka Dots in der Stadt sollen einfach Aufmerksamkeit erregen, die Menschen einen Moment lang zum Nachdenken anregen.” erzählt uns Tyree, nicht ohne Stolz. Denn schon die Farbkleckse in der Stadt brachten ihm Ärger mit der Stadtverwaltung ein. Es ist noch nicht lange her, da rückten die Bulldozer an und zerstörten einige seiner Projekte. Inzwischen ist das öffentliche Interesse aber zu groß und Tyree verhandelt mit der Stadt über die Legalisierung und den Ausbau des Projektes. “Es ist Zeit für eine Revolution,” sagt er “für eine künstlerische Revolution. Wir müssen die positive Energie wiederfinden. Wer heute in Detroit Erfolg hat, zieht sofort weg. Dem müssen wir entgegen wirken. Die Leute müssen bleiben und ihre Heimat neu gestalten, wieder lebenswert machen. Initiative ist gefragt. Die Menschen hier in der Gegend leben in einem fürchterlichen Trott. Den müssen wir sprengen.” Im Informationshaus will Tyree demnächst eine P.A. installieren, die CDs hat Mike Banks schon vorbeigebracht. Nichts ist unmöglich, genausowenig wie ein Benefizkonzert für das Heidelberg Project von Underground Resistance.
Wieder im Auto, begreife ich, was mir Tyree erklärt hat. Fahr eine beliebige Hauptstraße in Detroit entlang und du begreifst die Struktur der Stadt und welche Kräfte hier wirken. Zwei Dinge bestimmen das Leben: Kirchen und Liquor Stores. Die Gemeinden, die meisten haben eigentlich nicht mal dieses Wort verdient, sind nicht mehr als sektenähnliche Gemeinschaften, leben einzig und allein von den Spenden der Mitglieder. Das Geld der Menschen bleibt entweder in den Kollektetöpfen oder in den Liquor Stores. Offenbar werden hier wirklich Vorbilder gebraucht. Leute wie Tyree oder Mojo, die versuchen, den Menschen ihre Situation wenigstens klarzumachen. Jetzt verstehe ich auch, warum das letztjährige Interview mit Jeff Mills in einem der besten englischen Musikmagazine, Jockey Slut, soviel Mißmut in Detroit erzeugt hat. Paul Benney hatte Jeff Mills immer und immer wieder nach den verschiedenen Konzepten und der Geschichte hinter Cycles gefragt, MillsÔ Antworten aber grundsätzlich in einen Tanz-Zusammenhang stellen wollen. So waren sich die beiden nicht wirklich nähergekommen. Cycle 30, erklärt Mills, beschreibt einfach, daß viele Freunde von ihm im Alter von 30 Jahren Kinder bekamen. “Es heißt aber auch, daß man in Detroit verdammt froh sein muß, wenn man überhaupt 30 Jahre alt wird.” sagt Mike Banks. Solche Konzepte kann man nicht in einem Café in Paris erklären. Dazu muß man nach Detroit kommen. “Der Typ hat nichts verstanden, gar nichts! Diese Cycles müssen gebrochen werden, ein für alle Mal. 30 ist eine magische Grenze. Entweder Du schaffst es oder nicht. Sieh Dich um!”
Nun ist Cycle 30 kein Name, der sofort besonders großes Aufsehen erregt. In Detroit aber und offenbar steht Jeff Mills nach wie vor in dieser Tradition, hat Sprache einen anderen Stellenwert. Kommunikation läuft über Codes. Entweder man versteht diese Codes oder nicht.
Im Restaurant klingelt Mikes Pager. Es ist K. Hand. Per Cellphone erfahren wir, daß sie bereits geraume Zeit auf eine Nachricht von uns wartet. Also verabreden wir uns für später am Abend. K. Hand wohnt, wie könnte es anders sein, in einer ganz anderen Ecke von Detroit und schon sind wir wieder auf dem Freeway. Sie wohnt in einer alten Feuerwache, ein großartiges Haus, die Notfallrutschstangen vom ersten Stock in die Fahrzeughalle inklusive. Sie möchte nicht schon wieder auf ihre Stellung als weiblicher DJ im Kreise von männlichen reduziert werden, also überprüfen wir zunächst nochmal die Mojo-Geschichte und landen einen Volltreffer. Lieblingsband von damals?: B 52Ôs. Na bitte. Techno ist für K. Hand ein Fulltime-Job und eine Mischung aus Auflegen, Produzieren und dem Management ihres eigene Labels Acacia. Das 35. Release erscheint dieser Tage. “Das ist harte Arbeit, allein die Pakete für die Vertriebe zu packen, kostet eine unglaubliche Zeit. Aber im Moment muß ich noch alleine arbeiten.” Auch für sie war das Music Institute die Initialzündung, selber mit dem Produzieren zu beginnen und wäre Mojo nicht gewesen…
Immer wieder Mojo. Inzwischen ist es nach 21 Uhr, es regnet und wir sind zurück im Auto, auf dem Weg ins Hotel. Mike Banks macht das Radio an und wir hören The Electryfying Mojo. Er spielt gerade einen Auszug aus der Vertonung seines Buches, The Mental Machine. Das ist kein einfaches talking book, sondern ein echtes Hörspiel, mit Hintergrundatmos und Geräuschen und mir läuft ein wohliger Schauer über den Rücken. Dann Stille, dann Mojos Stimme. Mahnisch, eindringlich predigt er seine Vision. “Detroit, wir müssen einander lieben. Stoppt die Gewalt in der Stadt. Das ist keine Lösung. Glaubt mir, ihr könnt eure Brüder und Schwestern nicht einfach ausrauben oder ihnen noch Schlimmeres antun. Detroit, legÔ deine Waffen nieder!” Im Hintergrund hören wir die ersten Töne von Night Drive von Model 500 und plötzlich macht Vieles Sinn. Vielleicht war diese Musik immer nur für Detroit bestimmt, vielleicht ist es ja o.k., daß die Platten, die hier heute produziert werden, nicht mehr sonderlich originell klingen. Vielleicht muß das so sein. Mike fährt uns zum Hotel und wir verabreden uns für den nächsten Tag, denn schließlich wollen wir ja noch Platten kaufen.

Montag, 29.9.97
“Wirklich nur kurz rein, Platten kaufen und wieder raus.” schwören wir uns an der Tür zu Submerge, aber es kommt natürlich alles anders. Der kurze Einblick in den Büroalltag bei Submerge beweist die Größe des Unternehmens und Mike fällt ein, daß er irgendwo noch eine Kopie dieses talking books von The Mental Machine hat, was er uns unbedingt noch kopieren möchte und ist erstmal mit Suchen beschäftigt. Außerdem sei Juan Atkins oben und er wolle mal sehen, ob er ihn wach bekommt.
Juan schläft dann zwar weiter und The Mental Machine findet sich nicht. Dafür kommt Alan Oldham noch vorbei. Irgendwann schauen wir auf die Uhr und merken, daß wir dringend zum Flughafen müssen. Also verabschieden wir uns. Auch das dauert, denn Mike holt nochmal aus. Genau beobachtet habe er uns gestern, getestet habe er uns mehrmals und wir hätten alle Tests bestanden. Daß Techno ein Erfolg sei, könne man schon daran sehen, daß wir, zwei Typen aus Deutschland, dieselbe Sprache sprechen würden wie er, Alan Dan, Terrence und K. Hand. “Es kommt so oft vor, daß Leute in den Laden kommen und im fiesesten Slang mit mir reden wollen, dabei kommen sie eigentlich aus der Vorstadt! Solche Menschen verstehe ich nicht. Man muß man selbst bleiben.”
Dann gehen wir wirklich, Hände werden geschüttelt Adressen ausgetauscht. Und wiederkommen sollen wir. Machen wir. Die Glastür fällt ins Schloß. Respect.

danke an: Heiko Hoffmann, Mike Banks, Dan Sicko, Alan Oldham, Terrence Parker und K. Hand.

Für Interessierte:
http://www.heidelberg.org/ http://www.submerge.com/
http://members.aol.com/acacia1313/index.html/
Ordering Fax Acacia: +1 313 8420634

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Elektronische Lebensaspekte.