Text: sascha kösch aus De:Bug 33

Selbstbeherrschung und Netzwerke Deleuzianer in Cyberspace Sascha Kösch bleed@de-bug.de Es gibt ein neues Mervebuch mit dem verheisserischen Titel “Das Netzwerk von Deleuze; Immanenz im Internet und auf Video” von Martin Stingelin. Der Titel hätte einem schon verraten können, dass hier ein wenig gemogelt wird. “Im Internet und auf Video”. Das liest sich wie eine Produktbeschreibung, ein Teaser. Und über weite Strecken will wohl dieses recht kurze Buch auch nicht viel mehr sein. Ein Teaser für das ABCdaire, dieses unterhaltsame ABC von Deleuze auf Video, das in Ausschnitten schon mal auf Arte gezeigt wurde, die Vorlesungstranskriptionen auf http://www.imaginet.fr/deleuze und, nach dem Deckel etwas unerwartet, auf die sehr langsam vorankommende Veröffentlichung der Vorlesungen von Michel Foucault am College de France bei Seuil/Gallimard. Speziell, aber in dieser Funktion durchaus willkommen. Ein Buch über die Klärung der beliebtesten Begriffe und Denkbewegungen Deleuzes und ihr Verhältnis zu dem, was man heutzutage das Netz nennt, ist es nicht geworden. Die Aufsatzsammlung beschränkt sich auf ein paar Einwürfe in die Deleuze/Foucault Diskussion. In “Wie deleuzianisch ist das Internet” wird mit einem etwas wackeligen Begriff der Metaphorik, der Sprache und Zahlen, der Spinne und vor allem dessen, was das Netz so sein mag, nicht etwa untersucht, wie deleuzianisch das Internet ist, sondern welche Fehler man bei der Übertragung von Metaphern machen kann. Ein erster Schritt. In “Pädagogik des Begriffs…” geht es um das, was man als den philosophischen Stil Deleuzes bezeichnen könnte, und wie sich sein Verhältnis zum Philosophen in den Vorlesungen und damit verbundenen “Gesten” darstellt. Ein kurzer Vergleich der Vorlesungsstile von Foucault und Deleuze ist in wenigen Minuten weggelesen. Die Begeisterung für Deleuze als Person schlägt sich in etwas länglichen Passagen über die Unerschrockenheit der “Intervention gegen die Ermordung von Begriffen” nieder, die der Programmatik dieses Buches (“Tatsächlich ist die Frage, wie deleuzianisch das Internet ist, gleichbedeutend mit der Frage, ob es – im emphatischen, vitalistischen, aber über das Organische hinausgehenden Sinn – lebt.”) entspricht. Zahlen, Begriffe, Computer und Kittlerzitate dienen allerdings eher als Schmuck einer durch viele sympathische Anekdoten verzierten Bekundung dieses “zurück ins Leben”-Holens, das sich von der deleuzianischen Bewegung zu den Begriffen hin in einer Bewegung zu Deleuze hin versteht. Und, ja, auch Stingelin bezeichnet “Das Netzwerk von Deleuze” in diesem emphatischen Wortsinn als kein Buch, sondern, wie Deleuzianer gerne zu reden beginnen, als: Versuch einer Kartographie des Netzwerkes von Deleuze. Man ist auf jedenfall, auch wenn nie gelangweilt, schliesslich doch beruhigt, wenn es wie im Aufsatz über die Foucault Vorlesungen mit der Klärung der vermeintlichen “Wende” im Denken von Foucault (zwischen dem ersten und den letzten beiden Bänden von Sexualität und Wahrheit) endlich doch noch zu einem Buch kommt, in dem Begriffe verhandelt werden. Eine begriffliche Auswertung der Vorlesungen von Deleuze im Netz, vielleicht sogar eine, die eben die Vorteile nutzt, die eine digitale Form bringen kann, und nicht nur die philologischen Mängel präzisiert, steht also noch aus; genauso wie das in Titel und drinnen versprochene “Netzwerk von Deleuze”. Aber wir sind uns sicher, Stingelin wird sich mit einer nicht zu unterschätzenden Akribie der Begeisterung noch dran setzen. Das Thema ist doch einfach zu verlockend. Unser Titelvorschlag: “Kapitalismus und Schizophrenie 3, Selbstbeherrschung im Netzwerk”.

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Elektronische Lebensaspekte.