Sustainability, Eco Chic, Neo Green und Karmakonsum sind ein fundamentales Glaubensbekenntnis an die säkularisierte, technokratische Gesellschaft. Die Erlösung im Paradox.
Text: Ji-Hun Kim aus De:Bug 121


“Aber nun war es gut, war alles gut, der Kampf beendet. Er hatte den Sieg über sich selbst errungen.“ (George Orwell/1984)

The Great 21st Century Dilemma, die Klimakatastrophe, führt die Menschheit in einen großen Rausch: Wie verdrogt konsumiert die neue Welt Öko, Bio und nachhaltig. Die Automobilbranche schlägt sich im Kampf um den neuesten Hybridantrieb die Degen um die Ohren. Der Bedarf an korrekter Technik und korrekten Konsumgütern übersteigt momentan alle Erwartungen. Nicht nur im Prenzlauer Berg erntet man seit längerem trübe Blicke, wenn im Konsumdiskont statt der Bioerdbeere aus Israel der Massenapfel aus Thüringen gebunkert wird.

Der Schlagring der Sustainability bricht uns den Kiefer. Und anstatt zu lernen, dieses Etwas zu alphabetisieren, wird transatlantisch von John Grisham bis Zukunftsguru Matthias Horx von Mainstreamreligion und Massenkult gesprochen, als wären rudimentäre Glaubensbekenntnisse hinreichend zur Erklärung einer eventuellen Unterdrückungsökonomie. Aber Mainstream bedeutet auch Konsens und so wird klar, dass es nicht um Rosenkränze und Ave Marias geht, sondern um systemimmanent-konforme Optimierungsstrategien.

Es geht also darum, etwas richtiger zu machen als bislang. Eine Gewissenskultur durch Konsum zu etablieren, die den bisherigen Mustern inhärent ist. Dabei sticht vor allem eines vor, denn die Mechanismen, die in eine bessere Welt führen sollen, sind häufig eine Hoffnung in den Fortschritt und ein Glauben an Wissenschaft, neue Technologien und Information. Dies schlägt sich nicht nur in Photovoltaik und Kernfusion, sondern auch in Politik und vielen anderen Lebensbereichen nieder.

Ich weiß, also beweis ich
Seit einiger Zeit reden wir von einer Informationsgesellschaft, einer Gesellschaft, die Fordismus und Dienstleistung hinter sich gelassen hat und in Netzwerken stetig Wissen produziert. Das Wissen um die Quellen und die Verfügbarkeit gehen an die Stelle von Allgemeinwissen und Belesenheit. Heutzutage wird Information, so lange sie sich im direkten Verwertungszeitraum befindet, zum Kapital. Information ist also dann etwas wert, wenn man sie als Erstes hat.

Da spricht man schnell von Informations- und Filterökonomien. Google Earth gibt uns heute ein Raster. Das Netz gibt uns den Content. Umso mehr man an Fakten bzw. über die Zugänge und die Verfügbarkeit darüber weiß, desto eher kann man also ein kognitives Kapital daraus schlagen. Unser Wissen über die Welt ist also digitalisiert, es dröselt sich in Unmengen an verweltlichten Fakten, Trends, Hyperlinks, Suchergebnissen und Zahlen auf: GPS, Mapping, Mind-Mapping, Orientierung und Positionieren; herausfinden, wo man sich befindet und mit welchen binären Molekülen man sich grad im Spannungsfeld befindet.

Die Tatsache, dass wir über das “Ende der Welt“ so bestens informiert sind, hängt also nicht nur mit den möglichen Zugängen zu Informationsquellen zusammen, sondern ist ein durch die digitalen Informationen bedingtes Aufklärungsverständnis: “Ich habe mir meinen CO2-Fußabdruck ausrechnen lassen und weiß, dass mein letzter DJ-Gig in Mailand so viel Kohlendioxid produziert hat, dass ich 38 Euro für klimagute Zwecke in Thailand investiere. Du etwa noch nicht?!“ Solch eine Aussage funktioniert ohne digitalisiertes Internetwissen nicht.

Credo in Fortschritt und Technik
Alles, was technisch möglich ist, sei im Sinne der Sicherheit auch anzuwenden, verkündete kürzlich Angela Merkel. Diese Aussage erklang im Zusammenhang mit der Überführung der Kofferbomber und den rentnerverprügelnden Münchner U-Bahn-Rowdies. Die da vorhandene Videoüberwachung sei der Grund für die Überführung der jeweiligen Täter gewesen. Auf einer anderen Veranstaltung hieß es, deutsche Einheit und der Mauerfall seien Resultate der modernen Informationstechnologien gewesen.

Zu den ersten Fällen kann nur gesagt werden, dass die Kofferbomber vom libanesischen Geheimdienst ausfindig gemacht wurden und die Münchener U-Bahn-Schläger über ein gestohlenes Handy überführt wurden, also nichts mit Erfolgsquote für CCTV. Dass das SED-Regime durch moderne IT und Internet zusammenbrach, ist genauso fragwürdig. Tim Berners-Lee entwickelte das WWW ja auch erst zwei Jahre später, nämlich 1991.

Aber was in der obersten politischen Agenda deutlich wird, ist, dass alles mit den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen zusammenhängen muss, ob nun Nachhaltigkeit oder Kontrollgesellschaft und RFID. Frau Merkel beweist hier, wenn auch eventuell ein wenig unreflektiert, fortschrittsorientierte Weitsicht. Was neu ist, was hochtechnisch ist, kann dem Menschen potentiell Gutes bringen: Handys retten Afrika, Wikipedia bildet die Menschheit, Vorratsdatenspeicherung ist gut für den Anti-Terror.

Ein fundamentales Glaubensbekenntnis
Als sich vor einigen Jahrzehnten der legendäre Club of Rome zusammengefunden hat, ging es damals um das Verdeutlichen von Ressourcenknappheit. Das Bild, das gemalt wurde, war dystopisch und schwarz. Heute hingegen ersetzt das Wissen die Ressource: “Schon die Technikgeschichte des Industriezeitalters hat ja gezeigt, dass die Knappheit natürlicher Ressourcen mit der Entwicklung der Technologien variiert. So zählt z.B. nicht die absolute Menge des Erdöls, sondern nur die mit den jeweiligen Technologien förderbare Menge. Insofern ändert jeder technische Fortschritt unseren Begriff von der Endlichkeit der Welt“, heißt es bei Norbert Bolz.

So formulierte auch kürzlich ein exklusiver Kreis von Visionären im Namen der National Academy of Engineering (NAE) die 14 Herausforderungen der Wissenschaft für das 21. Jahrhundert. Darunter gehörten unter anderem Craig Venter, der das menschliche Genom entschlüsselt hat, Googles Larry Page, der Zukunftsforscher Ray Kurzweil und der Chemienobelpreisträger Mario Molina. “Wir müssen sicherstellen, dass die Menschen verstehen, wie frühere Investitionen in Wissenschaft und Ingenieurswesen ihr Leben verbessert haben”, wurde dort verkündet. Neben Energie durch Kernfusion, Zugang zu sauberem Wasser, eine wirtschaftliche Solarenergie, Entwicklungen um CO2 aus der Atmosphäre zu entfernen, Kontrolle des Stickstoffkreislaufs sind es dann auch Optimierung von Lehr- und Lernmethoden und urbanen Infrastrukturen, mehr Sicherheit im Cyberspace und Fortschritte in der medizinischen Informatik.

Ein Großteil der wissenschaftlichen Herausforderungen hat also unmittelbar mit Klima, Nachhaltigkeit und mit Verbesserung von Wissensquellen und Bildung zu tun. Was damit gesagt werden will, ist, dass die bisherige Meinung – um damit noch einmal Matthias Horx zu zitieren –, “die Klima-Religion ist der adäquate Kult einer Konsum- und Medien-Erregungsgesellschaft, die ihrem eigenen Fortschritt nicht mehr traut. Sie ist der neue Fundamentalismus für jedermann“, leider so nicht ganz richtig ist: Sustainability, Eco Chic, Neo Green und Karmakonsum sind, wenn überhaupt, ein fundamentales Glaubensbekenntnis an die säkularisierte, technokratische Gesellschaft. Wie paradox eigentlich.

Damit ist ökologisches Bewusstsein auch keine Opposition mehr, kein Jute statt Plastik, kein Grün gegen Schwarz (Hamburg macht es vor), kein Verzicht kontra Hedonismus und auch nicht mehr Biokommune versus BMW-Fahrer. Der neue Appell an das “gute“ Gewissen ist demnach eine Gläubigkeit an das vorhandene System, denn bei weitem handelt es sich bei LOHAS und Co. nicht um Subversion oder Antikapitalismus. Aber wer will denn so was noch, wenn korrekt sein so simpel sein kann?

Verzwickt noch mal
Aber sind wir uns wirklich alle so einig? Dass die Verflechtungen von Ökonomie, Wissenschaft, Politik und Medien teils so undurchschaubar sind wie der Stromverbrauch von Google, dazu muss man einem nicht erst Verschwörungstheoretiker auf den Bauch binden. Also, wie ist das nun mit dem Klimawandel und der anstehenden Katastrophe wirklich? Ist sich die Wissenschaft über die Klimakatastrophe wirklich so einig, wie es den Anschein erweckt?

An der Uni Mainz befragten Hans Mathias Kepplinger und Senja Post 133 Klimaforscher und das Ergebnis zeigt, dass die Medienberichterstattung und die damit verbundenen Fördergelder anscheinend viele Forscher dazu nötigt, ein schwarzes Zukunftsbild zu malen. Für 74% der Befragten hat die Medienberichterstattung über Klimaforschung einen Einfluss auf die Zuweisung von Forschungsgeldern, die Mehrheit der Wissenschaftler findet das Gros der Medienberichte sehr negativ und unzulänglich und nur sieben Prozent finden die Klimamodelle, wie wir sie aus Stern, Spiegel und Bild kennen, realistisch. Dies führe dazu, dass die Konsensperspektive, dass der Mensch Urheber des Klimawandels sei, immer mehr gefördert würde.

Forschungsrichtungen wie die Paläoklimatologie würden somit immer mehr verdrängt werden. Da nun also Gelder, wie sonst fast überall, eine Rolle spielen, würden viele Forscher ihre Ergebnisse bewusst mit Blick auf eine vermeintliche Klimakatastrophe inszenieren. Die Gleichung lautet: hoher Nachrichtenwert gleich mehr Publicity gleich mehr Moneten. Dient nun also doch wieder das Spektakel der Medien als Grundlage für Klimapolitik und Motor für korrekten Konsum? Da beißt sich doch die Katze in den Schwanz, werden die Windkrafträder in Brandenburg zur neuen Don-Quixotterie, wird also doch wieder alles zum vermeintlichen Dilemma, verflixt. Aber tun wir das, was wir am besten können: Konsequent weitermachen.

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Elektronische Lebensaspekte.