Die größte Band aus Belgien hat wieder zu alter Form zurückgefunden. Ji-Hun Kim traf Sänger Tom Barman und Drummer Stephane Misseghers zum neuen Album in Berlin und thematisierte Stadionrock, Neurosen, die 70er, Film und Politik in ihrem Heimatland.
Text: Ji-Hun Kim aus De:Bug 122


De:Bug: Der Sound von “Vantage Point” klingt freudig nach vorne gewandt, das hat mich ein wenig überrascht …

Tom Barman: Das ist gut! Das war genau die Idee.

De:Bug: Da sind doch eindeutige Classic-Rockbezüge zu finden und sehr klassische Songstrukturen.

Tom Barman: Das ist wohl eine normale Entwicklung bei uns. Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem wir einen Song lieber einen Song sein lassen und nicht gleich ein Road Movie anhängen wollen. Wir mögen aber weiterhin lange Songs. “Slow” ist sechs Minuten lang und hat keinen wirklichen Chorus, bzw. er kommt erst sehr spät. Wir hatten immer diese Energie dazwischen. “Turn Pike” ist live noch immer sehr beliebt, aber total experimentell. Bei “In a bar under the sea” hatten wir auch “Little Arithmetics”, der poppigste Song, den wir je geschrieben haben. Aber was du mit optimistisch meinst, ist, dass wir eine offene Platte aufnehmen wollten. Es sollte eine andere Platte werden als “Pocket Revolution”, die in einer sehr schwierigen Phase entstanden ist und eine dunkle Seite hatte. “Vantage Point” musste also “Oaahhhh!!” (reißt die Arme nach oben) werden.

De:Bug: Schielt ihr damit auf ein größeres Publikum?

Tom Barman: Glaubst du, dass es das Potential dazu hat?

De:Bug: Mit Sicherheit, es hat mehr von Stadionrock als eure vorherigen Platten.

Tom Barman: Wirklich?

Stephane Misseghers: Das meinte meine Mutter auch …

Tom Barman: Stadionrock? Also das ist ein wenig zu weit gegriffen.

De:Bug: Ich meinte auch nur den Ansatz dazu.

Tom Barman: Dabei mögen wir es gar nicht besonders, in Stadien zu spielen. An größere Hallen haben wir uns aber ganz gut gewöhnt. Wir waren in Barcelona und haben vor 900 Leuten gespielt und in Amsterdam sind es schnell 4000. Das ist gut, das hält uns variabel. Aber ich muss gestehen, dass wir viele Singlekandidaten auf dem Album haben. “Vantage Point” sollte offener und zugänglicher sein.

De:Bug: Mir ist die klassische Gitarrenarbeit aufgefallen: viele Powerchords, traditionelles Riffing. Ist das eine Zusage an 70er-Jahre-Rockzeiten?

Tom Barman: Wir sind alle 70ies-Fans. Vor allem Mauro, unser Gitarrist. Uns verbindet unser Classic-Rock-Background. So haben wir aber nie gespielt, wollten es sogar unbedingt vermeiden. Aber wenn ein klassischer Song wie “Eternal Woman” erst mal entsteht, macht es keinen Sinn mehr zu sagen: “Nee, fuck it, das ist zu poppig.” Wir lieben Popmusik. Sie ist wie ein Spielplatz mit vielen kleinen Spielsachen um dich herum. Und du sagsTom Barman: “Ok, das hier ist zwar alt, aber es macht eine Menge Spaß!” So wollen wir unsere Alben machen. Es ist gut zu experimentieren und wir haben viele neue Richtungen eingeschlagen, wie bei “Architect” und “Slow”. Da sind auf jeden Fall Elemente, die den “Big Sound”, den “Classic Sound” wollen.

De:Bug: Konkrete 70ies-Einflüsse?

Stephane Misseghers: Ich persönlich mag Led Zeppelin, Black Sabbath, aber auch die Gitarrensachen von Jeff Beck und David Bowie.

Tom Barman: Während des Songwritings hatte ich folgende fixe Idee: Ein Song ist kein guter Song, wenn er nicht von jemand anders gespielt werden kann. Das stand bei mir im Vordergrund. Das war eine Fixierung, schon fast eine Neurose, zu wollen, dass die Songs gecovert werden können. Das ist das ultimative Kompliment, wenn andere Leute deine Songs spielen. Ich habe aber eigentlich bei jedem Album so eine Neurose.

De:Bug: Tom, du hattest in der Zwischenzeit ein elektronisches Projekt mit CJ Bolland namens Magnus. War es damals das erste Mal, dass du mit elektronischer Musik in Kontakt gekommen bist?

Tom Barman: Im Studio ja. Damals war das, was ich gemacht habe, perfekt für die Zeit. Ich habe einen Film produziert und hatte daher keine Zeit für dEUS, fühlte mich auch gar nicht danach. Zu diesem Zeitpunkt hatte uns unser damaliger Gitarrist verlassen, das war nach “The ideal crash”. Zu der Zeit habe ich viel aufgelegt. Es war eine gute Erfahrung, auch solche Dinge zu tun.

De:Bug: Was kaufst du an elektronischen Platten?

Tom Barman: Die Namen weiß ich häufig nicht, aber ich kaufe fünf bis zehn Platten die Woche und darunter fallen viele Sachen von Kompakt, ich mag Kitsuné … schon eher die fetten Electro-Sounds. Mr.Oizo gehört natürlich auch dazu. Die Sachen von ihm, vor allem live, sind fantastisch. Booka Shade fand ich live auch gut.

De:Bug: Wenn ihr auch einen elektronischen Background habt … eure belgischen Kollegen von Soulwax haben die Fusion von Rock und Dance stetig vorangetrieben. War da nicht die Versuchung da, so was auch zu machen?

Tom Barman: Bei “The ideal crash” haben wir elektronische Elemente gehabt, aber ich denke, dass das allgemein nicht so gut funktioniert. Es ist nicht wirklich nötig. Das jetzige ist schon ziemlich funky, aber nicht elektronisch, da ist vielleicht ein Synthesizer drauf. Ich finde das krampfhafte Bemühen, die Tanzsache mit Elektronik zu assimilieren, ist ein einziger Fehler. Elvis Presley brauchte keine Synthies. Keith Richards, der zwar nicht als progressiver Kopf bekannt ist, meinte auch schon, dass die ganze Drum-and-Bass-Sache letzten Endes eine Reduktion von Bill Wyman und Charlie Watts ist. In gewisser Weise hatte er aber Recht. Ohne Zweifel haben wir ähnliche Einschläge, die aber nicht von der elektronischen Musik kommen, sondern eher von der Musik, die elektronische Musik beeinflusst hat. Wie der Krautrock: Can und Faust und das ganze Repetitive dieser Musik. The Velvets waren sehr tanzbar.

Stephane Misseghers: Liquid Liquid haben auch nie elektronisches Equipment benutzt.

Tom Barman: Und es sieht schon sehr schwul auf der Bühne aus, wenn man das so sagen darf …

De:Bug: Soulwax sehen deiner Meinung nach schwul auf der Bühne aus?

Tom Barman: Ich habe sie jetzt lange Zeit nicht mehr gesehen, aber an und für sich sieht das lächerlich aus. Außer Human League vielleicht, wenn du das totale Cyberoutfit und eine tolle Sängerin hast, wo man auch was zu sehen bekommt. So bald man jemanden eine Gitarre spielen sieht, weiß man: “Ah!”, aber bei Synthies … jemand sollte das denen mal sagen, ich halte es für eine schlechte Idee.

De:Bug: Also sind Keyboards auf der Bühne ein No Go?

Tom Barman: Klaus spielt Keyboards und Geige bei uns, aber wenn jeder Keyboards spielt …

Stephane Misseghers: Es gibt natürlich auch Roger Manning von Beck, wenn er mit Cape bekleidet auf der Bühne wie ein Wahnsinniger spielt, das ist visuell schon interessant.

Tom Barman: Depeche Mode sind auch eine Ausnahme, aber die Dinge von denen werden live mit echten Instrumenten aufgepeppt, es liegt aber auch daran, dass Martin Gore ein fantastischer Songwriter und ein hervorragender Gitarrist ist. Es ist natürlich eine Geschmacksfrage, aber ich hatte nie die Ambition, dEUS irgendwie elektronisch zu machen, nur weil der Zeitgeist es vielleicht einforderte oder diktiert hat.

De:Bug: Bei all dem Traditionalismus, wo seid ihr in fünfzehn Jahren?

Tom Barman: In Thailand mit einer ausgiebigen Heroin-Diät.

Stephane Misseghers: Und einer Menge Joghurt.

Tom Barman: Eigentlich will ich weitermachen wie gehabt. Und zwischendurch Filme machen.

De:Bug: Aber Unternehmertum wie ein Label zu gründen schwebt euch nicht vor?

Tom Barman: Niemals! Ein Label zu gründen ist wie eine Küche auf der Titanic zu betreiben, das ist nichts. Ich würde gerne mit meinen Jungs weiter zusammen sein. Was schon nicht immer einfach ist, und auf jeden Fall weiter Platten produzieren. Ab und dann eine Auszeit und dann wieder von vorne. Aber mein neues Hobby sind Immobilien (lacht)!

De:Bug: Jetzt im Ernst?

Tom Barman: Na ja, ich mag schon schöne Orte und Häuser. Ich habe kürzlich was für mich gekauft und habe mir mindestens 300 Immobilien angeguckt, um das Perfekte zu finden. Ich habe mit Freunden gesprochen, die ähnliches gemacht haben und nach 10 Objekten schon völlig angenervt waren, aber ich liebte es, mir Dinge anzuschauen, die ich vielleicht kaufen will. Eindrücke sammeln und auf der Suche sein.

De:Bug: Erzähl mir doch von deinen Filmprojekten.

Tom Barman: Im Moment arbeite ich mit Freunden an drei verschiedenen Filmen, aber das wird frühestens was in fünf oder sechs Jahren. Erst mal möchte ich auf Tour gehen.

De:Bug: Und was werden das für Filme?

Tom Barman: Eine flämische Komödie und zwei englische Filme. Ein Thriller, der heißt “The Neutral”, eine Mischung aus The Conformist und Mulholland Drive. Und eine Buchadaption von Jim Thompson, namens “The Alcoholics”.

De:Bug: Wo sind da die Schnittmengen, Parallelen, Unterschiede zur Musik?

Tom Barman: Der Film ist meine erste große Liebe, und noch mehr als bei der Musik hatte ich das Gefühl, eine eigene Stimme gefunden zu haben, auch wenn mein jetziger Film kein Meisterstück ist, aber ich erkenne es als etwas an, das zu 100% mein ist und mich widerspiegelt. In der Musik suche ich noch immer das Gefühl.

De:Bug: Wenn jemand von seiner großen Leidenschaft erzählt, dann meint man doch, dass man dem uneingeschränkt nachgehen will? Oder anders, ist es dann so, dass das Suchen nach diesem Gefühl euch motiviert, weiterhin Musik zu machen?

Tom Barman: Mit Sicherheit. Es geht immer noch darum, seinen Platz zu finden. Bei Filmen war das irgendwie sofort da. Musik und Film sind aber gleichwertige Leidenschaften von mir. Wenn ich Musik mache, interessieren mich meine Filmprojekte überhaupt nicht, umgekehrt genauso. Ich sehe da keinen Wettkampf zwischen den beiden Dingen.

De:Bug: Wie beurteilt ihr die aktuelle politische Situation in Belgien?

Stephane Misseghers: Belgien ist ein junges Land, dennoch wird es eine Teilung wohl kaum geben, weil Brüssel einfach zu wichtig ist, aber die Stimmung ist wirklich schlecht bei uns, und es wirkt sich auch nicht positiv auf die restliche Welt aus, weil wir das Zentrum der EU sind und wir nicht mal in der Lage sind unser kleines Land zusammenzuhalten.

De:Bug: Kein Weltverbesserungsbewusstsein wie bei Bono und Co.?

Tom Barman: Prinzipiell ist nichts Falsches daran, die Welt in die Musik einfließen zu lassen, aber man sollte auch wissen, wo sein Platz ist. Wenn man aber eine Berufung oder eine Mission hat, dann sollte man dem auch nachgehen, aber es ist erst mal für jeden anders. Und bei uns sehe ich das jetzt nicht.

Stephane Misseghers: Dann wären wir ja wieder beim Stadionrock.
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Elektronische Lebensaspekte.