Death from Above, kurz DFA, heißt die New Yorker Talentschmiede mit Anything-Goes-Haltung und Punkrock im Blut, die uns unter anderem nicht nur The Rapture und das LCD Soundsystem bescherten, sondern damit gleich auch die Blaupause für Electroclash. Davon wollen die Macher nichts wissen und sind schon wieder ganz woanders.
Text: Stephen Lumenta aus De:Bug 86

New Yorker Riffhaie

Was ist da nur alles passiert? Die Namens-Brüder vom Deutschen Famulatur Austauschsdienst – DFA-Records (hier etwas weniger pro-vital “Death from Above”) – betreiben jetzt seit 2001 ihr kleines Label in New York, das mit Künstlern wie Juan McLean, Black Dice, LCD Soundsystem und The Rapture fröhlich die Genregrenzen von Noise nach Elektro (ja, dazwischen liegt auch dieses Wörtchen Postpunk) und zurück verschiebt, ohne an kleinen Stolpersteinen hängen zu bleiben wie manch andere überambitionierte Truppe hemdsärmeliger Rocker, die ab und zu gerne in die Disco gehen. Allein die ersten drei Releases betrachtet: Erst geht es mit einem Sausen, todgeglaubten Kuhglöckchen und einem punchy Housebeat nach vorne, der alles aus seinem Schlaf reißt, und dann kommt auch noch diese sich überschlagende Stimme, die etwas von eifersüchtigen Liebhabern schreit, et voilà: The Rapture und DFA-Records haben ihren ersten Release. Danach zieht Juan McLean eine so wahnsinnig funky Disco-Tour mit “By the time I get to Venus” durch, dass es einen einfach in den Ballsaal treibt und ja, dann war da noch LCD Soundsystems “Losing my edge”, das mit Lo-Fi Beats, Can-artigen Sphären und dieser tollen gelangweilten Stimme eine musikalische Autobiographie ins Mikrofon spricht – spätestens da war klar, dass von diesem Label Großes zu erwarten sein sollte. Fand dann irgendwann auch der NME, alle, die dem “très chic” hinterherrennen, denn wenige Label haben ein so ausgeprägt modisches Image, und sonst noch, wer nicht bei drei auf den Bäumen war.

Wir sind alles
Aber schauen wir erst einmal vage zu den Anfängen: DFA ist ein Label in Manhattan und zugleich das Produktionsteam James Murphy (LCD Soundsystem) und Tim Goldsworthy (Mitbegründer von MoWax und Unkle), die sich über David Holmes in New York kennen gelernt haben. Die beiden haben sich zusammengeschlossen und wollten unbedingt die Platte von The Rapture auf einem eigenen Label releasen – dazu kam Jonathan Galkin, der sich um alles, was sich um das Label dreht, außer der Musikproduktion, kümmert: DFA-Records wurde geboren. “Bei DFA Records geht es hauptsächlich um Musik. Um das Vertrauen in einen Song und Produktions-Entscheidungen, die mit Überzeugung gemacht wurden. Klänge (Sonics)! Aber wirklich am meisten Wert legen wir auf den Song und das haben wir bis jetzt bei jedem unserer Releases so gemacht. Das sind alles großartige Singles!”, so Jonathan Galkin. “Anything goes. Be ambitious.”

Trotz der musikalischen “Anything goes”-Attitüde ist immer ein gemeinsamer Nenner zu erkennen: Referenzen an Krautrock von Neu! bis Can, New Yorker No-Wave-Tage, der Begriff Rock vielleicht nur als unterschwelliges Statement oder auch nur als ein Produktionsstil, der rauheren Klängen Platz gibt. Bei Juan McLean (übrigens ehemals bei dem SubPop-Act Six Finger Satellite) ist das dann der schon erwähnt kickendere Elektro, der nicht so steril aus dem Lautsprecher kommt. Und bei Black Dice findet man trotz aller Fußpedal-begeisterter Experimentierfreudigkeit und leisen (sic!) Noise-Spielereien kleinste Zitate von dem, was vor allem in New York einmal von Mars bis Suicide so ausprobiert wurde. Jonathan Galkin findet aber, dass sich die früheren 80er und was heute passiert schwer vergleichen lässt. “Ich glaube nicht, dass es dort Vergleichspunkte gibt. Wir machen vieles nur aus Ablehnung von manchen Sachen der Talking Heads, Brian Enos, Televisions und manchen der No-Wave-Sachen. Es geht nicht bloß darum, ‘retro’ zu sein, sondern eine Kombination von Werten, die funktionieren. Im Grunde schauen wir genau so nach vorne, wie wir zurückblicken. Das ist eine andere Kombination, die funktioniert: die Balance bewahren.”

Bei all der Begeisterung und Ausgeglichenheit bleibt die Frage, in wie weit sich DFA-Records ihres hippen Images bewusst sind oder dieses gar ausnutzen. Weil, wenn man es ihnen unterstellen wollte, ist es momentan eines der sichersten Dinge, dieses omnipräsente Rock-trifft-Electronik-Pferd zu satteln. “Ich bin schon so verdammt gelangweilt davon. Ich hoffe, irgendein 16-Jähriger erfindet dieses Rad neu und verkauft es an mich”, und weiter interessiere ihn dieses ganze hippe Getue schon lange nicht mehr – bei Jonathan setzt eine automatische allergische Reaktion ein, wenn man ihm mit den Schlagwörtern “chick, hip, fashionable” entgegentritt, was im Grunde auch zu gut verständlich ist, aber man wird ja wohl noch fragen dürfen.

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Elektronische Lebensaspekte.