Mit der Band Labradford erfand Mark Nelson die schwebendsten Gitarren-Drones der Welt, als Pan American arbeitet der Amerikaner an eher vom Dub inspirierten Elektronik-Hybriden. Sein fünftes Album ist soeben erschienen.
Text: Multipara aus De:Bug 103

Egal, ob Mark Nelson am Anfang mit ein paar Pluggo-PlugIns herumspielt oder ob er seine Akustikgitarre zur Hand nimmt: Am Ende steht ein Stück, das zwar ideenreich und kurzweilig ist und auch mal kratzig sein kann, aber vor allem eines ausstrahlt: Ruhe und Kraft. Diese besondere Dub-Abgeklärtheit fand sind schon auf den Platten Labradfords, für die er Gitarre spielte und sang. Vielseitiger jedoch, und elektronischer, ist sein Soloprojekt Pan American, dessen mittlerweile fünfter Release soeben auf Mosz erscheint – dem Hauslabel von Radian, die er auf gemeinsamer Amerikatour kennen lernte.

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Du verbindest ja ähnlich wie Radian digitale Produktion und klassisches Musizieren. Bei Radian scheint mir das recht konzeptuell bestimmt zu sein – eine komplexe Methode, deren Ergebnis ist, dass man die einzelnen Klangelemente oder Instrumente kaum mehr auseinander halten kann. Wie ist denn das bei dir – mein Eindruck ist, die Parallelität der unterschiedlichen Ansätze ist für dich ganz natürlich und gar kein Thema mehr?

Mark Nelson:
Ja, das stimmt – ich bin eigentlich grundsätzlich kein Purist. Radian live zu sehen, war sehr inspirierend – die Musik ist sehr präzise, aber vor allem klangen sie eben wie niemand sonst. Man sucht natürlich gerne nach einem Konzept, das einen bestimmten Sound oder Eindruck erklärt. Was mich aber fasziniert, ist wie zwei Leute auf dem gleichen Instrument die gleichen Noten spielen können – und dabei komplett unterschiedlich klingen! Bei drei Leuten wird es dann richtig wild … mein Ziel ist eher, Klänge und Stücke zu machen, die nur von mir kommen können. Vielleicht ist das eine andere Art von Purismus. Was digital vs. traditionell angeht – mir scheint außerdem wichtig, die existierenden Werkzeuge auch zu nutzen. Natürlich kann ein Klavierspieler absolut aktuelle wie zeitlose Musik machen, aber ich fühle mich geradezu dafür verantwortlich, mit modernen Instrumenten und Technologien zu arbeiten.

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Neben dieser Rolle als Künstler arbeitest du Vollzeit als Buchhändler, machst eine Ausbildung zum Therapeuten und bist mittlerweile Vater eines Sohnes, dessen verarbeitete Herztöne auch in alle Stücke des neuen Albums eingegangen sind. Warum tust du dir das an, immer noch Musik zu veröffentlichen? Welche Rolle spielt die Musik heute in deinem Leben?

Mark Nelson:
Für mich sind die Platten einfach Puzzles, ein herausfordernder, erkenntnisreicher Prozess. Puzzles, die ein oder zwei Jahre zum Fertigstellen brauchen. Die sind nie perfekt, und die Fehler können dann zur nächsten Platte führen, aber der Prozess ist für mich das Wichtigste. Natürlich ist auch Ego dabei, es macht mich stolz, selbst wenn die Vernunft sagt, die Zeit ließe sich sinnvoller nutzen. Je älter ich werde, desto mehr spüre ich, dass ich da etwas aufbaue. Momentan zählen ja allgemein immer mehr die großen Erfolge, die die Poplandschaft formen – man mag mich für einen Snob halten, aber ich glaube immer noch, die Essenz von Kunst ist vor allem der Dialog mit der Zeit – mit der Geschichte, und dem, was kommen könnte.

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Elektronische Lebensaspekte.