Soeben ist die zweite Studie zu Mobiltelefonen von Motorola erschienen. Diesmal geht es um den Einfluss von "3G Mobile Phone Technology" auf globale Gemeinschaften.
Text: Clara Völker aus De:Bug 103

Neue Motorola-Studie zur Mobile-Nutzung

Man kann nicht gerade behaupten, dass Deutschland in Sachen 3G-Telefonie die Nase vorn hat. UMTS ist hierzulande ja mehr eine Randerscheinung als ein tatsächlich genutztes Netz. Videotelefonie, Musikdownloads, Fernsehen oder Google-Konsultationen via Handy klingen für die meisten mehr nach einer Utopie als einer real existierenden Anwendung. Das Handy begegnet einem in der deutschen Öffentlichkeit noch erstaunlich oft als ein typisches 2G-Gerät: ein in Plastik-Leder-Hüllen gepackter Block, mit dem wohl ab und an mal eine SMS verschickt und eben telefoniert wird. Mittlerweile wird jedoch auch der breiteren Masse langsam geläufig, dass das Mobil-“Telefon” erstens keine Schutzhülle braucht, da es mitnichten ein empfindlicher Gegenstand für die Ewigkeit ist, und zweitens, dass das gute Stück nicht nur zum Telefonieren und Texten zu gebrauchen ist. Klick. Dennoch zucken die Standard-Netze noch allzu oft. GSM und GPRS sind lahme, leicht senile Kröten, die sich zudem schon für Basic-Dienste himmlich bezahlen lassen. Der Übergang ins 3G-Netz wackelt meistens eher, als dass er flowt und richtet sich der Kosten wegen wohl vornehmlich an Business-Kunden. Während wir uns momentan also noch an die 2.5te Generation Mobiltechnologie gewöhnen, haben andere Länder, vor allem außerhalb Europas, bereits seit längerem in breiter Anwendung das bekommen, was für den PC DSL war: ein flotteres Netz und damit einhergehend natürlich kompatible Multifunktionsgeräte zu erschwinglichen Preisen. Mit dieser 3. Generation mobiler Medientechnologien wird, so die neuste im Auftrag von Motorola durchgeführte Studie, vieles anders. Genannt haben sie das Phänomen “Generation Here”.

Diese “Here”-Generation ist dadurch gekennzeichnet, dass sie überall und immer Film-, Text- und Audiodateien austauschen kann. Sie ist immer “hier”, denn sie macht einfach das “Hier” zum “Dort” und damit zum “Hier”. Das funktioniert allerdings selbst in den 3G-Paradiesen Japan und Korea, wo mit 60 Millionen ein Drittel aller weltweit vorhandenen UMTS-Nutzer zu Hause ist, und den USA nicht immer einwandfrei und zufriedenstellend. 3G ist eben noch nicht 4G, von Anfang an nicht nur in Deutschland durch Kinderkrankheiten leicht durchwurmt, teuer, lahm und unnötig kompliziert. Daher ist die Begeisterung angesichts dieser neuen Technologie-Generation verständlicherweise nicht ungebrochen immens, was die “Generation Here”-Studie wissentlich außen vor lässt. Den angelsächsischen Journalisten (für Wired, The Observer etc. tätig), die die Studie konzipiert haben, ging es eben nicht darum, eine repräsentative Umfrage zum Gebrauch und der Reichweise von 3G anzufertigen, sondern darum, herauszufinden, wie verschiedene Kulturen mit 3G umgehen. Die spezifischen Formen der Verfügbarkeit und Kosten dieser Technologie wurden dabei weitgehend außen vor gelassen, sich umgesehen wurde in Australien, China, Dubai, Südkorea, Schweden, Frankreich, Italien, Russland, Brasilien, Mexiko, den USA, Großbritannien, Indien und Israel. “Generation Here – Exploring the Impact of 3G Mobile Phone Technology on Global Communities” ist die Nachfolgerstudie zu der 2001 erschienenen Studie “On the Mobile” der britischen Wissenschaftlerin Sadie Plant, an der sie sich zwar orientiert, jedoch, notwendigerweise, zu anderen Ergebnissen gelangt.

Interessant ist, dass die Generation hier nicht an Geburtenjahrgängen festgemacht wird, sondern an der Technologieverwendung, auch wenn es natürlich mal wieder die Teenager sind, die die Nase vorne haben, eng gefolgt von den Senioren, die ja bekanntlich auch eher viel Zeit besitzen. Des Weiteren interessant sind die vielen kleinen Anekdoten und Geschichten rund um die Nutzung von Mobiles, die hier zusammengetragen wurden und mit einem zeitgenössischen Glossar, das so schmucke neue Begriffe wie “Mofessionalism”, “Anthropomorphised angst”, “Instant Postcard”, “Junior elites”, “Mediated mobility” uvm. erläutert, abgeschlossen werden. Die Studie beinhaltet insgesamt sieben Sektionen, besprochen werden so verschiedene mit dem Mobile einhergehende Faktoren wie Gemeinschaft, Identität, Romantik, Etikette, post-verbale Kommunikation, Geschwindigkeit und Raum. Konkret heißt das: Was macht man in L.A. mit seinem Mobile während eines Gespräches, wie lernt eine japanische Teenagerin durch MMS einen Jungen kennen, wie erhalten Fernbeziehungen durch Videotelefonie eine neue Dimension etc. Der Grundtenor ist ungefähr dieser: Während es bei 2G um Individualisierung ging (Handys wurden nicht mehr verliehen und von mehreren Personen gleichzeitig je nach Bedarf verwendet), geht es bei 3G um Gemeinschaft. Man kommuniziert nicht bloß mit einzelnen, sondern mit vielen und das dann reichhaltiger. Klingt vielleicht erst mal etwas fad, alles in allem ist die Studie aber aufgrund der länderspezifischen Erkenntnisse und der Breite und Bündelung des Themas sehr lesenswert. Und es ist doch immer schön zu sehen, dass Telekommunikationsunternehmen ein bisschen Geld in die Erforschung der Art und Weise, in der Mobiles unser Leben, d.h. unseren Alltag verändern, stecken. Während wir hierzulande also auf 3G als Massenanwendung warten und von 4G träumen, bleibt uns nur der neidische Blick zu unseren Nachbarn, beispielsweise nach Großbritannien, wo sich Mobilindustrie und Musikindustrie schon freundlich zusammengeschlossen haben und Handysoaps mit wahrer Interaktivität im Sinne einer Nutzerbestimmung des Handlungsverlaufes Normalität sind. Bis das Standardnetz hierzulande so flott ist, muss ich wohl weiterhin zum Unterbrechungs-freien Mobiltelefonieren in meiner Wohnung am Fenster stehen und mir nicht nur an Silvester die Meldung “Netz überlastet” ansehen …

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Elektronische Lebensaspekte.