Hamburger Label hat Bock auf Techno
Text: Jan Joswig aus De:Bug 110


In den Geschichtsbüchern wird später stehen, Kompakt, Perlon, Dial, die drei deutschen Minimaltechno-Label mit der nachhaltigsten Handschrift. Das Hamburger Label Dial hat dandyeske Sound-Verwischungen clubtauglich gemacht. Der Spezialist für Zwischentöne mit Hochkultur-Aura. Desert Boots statt Turnschuhe.

Das (momentane) Kern-Quartett des Labels, Peter Kersten aka Pete/Lawrence/Sten/DJ Swap, David Lieske aka Dave/Carsten Jost, Phillip Sollmann aka Efdemin und Hendrik Weber aka Pantha du Prince, sieht in solchen Zuschreibungen nur die brutale Verkürzung. Für sie ist Dial ein freundschaftlicher Hexenkessel, in dem ständig mit neuen und vielfältigsten Zutaten gebrodelt wird. Freundschaft geht vor Talent, die spontane Entscheidung vor dem Fünf-Jahres-Plan. Für 2007 wurde spontan entschieden: Dial macht Techno. Ein simpler Slogan, der sie gerade enorm mitreißt – in ihren Prada-Schals und gestreiften Business-Hemden.

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Debug: Dial ist seit acht Jahren als Technolabel präsent. Was ist 2007 der Ansporn, noch Techno zu machen? Ist die diskursive Aufregung, die mal in Techno steckte, nicht längst abgewandert, zur Kunst zum Beispiel?

Dave: Die Frage hat sich so niemand von uns gestellt. Techno ist für uns eine Matrix, auf die man ganz viel projizieren kann, die offen ist für sehr unterschiedliche Sachen.

Pete: Ich finde das Klassische, das Traditionelle in Techno spannend. Ich berufe mich nicht direkt darauf, bin aber seit zwanzig Jahren ein Techno-Kid. Als DJs verbindet uns der Bezug auf frühe Detroit- und frühe House-Referenzen.

Dave: Man muss nicht mal Tradition sagen. Es ist eine solide Grundlage, ein paar Grundelemente, die man in verschiedene Richtungen weiter aufladen kann.

Pete: Ich meine konkret Styrax und die Neo-Detroit-Label oder die Neo-Deephouse-Leute. Die haben sich gesagt, man muss nicht ständig neue Sachen proklamieren, um den Tod eines Genres herbeizubeschwören.

Dave: “Nothing has to change“, um es mit Arne Weinberg zu sagen. Gleichzeitig ist es immer neu, weil wir in einer anderen Zeit leben …

Pete: … es einfach nicht genauso können.

Debug: Es kommt euch nicht so vor wie an der Westfront: eingegraben seit Jahren, nichts rührt sich?

Dave: Niemand kommt sich vor wie im Schützengraben. Man rennt ja auch mit Techno nicht offene Türen ein, es ist immer noch eine bestimmte Sache für sich.

Pete: Oder die frühen Transmat- und Underground-Resistance-Leute, die damals wie heute formulieren, es ginge um Futurismus, und man freut sich, dass sich die Musik genauso anhört wie vor zwanzig Jahren. Das habe ich nie ganz verstanden: dieser wissenschaftliche Hype bei völligem Ausbleiben von Wissenschaft.

Dave: Das ist genau die Stelle, an der es nur noch um Stil geht. Dafür eignet sich Techno so gut. Man hat eine Basis, auf der man nur noch Stil- und Geschmacks-Gesten macht.

DER DIAL-ÜBERBAU

Phillip: Diese Behauptung, bei Dial würde Techno immer mit anderen kulturellen Feldern verknüpft werden, ist eine Projektion von außen, das macht die Presse sehr gerne. Im Dial-Kontext tauchen andere Sachen auf, aber die Musik ist davon erst mal unberührt. Verknüpfung als Strategie ist nicht intendiert.

Dave: Das Einzige, was man nach den paar Jahren Dial sehen kann, ist, was wen zu welchen Zeiten interessiert hat. Wir legen es nicht auf eine Gesamtaussage an, wir sind nicht auf Linie.

Phillip: Es gibt trotzdem das Paradox des Dial-Sounds. Das ist das Absurdeste überhaupt.

Pete: Die Dial 00 versammelt die drei denkbar unterschiedlichsten Stücke, ein poppiges, ein nihilistisches, ein Bossa-mäßiges …

Debug: Wenn ein Label fünf unterschiedliche Stücke herausbringt und eins davon hat eine ungehörte Ästhetik, dann wird das zum Trademark-Sound des Labels. Das war bei Dial mit den verwischten Romantik-Sounds so.

Dave: Ja, das kann sein. Wir sind ja alle befreundet, tauschen uns über gemeinsame Vorlieben aus. Dial hat etwas extrem Gewachsenes, keiner hat es am Reißbrett entworfen.

Debug: Was sind das für Nicht-Techno-Sachen, über die ihr euch verständigt? Ihr habt zwei nicht-elektronische Songwriter-Alben, Dominique und JaKönigJa, als Vinyl-Editionen veröffentlicht …

Pete: Dominique ist ein gutes Beispiel. Das war einen Sommer lang eine Lieblings-CD für uns.

Dave: Ich habe Dominik Eichler von Dominique total zufällig kennen gelernt. Eine typische Dial-Sache: Man geht aus, trifft jemanden, hat einen tollen Abend. So wächst die Idee, die CD als Vinyl herauszubringen.

Debug: Dominique ist für Dial das, was Prefab Sprout für Kompakt ist?

Dave: Prefab Sprout ist auch Prefab Sprout für Dial.

Pete: Aber das gibt es ja alles schon auf Vinyl.

Debug: Das Album Andromeda Heights nicht.

Phillip: Aber die ist so gut produziert, das ist eine CD-Platte.

Dave: Dominique hat ganz viel mit Techno und Nachtleben zu tun, ohne selbst Techno zu sein. Es geht immer um das Davor und Danach. Beim letzten Stück stehen zwei auf der Tanzfläche und wissen nichts zu sagen, müssen vielleicht auch nichts sagen. Dann hört es auf und ganz am Ende der Platte hört man eine Bassdrum. Das ist einfach so sinnvoll, diese Platte auf einem Technolabel zu veröffentlichen.

Pete: Bei Kompakt wurde sie als Maxi zum Maxi-Preis verkauft.

Phillip: Das ist auch schön, wenn man sie bei Hardwax stehen sieht – als absoluter Ladenhüter.

MYSPACE

Debug: Was war für euch 2006 das herausragende kulturelle Ereignis? Für mich wäre es zum Beispiel das Fantastic-Man-Magazin …

Dave: … kulturelles Ereignis?

Phillip: MySpace. (allgemeines überrumpeltes Lachen)

Dave: Zumindest ist das ein kulturelles Ereignis, das uns alle betrifft. Da wird deutlich, wie eine Konstruktion von Identität heute funktioniert. Man definiert sich nur über seine Vorlieben und Interessen. Niemand schreibt wirklich was über sich.

Pete: Doch. Und das finde ich ganz furchtbar.

Dave: Es schreibt doch niemand: “Heute bin ich aufgewacht und hatte schlechte Laune.“ Da steht doch nur: “Mein Buch, mein Film, meine Musik …“

Pete: Nein, da steht auch: “Heute hatte ich schlechte Laune.“

Phillip: Ich meinte das auch nicht so ernst.

Pete: Ich habe letztes Jahr kein gutes Konzert gesehen … Der Carl-Craig-Remix von Theo Parrish …

Dave: (mit Nachdruck) Die Carl-Craig-Mix-CD hat – mich – sehr – beeinflusst.

SMALLVILLE

Debug: Parallel zu Dial habt ihr im Dezember das Smallville-Label gegründet. Geht damit eine Neuüberdenkung von Dial einher?

Pete: Nein, überhaupt nicht. Smallville machen ja auch – neben mir – ganz andere Leute, die Mitbetreiber des Smallville-Plattenladens, Julius Steinhoff und Stella Plazonja.
Smallville ist im Gegensatz zu Dial ein kommerzielles, ein richtig kommerzielles Label. (Lachen) Zumindest ein etwas klassischer strukturiertes Label. Dial sind “fünf Freunde“, die ihre Musik rausbringen und alle Arbeit machen, die anfällt. Wenn Pantha du Princes neues Album ansteht, machen wir gemeinsam die Promo, packen die Platten ein, Phillip schickt MP3s zu Beatport …

Dave: Alle müssen alles können, wie das früher immer gefordert wurde.

Pete: Bei Smallville haben wir eine andere Struktur, mit Büro. Wir bringen auch Musik von Menschen außerhalb unseres Freundeskreises heraus. Smallville ist ganz klar auf den Club fokussiert. Das wollten wir mal ausprobieren.
Bei Dial habe ich einmal ein Demo von einem polnischen Musiker abgelehnt. Er fragte mich, wieso wollt ihr das nicht rausbringen? Ich habe geantwortet, wir sind ein kleines Label, eine Familie, Freunde, mach doch selber dein eigenes Label, dann kannst du selbst die Entscheidungen treffen. Das war ganz süß, wie er reagiert hat: Was kann ich machen, um euer Freund zu werden?

Phillip: … lange vor MySpace.

Dave: Früher haben wir ganz oft Leuten die Fertigungs-PDFs vom MPO-Presswerk geschickt, damit sie sehen, es ist gar nicht so schwer, ein eigenes Label zu gründen.

Pete: Und es hat funktioniert. Es ist ja das Schöne, dass es hundertfünfzig neue Minimalektronik-Label in den letzten drei Jahren gegeben hat. Viele Label-Sounds verstehe ich überhaupt nicht, aber sie haben ihre Nische. Ich finde es gut, dass es für jedes kleine Knurpsel-Genre unzählige Label gibt.

Debug: Aber das dünnt die Aufmerksamkeit extrem aus.

Dave: Das macht aber auch nichts. Ich bin nie unter Stress geraten, oh mein Gott, Dial hat zu wenig Aufmerksamkeit. Auch wenn es keiner hören würde, wäre es toll, es so zu machen.

Pete: Man darf Aufmerksamkeit nie erzwingen. Ich bin grundsätzlich gegen Hype.

Dave: Gegen künstliche Bedürfnisse.

Pete: Man kann sich an jede Musik gewöhnen, wenn sie einem oktroyiert wird oder man gar nicht die Möglichkeit hat, andere Musik zu hören. Aber die Möglichkeit ist ja gegeben, unsere Musik weltweit zu hören. Wahnsinnig viele Menschen laden sich unsere Musik runter. Mich stört eher, dass Schallplatten nicht genügend verfügbar sind.

Hendrik: Das haptische Erlebnis gibt es nicht mehr.

Phillip: Das empfinde ich auch als Problem. Ich war schon öfter davor, MP3s wieder abzuschaffen, weil die Cover komplett flachfallen. Man hat ein Jpeg, aber das ist weg, wenn der Rechner abstürzt, die Musik ist auch weg. Eine Platte hast du noch in fünfzig Jahren. Natürlich ist die digitale Distribution wahnsinnig praktisch, aber es zerstört sehr viel von dem, was bei uns so wichtig ist.

Dave: Bei der CD hat man das auch gedacht. Das finde ich aber gar nicht schlimm. Man macht halt die ganzen Angebote auf vielen verschiedenen Ebenen. Den einen ist es wichtig, die neuesten Tracks ganz schnell runterzuladen, die anderen wollen das schöne Cover zu ihren anderen 35 Schallplatten sortieren.

Hendrik: In einen Plattenladen zu gehen, ist mit dieser Technologie eigentlich ad absurdum geführt. Was dabei rumkommt, wenn man es trotzdem macht, an Kommunikation, an wirklichem Reden, statt nur eine Nachricht auf MySpace zu schreiben, findet an solch einem Ort statt. Das ist eine Art von Netzwerk, die dieser Welt immer weiter entflieht.

Pete: MP3-Verkauf ist ja total okay. Dass es Leute gibt, die bereit sind, dafür Geld auszugeben. Aber ich fand eigentlich an MP3 toll, dass Menschen, die es sich sonst nicht leisten können, Musik zugänglich wurde. Sie können an Musik teilhaben, die einfach völlig überteuert ist, die sich nur westeuropäische reiche Fuzzis wie wir und ein paar andere leisten können. Das hat gut funktioniert. Ich habe in Polen Leute getroffen, die sich mit vielen anderen einen Rechner geteilt haben. Die haben das krasseste Wissen, was frühen italienischen Horrorfilm angeht, oder so. Deswegen finde ich Downloads und MP3 immer noch ein sehr wichtiges Medium. Menschen, die sich noch nie in ihrem Leben eine Schallplatte gekauft haben, können sich die Musik jetzt einfach irgendwo rauskopieren. Das fand ich immer so herrlich, es war so emanzipatorisch. Diese ganze Diskussion um Urheberrecht und Illegalität kann man ja in Westeuropa führen, es hat aber etwas Schwachsinniges. Ich hatte früher in der Major-Industrie einen Studentenjob. Ich glaube, ich habe noch nie so viele CDs illegal kopiert wie damals für meine Chefs. Und jetzt werden irgendwelche Rentner zu Arbeitsstunden verdonnert, weil sie sich genauso verhalten …

Dave: Dass ist ja das Gute, dass wir von den Schallplatten bis zum illegalen MP3 Angebote auf allen Ebenen machen können.

Debug: MP3s sind so was wie Opern-Aufführungen im Fernsehen …

Dave: Ach, weiß ich nicht, ob man das vergleichen kann. Eher: alles für alle.

KUNST IM KAFF

Debug: Wie seht ihr die Chance, bei Dial zum Beispiel ein Grafikbuch zu veröffentlichen?

Dave: Wir haben letztes Jahr eine relativ große Ausstellung gemacht, die leider niemand sehen konnte, weil sie in einem Kaff in Holland stattfand. In einem sehr großen Raum in einer sehr kleinen Stadt. Eine Ausstellung mit 22 Künstlern auf 1000 qm.
Man kann sich so ein Buchprojekt vorstellen, aber wenn es passiert, dann nur, weil es halt passiert – wie alles bei Dial.

Pete: Wir wollten ja auch mal ein Magazin machen.

Dave: Wir hatten schon eins fertig, haben es aber nie veröffentlicht. 2002 war das. Wir haben viele Leute nach Beiträgen gefragt. Wie eine Dial-Compilation.

Debug: Ihr seht keine Berührungsängste, ein Technolabel in den Kunstkontext zu hieven?

Dave: Da gibt es ja gar nichts zu hieven. Dial ist so ein schwammiges Gebilde, eine Flüssigkeit, die überall mit einsickern kann.

Debug: Aber Dial wurde noch in keinem Design-Magazin vorgestellt?

Pete: Unsere Website war mal in einem Webmagazin drin. Wir haben aber nie ein Belegexemplar bekommen.

Dave: Beim belgischen Label Les Disques du Crépuscule hat in den 80ern ja auch niemand an den Kunst- und Design-Zusammenhang gedacht …

Debug: Doch, da war doch schon klar, dass es als Gesamtkunstwerk angelegt war. Oder auch das Label, auf dem Virna Lindt erschien, Compact …

Dave: Das war so ähnlich auf Schlingerkurs wie Dial, so ganz toll.

Phillip: Diese außer-musikalischen Zuschreibungen, für die man durch die verschiedenen Aktivitäten in den letzten Jahren selbst verantwortlich ist, können ja auch total nerven. Wenn man einfach eine Techno-Platte gemacht hat, will man auch, dass sie einfach als Techno-Platte rezipiert wird. Dann wird da etwas drangehängt, was erst mal gar nichts damit zu tun hat.

Debug: Da wird ein Überbau draufgepfropft.

Phillip: Es gibt keine gezielte Verschleierungstaktik, kein Mäandern in andere Bereiche. Das passiert manchmaI, im Endeffekt sind es aber Platten, die gehört werden sollen. Sonst hätte man letztes Jahr eine Strategie ablesen können müssen: Eine Technoplatte wird kontrastiert mit einer Gitarrenplatte mit einer Droneplatte. Aber so ist es ja nicht. Im Gegenteil: “Ich habe hier eine Droneplatte.“ – “Toll, bringen wir mal eine Droneplatte raus.“ So läuft es. 2007 müsste man sonst sagen: “Dieses Jahr nur Techno.“

Dave: Weil es so offen angelegt ist, können wir uns ja so viel erlauben. Mir selbst wäre es gar nicht möglich, so straight zu fokussieren, so ein hartes Abgrenzungsverhalten zu kommunizieren. Ich liebe es aber total, wenn Leute dazu in der Lage sind, wenn sie ein Label machen wie “Mojuba“.

Phillip: Viele Leute begrenzen sich dadurch, dass sie eine Richtung verfolgen wollen und alle Künstler ins Schema pressen. Das funktioniert vielleicht ökonomisch besser …

Pete: Auf jeden Fall.

Phillip: … aber man begibt sich in eine Art selbst geschaffenes Gefängnis.

Dave: Es ist ja auch schön, wenn eine Platte mal durchfällt.

Phillip: An dieser Stelle müssen wir unserem Vertrieb Kompakt danken, dass sie das überhaupt möglich gemacht haben.

Vierstimmiger Chor: Danke, Kompakt!

Pete: Kompakt freuen sich ja auch über komische Reaktionen – wie aus England: “Ich bin totaler Dial-Fan. Ich höre die JaKönigJa immer zu Hause.“

Debug: Findet ihr, ihr nutzt eure Freiheiten schon ausgiebig? Dominique und JaKönigJa waren die einzigen echten Ausbrecher.

Dave: … und die Phillip-Sollmann-CD. Glühen.

Pete: Aber jetzt gerade haben wir extrem Lust auf Tanzmusik. Mein erstes Album als Lawrence ertrage ich überhaupt nicht. Aber das ist ein momentaner Zustand. Wir hören ja auch andere Musik und lassen uns beeinflussen.

KLASSIK

Debug: Bei euch dreien, Pantha du Prince, Efdemin und Lawrence, scheint klassische Musik ein gemeinsames Interesse zu sein. Ich weiß nicht, wie weit das unterschiedliche Formen von Klassik sind?

Hendrik: Ich bin damit aufgewachsen. In meiner Familie stecken mir Leute Klassik zu.

Debug: Wie wächst man freiwillig mit Klassik auf?

Hendrik: Freiwillig? Meine Mutter ist Klavierlehrerin, mein Vater singt in Chören und spielt Cello. Sie haben mir aber nie etwas aufgezwungen. Akademisch-bürgerlich war es nie. Eher hippiesk: Lass das Kind mal machen, was es will. Wenn ich den Flügel präpariert habe mit komischen Münzen, war das auch okay.

Dave: Sperenzchen.

Phillip: Nudeln sind auch gut zum Präparieren, das scheppert.

Hendrik: Das ist eher meine Klassik.

Debug: Nichts, was einen zwingt, Death-Metaller zu werden.

Hendrik: Nein. Aber das bin ich auf eine gewisse Weise auch geworden. Wenn man zu Hause mit My Bloody Valentine ankommt …

Phillip: Es ist schon eigenartig, dass mit zunehmendem Alter eine neue Lust an guter Tanzmusik entsteht. Es kommt mir vor wie ein zweiter Frühling.

Debug: Das ist das Rausschieben der Midlife-Crisis.

Dave: Ist das nicht eher eine Wellenform? In einer bestimmten Zeit interessiert man sich mehr für inhaltliche Sachen. Du, Phillip, bist extra nach Wien zum Studieren gegangen, hast dich intellektuell auf allen Ebenen mit ernsthafter Musik beschäftigt. Da ist es doch ganz normal, dass man danach wieder Lust hat auf Bassdrum und Hihat.

Debug: “Ernsthafte Musik“? Ihr würdet nicht wirklich den Unterschied zwischen ernsthafter und unterhaltender Musik machen?

Dave: Das meine ich nur als die allgemeine Genre-Bezeichnung, Ernste Musik.

Hendrik: Klassik ist bei mir unterschwellig immer da, taucht nur manchmal deutlicher auf und verschwindet wieder. Ich habe aber auch in Neue-Musik-Instituten an Synthesizern rumgebastelt. Im Moment ist es bei mir aber auch ganz klar die Tanzmusik, die Frage, was so ein Genre mit einem machen kann.

Debug: Deine aktuelle Platte hat beides, als würdest du Tanzmusik durch einen schwarzen Gaze-Vorhang betrachten. Ich musste an diesen Gothic-Film mit den abgeschlagenen Köpfen denken, Sleepy Hollow. Das Efdemin-Album ist viel klarer im Techno-Bezug.

Phillip: Mein Album hat versteckte andere Referenzen. Das erste Stück besteht aus Sounds von Steinplatten von einem Wiener Museum, die für eine Installation gedacht waren. Das letzte Stück basiert auf einem Hochzeitstanz aus Westafrika, weil ich in letzter Zeit so viel afrikanische Musik gehört habe. Es gibt kurze Ausblicke, tendenziell ist es aber eine sehr funktionale Tanzplatte.

Dave: Das ist ein sehr exemplarisches Vorgehen. Ein Sound, der eigentlich für eine Installation gedacht war, fließt in ein Techno-Stück ein, weil er zufällig auf dem Rechner liegt, schon ist das Gefüge dort. Das hört man hinterher gar nicht mehr, es ist aber alles drin miterzählt, von Detroit bis Wien.

Debug: In Paris ist die Ed-Banger-Szene gerade sehr groß, beobachtest du das, Hendrik, wenn du dort wohnst?

Hendrik: Ich bin nicht im Nachtleben, da habe ich keine Lust mehr drauf.

Pete: Du warst doch im Rex?

Hendrik: Nein.

Phillip: Ich habe dich auch im Rex gesehen.

Hendrik: Ich war da nicht. Aber es gibt durchaus Kontakte. Ich baue Smallville Paris auf.

Debug: Das kann dich in Paris wohl kaum ernähren …

Pete: Kann es in Hamburg ja auch nicht.

Hendrik: Musik ernährt doch sowieso niemanden.

Debug: Es erzählen ja alle, wie toll gekleidet die Clochards in Paris sind. Also vielleicht lieber an der Seine sich nicht von Musik ernähren können …

DIAL 2.0

Phillip: Debug hat diesen Titel “Dial 2.0“ in Umlauf gebracht?

Debug: Dave hatte mir erzählt, ihr würdet dieses Jahr noch mal richtig frisch durchstarten …

Dave: Dial hat jetzt eine Form, die ich mir immer gewünscht habe. Die Platten stehen alle da wie kleine Edelsteine an einer tollen Kette, verknüpft, aber gleichzeitig für sich in der Schönheit, die sie repräsentieren.

Philip: Nächstes Jahr passiert vielleicht gar nichts mehr.

Debug: Ich kann den Text auch als Abgesang schreiben …

Dave: Eher als Aufgesang. Es ist absolut gut, dass es so ein Label gibt. Ich bin gerade extrem excited.

Debug: Hältst du deine Kunst aus Dial raus?

Dave: Die Ausstellung letztes Jahr zeigte ja nicht nur die Cover. Es war auf einer anderen Ebene inhaltlich angelegt: Wie transformiert sich ein angewandtes Format – wenn man einen Künstler bittet, ein Cover oder ein Etikett zu gestalten – in eine Ausstellung? Wie kann eine Rück-Autonomisierung stattfinden von angewandten Covern zu richtigen Kunstwerken?

Phillip: … “ernsthaften” Kunstwerken …

Dave: Genau. Wie das so hin und her geht, was ist Tanzmusik, was ist akademisches Interesse? Was kann demokratischer sein, was ist für viele zugänglich, was für wenige?

HOCHGLANZ MIT ZEROX-INSERT

Debug: Wenn Dial ein Printmedium wäre, wäre es noch ein Fanzine?

Dave: Es wäre ein Hochglanzmagazin mit Zerox-Insert. So sehe ich Dial. Es wäre total vermessen, einen Fanzine-Status für sich in Anspruch zu nehmen, es würde die Fanzine-Idee degradieren. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass es mal ein Dial-Buch oder einen Katalog geben könnte, in zwanzig Jahren vielleicht. Mir macht es total Spaß, durch alte Sachen zu gehen und zu entdecken, ah, da waren wir ja noch eng mit Christian Flamm vom Parfüm-Label befreundet, den man jetzt nur noch selten sieht. Früher habe ich das immer abgelehnt, aber jetzt finde ich es toll, dass da Sachen sind, die mit meinem Leben und mit dem Leben von Leuten, die ich kenne, zu tun haben.

Debug: Aber das ist nichts, was sich nach außen vermittelt.

Dave: Doch, das glaube ich schon. Gerade weil es so ist, wie es ist. Es hat nicht so ein Format wie bei anderen Labeln, die alles Biografische viel besser raushalten.

Hendrik: Bei der Ausstellung konnte man das auch gut sehen. Es wird etwas an Informationen offen gelegt, was wieder andere Informationen begünstigt. Das ist die Kette, in der man sich befindet.

Dave: Die Ausstellung hätte ich am liebsten jedem verordnet. Für mich wurde da ganz viel an Geschichte aufgeschlüsselt und ausformuliert. Aber jetzt braucht man das eigentlich nie wieder zu machen. Es war einmal so hingestellt, paff. Es steckte alles drin: Autorität und Freiheit, Kopie und Fälschung, Original, alles, was es bei Dial schon immer gibt.

Phillip: Das Schöne war, dass die Musik in dem Moment marginal war …

Dave: … aber gleichzeitig im Zentrum stand …

Phillip: … als Hörstation. Aber die Cover waren ganz groß und präsent und die Musik konnte man nur über Kopfhörer anhören, es gab keinen Klang im Raum. Ein Hohlspiegel …

Debug: Eine Dial-Invertierung.

Pete: Für viele war das schockierend. Nach der Ausstellung diese Musik, vierviertel Bassdrum, strukturell sehr stumpfe Musik. Das ist das Interessante.

Dave: Die Ausstellung war quasi räumlich angeordnet, wer sitzt wo, wie eine Familienaufstellung, wer schert aus. An den Rändern wurde es immer verrückter. Da stand eine völlig hysterische Julian-Goethe-Skulptur, huh. In der Skulptur schloss sich aber auch ein Kreis, der viel mit Club und Ausgehen, mit einem Minimal-Glamour zu tun hatte.

Debug: Da war aber eher Galeriepublikum?

Dave: Da war eher gar kein Publikum. Die zehn Leute aus dem Ort …

Debug: Klingt nach Fördergelder-Verbrennung …

Pete: Ursprünglich war Dave alleine eingeladen, sollte eine Einzelausstellung machen.

Dave: Das war bei dem Riesen-Space völlig unmöglich. Also haben wir eine Gruppenausstellung gemacht, bei der das Prinzip Dial die verbindende Klammer ist. Das ging bis zu historischen Referenzen wie einem Marcel-Brodthaers-Plakat. Ein Dichter, der beschließt, aus ökonomischen Gründen Künstler zu werden, und das erste Kunstwerk sind seine nicht verkauften eingegipsten Bücher. Da gibt es auch so eine Verschiebung von einer in die andere Form. Das einzige Kunstwerk, das ich beigesteuert habe, waren die ersten 25 Dial-Etiketten, gerahmt in runden Passepartouts. Die Etiketten waren aber Fotos. Die angewandte Grafikarbeit der verschiedenen Künstler wurde zurücktransportiert zu einem Kunstwerk, das nur einen Autor hat. Das steht plötzlich neu da durch ganz einfache formale Mittel wie Glas und Holz als Rahmen, Passepartout aus Papier statt MPO-Lochcover.

RUMMENSCHELN

Debug: Werdet ihr mehr so was wie Dominique und JaKönigJa veröffentlichen? Und sollen solche Ausreißer weiter einfach so im Katalog mitlaufen?

Pete: Die Idee ist da. JaKönigJa konnten wir als Dial-Platte über Kompakt vertreiben, sie gleichzeitig aber auch als Vinyl-Reissue einer älteren CD kommunizieren, was es ja auch war. Uns ging es dabei nicht um Dial. Wichtig war in dem Fall, dass die Platte auf Vinyl herauskommt, weil Jakobus Siebels von JaKönigJa nicht einmal einen CD-Player hat und seine eigene Platte nicht hören kann.

Dave: Das ist wieder typisch Dial. So kommt halt solch eine Platte zustande. Ich will gar nicht so rummenscheln … Aber ich finde es eigentlich super, dass es so ist.

Pete: Ich habe nichts gegen Rummenscheln. Ich mag die Menschen am liebsten, die rummenscheln.

Dave: Ich akzeptiere auch immer mehr, dass es so ist. Ich bewundere zwar konzeptueller angelegte Label, alles sieht gleich weiß aus, es ist fast immer das gleiche Rauschen drauf, super toll. So was könnte ich, könnten wir alle aber gar nicht machen.

Pete: Bei Mute fand ich das auch toll: Dann und dann kommt die LP raus, wir machen noch drei Maxis, hier ist die Remix-Liste. Wow! Ich möchte aber nicht wissen, wie viele Menschen damit beschäftigt waren, die überhaupt keinen Bock auf die Musik hatten.

Debug: Das nennt man dann Professionalität.

Dave: Aber eigentlich bedeutet es nur Unterdrückung.

Hendrik: Ich habe im Studio von Pawel gearbeitet, da standen mit einem Mal JaKönigJa nebenan und haben geprobt. Wir haben plötzlich im gleichen Raum Musik gemacht, hatten vorher aber gar nichts miteinander zu tun. Man macht eine Tür auf und steht da mit Leuten, mit denen man auf dem gleichen Label ist. Das ist so ein Moment, in dem alles zusammentrifft.

Dave: Ebba Durstewitz von JaKönigJa hat den Pressetext für meine letzte Ausstellung geschrieben, es kommt auch was zurück …

EIN TOAST

Debug: Wenn ihr wollt, dass eure Platten nur als Techno ohne Überbau wahrgenommen werden, wie Philipp vorhin meinte, würde es ja Sinn machen, auch mal auf anderen Labeln als Dial zu veröffentlichen.

Phillip: Machen wir ja auch alle.

Dave: Ich habe ein paar Platten bei Sender rausgebracht. Es war schon interessant, dass sie anders wahrgenommen wurden.

Debug: Die gleiche Platte einmal bei Dial und einmal bei Sender zu veröffentlichen, das wäre doch mal ein Experiment.

Hendrik: Naja …

Dave: Ich finde, es kann gar nichts Schöneres geben, als Platten bei Dial rauszubringen.

Debug: Ein schönes Schlussstatement.

Dave: Vielleicht ein bisschen eitel …
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Elektronische Lebensaspekte.