Die BBC verkündet das Ende des "Rundfunks" und erfindet sich neu im Internet. Der radikale Umbau gilt als Vorbild und einzige Chance für Europas öffentlich-rechtliche Medien.
Text: Walter Opossum aus De:Bug 103

Bis vor wenigen Jahren überboten sich die Kolporteure mit apokalyptischen oder euphorischen Berichten über die bevorstehende Medienrevolution, ausgelöst durch die disruptive Kraft des Internet. Das “neue Medium” würde vor allem die etablierten elektronischen Medienformen in sich vereinen und Radio und TV dadurch in die Bedeutungslosigkeit verbannen. Während derartige Weissagungen aus den Magazinen und Wirtschaftszeitungen längst verschwunden sind, lässt jetzt das Management der BBC mit einem Horrorszenario aufhorchen: Man habe bereits eine Generation jugendlicher Zuschauer an iPod, Spielkonsole und Internet verloren, das Konzept des “Broadcasting” sei somit in absehbarer Zeit am Ende. Diese deftigen Aussagen überraschen, verfügt doch gerade die BBC über einen der weltweit erfolgreichsten Web-Auftritte, der anders als in Deutschland weit über streng regulierte “Programm-begleitende” Inhalte zu TV- und Radio-Sendungen hinausgeht. Seit einem Jahr arbeitet die BBC zudem an einem Zukunftskonzept namens “Creative Future”, das dieser Tage von BBC-Chef Mark Thompson höchstselbst präsentiert wurde: “SHARE”, “PLAY” und “FIND” sind demnach die Wunderwaffen, mit denen der drohende Bedeutungsverlust herkömmlicher öffentlich-rechtlicher Medien gestoppt werden soll. SHARE umfasst dabei die Welt des Web 2.0: Nutzer sollen mit Angeboten ähnlich denen von YouTube oder MySpace ihre Meinungen und Ideen mit Gleichgesinnten austauschen können. PLAY stellt jedem englischen Gebührenzahler das komplette Radio- und TV-Angebot der letzten sieben Tage als Download zur Verfügung, das nach Belieben auf den unterschiedlichsten Plattformen konsumiert werden darf. Schließlich macht FIND den Online-Usern das historische BBC-Archiv zugänglich. Der Zugriff auf das so genannte kulturelle Erbe ist jedoch nicht auf eine passive Nutzung beschränkt. Wo ausreichende Rechte vorhanden sind, ist ein Lizenzierungsmodell auf Basis von Creative Commons das erklärte Ziel. Damit erhält jeder Nutzer beispielsweise das Recht auf Nachbearbeitung, künstlerische Neukomposition und nicht-kommerzielle Weiterverbreitung.

Freigabe und Restriktionen
Besonders die beiden Schwerpunkte PLAY und FIND erfordern allerdings noch gewaltige Anstrengungen bei der Umsetzung in technischer, rechtlicher und finanzieller Hinsicht. Zur Distribution des Download-Angebots wird File-Sharing-Technik nach dem Peer-to-Peer-Prinzip zum Einsatz kommen – In den Augen der Content-Industrie das personifizierte Böse, es wird also einiges an Überzeugungskraft erfordern, um das Vertrauen der Inhaber von Drittrechten zu gewinnen. In direktem Zusammenhang ist der geplante Einsatz von DRM-Systemen (Digital Rights Management) zu verstehen. DRM wird dafür sorgen, dass sich nach einer bestimmten Zeit kein heruntergeladenes Video mehr abspielen lässt. Unkontrollierte Weitergabe oder Nachbearbeitung wird dank DRM ebenfalls verhindert. Diese Restriktionen werden manche Konsumenten als Einladung zum Hacken verstehen und der BBC neue Probleme aufbürden, wie sie bislang nur Pay-TV-Anbietern bekannt sind. Technische Probleme beim Zusammenspiel zwischen DRM-geschütztem Content und den angekündigten nicht-proprietären Abspielplattformen sind ebenfalls zu erwarten. Benutzer aus dem Ausland bleiben zudem vorerst draußen: Mittels Geo-Blocking wird verhindert, dass die britischen Gebührenzahler den Rest der Welt quersubventionieren. Ohne diese Nutzungsbarrieren – Zugeständnisse an Fremdrechteinhaber – wäre ein vollständiges On-Demand-Angebot jedoch gar nicht realisierbar. Immerhin wurde bereits ein kostenpflichtiger Zugang für ausländische Nutzer angekündigt.

350.000 Stunden Fernsehen
Die im Bereich PLAY anstehenden Hausaufgaben muten aber gegen das Monsterprojekt FIND noch harmlos an: Seit 1937 haben sich nicht weniger als 350.000 Stunden Bewegtbild im BBC-Archiv angesammelt und jede Woche kommen 200 Stunden dazu. Und Fernseharchive dieser (historischen) Dimension bestehen aus vielen unterschiedlichen Datenträgern: Zelluloidfilm, Magnetbänder, Bildplatten und Videokassetten verschiedenster Normen. Diese Medien lagern in gekühlten, dunklen Räumen und werden bei Bedarf händisch ausgehoben. Will ein Redakteur für einen TV-Beitrag historische Szenen einbauen, passiert – vereinfacht dargestellt – folgendes: Technisch kundiges Personal sucht das Video aus einer Schlagwortdatenbank, holt das entsprechende Band aus dem Archiv, legt es in das passende Abspielgerät und beliefert einen digitalen Videoschnittplatz zur Weiterverarbeitung. Nach dieser Prozedur muss das Material zurück ins Archiv. Nur der jüngste Teil eines TV-Archivs ist üblicherweise schon auf den modernsten, automatisch zugreifbaren Medien (Festplatten, Bandrobotern) abgelegt. Ein direkter Online-Zugriff auf den gesamten Archivbestand bedingt aber die vorhergehende, komplette Digitalisierung und Speicherung auf diesen modernen Datenträgern. Optimistisch geschätzt würde die digitale Voll-Erfassung mindestens zehn Jahre dauern und hunderte Millionen verschlingen. Die Großinvestition in eine komplette Digitalisierung des Archivbestandes würde aber auch die Arbeit der eigenen TV-Gestalter und -Redakteure massiv erleichtern, sie hätten auf Knopfdruck das Erbe von 70 Jahren TV-Geschichte abrufbereit. Und steht ein derart erschlossenes Archiv erst einmal intern bereit, ist der logische nächste Schritt eine Öffnung nach außen, also eine Bereitstellung im Internet. Bleibt die leidige Frage: Wer zahlt, oder, wie viel Geld ist dem britischen Gebührenzahler die Zugänglichmachung dieses “kulturellen Erbes” tatsächlich wert? Kritiker bemängeln denn auch, dass die aufgewendeten finanziellen Mittel sinnvoller in der Programmproduktion investiert wären.

Vorbild BBC
Eine zusätzliche Hürde auf dem Weg zum öffentlichen Online-Archiv ist das Urheberrecht: Aus einem existierenden Recht zur Rundfunksendung kann nämlich keineswegs automatisch ein Recht auf “Zurverfügungstellung” (On Demand) abgeleitet werden. Im kontinentaleuropäischen Urheberrecht hat das zur Folge, dass das Nutzungsrecht für jede einzelne Produktion neu verhandelt werden müsste. Allein der damit verbundene administrative Aufwand macht ein solches Unterfangen beispielsweise in Deutschland oder Österreich prinzipiell unmöglich. Versuche, auf europäischer Ebene eine Ausnahmeregelung mittels Pauschalabgeltung wie etwa für wissenschaftliche Bibliotheken zu erwirken, sind wiederholt gescheitert. Obwohl das angloamerikanische Copyright den Urhebern vergleichsweise geringere Rechte einräumt, wird also auch die BBC mit gewaltigem juristischen Aufwand rechnen müssen. Nichtsdestotrotz hat die BBC als führende Rundfunkanstalt Europas eine weit reichende Entscheidung zur Neufassung des öffentlich-rechtlichen Auftrages getroffen. Die übrigen europäischen Medienunternehmen werden mit einigem Respektabstand folgen.

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Elektronische Lebensaspekte.