Vor zwanzig Jahren hat Juan Atkins Techno erfunden. Mittlerweile ist es verhältnismäßig ruhig um ihn.Im Interview erklärt er, wo Techno heute steht, und entwickelt eine politische Analyse der aktuellen afroamerikanischen Popmusik.
Text: Alexis Waltz aus De:Bug 91

Die alternative Realität
Juan Atkins

Vielleicht hat Juan Atkins unter den Detroit-Produzenten den mächtigsten, durchdringendsten Soundstrom erschaffen. In seiner Musik erklang zum ersten Mal Techno, genauso bleiben seine Tracks bis heute vom Frühachtziger-Electro infiziert. Songwriting ist in ihnen immer mitgedacht. Atkins Musik denkt den radikalsten Afrofuturismus – und sie kann derbster Booty-Bass sein.
Als Person verkörpert Atkins eine große Ruhe. Obwohl seine Sprache und seine Gedanken klar und konzentriert sind, wirkt er gedämpft, verlangsamt, wie von einer großen Erschöpfung erfasst. Er hat nichts von der energetischen, manischen, nervösen Aura eines Jeff Mills oder Derrick May, er erscheint unauffällig, wirkt in sich gekehrt.
Alle Detroit-Produzenten haben Anschlüsse jenseits ihrer eigenen Musik: Kevin Saunderson und Anthony Shakir appellieren an die Blackmusic-Geschichte; Jeff Mills interessiert sich für die europäische Avantgarde; Robert Hood ist in einer katholischen Gemeinde in Detroit aktiv. Nur Juan Atkins hat die Musik als alleiniges Thema.

Wie kam es dazu, dass du dein neues Album gemeinsam mit Pacou in Berlin aufgenommen hast?

Juan Atkins: Den Auftrag für ein Album für Tresor gibt es schon seit einigen Jahren. Berlin gibt mir einen guten Vibe zum Aufnehmen. Die Leute hier haben eine gute Basis und schlagen eine gute Richtung ein. Ich habe schon oft mit Pacou gespielt, ich schätze seine Musik – Tresor-Chef Dimitri Hegemann hat die Zusammenarbeit vorgeschlagen.

Was für eine Inspiration ist Berlin genau?

Juan Atkins: Tatsächlich erinnert mich die Stadt an Detroit: dasselbe Wetter, dasselbe Grundgefühl, dieselbe Stimmung. Nicht, dass ich das bräuchte, aber unbewusst entsteht das Gefühl, daheim zu sein.

Welche Rolle hatte Pacou bei der Produktion? Wie arbeitest du?

Juan Atkins: Pacou war als Engineer tätig – ich habe aber viele seiner Ideen verwendet. Generell arbeite ich lieber mit der MPC 2000 als mit Software-Sequenzern. Weil ich so früh angefangen habe Musik zu machen und die frühe Software viele Aussetzer erzeugte, fühle ich mich mit Hardware wohler. Ich verlasse mich lieber auf das, was ich mit den Händen mache.

Was für eine Bedeutung hat das Konzept der Future Music, einer vollständig zukünftigen Musik, für dich heute? Auf dem neuen Album gibt es viele Momente, die an deine frühen Tracks erinnern.

Juan Atkins: Die Technobewegung kam und ging. Was erreicht wurde, kann nicht noch mal erreicht werden. Es gibt nichts, was die Musik weiterbrächte, als das, was jetzt schon realisiert ist.

Ist Techno vorbei?

Juan Atkins: Nein, nicht vorbei. Es geht jetzt um dich als Musiker, um deine persönliche Kreativität. Es geht nicht mehr um den Sound, um die Neuartigkeit der elektronischen Drums, der Elektronik überhaupt. Die Leute haben das hinter sich gelassen. Es geht jetzt um den Song, um die konkrete Aufnahme, darum, was der Einzelne macht.

Wie sieht die Detroiter Szene zurzeit aus?

Juan Atkins: Es ist weitgehend so wie immer. Detroit ist Detroit. Es ist schwer, dem Dunstkreis zu entkommen.

In Deutschland wird gerade Omar S. geschätzt …

Juan Atkins: Ich glaube, ich habe mal jemanden seinen Namen erwähnen hören.

Warum veröffentlichst du so verhältnismäßig wenig Material?

Juan Atkins: Ich mache keine Musik, um Geld zu verdienen. Ich liebe es, Musik zu machen, ich werde das wahrscheinlich mein ganzes Leben lang tun. Es gibt Phasen bis zu einem Jahr, in denen ich die Geräte nicht anfasse. Da staut sich eine große Energie auf, die mich dann sehr kreativ macht.

Für wen machst du deine Musik, an wen ist sie gerichtet?

Juan Atkins: So denke ich darüber nicht nach. Ich mache, was ich will. Natürlich denke ich an die Leute, die meine Schallplatten kaufen, die in mich investieren. Ich mache aus Vergnügen Musik, aber ich haben auch Rechnungen zu bezahlen. Bis zu einem gewissen Grad muss ich mich um das Geschäft kümmern. Hauptsächlich geht es mir aber darum, eine Alternative zum Status Quo zu produzieren. Es muss Leute geben, die bis an die Grenze gehen. Es gibt einen Michael Jackson, eine Whitney Houston, eine Britney Spears. Dabei höre ich viel aktuelle Popmusik und mir gefällt viel davon. Im kommerziellen Bereich gehen die R&B- und Hiphop-Produzenten, Timbaland etwa, am weitesten.

Warum seid ihr Detroiter Produzenten nie so was wie ein Timbaland geworden, habt nie Pop-Masterpläne entwickelt?

Juan Atkins: Timbaland ist ein R&B- und HipHop-Produzent, damit hatten wir nie etwas zu tun. Bei uns ging es um etwas völlig Neues. HipHop dagegen fing mit James-Brown-Loops an. Was Puffy machte, war Karaoke, er sampelte Platten aus den siebziger Jahren und legte Raps darüber. Darin liegt nichts Kreatives.

Mir kommt es so vor, als habe die afroamerikanische Musikszene in den USA einen Teil ihrer Energie verloren. Bis Ende der Neunziger gab es ständig tolle neue Gruppen aus den verschiedensten Szenen, Zusammenhängen, Musikstilen. Jetzt gibt es zwar immer noch aufregende neue Musik, sie wird aber von einer kleinen Elite gemacht: von Timbaland, den Neptunes, Leuten wie Rodney Jerkins.

Juan Atkins: Es gibt einen großen Druck, alles wird kontrolliert. Die Schrauben werden angezogen. Damit muss man fertig werden. Die Technologie entwickelt sich zu Gunsten der Kreativität, zugleich dient sie der Gedankenkontrolle und Tyrannei. Dieselbe Technologie, mit der ich neue Sounds mache, wird auf der anderen Seite gegen mich verwendet. Die Musikindustrie, die Millionen in eine Britney Spears investiert hat, möchte keine Teenie-Band sehen, die mit irgendetwas Neuem, mit einem elektronischen Twist, eine ganze Promo-Kampagne einfach wegfegt. Die Großen beschützen ihre Investitionen, sie kontrollieren den Markt. Viele wissen nicht, dass die CD das Monopol der Majors vergrößert hat, weil die Majors über Jahre hinweg über die Produktionsanlagen verfügten. Die Independents konnten keine CDs machen, und von diesem Schlag haben sie sich bis heute nicht erholt.

Allgemein scheint sich die Lebenssituation in der Black Community in den größeren Städten in den USA drastisch verschlechtert zu haben, in der Musik jedenfalls gibt es kaum noch ein positives Grundgefühl, meistens geht es um Gewaltexzesse …

Juan Atkins: Amerika ist immer noch ein durch und durch rassistisches Land. Im Fernsehen mag alles harmonisch aussehen, aber der Völkermord an der Black Community geht weiter. Was du sagst, ist richtig: Es werden Millionen in Gruppen investiert, die sagen: “Ich werde jeden im Block erschießen“, “Ich habe tausend Gewehre im meinem Haus“ oder “Wenn du etwas Falsches sagst, schieße ich dir den Mund weg.“

Warum hören sich die Leute das an?

Juan Atkins: In einer perfekten Welt würden sie das nicht tun, aber es geht um zu viel Geld. Die Hälfte dieser Gruppen denkt sich ihre Geschichten aus. Ich komme aus der Black Community, ich bin dort aufgewachsen, ich weiß, was da abgeht.

Man hört es in der Musik: einem Nas glaubt man, Terror Squad nicht.

Juan Atkins: Man nennt sie Studio-Gangster. Sie erzählen irgendetwas, um mit Geld zugeschmissen zu werden. Was wir in Detroit machen, ist extrem weit von dem entfernt, was man von uns erwartet. Wenn ich mich im Flugzeug mit jemandem unterhalte, werde ich als schwarzer Musiker sofort für einen R&B- oder HipHop-Produzenten gehalten. Ich sage dann: “Tut mir leid, ich mache elektronische Tanzmusik.“

Gibt es eine Rebellion gegen diese Lügen, gegen diese Missrepräsentation?

Juan Atkins: Nein. Wenn man es nicht mag, schaltet man um – das ist Amerika. Jetzt gibt es Satellitenradio mit 150 Kanälen – da wechselt man einfach den Sender. Das ist die freie Meinungsäußerung, von der Amerika vermeintlicherweise handelt. Die Jugend ist schon pauschal einer Gehirnwäsche unterzogen und wenn man einem Sechzehnjährigen hunderttausend Dollar auf den Tisch legt und ihn vor die Wahl stellt, für das Geld Gangster-Rap zu machen oder Techno zu produzieren, wo es nur die Gewissheit gibt, etwas zu tun, dass ein wenig anders und interessanter ist – was wird er tun?

Wie gefällt dir Eminem?

Juan Atkins: Er ist in Ordnung, er ist cool. Er ist ein Produkt der Industrie, es war aber ein vergleichsweise großer Grad an Glaubwürdigkeit notwendig, um einen weißen Rapper durchzusetzen. Sie haben es mehrmals versucht, es gelang nie. Eminem ist so authentisch, wie es nur möglich ist. Ich bin keineswegs wütend auf ihn, er macht gute Sachen.

Das Interesse an der Musik nimmt allgemein ab, gerade unter den Jüngeren.

Juan Atkins: In der Tat. Meine Tochter ist vierzehn Jahre alt und sie besucht so gut wie nie Konzerte. Ich würde mir wünschen, dass es mehr fortschrittliche Musik im Radio gibt, die findet aber gar nicht statt. Früher hat man wegen einzelner DJs Radio gehört, die bestimmte Sounds vertreten haben, jetzt ist alles durchformatiert. Es ist unmöglich, sich an einen DJ oder Moderator zu gewöhnen. Als ich begonnen habe, mich für Musik zu interessieren, mit 10, war ich auf das Radio angewiesen. Ich konnte in keinen Club gehen. Das fällt heute vollständig weg. Jetzt haben die Kids das Internet, aber auch das wird immer mehr kontrolliert. Heute sind wir als DJs die Vermittler der anderen, der neuen Musik.

Und was beschäftigt dich jenseits der Musik?

Juan Atkins: Nichts: Ich produziere und präsentiere Musik. Ich will eine alternative Realität verbreiten, das ist mein Projekt.

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Elektronische Lebensaspekte.

One Response

  1. De:Bug Musik » 25 Jahre Metroplex

    […] letzte Interview, das wir mit Juan Atkins vor ein paar Jahren geführt haben findet ihr hier. // Share| GA_googleFillSlot("ContentAd_Index");GA_googleFillSlot("DeBug-300×250"); Auch […]