Firmengründer Eloy Lopez im Interview
Text: Florian Sievers aus De:Bug 115


Donnerstag ist Beatport-Tag. Wenn der weltgrößte Anbieter für Dance-MP3s das Programm auf seinem Server in Denver aktualisiert, erstarrt die Technowelt in Vorerwartung. Die Plattenläden zittern.

Was iTunes für den Mainstream, ist Beatport für elektronische Musik: Die Erfolgsgeschichte des Download-Portals aus Denver, USA, ist beeindruckend. Mit den DJs Richie Hawtin und John Aquaviva hatte das Unternehmen schnell Multiplikatoren an Bord und mit Native Instruments den kompetenten Partner in der DJ-Software. Heute ist Beatport eindeutig Marktführer für Downloads elektronischer Musik weltweit. Angeboten werden hoch kodierte MP3s ohne DRM und völlig unkomprimierte WAV-Files.

Das Stöbern auf der Seite ist wie in einem japanischem Plattenladen mit unglaublichen Backcatalogue-Schätzen. Auch Eloy Lopez hat früher mal Vinylschallplatten gesammelt, als er noch Techno- und House-DJ war. Heute ist Lopez – 28 Jahre alt und Gründer der Betreiberfirma Beatport LLC aus Denver – hauptberuflich Chief Operations Officer (COO). Das heißt, er kümmert sich darum, dass das Tagesgeschäft reibungslos läuft und der Geschäftsplan eingehalten wird. Platten kauft er sich seit dem Start der Webseite 2004 keine mehr.

De:Bug: Du hast vor zehn Jahren noch im House- und Techno-Plattenladen eines Freundes von dir gejobbt. Fühlst du dich manchmal schuldig, dass du daran arbeitest, dass es solche Läden irgendwann mal nicht mehr gibt?

Eloy Lopez: Es ist tatsächlich komisch, wenn ich darüber nachdenke, weil eine ganze Menge meiner alten Freunde früher Plattenläden hatte. Einer war sogar auf der anderen Straßenseite von unserem Büro. Der hat jetzt geschlossen. Aber ich glaube, dass das nun mal die Evolution von Tanzmusik ist: Sie entwickelt sich weiter, und auch ihre Formate entwickeln sich weiter. Die Musik ist ja noch da, sie hat jetzt nur eine andere Form. Aber selbst ich vermisse manchmal das alte Gefühl, Vinyl anzufassen.

De:Bug: Würdest du also sagen, dass Beatport eine evolutionäre Weiterentwicklung von traditionellen Plattenläden ist?

Eloy Lopez: Auf jeden Fall, es gibt eine Menge Ähnlichkeiten. Zunächst einmal wollten und wollen wir die bedeutsamste Quelle von elektronischer Tanzmusik in digitaler Form im Internet sein. Und zwar sowohl für professionelle DJs als auch für Leute, die einfach diese Musik lieben. Ohne DRM, also ohne Kopierbeschränkungen, und in hoher Qualität, damit sie auch im Club gut klingen. Aber dabei wollten wir auch traditionelle Plattenläden in einer virtuellen Form nachempfinden.

De:Bug: Das ist leicht gesagt. Aber wo hat eine Webseite, die man nicht mal anfassen kann, Ähnlichkeiten mit einem gemütlichen Plattenladen, in dem es Kaffee gibt und dessen Besitzer man persönlich kennt?

Eloy Lopez: DJs, die in einen solchen Laden kommen, erwarten, dass Platten ihrem Geschmack entsprechend von Kennern vorselektiert auf sie warten, dass ihnen jemand Empfehlungen gibt. Das machen wir mit “MyBeatport“ und anderen Funktionen, die dir Sachen empfehlen und dich damit sozusagen beraten.

De:Bug: So etwas gibt es bei anderen Anbietern auch. Warum kaufen die Menschen trotzdem vor allem bei euch?

Eloy Lopez: Wir haben eine starke Marke geschaffen. Und wie bei jeder starken Marke bleiben Kunden ihr treu, weil sie sie cool finden. Darum wollten wir nicht einfach irgendein Anbieter sein, der Tracks von Labels verkauft, sondern wir wollten selber eine Marke sein. Manche Leute kaufen vielleicht ihre eher kommerzielle Musik bei iTunes, aber sie kommen zu uns zurück, wenn sie coole Musik wollen. Wenn sie an Dance Music denken, denken sie an Beatport.

De:Bug: Also so ähnlich wie das Gefühl, seine Vinyl-Platten am richtigen Ort zu kaufen und dann mit der Tüte des Ladens durch die Straßen zu laufen?

Eloy Lopez: Ja, nur dass sich manche Menschen nie getraut haben, einfach in diese Läden zu gehen und dem Typen hinter dem Tresen ein Lied vorzusingen, das sie gerade suchen. Das war ihnen dann zu uncool. Aber es gibt noch mehr Ähnlichkeiten: Bei richtigen Plattenläden weißt du, wann die neuen Platten reinkommen, und wartest schon darauf. Das ist bei uns der Donnerstag, wenn wir die Seite überarbeiten und die neuen Tracks für das Wochenende präsentieren.

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De:Bug: Es gibt allerdings natürlich ein paar Unterschiede zwischen euch und traditionellen Plattenläden. Zum einen euer Angebot. Wie groß ist das?

Eloy Lopez: Wir haben zurzeit Verträge mit rund 6.400 Labels, jeden Monat kommen ein paar hundert dazu. Aber wir wählen dabei sehr vorsichtig aus. Insgesamt haben wir 275.000 Tracks im Programm. Jeden davon in vier Formaten: als WAV-, MP3- und MP4-Datei sowie als Lofi-MP3 zum Vorhören. Um die zu speichern, brauchen wir 30 Terabyte Speicherplatz in unserem Datenzentrum hier in Denver. Und wir haben mehr als 300.000 registrierte Benutzer, unser Kundenstamm wächst jeden Monat um 25.000 neue Kunden.

De:Bug: So ein Angebot kann natürlich kein echter Plattenladen parat halten. Das bringt uns zu einem weiteren großen Unterschied zwischen euch und echten Plattenläden in einer Großstadt: Mit eurem Angebot im Netz – elektronische Tanzmusik in hoher Qualität und ohne DRM – habt ihr momentan ein Quasi-Monopol und könnt den Labels damit Konditionen diktieren. Das sorgt auch für Unmut. Hast du das schon mitbekommen?

Eloy Lopez: Wir betrachten uns nicht als Monopolisten …

De:Bug: … natürlich nicht …

Eloy Lopez: … obwohl uns schon häufiger mal Menschen gesagt haben, wir seien einer. Aber es gibt schon einige Wettbewerber da draußen, großartige Shops, die sich auf bestimmte Genres spezialisieren. Sie haben es leichter, denn wir bieten die unterschiedlichsten Formen elektronischer Tanzmusik an, von Trance bis Drum and Bass. Aber wir versuchen, direkte, persönliche Beziehungen mit den Labels aufzubauen. Darum haben wir alleine 15 Labelmanager, die nichts anderes machen, als rumzureisen und mit den Labels über deren Wünsche zu sprechen. Und wir wollen nicht einfach nur Geld mit den Labels verdienen, wir bieten ihnen auch Werkzeuge, um ihr Geschäft zu analysieren und zu optimieren.

De:Bug: Zum Beispiel?

Eloy Lopez: Wir liefern ihnen in Echtzeit detaillierte Daten darüber, welcher Track sich in welchem Territorium wie gut verkauft hat. Sie können damit Analysen und Grafiken erstellen, sie können Releases, Release-Zeitpunkte, Genres und Absatzmärkte vergleichen, sie können ihre Umsätze und Verdienste kalkulieren. Außerdem bieten wir ihnen Statistiken darüber an, wie viele Menschen sich für ihr nächstes Release interessieren. So werden Voraussagen über die zu erwartenden Verkäufe möglich.

De:Bug: Wirtschaftlich wäre es sinnvoll, ihr würdet gut verkaufenden großen Labels bessere Konditionen einräumen als schlecht verkaufenden kleinen. Macht ihr das?

Eloy Lopez: Es gibt ein- und denselben Vertrag für jedes Label, mit dem wir Geschäfte machen – egal ob Anfängerlabel, Teilzeit- oder erfolgreiches Profilabel. Wir wollen keines bevorzugen. Jeder kriegt 60 Prozent der Einnahmen, wir bekommen 40 Prozent.

De:Bug: Der Kunde bezahlt für Tracks bei Beatport immer gleich viel – unabhängig von den Produktionskosten, die dem Label damit entstanden sind, beispielsweise, wenn bei der Aufnahme ein 30-köpfiges Orchester beteiligt war. Warum dürfen Labels bei der Preisstruktur nicht mitreden?

Eloy Lopez: Wir haben da einiges an Forschung investiert und mit den Labels darüber geredet, mit welchem Preis sie sich wohl fühlen würden. Dabei kam dann letztlich 1,99 Euro für neue MP3-Tracks raus, 1,49 Euro für ältere und 2,49 Euro für Tracks, die es nur bei uns gibt. Damit sind wir nicht der teuerste Download-Anbieter, aber auch nicht der preiswerteste. Diese einheitliche Preisstruktur ist leicht zu verstehen, darum bleiben wir dabei.

De:Bug: In welche Regionen der Welt verkauft ihr die meisten Tracks?

Eloy Lopez: Wir verkaufen in fast alle Länder der Erde, aber unser Hauptumsatz kommt zu gleichen Teilen aus den USA und aus Europa. Dort findet zwischen 80 und 90 Prozent unseres Geschäfts statt. Wenn wir ein großes Festival in einem europäischen Land sponsern, können wir genau sehen, dass kurz darauf dort die Verkäufe ansteigen. Genauso sind regional übrigens auch die Labels verteilt, mit denen wir Verträge haben.

De:Bug: In eurer Startzeit habt ihr fast ausschließlich in den USA Geschäfte gemacht, oder?

Eloy Lopez: Ja, wir sind am 7. Januar 2004 zunächst in den USA gestartet, da war unser Geschäft noch sehr lokal begrenzt, und wir hatten gerade mal 79 Labels im Angebot.

De:Bug: Was war damals der Anlass für dich, Beatport zu starten?

Eloy Lopez: Ich habe Bauingenieurwesen studiert und nebenbei als DJ gearbeitet. Irgendwann 2002 kaufte ich eine der ersten Versionen von Final Scratch. Und ich fand es sehr schnell ziemlich nervig, dass ich die Dateien dafür alle selbst digitalisieren musste. Vergiss nicht, dass das vor dem großen Erfolg von iTunes war. Also hatte ich die Idee, solche Dateien online zu verkaufen. Und einer meiner Freunde war Jonas Temple, der heute CEO von Beatport ist. Er war damals ebenfalls DJ und hatte eine mittelgroße, lokale Werbe- und Webdesign-Agentur, Factory Design Labs. Er hatte also Zugang zu Ressourcen, um eine solche Webseite zu bauen.

De:Bug: Wollte er sofort mitmachen?

Eloy Lopez: Er fand die Idee erst zu gewagt. Ich musste ihn ein paar Wochen nerven, um ihn zu überzeugen, es wenigstens mal zu versuchen. Es hatte ja auch keiner von uns Ahnung von dem Geschäft. Aber wir haben dann 14 Monate lang an einem Geschäftsplan geschrieben und die erste Version der Webseite gebaut. Nach ein paar Monaten haben wir als dritten Gründer noch Bradley Roulier ins Boot geholt. Der war damals einer der größten Promoter in Denver und in den gesamten USA. Jonas und ich waren ja nichts weiter als lokale DJs, aber Brad hatte die richtigen Kontakte zu den richtigen Menschen.

De:Bug: Woher kam das Startkapital?

Eloy Lopez: Ein Teil kam von Jonas’ Firma Factory Design Labs. Außerdem sind Native Instruments eingestiegen, weil wir fanden, dass sie wegen Final Scratch gut zu uns passen würden. Brad hat uns außerdem Kontakte zu Richie Hawtin, John Acquaviva und Bad Boy Bill vermittelt, einem der bekanntesten DJs in den USA. Die drei haben uns dann weitergeholfen mit den ersten Kontakten zu Labels und sind Teil unserer Gruppe geworden.

De:Bug: Was heißt “Teil unserer Gruppe“?

Eloy Lopez: Das kann ich dir nicht detailliert sagen, aber sie sind beteiligt. Insgesamt arbeiten heute bei uns 63 Menschen. Unser Hauptsitz ist Denver, hier regeln wir die technischen und geschäftlichen Aspekte. Außerdem gibt es noch Mitarbeiter in London und New York sowie 20 in Berlin. Von dort aus steuern wir auch sämtliche Inhalte.

De:Bug: Warum Berlin?

Eloy Lopez: Zum einen sind natürlich die Mieten bei euch niedrig. Aber zum anderen kommt zurzeit so viel Musik, die bei uns weltweit gut läuft, aus Deutschland, speziell aus Berlin. Uns wurde klar, dass das der Ort ist, an dem wir sein müssen. Obwohl wir eine US-Firma sind, sind wir uns darüber im Klaren, dass Marketing in den USA nicht dasselbe ist wie Marketing in Europa oder in anderen Teilen der Welt.

De:Bug: Zurzeit arbeitet ihr an einer neuen Webseite, die Beatsource heißen soll. Was hat es damit auf sich?

Eloy Lopez: Das wird das Äquivalent zu Beatport bei HipHop. Und zwar bei unabhängigem HipHop für DJs. Wir haben beispielsweise schon die Bomb-Squad-DJs an Bord, die Beatjunkies und die Labels Big Dada, Stones Throw und Lex. In Berlin wird es einen Labelmanager geben, der sich um europäischen HipHop kümmern wird. Die erste Beta-Version der Seite soll zum Ende des Jahres starten.

De:Bug: Damit erschließt ihr euch jetzt das nächste große Musikgenre. Ist es eine Perspektive, dass ihr irgendwann einmal doch ein Allround-Anbieter für Musik in digitaler Form werdet – und damit dann in direkte Konkurrenz zu iTunes tretet?

Eloy Lopez: Nein. Wir wollen starke Marken für verschiedene Nischen-Genres, aber auf die werden wir uns beschränken. Wir werden nie der One-Stop-Shop für alle Genres dieser Welt von Klassik bis Techno werden. Unsere Kunden sollen sich sicher sein, dass wir uns wirklich auskennen mit der Musik, die sie bei uns finden. Da wollen wir unsere Relevanz nicht aufs Spiel setzen.
http://www.beatport.com

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Elektronische Lebensaspekte.

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