Ronan und Erwan Bouroullec haben sich mit ihren Entwürfen so langsam in die oberen 10.000 der Design-Szene eingeschmuggelt. Neben dem Issey Miyake-APOC-Shop und Hedi Slimanes Büro - beides in Paris -, sind sie ständige Mitarbeiter des italienischen Möbelherstellers Capellini. Ihr Design ist sehr skulptural, genau deshalb knuffen sich Form und Funktion ein bisschen in die Rippen - und dazwischen lugt noch die Frage hervor, ob die neuen mobilen Strukturen des Arbeitens - Stichwort Flexibilisierung - auch so schön aussehen sollten. Denn schön aussehen, das tun sie.
Text: Anne Pascual aus De:Bug 82

Modulare Arbeitssofas
Die Brüder Bouroullec

Ronan und Erwan Bouroullec sind hip. Seit einiger Zeit begegnen uns nicht nur in Design-Magazinen Berichte über die jungen und erfolgreichen Brüder aus Saint-Denis bei Paris. Meist sind die beiden neben ihren Produkten auf einem Doppelportrait zu sehen und jedes Mal scheinen sie, selbst wenn sie (ausnahmsweise) freundlich in die Kamera lachen, den Blick auf einen weit entfernten Punkt zu richten. Neben diesem Prinzen-Image und schmierigen Vergleichen mit dem Design-Tanzbär Philippe Starck gibt es aber noch weit mehr bei den Bouroullecs zu entdecken. Es stimmt, dass ihre Produkte anders sind, zumindest spielen sie mit Standards gern Verstecken. Letztlich ist ihr Erfolg aber vor allem ein Indikator dafür, wie sich Alltag und Denken in Entwürfen und materiellen Dingen auf den Kopf stellen lassen.

Als Ronan Bouroullec vor sieben Jahren das “Desintegrated Kitchen” (1998) entwickelte, setzte er sich über das ungeschriebene Gesetz hinweg, dass sich eine Küche dem Grundriss von vier Wänden anzupassen hat. Warum sollte der Kochende dem Rest der Gesellschaft immer den Rücken zukehren? Ronan Bouroullec schuf anstelle dessen ein freistehendes, modulares und bewegliches Element zum Kollektiv-Kochen, -Spülen, -Plaudern.
Noch einleuchtender ist die Bouroullec’sche Alternative zum repräsentativen Doppelbett mit karierter oder gesteppter Tagesdecke. Statt die Schlaf- und Spielwiese am Morgen so herzurichten, dass sie bis zum Abend auch ja nicht durcheinander gerät, bietet das “Lit Clos” (2000), ein Bett auf Stehlen, als eine Art halb-geschlossene, halb-offene Kabine einen Rückzugsort egal zu welcher Tageszeit. Dieses Prinzip des Raums im Raum taucht auch an anderer Stelle wieder auf. Das Bürosystem ”Joyn”, das Ronan und Erwan Bouroullec zuletzt für Vitra entwickelten, erinnert mehr an eine große Tafel oder an eine Modell-Landschaft als an graue und aseptische Büroräume. Um dieses Konzept zu verdeutlichen, greifen die beiden selbst gern zum Gegensatz von Natur und Maschine, was an sich gar nicht nötig wäre. Schließlich ist es der Wandel der Arbeitsformen selbst, der zur Zeit über die Bühne geht – hin zu einer Flexibilisierung. Und so funktionieren auch die Joyn-Elemente nicht mehr als fixe Aufenthaltspunkte, wo der Mensch an Rechner und Telefon angeschlossen ist (“… ist gerade nicht am Platz!”). Hier kann sich jeder dank drahtloser Netzwerke und mobilem Schnick-Schnack (Trennwand und Schreibunterlage) seinen Lieblings-Tischnachbarn aussuchen oder seinem Arbeitsteam ein gemeinsames Feld einräumen. Statt jeder Tätigkeit ihr Möbel zu besorgen, werden bei Joyn die Funktionszusammenhänge aufgelöst und auf völlige Dezentralisierung und Mobilisierung der Arbeitskräfte gesetzt. Doch diese ach so nett gemeinte Verpackung der Wirklichkeit lässt uns stutzig werden. Wie arbeitstauglich ist diese glatte und schöne Modularität? Wie soll man sich beispielsweise hinter dieser wabenförmigen und durchlässigen Wand auf ein Sofa hauen und dabei Kollegen und Arbeit vergessen? Vielleicht ist es wirklich naiv zu glauben, dass eine warme, wunderbare Umgebung die Strukturen und Ziele von Arbeit verschönern können. In ein paar Jahren werden uns die 2000 BBC-Mitarbeiter, die in Kürze an Joyn-Tischen arbeiten werden, die Vorteile loser Bindungen, flacher Hierarchien und offener Zonen verraten können. Die Bouroullecs jedenfalls schweben in einem anderen System.

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Elektronische Lebensaspekte.