Pier Bucci und Argenis Brito geben mit südamerikanischem Flow und deutschem Produktions-Know-how der Fusion aus Latin und Minimal den Front-Kick.
Text: Pat Kalt aus De:Bug 93

Mambotur
Die Chile-Connection meldet sich zurück

Irgendwie fürchtet sie ja jeder Journalist, diese so einfach in den Raum gestellten Interview-Fragen, bei denen das Gegenüber vor lauter Schweigen den Mund nicht mehr zubekommt. Oder umgekehrt. Da wirft man eine erste Frage in die Runde, um sich vorzutasten, und erhält daraufhin eine Antwort, die nur schwer auf dieser Seite unterzubringen wäre. Dabei ist Pier Bucci alles andere als ein Aufschneider. Umtriebig wäre da schon das bessere Wort. Ein wahrer Hans-Dampf der in jüngster Zeit so gerne zitierten “Chile-Connection“. Zusammen mit seinem Partner Argenis Brito bildet er das Duo Mambotur, das mit “Al frente“ gerade ein zweites Album auf Multicolor veröffentlicht hat. Seit sieben Jahren beschäftigt sich Pier mit elektronischen Klängen und Melodien: “Das habe ich meinen beiden Brüdern zu verdanken, die mir diese für mich damals völlig neue Welt eröffnet haben.“ Nach Jahren der Wanderschaft hat er in Berlin eine neue Heimat und Berufung gefunden: ”In Chile ist die Szene für elektronische Musik nicht so groß wie Deutschland. Es gibt kaum Labels. Und so konnte ich dort auch nicht wirklich Sachen veröffentlichen. Als ich dann schließlich nach Berlin kam, hatte ich bereits Taschen voller Tracks!“ Und so findet man seit 2001 Bucci-Stücke im Dutzend auf so namhaften Labels wie Multicolor, WMF Records, Lofi-stereo, Peacefrog, Cadenza oder Crosstown Rebels.
Auch Partner Argenis, ein gebürtiger Venezuelaner, ist in Sachen Musik kein unbeschriebenes Blatt: Mit einer gesunden Portion Rock und New Wave im Blut und einem Bass unterm Arm lernt dieser in New York Gonzalo Martinez kennen, mit dem er erste Sachen veröffentlicht. Irgendwann kommt es in Chile schließlich für Argenis wie für Pier zu diesem entscheidenden Kontakt mit Atom Heart, Dandy Jack, Pink Ellen und Ricardo Villalobos; ein Kontakt, der so etwas wie eine Initialzündung für diese neuartige Mischung zweier gänzlich unterschiedlicher Musikkulturen wird, in der die musikalischen Nachfahren von Kraftwerk und Detroit auf traditionelle Latin-Elemente treffen. Ein Teil der Tanz- und Clubmusik streckt seine Fühler nach Südamerika aus, und im Gegenzug findet ein Teil von Südamerika von nun an auch Platz in der hiesigen Clubszene und so manchem Raver-Herzen. Argenis steigt als Sänger bei der Senor-Coconut-Band ein und bezeugt so mit Leader Uwe “Atom Heart“ Schmidt eine der ersten transatlantischen Latinotronic-Ehen.

Gegenseitiges Lernen
Überhaupt: Immer wieder fällt der Name Atom Heart. “Für mich ist er immer noch der beste Produzent, auch wenn er kein gebürtiger Chilene ist“, meint Pier schmunzelnd. ”Er hat nun mal nicht denselben Flow wie wir Südamerikaner … Aber dafür habe ich viele andere Dinge von ihm gelernt.“ So wie diese Leichtigkeit, mit der elektronische Bleeps und Clicks und Cuts auf dem neuen Album zu rhythmisch tänzelnden Emotionen verpackt werden.
Das macht Spaß, das riecht nach Sommer und nimmt Bilder und Visionen auf, die Luciano auf ”Blind Behavior“ schon auf so gekonnt spielerische Art und Weise in die Clubluft skizziert hatte. Der Vergleich kommt nicht von ungefähr: ”Wir tauschen ja sehr viele Ideen, Loops und Sounds aus. Ich würde sogar sagen, das wir in vielen Dingen eine ähnliche Herangehensweise haben“, so Pier weiter.
Der Einsatz von Argenis’ Stimme bereichert das Album in vielen Momenten um die eine und andere Farbnuance: Taucht sie hier mal unwiderstehlich dubby-karibisch auf (“Vamos viendo“), begleitet sie dort schon eine villalobosische Rhythmusstruktur durch einen locker dahingeworfenen Minimal-Track (“Mam“). Dabei ist das Album nicht ganz frei von politischen Untertönen: “Al frente“ (“An die Front“) nennen Argenis und Pier das Album, und so singt Gastsänger Jorge Gonzalez auf “Los Prisonieros“ auch von der Vereinahmung des lateinamerikanischen Kontinents durch die Weltmacht USA.
Das passt zu einem Album, dem man das gewachsene Selbstbewusstsein förmlich anhört. Waren bei ihrem Vorgänger-Album “Atina Latino“ noch Konfrontation und Kontrapunkt stilbildend, gelingt mit “Al frente“ eine gelungene musikalische Vereinigung von elektronischen und lateinamerikanischen Elementen. Und so ist es auch nur konsequent, dass die Welt hier einmal anders tickt als sonst üblich: Hablamos Español!

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Elektronische Lebensaspekte.