Nicolas Jaar & Dave Harrington berichten über ihr neues Album “Psychic“
Text: Lea Becker aus De:Bug 176

Darkside

Gemeinsam mit seinem langjährigen Tour-Gitarristen Dave Harrington hat Jaar das Album “Psychic” aufgenommen. Damit scheint das Thema für ein kurzes Tête-à-tête gesetzt. Im Interview erzählen die beiden von lebensverändernden YouTube-Videos, spirituellen Drumcomputern und ehrlichen Außerirdischen.

“Psychic”, der Titel eures gemeinsamen Albums, bedeutet so viel wie Medium oder Hellseher. Was hat es damit auf sich?

Nicolas Jaar: In New York gibt es viele dieser sogenannten “Psychic Shops”. Das sind Läden von Wahrsagern, die meistens ziemlich schäbig aussehen und dir für fünf Dollar aus der Hand lesen. Natürlich ist das fauler Zauber, aber gleichzeitig … Dave Harrington: … kann es auch große Auswirkungen haben.

Wart ihr mal in einem dieser Läden?

DH: Ich glaube, ich könnte damit nicht umgehen. NJ: Nein, ich auch nicht. Aber verstehst du, worauf ich hinaus will? Es ist so echt, aber gleichzeitig auch so artifiziell. Ich glaube, das ist die heutige Form der Spiritualität. Möglicherweise schaust du dir ein YouTube-Video an und das verändert dein Leben.Wie unromantisch! Heute ist alles bloß ein “Psychic Shop”.

Welches YouTube-Video hat denn dein Leben verändert?

NJ: Keins, aber ich könnte mir vorstellen, dass es das gibt. Oder sogar noch schlimmer: Jemand will etwas bei Google suchen, vertippt sich und stößt dadurch auf etwas, das sein Leben verändert. Das sind die Zeiten, in denen wir leben. Der Gedanke, so sehr mit Technologie verwoben zu sein, ist traurig. Trotzdem kann man eine echte spirituelle Verbindung dazu haben. Das ist eine ganz merkwürdige Dichotomie.Das Stück “Freak Go Home” beginnt mit Trommeln. Ich habe mich gefragt, ob das Voodoo-Trommeln sind. DH: Ich liebe haitianische Voodoo-Trommeln. Ich selbst hatte diese Assoziation zwar nicht, aber ich finde sie toll. Diese Trommeln sind Teil meines musikalischen Vokabulars, seit ich sie zum ersten Mal gehört habe. Wenn Nico und ich miteinander arbeiten, dann tauchen solche Sachen plötzlich auf. NJ: Darkside ist anders als die Musik, die ich alleine mache. Dave hat seine eigene Welt und ich meine. Wenn sich das kreuzt, schaffen wir etwas Drittes, das ist Darkside.

Worin liegt der Unterschied?

NJ: Meine Musik ist interessiert an Frauen, am Tanzen und daran, einen Raum zu schaffen, einen Raum der Liebe könnte man sagen. Wenn wir gemeinsam Musik machen, geht es um Krach und Aggression und Sonne und Voodoo.

Glaubt ihr an das Übernatürliche?

DH: Ich glaube an Zauberei.
NJ: Ich auch. Es gibt Dinge, die du nicht sehen kannst, Dinge, die du nicht weißt. Du könntest ja auch ein Alien sein. Bist du eins? Nein.
NJ: Wenn man Aliens fragt, ob sie Aliens sind, dann sagen sie nicht nein. Das können sie nämlich nicht. Ich habe zu Leuten gesagt: Wenn du kein Alien bist, dann sag doch einfach nein. Sie konnten nicht. Aber wir schweifen ab. Das Übernatürliche an unserer Musik jedenfalls sind die kleinen Welten, die wir geschaffen haben. Kannst du diese Welten beschreiben?
NJ: Die ersten vier Minuten zum Beispielklingen wie ein kaputter, stotternder Synthie. Da ist eine Maschine, die versucht, einen normalen Sound zu erzeugen und scheitert.
DH: Wenn etwas kaputt ist, beginnt es ein Eigenleben zu führen. Ich habe ein Keyboard, das ich aus dem Müll gefischt habe. Man muss den Power-Knopf die ganze Zeit gedrückt halten, deshalb kann man nur mit einer Hand spielen. Außerdem hat jemand das ganze Ding mit weißer Farbe angemalt, so dass man nie genau weiß, welcher Ton herauskommen wird. Man muss damit kämpfen.

Mögt ihr Geistergeschichten?

DH: Mich interessiert Geisterfotografie, Bilder von schwebenden Frauen. Es gab dazu mal eine tolle Ausstellung in New York. Einige Bilder waren offensichtlich inszeniert, man konnte sogar die Schnüre sehen. Aber es gab auch andere Fotos, die mich echt schockiert haben. Wenn du unvoreingenommen genug bist, um solche Sachen überhaupt für möglich zu halten, kann das sehr eindrucksvoll sein.
NJ: Aber das Wort “Psychic” umfasst ja noch viel mehr als die Kommunikation mit Geistern. Hellseher sagen dir vor allem die Zukunft vorher. So ähnlich soll unsere Musik auch funktionieren. Sie soll von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erzählen.

Was erzählt sie denn über die Zukunft?

NJ: Das ist weniger interessant als der Weg, den das Album von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft geht. Das ist eine Geschichte. Es sind fünfzig Minuten, die mit einem kaputten Synthie beginnen und mit nichts als Stimmen enden. Der letzte Song besteht nur aus Stimmen, die nichts sagen, nur schreien. Es beginnt mit einer Maschine und endet mit der Stimme, das ist die Geschichte.

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