Hans Weingartner hat nach seinem Erstlingserfolg "Das weiße Rauschen“ mit "Die fetten Jahre sind vorbei“ ganz schön viel Anarchie nachgelegt. Der erste deutsche Beitrag in Cannes seit 11 Jahren sorgte für Standing Ovations. Debug sprach mit Regisseur Hans Weingartner.
Text: Silke Kettelhake aus De:Bug 87

Achtung, ihr Einbauküchen!
Die fetten Jahre sind vorbei

Jan, Jule und Peter, alle Anfang Zwanzig, wollen, dass sich was ändert in den Köpfen der Reichen: “Sie haben zu viel Geld“. Das ist die Botschaft, die die Einbrechergang in den Villen zurücklässt – nachdem sie Sessel auf Sofa auf teuren Kunstgegenständen gestapelt, alles auf den Kopf und die Fotosammlung in den Kühlschrank gestopft haben. Als der Villenbesitzer Hardenberg sie erwischt, werden aus den Coolios verzweifelte Täter, die hilflos vor ihrem Opfer stehen.
“Die fetten Jahre sind vorbei“ ist filmischer Schlachtruf gegen die, die sich in irgendwelchen Nischen einrichten und Karriere machen. Gegen glatte Einbauküchen und glatte Biographien. Gegen, gegen, gegen. Und bei allem Dagegen-Sein könnte man glatt vergessen, wofür eigentlich das Ganze. Vielleicht doch nur, um sich so richtig rebellisch als Held zu fühlen? Jedenfalls funktioniert der Film als Initialzündung. Warum? Fragen an Regisseur Hans Weingartner:

Debug:
Du fällst in deinem Film ein ziemlich hartes Urteil den 68ern gegenüber. Keine Spur von Mitleid?

H. W.:
Ein Ex-68er, wie ich ihn im Film mit Hardenberg dargestellt habe, hat sich nie geändert, der war immer Mitläufer. Der ist auf die Barrikaden gestiegen, als es gerade hip war, und als es vorbei war, ist er zurück ins Bürgertum. Ich glaube, dass der dynamische Entwicklungsprozess der Gesellschaft immer wieder mit Rebellion einsetzen muss. Der junge Mensch sagt, ist alles Scheiße, muss geändert werden und der alte Mensch sagt, nee ist Tradition muss so bleiben. Daraus entsteht dann ein Spannungsfeld und manche Sachen werden dann eben reformiert. Aber ich hab das Gefühl, dass wir schon eine Weile auf der Stelle treten.

Debug:
Seit wann?

H. W.:
Seit den 68ern gab es keine richtige Revolte mehr. Es gab zwar Subkulturen; die sind aber im Endeffekt auch nur Rückzugsnischen. No future, wem nutzt das.

Debug
Fiel es dir schwer, nach dem Erfolg von “Das weiße Rauschen“ den zweiten Film zu machen?

H.W.:
Nein, die eigentliche Herausforderung bei “Die fetten Jahre sind vorbei“ war, dass der Film eine optimistische Grundstimmung hat und eben auch die Komik des Lebens widerspiegeln sollte. Ich wollte keinen klassischen Politfilm machen. Bloß nicht: Man kommt aus dem Kino und denkt, das ist alles ganz furchtbar und die Welt ist schlimm.

Debug:
Nach “Das weiße Rauschen“ hast du mal gesagt, das war der erste Film, mit dem du richtig zufrieden warst. Jetzt, mit deinem neuen Film, bist du noch zufriedener?

H. W.:
Nach “Das weiße Rauschen“ hatte ich ein kleines Motivationsproblem, weil das der Film war, den ich immer mal machen wollte! Das war ein wunderbarer Moment, da war auch so viel Glück dabei. Unglaublich, wie die Leute sich zusammengefunden haben, die Schauspieler und das Team. Dann hab ich mir neue Ziele gesetzt: Stärker versucht, einen Plot zu entwickeln, filmsprachliche Elemente zu verwenden und auszuprobieren.

Debug:
Hast du Elemente aus deinem ersten Film übernommen?

H. W.:
Ja, das unabhängige Produzieren – mit wenig Geld einen Film machen – einfach frei arbeiten können: Die digitale Arbeitsweise erlaubt, dass man am Set reagieren kann. Du kannst nicht mal eben aus einer anderen Perspektive filmen, wenn du 50 Leute Team hast und alles ausleuchten musst. Aber die besten Ideen hab ich beim Drehen, ich muss dafür schon am Set stehen. Wichtig ist mir, dass sozusagen ein Geist der Freiheit über dem Set schwebt. Damit meine ich kein reines Laissez-Faire, das führt zu nichts. Aber dass jeder am Set, sowohl vom Team als auch von den Schauspielern, den Kopf frei hat – im Prinzip ist alles erlaubt. Das ist auch so anstrengend als Regisseur.

Debug:
Weil du alles zusammen halten musst?

H. W.:
Ja, und jeder gibt seinen Senf dazu. Ich muss aufpassen, dass nicht alles im totalen Chaos endet. Aber das Geniale ist doch, dass man das dem Film nachher ansieht! Diese Freiheit sickert in den Film hinein.

Debug:
Steckt viel von dir in deinen Figuren?

H. W.:
Jeder soll mal rebellieren, sonst wird er nie erwachsen. Die Figur des Jan setzt sich aus verschiedenen Alter Egos zusammen, das bin nicht nur ich. Ich hab nie so richtig wilde Sachen gemacht in meinem Leben.

Debug:
Aber – du hättest gerne?

H. W.:
Manchmal schon. Ich war ja mal Hausbesetzer. Das hat nur Vorteile: Man zahlt keine Miete, fühlt sich unabhängig, kann sich um die wichtigen Dinge des Lebens kümmern, zum Beispiel um die Liebe, um Bewusstseinserweiterung. Und muss sich nicht mit beruflichen Querelen rumschlagen … Aber es war keine wirklich wilde Aktion im Vergleich zu dem, was die drei im Film anstellen. Sehr gemütlich war das eigentlich, wir waren bestens ausgestattet, voller Komfort! Wir hatten Strom, wir hatten Wasser. Da gab’s den Mediamarktlaster, der jeden Samstag vor unserer Tür parkte. Der war voll mit Fernsehern und Kühlschränken bepackt. In jeder Wohnung in unserem besetzten Haus gab es einen Geschirrspüler.

Debug:
Und dann kommt man auf so Sprüche im Film wie: “Jedes Herz ist eine revolutionäre Zelle.“
H. W.:
Ja, das liegt an der U-Bahnlinie 1 in Berlin. Der Typ, der das dahin geschrieben hat, der hat wirklich was bewegt mit seinem Spruch, der hat Millionen Leute zum Nachdenken gebracht.

Debug
Wie ist denn das Drehbuch entstanden?
H. W.:
Anfangs war’s eine Liebesgeschichte. Dann kam die Frage: Wie macht man denn heute einen politischen Film ohne sich lächerlich zu machen, vor allem, ohne sich zu wiederholen und ohne sich anzubiedern und ohne peinlich zu werden? Ich habe eine Geschichte von einem Arzt gelesen, der zwanzig Jahre damit beschäftigt war, Villen auszuräumen und das Zeug bei sich im Keller zu bunkern. Das fand ich eine sehr sympathische Form der persönlichen Revolte. Total sinnlos. Das hat mich sehr berührt.

Debug:
Das Private ist politisch und das Politische privat. Würdest du unterschreiben?
H. W.:
Jan und Peter kann man vorwerfen, ihr geht da euren persönlichen Leidenschaften nach, das macht ihr doch nur um eure Wut loszuwerden. Das stimmt so nicht, dieser Vorwurf ist ja so nicht fair: Sie haben ein wirkliches Anliegen und ihre Revolte ist letztlich nicht privat sondern gesellschaftlich. Und sie sagen sich: Vielleicht haben wir ja tatsächlich eines Tages Nachahmungstäter. Die besten Ideen setzen sich durch.

Debug:
Musstest du beim Buch oder beim Drehen Kompromisse machen?
H. W.:
Erst war die Sendeleitung “Debut im Dritten“ sehr angetan, denen konnte es gar nicht politisch genug sein. Dann, als wir schon drehten, gab es plötzlich Bedenken wegen Entführung und Gewalt. Im Tatort wird jeden Sonntag einer umgebracht! Außerdem wollte ich das so darstellen: Einen Topmanager zu entführen ist überhaupt nicht cool, denn der ist ein Gefangener des Systems wie alle anderen auch. Das Problem ist: Wir leben in einer permanenten Wahnvorstellung, in einer Massenpsychose. Dieses Prinzip der ständigen Konkurrenz halten die Menschen nicht mehr aus. Wenn man sich die Steigerungsraten von seelischen Erkrankungen anguckt – die sind explodiert in den letzten Jahren. Da rollt ja was auf uns zu. Ich glaube nicht, dass das ein Zeichen von Dekadenz ist, sondern davon, dass wir den Stress nicht mehr packen.

Debug:
Und du glaubst schon, dass dein Film etwas bewirken kann?
H. W.:
Das rede ich mir zumindest ein. Ich kann keine reinen Unterhaltungsfilme machen, sonst hätte ich diesen Beruf nicht ergriffen, und das meine ich wirklich ehrlich. Dieses künstlerische Bedenken, das gibt es: Was ich da mache, das ist doch auch nur Schall und Rauch. Ich frage mich schon, ob die Leute das brauchen. Die laufen ins Kino und wieder hinaus, und das war’s. Die Selbstrechtfertigung als Künstler, die holt man sich ja da ab, dass man sagt, meine Arbeit verändert vielleicht etwas. Das sind ja die schlimmsten Identitätskrisen, wenn man sagt, ich kann nichts bewirken, gar nichts. Ich könnte genauso gut Würstchen verkaufen. Klar hab ich manchmal diese Krisen. Aber ich versuche mir nicht vor lauter Verantwortungsdruck meine künstlerische Freiheit rauben zu lassen. In so was wie Kunst sollte immer alles erlaubt sein, das ist doch auch irgendwie ihre Funktion: Das Nichtkorrekte zu machen und über die Stränge zu schlagen.

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Elektronische Lebensaspekte.