Seit MP3 und CD-Brennern träumt die Musikindustrie von der CD mit Kopierschutz. Wirklich passiert ist aber nichts. Die verschiedenen Kopierschutzsysteme sind alles andere als ausgereift, und Aktivisten machen auf die rechtlichen Probleme aufmerksam.
Text: anton waldt | waldt@lebensaspekte.de aus De:Bug 51

Kopieren

Mission Impossible

Der CD-Kopierschutz funktiniert immer noch nicht

Mit dem Gejammer der Musikindustrie über den bösen illegalen Tausch ihrer wertvollen Handelsware im Netz geht seit mindestens zwei Jahren das Verlangen einher, Audio-CDs mit einem Kopierschutz zu versehen. “Die CD ist die Wurzel all unserer Probleme im Netz”, bekräftigt beispielsweise Jay Samit von EMI das Interesse der Industrie an einem Kopierschutz: “Wenn CDs genauso schwer zu kopieren wären wie VHS-Tapes oder Bücher, wären uns die Probleme mit Napster oder Gnutella erspart geblieben.” Blöd ist nur, dass bislang alle Versuche für einen CD-Kopierschutz grandios und eindeutig scheiterten. Manchmal erfordert die Umgehung des Schutzes zwar ein winziges bisschen Spezialwissen, aber das ist ziemlich egal. Denn wenn das auch nur eine Hand voll Menschen tun, steht der gerippte Track in einer problemlosen Version im Netz. Prinzipiell geht es bei allen Kopierschutz-Ansätzen daher darum, das Abspielen einer CD auf dem PC zu verhindern. Sollte dies wirklich einmal funktionieren., steht der Industrie allerdings das nächste Problem ins Haus: In Musterprozessen dürfte dann geklärt werden, ob Konsumenten nicht das Recht haben, ihre teuer erworbene CD auch auf ihrem PC zu hören. Außerdem sind Kopien für private Zwecke sowohl in den USA als auch in Europa nach wie vor legal. Entsprechende Kopien für den eigenen MP3-Player sollten also prinzipiell auch möglich bleiben. Da ein funktionierender Schutz aber eigentlich nicht zu erwarten ist, bleiben diese Fragen wohl unbeantwortet.

Nepper, Schlepper, Bauernfänger

Die Geschichte der Flops begann letztes Jahr mit der CD “Razorblade Romance” der finnischen Band “HIM”, die von BMG als Zusatzstrafe zum unerträglichen Sound auch noch mit dem Kopieschutzsystem “Cactus Data Shield” versehen wurde. BMG musste die CD unter großem öffentlichen Spott nach nur einer Woche wieder vom Markt nehmen und dabei eingestehen, dass der Versuch nicht ausgereift war: Die Technologie versagte bei ihrem eigentlich Zweck, dafür war bei einigen herkömmlichen CD- und DVD-Playern das Abspielen unmöglich. Das Label “Music City Records” hat in diesem Jahr mit einer CD des Countrysängers Charley Pride und dem Kopierschutz des Start-ups SunComm aus Phoenix ähnliche Erfahrungen gemacht. Weil diese unbeholfenen Gehversuche in die historische Witzabteilung fallen, hat die Musikindustrie sich dieses Jahr etwas neues einfallen lassen: Den heimlichen Feldversuch. Die Firma Macrovision behauptete Ende Juli, dass seit einem halben Jahr große CD-Stückzahlen mit einem neuen System über die Ladentische gegangen seien – ohne Wissen der Käufer. An dem heimlichen Feldversuch sind demnach “einige der großen Plattenfirmen” beteiligt, die den Kopierschutz gegen die Vervielfältigung am PC in eine ganze Reihe von Titeln eingebaut haben sollen. Mindestens einer dieser Titel soll auch weltweit mehr als 100.000 mal verkauft worden sein. Laut Macrovison dürfen Details derzeit aber nicht genannt werden, weil entsprechende Verträge mit den Plattenfirmen dies verbieten.

Clicks & Cuts

Der Macorovison-Kopierschutz hat – anders als die bisher bekannt gewordenen Versuche – nicht den Ansatz, das Kopieren von CDs mit dem PC unmöglich zu machen, sondern zielt auf eine drastisch sinkende Qualität der Musik bei digitalen Kopien. Beim normalen Abspielen angeblich “unhörbare” Klicks und Kratzer sollen demnach, sobald eine digitale Kopie der CD angefertigt wird, unangenehm auffallen. Aber auch dieser Anlauf digitale Kopien von Audio-CDs zu verhindern oder zu beschränken ist gefloppt: Wie die Site “CD-Freaks” ausführlich beschreibt, läßt sich der eingesetzte Kopierschutz “Safeaudio” realtiv problemlos und gleich mit mehreren Methoden umgehen. Die Musikindustrie macht aber trotz dieser Misserfolge unverdrossen das Stehaufmännchen und testet immer neue Verfahren. So gab erst Anafang August BMG bekannt, zusammen mit SunComm einen neuen Kopierschutz [“MediaCI_Q”] entwickelt zu haben. Er soll nur eine “begrenzte” Anzahl von digitalen Kopien möglich machen. Die CD wird derzeit “von Experten getestet und bewertet”, danach solle sie in den Handel kommen. Besonders dreist ist aber angesichts des BMG-Flops vom letzten Jahr die Begründung für den erneuten Anlauf: Man wolle laut eigener Aussage “den Nutzwert für Konsumenten steigern”, aber “vor allem” Künstler, Copyright-Besitzer und Verleger gegen Piraterie schützen.

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Elektronische Lebensaspekte.