Dritter und letzter Teil unserer Google-Serie. Nachdem wir uns letztes Mal über Googles merkwürdigen Ankauf des Weblog-Redaktionssystem der Firma Pyra gewundert haben, taucht jetzt der eigentliche Grund dafür auf: Die perfekte Momentaufnahme der gesellschaftlichen Trends. Zusammen mit seltsamen Speichervorgängen von Suchanfragen führen solche Momentaufnahme zu einem ganz neuen Wissensmonopol. Google: ein Monopol, das Microsoft in nichts nachsteht, sondern eher noch mit ihm am Tisch sitzt und Whiskey trinkt. Let's face that.
Text: Mario Sixtus aus De:Bug 73

Internet

Zeitgeist, Sphären und Bursts
Google und die dunkle Seite der Macht – Teil 3

Der auftauchende Dritte und sein Computeralgorithmus liefern den Schlüssel, warum Google die Firma Pyra und ihr Weblogredaktionssystem angekauft haben. Jon Kleinberg hat kürzlich an der New Yorker Cornell-Universität einen Computeralgorithmus entwickelt, der den Kauf unter einem ganz neuen Licht erscheinen lässt. Sein so genannter “Word Bursts” spürt das plötzliche Ansteigen von bestimmten Schlüsselwörtern in beliebigen Texten aufs und wertet es aus. “Burstiness” kann das plötzliche Interesse an einem bestimmten Thema oder aber auch das Gegenteil, das Nachlassen der Beachtung signalisieren, quasi ein letztes Aufbäumen. Gewichtet wird hier nicht allein die pure Häufigkeit eines Wortes, sondern die spezifische Zunahme seiner Verwendung in einer bestimmten Zeitperiode. Diese explosionsartige Zunahme einer Wortverwendung kündigt sich zunächst sporadisch an, um dann exponentiell anzusteigen und für einen Zeitraum die Themen zu bestimmen und schließlich irgendwann wieder auf den statistischen Normalpunkt zurückzufallen. Kleinberg schickte beispielsweise die Reden der amerikanischen Präsidenten von 1790 bis heute durch sein Analyse-Programm und entdeckte, dass die Ausbrüche sich durchaus als ein Spiegel des Zeitgeschehens lesen lassen. So gab es eine akute Zunahme des Wortes “Kommunismus” in den fünfziger Jahren, während in den Neunzigern “Jobs” und “Verbrechen” herausragten.
Die Website Daypop.com durchforstet ständig Millionen von Weblogs und Newssites und listet, ständig aktualisiert, die “Daily Top 40 Word Bursts” auf. Das Daypop-System ist rudimentär, alles andere als ausgereift und greift noch oft genug daneben, trotzdem zeigt es uns eine interessante Richtung auf.

Biosystem aus Blogs
Unser zweiter Katalysator auf dem Weg zum Google-Blogger-Propheten neben dem Burst-Entwickler Kleinberg heißt John Hiler und ist Herausgeber von microcontentnews.com, einem Weblog, das sich eben genau mit dem Phänomen der Blogs und des Home-Journalismus beschäftigt. Hiler kreierte den Begriff der “Blogosphäre” (Blogosphere), einem sich selbst ständig aufheizendem Biosystem aus Blogs, Blog-Indices wie Popdex oder Blogdex und schließlich klassischen News- und Magazin-Sites. Die Theorie zeigt auf, wie interessante Themen und Trends aufgegriffen, verarbeitet, reflektiert, diskutiert und durchgekaut werden und schließlich wieder in den gleichen Kreislauf gespuckt werden. Ein Nachrichten- und Themen-Durchlauferhitzer, der in dieser Dynamik in keinem anderen, geschweige denn in einem klassischen Medium hätte entstehen können.
Nano-Journalisten schreiben in ihren Weblogs über Themen und Trends, die sie bewegen, und linken auf einschlägige Informationsquellen. Blog-Indices spüren diese Links automatisiert auf und listen sie in den täglichen Charts. Journalisten durchstöbern diese Charts auf der Suche nach heißen Themen, werden fündig und verfassen einen entsprechenden Artikel, der dann von Weblog-Autoren wieder gerne gelinkt wird, womit das Spielchen aufs Neue beginnen kann.
Der Leser hat in diesem System seine Passivität endgültig abgelegt, wird vom Konsumenten zum Mitproduzenten und bringt so das Sender-Empfänger-Schema der alten Schule gehörig durcheinander. Die Blogosphäre lässt die Wirkung zur Ursache werden und wer dieses System versteht und zu nutzen weiß, ist im Besitz einer unschlagbaren Frühwarnanlage für gesellschaftliche Themen und Trends.

Lose Enden verbinden
Und schon beginnen sich langsam die Nebel zu lichten: Was erhalten wir, wenn wir nun eine Million Weblogs nehmen, deren Betreiber berichten, kommentieren, schwadronieren, reflektieren und verlinken als wäre es ein Wettbewerb, eine Suchmaschine dazupacken, die ihren Erfolg auf der Analyse von Linkstrukturen und deren Auswertung gründet und das Ganze mit ein wenig Hiler und Kleinberg würzt? Ein absolut einzigartiges Konstrukt aus Datenbank, maschineller Logik und menschlichem Geist. Google transformiert damit schlagartig von der Recherche-Machine zum Trend-O-Meter. Die geballte Power von emsigen, aber dummen automatisierten Searchspidern und die Relevanzbewertung durch biologische, menschliche Suchbots addiert sich nicht, sondern potenziert sich und katapultiert Google vom Rang der wichtigsten Internet-Suchmaschine auf Platz eins der neu geschaffenen Liga, der Gesellschafts-Analyse-Tools. Google wird in Zukunft Momentaufnahmen der Gesellschaft anbieten können, Schnappschüsse der Befindlichkeiten von Millionen, diese Woche, heute, in dieser Minute.
Während Meinungsforschungsinstitute noch ihre Fragebögen ausarbeiten, sind die Antworten darauf bereits Realtime bei Google zu finden. Während Trendscouts noch versuchen, Hinweise und Indizien für Entwicklungsrichtungen zu lokalisieren und zu filtern, bildet Google schon ein scharf gezeichnetes, klares Bild ab.
Niemand, der auf die öffentliche Stimmungslage angewiesen ist, ob Politiker, Unternehmer, Medienschaffender oder Marketingexperte, wird in Zukunft an Google vorbeikommen. Google wird nicht nur groß, sondern auch mächtig.
Herren in grauen Anzügen, die ihre Millionen mit dem Lenken und Verwalten von Aufmerksamkeitsströmen machen und bei denen sich, sofern vorausschauend genug, bereits kalter Schweiß auf der Stirn gebildet hatte – angesichts der Medien-Fragmentierung und anarchischen, unberechenbaren Aufmerksamkeitssysteme der Weblogs – dürfen wieder aufhören zu transpirieren. Google wird diese Rasselbande schon wieder in ein übersichtliches, handliches, begreifbares System verpacken.

Die dunkle Seite der Macht
Noch etwas kann Google seit jeher so gut, wie das eigene Hippie-Image aufrechterhalten: Daten sammeln und auswerten. Nun ist das reine Sammeln von Daten für eine Suchmaschine ja erst einmal prinzipiell nichts Verwerfliches, sondern gehört quasi zum Kerngeschäft. Aufmerksam sollte man allerdings werden, wenn nicht nur Daten von Webinhalten gespeichert werden, sondern auch solche der Anwender.
Beim ersten Besuch stattet Google einen jeden Suchenden erst einmal mit einem Cookie aus, der bis ins Jahr 2038 gültig ist. Außerdem speichert Google die IP-Adresse, Zeit und Datum jeder Suchanfrage, die Browser-Konfiguration, Sprache und wer weiß was noch alles. Durch Abgleich von Cookie und Suchanfragen ist es Google so jederzeit möglich, ein präzises Interessens- und Verhaltensprofil jedes einzelnen Anwenders abzuspeichern. Nun steht es natürlich jedem Nutzer frei, die automatische Annahme von Cookies im Browser zu deaktivieren, aber die Statistik zeigt, dass dies nur ein verschwindend kleiner Prozentsatz aller Internet-User tut und für diese hat Google eine weitere Honigspur gelegt: die Google-Toolbar. Dieses kleine, praktische Tool, das Google gratis zum Download bereitstellt, erleichtert so ganz nebenbei das Datensammeln ungemein. Die Toolbar, die als Add-On für den Internet-Explorer funktioniert, erlaubt es, Suchanfragen direkt und ohne Umweg über die Google-Homepage zu stellen oder ermöglicht es, innerhalb eines bestimmten Dokumentes zu suchen und diese Treffer farblich hervorzuheben. Kurz: wenn man sich einmal an das kleine Helferlein gewöhnt hat, möchte man es nicht mehr missen.
Der Lizenzvertrag, den man, wie in diesen Fällen üblich, per Mausklick bestätigt, hat es allerdings in sich. Mit der Installation der Toolbar erlaubt man den Google-Jungs nicht nur quasi das ganze, eigene Surfverhalten mitzuprotokollieren und abzuspeichern, nein. Auch die Toolbar darf ungefragt eine neue Version von sich selbst installieren, ohne dass wenigstens nachgefragt wird, ob einem das überhaupt passt und ohne dass man erfährt, was für neue Sekundärfunktionen in dieser neuen Version denn überhaupt enthalten sind. Dies ist eine Praxis, die sich bisher noch nicht einmal die – arg von Kritikern geprügelten – Microsoft-Schergen erlaubt haben.

Der Kreml
Der BBC-Journalist Bill Thompson ging soweit, zu behaupten: “Google weiß, wann du das letzte mal dachtest, du wärst schwanger, welche Krankheiten deine Kinder haben und wer dein Scheidungsanwalt ist.” Sicherlich etwas überspitzt, aber die Richtung stimmt und zielt genau auf Googles offene Flanke: die Geheimniskrämerei. Denn nur eins können die Firmenlenker noch besser, als Datensammeln, Rollhockey spielen und sich dabei fotografieren lassen: eine Informationspolitik betreiben, wie man sie seit den Tagen des ZK der KPdSU nicht mehr gekannt hat. Weder über Beteiligungsstruktur, Umsätze, Gewinne, Partnerschaften oder Strategien dringt irgendetwas an die Außenwelt. Obwohl Googles Datensammelwut mittlerweile bekannt ist, hüllt sich die Geschäftsleitung in Schweigen über Sinn, Zweck und Umfang dieser Informations-Ernte.

Die Lehnsherren
Google lenkt zur Zeit rund 70 bis 80 Prozent der Besucherströme im Internet und ist somit Inhaber eines Quasi-Monopols. Verdient man sein Geld im Netz, geht absolut nichts ohne unsere netten Elektromobilfahrer. Google kann Existenzen sichern oder zerstören, je nachdem, ob die Userströme auf die eigene Website oder daran vorbei gelenkt werden. Und Google ist knallhart. Seiten, die durch einen automatisierten Algorithmus aufgespürt werden und in Verdacht geraten, durch Spam-Techniken die Suchergebnisse zu verfremden, fliegen kommentarlos und ohne Vorwarnung aus dem Index. Eine Unschuldsvermutung existiert ebenso wenig wie eine Einspruchsmöglichkeit. Böswilligen Unternehmen soll es schon durch falsche Beschuldigung gelungen sein, unliebsame Konkurrenten aus dem Index zu tilgen und somit quasi aus dem Netz zu entfernen. Emails der unschuldigen Opfer landen diesbezüglich genauso im Leeren, wie Anfragen der Presse.
Beachtenswert ist auch der vorauseilende Gehorsam gegenüber Zensurbestrebungen. So filterte Google eine ganze Zeit lang, angeblich auf Geheiß der Chinesischen Regierung, die Suchtrefferseiten von Google-Usern aus dem Land der aufgehenden Sonne. Deutsche Besucher dagegen bekommen Nazi-Seiten nicht zu Gesicht, Seiten, die US-Amerikanern dafür wiederum nicht verborgen bleiben.
Jonathan Zittrain und Benjamin Edelman von der Harvard University haben sich diese Praxis einmal etwas genauer angeschaut und ein interessantes Papier über die Unterschiede der Ergebnis-Seiten von google.com, google.fr und google.de veröffentlicht. Sie entdeckten nach kurzer Recherche mehr als einhundert Websites, die amerikanische Nutzer zwar problemlos im Index finden, von denen europäischen Usern aber vorgespiegelt wird, dass es sie überhaupt nicht gäbe.
Vom Tech-News-Dienst ZDNN auf dieses Thema angesprochen, antwortete Nate Tyler, Sprecherin von Google, dass diese Seiten (überwiegend rassistische oder faschistoides Gedankengut widerspiegelnde Websites) aus dem Index entfernt wurden, um “einem möglichen, rechtlichen Vorgehen gegen ihr Unternehmen vorzubeugen”, aber auch, dass “jede einzelne Website auf den Wunsch der entsprechenden Regierung entfernt wurde”.
Wer, warum und auf welcher Gesetzesgrundlage hier – unsichtbar für den Normalsterblichen – Google zur Zensur ihrer Ergebnisseiten aufgefordert hat und warum die freundlichen Script-Hippies diesen Wünschen so bereitwillig wie heimlich nachgekommen sind, bleibt – wie gewohnt bei Google – im Dunkeln.
Begründet durch Googles Quasi-Monopol schleicht sich hier eine vollkommen neue Form der Netzzensur durch die Hintertür. Während sich der NRW-Regierungspräsident Büssow unter Biegen und Bersten der Gesetze bemüht, Internet-Zugangsprovider zum Sperren bestimmter Netzinhalte zu verdonnern und dafür, unter großer Medienanteilnahme, Prügel von Wirtschaftsverbänden und Netzaktivisten bezieht, waren einige seiner Kollegen offensichtlich schlauer und haben ganz einfach still und heimlich mit Google telefoniert. Von einer ChaosComputerClub-Demo vor dem deutschen Google-Office in Hamburg habe ich allerdings bis dato noch nichts vernommen.
Sicherlich, Goggle ist ein privates Unternehmen und sie dürfen indizieren wen, was oder warum sie wollen – oder auch nicht. Die Tatsache aber, dass die User über Umfang, Absicht und Ursache solcher De-Facto-aus-dem-Netz-Tilgungen komplett im Unklaren gelassen werden, kann man sicherlich nicht als vertrauensbildende Maßnahme bezeichnen.

Die Kumpanen
Interessant dürfte im Zusammenhang von Googles Datensammelwut auch die Partnerschaft mit dem ominösen Unternehmen Alexa sein. Alexa, 1996 angetreten mit keinem kleineren Vorhaben, als das komplette Web zu archivieren, gehört nach einer wechselhaften Unternehmensgeschichte mittlerweile dem weltgrößten Online-Versandhandel Amazon.com und musste erst im September letzten Jahres 40 Dollar Schadenersatz an jeden einzelnen Benutzer der hauseigenen Toolbar (ähnlich der Google Toolbar) zahlen. Sie hatten in ihrer Privacy Policy nicht ausdrücklich darauf hingewiesen, dass ihre Toolbar eben genau das tut, was auch die Google-Toolbar unablässig treibt: Daten über besuchte Websites “nach Hause” zu funken. Insgesamt zwei Millionen Dollar flossen so ohne großes Bohei aus Alexas Firmenkasse. In den neuen, geänderten Nutzungsbedingungen wird nun so wortreich und blumig über Datensammeln schwadroniert, dass ein ganzes Heer von Juristen notwendig wäre, dies in verständliche Sprache zurückzuübersetzen.
Das ganze Geschäftsmodell von Alexa basiert auf dem Einsammeln, Verknüpfen und Auswerten von Website- und Besucherinformationen – und das ist übrigens in den USA auch alles andere als verboten, im Gegenteil, das Wort Datenschutz existiert nicht wirklich den US-Gesetzbüchern. Alexa analysiert das Surfverhalten, sammelt Websitebewertungen und stellt dieses Datenmaterial dann anderen Unternehmen – beispielsweise Google, Netscape und natürlich dem Mutterunternehmen Amazon – zur Verfügung.

Wer nun glaubt, er sei bei dem Spielchen fein raus, weil er weder die Alexa-, noch die Google-Toolbar installiert hat, der irrt gewaltig: Kein geringeres Unternehmen als die bekannte Firma Microsoft aus Redmond integriert seit neuestem die Alexa-Schnüffel-Technologie standardmäßig in den Internet-Explorer und in ihr neues Betriebssystem Windows XP – und man muss schon einer seitenlangen Gebrauchsanweisung der Fachzeitschrift CHIP folgen, wenn man die eifrigen Spione wieder aus seinem Rechenknecht austreiben will.
Schauen wir uns diese lustige Skatrunde also noch einmal an: Der Quasi-Monopolist für PC-Betriebssysteme, der größte Internet-Einzelhändler und die wichtigste Suchmaschine der Welt, ebenfalls mit Quasi-Monopol, sitzen an einem Tisch, rauchen, lachen, spielen Poker, trinken Bourbon Whisky (Amis, Banausen) und schieben dabei fröhlich und undurchsichtig Userinformationen unter der Tischdecke hin und her, von denen der entmündigte Internetnutzer nur ahnen kann, dass es sie überhaupt gibt und was sie über ihn verraten. Man muss wirklich kein Paranoiker sein, wenn es einem auf einmal vorkommt, als würde es hier etwas komisch riechen. Und nein, das ist nicht der Jim Beam.
Die schiere Existenz dieser Datenberge ist gefährlich. Und wer in Google immer noch die netten Script-Kiddies mit Turnschuh-Flair sieht, dessen Rechner sollte man zwangsweise vom Internet trennen und zu Fernsehserien mit Witta Pohl nicht unter zwei Jahren verurteilen.

Und jetzt?
Vorhersagen funktionieren ja bekanntlich nur dann zuverlässig, wenn sie in die Vergangenheit gerichtet sind. Daher lässt sich auch hier schwer prophezeien, wohin die Reise geht. Klar ist nur, dass mit der Übernahme von Blogger aus einem wichtigen Unternehmen ein beispiellos mächtiges werden könnte. Indizien für ein rücksichtsloses Ausnutzen von Machtpositionen gibt es in Googles Vergangenheit zuhauf.
Wünschenswert wäre es also, wenn die Medien und Journalisten, die bei Verletzung der Privatsphäre und bei dem Verdacht der Ausnutzung eines Monopols bisher immer nur in Richtung der üblichen Verdächtigen, beispielsweise Richtung Redmond geschielt hatten, sich einmal fragen würden, ob sie auf dem G-Auge vielleicht ein wenig blind oder zumindest kurzsichtig sind und unsere fröhlichen Rollhockey-Spieler umgehend einer verstärkten Beobachtung unterziehen würden.

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Elektronische Lebensaspekte.