Kuckuck, Kuckuck, ruft's aus dem Wald! Was denkt wohl die Illustratorin Leila Benbaouche, wenn sie abends durch Berlin Mitte läuft und Werbe-Flyer der Firma Subgrafik, die ihr eigenes Konterfei zieren, mit doppelseitigem Klebeband an Laternenmasten und Klingelkästen heftet?
Text: Jan Rikus Hillmann aus De:Bug 107

Spezial

Die Imageflatrate
Ein Besuch beim Design-Discounter

Subgrafik-Flyer kennt in Berlin-Mitte und Prenzlauer-Berg jeder. Subgrafik-Flyer werben für günstige Web- und Printdesign-Pauschalpakete samt kostenloser 0800er-Nummer. Ab 68 Euro gibt es dort Visitenkarten und Websites. Leila, hast du da nicht ein schlechtes Gewissen? Mit den Augen eines selbstständigen Interface- und Print-Designers betrachtet, sehe ich in Frau Benbaouche mit ihrem rot geschminkten Mund und ihren rot-geäderten Designeräuglein mein personifiziertes Feindbild – als impertinenten preisdumpenden Brutschmarotzer im Nest eines sich selbstbewusst entwickelnden alternativen Designgewerbes. Nehmen wir 68 Euro als Tageslohn für eine geleistete Arbeit, ist man verhältnismäßig gesehen als Ein-Euro-Jobber ein Großverdiener und als Angestellter im Netto relativ gut aufgehoben. Als nicht komplett faktorierter (d.h. ausgelasteter) Brutto-Selbstständiger allerdings erst mal ein Nichts. Quasi pleite. Und sollte sich am besten bei Subgrafik nach einem Job umschauen. Oder zurück nach Stuttgart gehen. Mit den Augen eines Journalisten gesehen, bietet dieses Thema einiges Potential investigativ vorzugehen, gerade da die Firma im gleichen Haus wie die Klingelton-Klitsche Jamba sitzt. Und gerade da diese Firma gerne kreative Spin-Offs wie Technikzusatzversicherungsprovider für Waschmaschinen gründet. Warum nicht gleich mal dazu noch einen Billo-Design-Spin-Doctor, um unausgelastete Pixel-Schieber zu beschäftigen. Aber wie gesagt, alles Spekulation, zu viel subjektiv gefärbte Verschwörungstheorie, zu Borderline. Dazu ist Frau Benbaouche zu gezielgruppt die Verkörperung des tighten selbstständigen Berliner-Ökonomie-Ladengeschäft-Mac-Mädels, das eben auch ein Website-Starter-Set für 298,- Euro braucht. Das riecht nicht nach Business, sondern nach Identifikation und sozialer Freundschaftshilfe für den Start-Up im Kleingewerbesumpf. Gut maskiert wird so das Ei im gemachten Branchen-Nest platziert. Das werde ich weiterempfehlen. Danke Leila.

Brutschmarotzer oder Multimedia Discounter?
Nein, wir wollen keine Feindbilder und keinen investigativen Journalismus. Brauchen wir auch gar nicht. Wir surfen auf die Website und suchen nach kleinen Indizien der Selbstdemaskierung. Und finden Sie: “Subgrafik, günstiges Webdesign und Grafikdesign. Das ist billig!”, sagt mir der Websiteheader. So weit muss man erst mal kommen, seine Arbeit selbst als billig darzustellen. Ich meine, ganz ernsthaft, so etwas würde nie ein richtiger Designer von seiner Arbeit behaupten. So etwas texten nur umsatzorientierte Marketingmenschen. Weiterhin: “Das Team von Subgrafik besteht aus Designern, Künstlern und Programmierern, die es sich zum Ziel gesetzt haben, Grafikdesign in Qualität & Preis bezahlbar zu machen. Denn aus Erfahrung wissen wir, dass viele Kunden, die zu uns kommen, zuvor meist einen überteuerten Preis für ungenügende Leistung bezahlt haben. Mit unserem ‘Preis Check’ bringen wir Transparenz in den Dschungel von Webdesign-Angeboten im Internet. Finden sie auf einen Blick heraus, ob Sie bei uns richtig sind und gehen Sie mit uns eine Partnerschaft ein, in der Vertrauen und Kontinuität zu Produktivität führen! Subgrafik hat für jeden etwas.” Wie schön. Aber welche Erfahrung? Und woher wissen die das alles? Nach dem Goutieren ihrer vier realen Web-Referenzprojekte direkt ab zum “Preis Check”, einer von Subgrafik selbst initiierten freiwilligen Webdesign-Preis-Selbstkontrolle. Gestaltet wie ein offizielles Benchmark-Tool mit Qualitätssiegel, vergleicht man hier seine Preise selbst mit denen anderer Discounter mit tollen Namen wie “Werbebaukasten” oder “Mexi-Design”. Hier tobt die bunte Konkurrenz. Und verliert. Denn siehe da, Subgrafik ist immer am billigsten – und dumpen sich sogar selbst: Denn auf ihren breit plakatierten A2-Postern kostet die Webvisitenkarte dann nur noch 48,- Euro. Das ist toll! Das muss man erst mal schaffen! Die haben wohl doch die besten Baukastensysteme, die krassesten Formatvorlagen und die optimiertesten Produktionsumgebungen. Das ist billig und hat trotzdem Qualität! Ich nenne das Nestbeschmutzung im Kontext Erster Hilfe. Doch helft euch bitte selbst, wenn ihr an eurer eigenen Scheiße erstickt. Danke, Subgrafik.

Ich bin gemein
Ja, bin ich. Doch zurück von den Design-Discountern, die es in dieser Form zu Hunderten gibt, zum eigentlichen Kern. Zur Ästhetik, zur Kreativität, zur Gestaltung. Denn das Preisdumping der Design-Discounter ist nicht das Problem. Es ist die nonexistente Gestaltungsqualität und der ebenso nonexistente Identitäts-Prozess, für den sie stehen. Wir leben in einem Land, das gerade dabei ist, ein Bewusstsein für Grafikdesign zu entwickeln, denn der Kontakt zu professionellem Grafik-Design hat sich im Alltagsleben intensiviert und wird nicht mehr durch das gestalterische Bermuda-Dreieck zwischen Blume 2000, Steuererklärungsformular und kreischend bolzenden Logos auf Bussen und LKW-Planen auf der Autobahn geprägt. Design wird als zunehmend durch Gestaltungsqualität als identitätsgebender und informierender Auftrag wahrgenommen und nicht als notwendiges Übel einer Laden-Beschriftung oder Formulargestaltung, gerade, da sie einen ästhetischen und somit oft immanenten funktionalen Kern mit sich trägt: Die Kommunikation einer Information, eines Wesens, der Identität einer Leistung bzw. eines Unternehmens. Design hat endlich einen Auftrag und damit sogar langsam auch außerhalb der urbanen Zentren in der Gesellschaft ein Ansehen erlangt, das weiter geht als Ecken abzurunden: nämlich Aussagen zu machen und Informationen zu verdeutlichen. Gestaltung wird nur im Gleichklang der Existenz von ästhetischer Qualität, handwerklichem Können und inhaltlicher Relevanz als Gestaltung wahrgenommen. Kreativität sehe ich in diesem Kontext weniger als das “Abweichen von der Norm”, um aufzufallen, sondern als qualitative Integration: dem Heben der alltäglichen Kommunikation auf ein angenehmes, professionelles, realistisches, dosiertes und glaubwürdiges Niveau – und schließt somit auch ein gekonntes Interaktionsdesign einer Website mit ein, das eben nicht zwangsläufig bei “Produkte, Wir über uns, Shop, Kontakt” enden muss. Dies erreicht man aber nur bei einem entsprechenden Bewusstsein auf der Gestalter- und der Auftraggeber-Seite. Und eine der zentralen Aufgaben des Designers ist – im Kleinen beim Handwerker wie im Großen beim Industrie-Blue-Chip – dieses Bewusstsein für die Funktion von Gestaltung und visueller Kommunikation zu schaffen. Diese Methode funktioniert nicht über den Preis, sondern nur über Vertrauen, das man nur über die Beschäftigung mit dem Kunden und seinem Geschäft gewinnt. Dieser Umstand wird endlich begriffen und dieses Begreifen hat zu lange gedauert, als dass diese zarte Erkenntnispflanze durch hektische Pfuscher ohne Prozesskenntnis, die vor nicht allzu langer Zeit noch in Copy-Shops T-Shirts mit Clip-Arts beschrifteten, kaputt gemacht werden darf. Vielleicht bin ich hier zu leidenschaftlich, aber das riecht nicht nur nach Pan-Cake-Make-Up, hier stinkt es gewaltig nach CorelDraw. Was das mit Image zu tun hat? – Ich mag natürliche Gesichter.

Identität ist ein Prozess, Image sein Ergebnis
Corporate Design hat seinen Preis, weil Gestaltungs-Profis das Wesen der zu kommunizierenden Leistung verstehen, fassen, visuell transformieren und medial adäquat kommunizieren. Und weil sie davon leben wollen. Ich rede hier nicht von millionenschweren “idealtypischen” Identitäts-Prozess-Phasen der Corporate-Design-Lead-Agenturen, die sich über eine Soll-Ist-Analyse, eine Identitätsentwicklung, Kommunikationsstrategie, Designentwicklung und Migration mit ihren Auftraggebern in den globalisierten Markt bohren wollen, ich rede von einer mittelständisch geprägten Designbrache, die mit einer Menge Einsatz, Wissen, Können, Kreativität und Professionalität einen korrekten Weg finden will, Design in dieser Gesellschaft zu verankern. Wenn also das Ziel eines Kommunikationsprozesses ein positives Image ist, wie wird man sich wohl entscheiden? Für einen Frisörbesuch für 68 Euro incl. Waschen, Schneiden, Färben, Legen, Föhnen? Oder gar für ein Versprechen einer kompletten Image-Beratung für das gleiche Geld? Die Antwort wisst ihr selber: Geiz macht ungeil.

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Elektronische Lebensaspekte.