Nach zwei Jahren Pause geht es mit der Reihe "ReComposed" der Deutschen Grammophon weiter. Und zwar kräftig nach vorne: Carl Craig und Moritz von Oswald, setzen mit Ravel und Mussorgsky neue Maßstäbe der "Rekomposition".
Text: Tim Caspar Boehme aus De:Bug 126


Ein Klassiker aus Klassikern

Klassikfernen Hörern das bürgerliche Konzertprogramm nahe zu bringen, ist eigentlich keine falsche Sache. Kommt ganz darauf an, wie. Einen der anspruchsvollsten Versuche dieser Art unternimmt die Deutsche Grammophon mit der Reihe ”ReComposed“, die nun in die dritte Runde geht. Elektronik-Produzenten dürfen im Katalog des Plattenlabels stöbern und Aufnahmen ihrer Wahl frei bearbeiten. Nach Matthias Arfmann und Jimi Tenor fiel die Wahl für die aktuelle Ausgabe auf das Traumpaar Carl Craig und Moritz von Oswald. Die beiden Produzenten sind für die Reihe eine Idealbesetzung: Craig betreibt mit Projekten wie dem Innerzone Orchestra oder als Remixer schon lange die unterschiedlichsten Formen von Genre-Fusionen, von Oswald ist zusätzlich zu seinen legendären Produktionen von Basic Channel bis zu Rhythm & Sound ein klassisch ausgebildeter Schlagzeuger. Mit ihrem Album gehen sie denn auch weit über reine Vermittlungsarbeit hinaus.
Hatte man bisher den Eindruck, die Reihe ”ReComposed“ solle in erster Linie Clubgänger für neue Hörerfahrungen begeistern, könnte diesmal auch mancher Klassikfan sein Interesse für elektronische Musik entdecken. Was Craig und Oswald geschaffen haben, ist beiden Welten verpflichtet, und so genial hat wohl noch niemand diesen Spagat hinbekommen: Das Ergebnis ist nicht bloß eine spannende Neubearbeitung, es ist tatsächlich der ganz große Wurf.

Sitzt man beiden im Gespräch gegenüber, merkt man, wie wichtig ihnen die Arbeit an ”ReComposed“ gewesen sein muss. Beide sprechen ruhig und ganz auf die Sache konzentriert. Was nicht heißt, dass kleine Scherze zwischendurch verboten wären. Nachdem ihre große Aufgabe erledigt ist, scheint allmählich Entspannung eingesetzt zu haben. Immerhin dauerte die Arbeit an ”ReComposed“ ein Jahr. “Es war sehr wichtig für uns, etwas zu machen, mit dem wir beide zufrieden sind“, so von Oswald. “Und ich bin nicht so leicht mit meiner eigenen Arbeit zufrieden. Es braucht lange Zeit, etwas zu schaffen, mit dem ich glücklich bin, vor allem, wenn es ein Album ist.“

Mit dem Ergebnis können sie locker zufrieden sein. Wie machen sie das? Betrachtet man die Vorlagen, mit denen Craig und von Oswald arbeiten, so wirkt die Auswahl der Musik eigentlich nicht besonders spektakulär. Auf der Bearbeitungsliste standen zwei Werke von Maurice Ravel, der “Bolero“ und die “Rapsodie espagnole“, sowie Modest Mussorgskys “Bilder einer Ausstellung“. Mit Ausnahme der “Rapsodie“ echte Klassikgassenhauer, die derart rauf- und runtergespielt und klingeltonmedial verwurstet wurden, dass man sich fragen mag, wie mit diesem Material eine interessante “Rekomposition“ gelingen soll.

Die Kombination dieser Werke ist auch nicht völlig selbstverständlich, zumindest waren Ravel und Mussorgsky keine Zeitgenossen – die “Bilder einer Ausstellung“ entstanden 1874, ein Jahr vor Ravels Geburt. Zwar schrieb Ravel die Orchesterfassung der ursprünglich für Klavier komponierten “Bilder einer Ausstellung“, doch ansonsten überwiegen die Differenzen: Mussorgsky zählt zur russischen Spätromantik, Ravel kennt man als Vertreter des Impressionismus; die “Bilder“ gelten als Paradebeispiel für Programmmusik, der “Bolero“ ist ein abstrakt-repetitiver Tanz mit obsessiv wiederholtem Rhythmus und einem ewiggleichen Thema, das wie die isolierten Tonspuren in einem Clubtrack durch die einzelnen Orchesterstimmen wandert. Einzig Ravels “Rapsodie espagnole“ mit ihrem suggestiv-atmosphärischen Charakter zeigt einige Nähe zu Mussorgskys narrativem Programm.

Reduktion und Rhythmus
Was also tun Craig und von Oswald mit Ravel und Mussorgsky? Sie reduzieren das Material auf wenige kurze Zitate und konzentrieren sich ganz auf den Rhythmus. Im Grunde verfahren sie, oberflächlich betrachtet, wie bei einem Remix, mit dem Unterschied, dass auf diesem Wege eine neue Komposition entsteht, die den Originalen gerecht wird, ohne ihre Form beizubehalten. Vor allem aber nehmen sie sich, anders als Tenor und Arfmann, die verschiedenen Stücke nicht einzeln vor, sondern kombinieren Zitate von Ravel und Mussorgsky in wechselnden Konstellationen.

Strukturell betrachtet machen Craig und von Oswald das Repetitions-Modell des “Bolero“ zur Grundlage ihres gesamten Albums. So gelingt es ihnen, die stark suggestive Atmosphäre der “Bilder“ und der “Rapsodie“ auf eine Weise zu abstrahieren, dass sie mit dem Tanzcharakter des “Bolero“ zusammengeführt wird. Angelehnt an klassische Formen gibt es auf “ReComposed“ sechs ineinander greifende “Sätze“, die in ihrem reduzierten Aufbau jedoch ganz eigenen Regeln folgen.

Für den “Bolero“, mit dem das Album nach einer kurzen Einleitung beginnt, heißt das: Die Melodie fliegt raus. Übrig bleiben der Rhythmus der Snare bzw. “kleinen Trommel“, wie sie im Orchester heißt, und die getupften Begleitakkorde. Mit diesem Schachzug vermeiden sie den Assoziationskitsch, der bei Ravels Kompositionshit nur allzu leicht droht.

Ursprünglich hatten Craig und von Oswald die Bolero-Melodie verwenden wollen, stellten aber bald fest, dass es nicht funktionierte: “Uns gefiel die Idee, doch es erschien uns besser, das Ganze in unsere eigene Richtung zu entwickeln“, so Craig. Die Melodie sei einfach zu bekannt, pflichtet von Oswald bei: “Sie begrenzt die Möglichkeiten, etwas Neues zu entwickeln.“
Der Verzicht schafft umgekehrt die Freiheit, wirklich mit dem “Bolero“ zu arbeiten. Dessen rhythmisches Gerüst ist so prägnant, dass das Stück auch ohne seine Melodie sofort erkennbar ist. Der Rhythmus, ein von Triolen bestimmter Dreivierteltakt, wird nicht immer sklavisch genau reproduziert, hier und da bekommt die gesampelte Trommel ein paar andere rhythmische Akzente verpasst, ohne dass es groß auffallen würde. Auch die gleichförmig wiegenden Begleitakkorde der Harfe werden immer wieder sanft durcheinander geschüttelt. Über dieses Fundament legen die beiden ein kurzes stotterndes Trompetenmotiv aus Mussorgskys Stück “Samuel Goldenberg und Schmuyle“ und vervielfältigen es so häufig, dass der Rhythmus fast über sich selbst stolpert. Die fragile Balance wechselt ganz allmählich vom Dreiviertel- in einen Viervierteltakt, in dem die Originalklänge nach und nach in elektronischen Effekten verschwinden. Wir sind mittlerweile im vierten “Satz“, könnten uns mit der Musik aber ohne weiteres in einem Club wiederfinden. Wenn auch nicht in jedem, wie Craig einschränkt: “Das ist kein Album für einen Mainstream-DJ, der auf Ibiza spielt.“

Nach einem kurzen Zwischenspiel ohne Beat setzen Craig und von Oswald ihre Rekomposition mit dem düsteren fünften Satz fort. Vom “Bolero“ keine Spur mehr, stattdessen dominieren die tiefen Bläser aus Mussorgskys “Catacombae“ und das repetitive Streichermotiv des “Prélude à la nuit“ aus Ravels “Rapsodie“. “Movement 5“ ist zudem der einzige Satz, in dem ein akustisches Instrument hinzukommt. Die dunklen Bläser aus den “Bildern“ werden von den Klavierakkorden Kelvin Sholars verstärkt, einem Pianisten, der auch in Craigs Innerzone Orchestra spielt. In diesem Satz werden ausschließlich Programmmusikelemente miteinander kombiniert, der einheitliche Charakter des Albums bleibt dennoch gewahrt. Für den Zusammenhang sorgt der Rhythmus, zum einen als Beat, der stark in den Vordergrund rückt, zum anderen durch die konsequent repetitive Verwendung der in ihrer Auswahl reduzierten Samples.

Mit dem Begriff der Reduktion allein wird man der Musik von “ReComposed“ jedoch nicht ganz gerecht, denn in der Kombination der verschiedenen Elemente entsteht eine neue Komplexität, die sich nicht immer überblicken lässt: “Natürlich darf man die Stücke nicht überladen, wenn man etwas Eigenes entwickeln möchte. Das Originalmaterial hat eine Menge Farben und bietet so viele verschiedene Möglichkeiten. Andererseits dachten wir, es sei nicht gut, sich zu stark zu beschränken. In einigen Stücken kannst du daher nicht mehr hören, was bei der Verschmelzung der Originale genau passiert“, so von Oswald. Diese Mischung und die daraus entstehende dunkle Atmosphäre gefallen ihm besonders gut.

craigoswald1

Warum Ravel?
Für Craig und von Oswald stand früh fest, dass sie mit dem “Bolero“ arbeiten möchten, ohne sich nur auf dieses Stück beschränken zu wollen. Alle drei Werke sind auf einem Album der Edition “Karajan Gold“ versammelt, und so entschieden sie sich, auch die Aufnahmen der anderen beiden Werke von der Karajan-Platte mit einzubeziehen. “Der Vorschlag, eine Aufnahme mit den Berliner Philharmonikern unter von Karajan zu nehmen, kam von Universal“, so von Oswald. Damit fiel die Wahl ihrer Referenz auf den Star des Labels schlechthin: Herbert von Karajan hat das Medium Schallplatte früh für sich entdeckt und wurde als Dirigent der Berliner Philharmoniker zum “Gesicht“ der Deutschen Grammophon. Wie Glenn Gould ist er einer der Pioniere der Überführung der klassischen Musik vom Konzertsaal ins Tonstudio. Dass Karajan zunächst eigentlich Ingenieur werden wollte, überrascht da nicht.

Vergleicht man das “ReComposed“-Album mit der Karajan-CD, könnte man meinen, die Arbeit sei als konzeptuelle Auseinandersetzung mit der Vorlage qua Tonträger gedacht: Die Spieldauer der beiden CDs ist bei gut 64 Minuten fast identisch, an Zufall möchte man kaum glauben. Auch die Covergestaltung lässt eine medienreferentielle Herangehensweise vermuten: Unter dem großen gelben Rahmen mit der Signalwirkung eines Klassikgütesiegels ist ein Foto der Originaltonbänder zu sehen. Musik über Musikaufnahmen, scheint die Botschaft zu lauten.
Derartige Konzept-Ambitionen weisen die beiden jedoch von sich, zumindest was die Bedeutung der Albumlänge betrifft: “Das ist einfach ironisch“, zerstreut Craig etwaige theoretische Mutmaßungen. Von Oswald sieht es ähnlich: “Ich dachte, es sei ein gutes Konzept, kein Konzept zu haben.“ Beide arbeiteten fast immer zusammen an der Musik, statt sich nur gegenseitig Dateien zu schicken, was dem Album gut getan hat. “Easy-going“ sei die Arbeitsatmosphäre gewesen, so von Oswald, und so entspannt, wie die beiden im Gespräch wirken, glaubt man ihm das gern. Sie hätten verschiedene Ansätze ausprobiert, akustische Sessions gemacht, improvisiert. Völlig konzeptfrei gingen sie indes nicht vor: “Das Wichtigste war, einen einzelnen Track zu machen, um die Originale vermischen zu können und sie nicht zu sehr zur Substanz des neuen Stücks zu machen. Wir wollten eine Interaktion zwischen den Originalen, vor allem aber wollten wir neue Musik daraus machen.“

Damit bestätigt von Oswald die musikalische Bedeutung der Tonbänder als Ausgangsmaterial, schließlich bilden sie die Arbeitsgrundlage dieser “neuen Musik“: “Es war sehr wichtig, dass wir die Original-Mehrspurbänder benutzen konnten, um die verschiedenen Instrumente zu isolieren.“ Die Aufnahmen stammen aus den Achtzigern, der Spätphase Karajans, als dieser sich entschieden hatte, seinen Katalog noch einmal in der neuen Digitaltechnik einzuspielen, eine Innovation, für die sich der Klangperfektionist schon früh begeisterte. Bei diesen Einspielungen ist die Trennung der einzelnen Instrumente besonders präzise, was ideale Bearbeitungsbedingungen für die beiden bedeutete.

“Man kann Elemente isolieren, die in der ursprünglichen Aufnahme gar nicht zu hören sind“, schwärmt von Oswald. “Es gibt einzelne Teile des Orchesters, die eher verborgen sind, und die kannst du völlig anders platzieren als ursprünglich gedacht.“ In “Movement 5“ zum Beispiel wird ein nervös flatternder Flötenton geloopt und in den Vordergrund gerückt. Das Sample stammt ursprünglich aus dem letzten Satz der “Rapsodie“, wo es als kurzes Anfangsmotiv auch schon mal überhört werden kann. In diesem neuen Zusammenhang wird die Flöte plötzlich zu einem tragenden Element.

“ReComposed“ ist in gewisser Hinsicht eine konsequente Fortführung des Ansatzes von Karajan, klassische Musik digital zu reproduzieren. Nur gehen Craig und von Oswald dabei einen bedeutenden Schritt weiter. Sie führen vor, welche Möglichkeiten der Rekombination und Rekomposition sich durch die medial vermittelte Musik ergeben. In digitale Einheiten übersetzt, lässt sich klassische Musik nicht nur neu kombinieren, sie lässt sich auch mühelos in elektronische Musik umformen, ohne dass sie dabei vollkommen unkenntlich gemacht zu werden braucht.
Ihrem Anspruch, aus den Vorlagen neue Musik zu machen, sind Craig und von Oswald mehr als gerecht geworden. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass bei ihnen die Betonung des Worts “ReComposed“ auf “Composed“ liegt: “Die Musik wurde am Ende mehr von Oswald und Craig als die der anderen Komponisten“, fasst Craig ihre Arbeit zusammen. Und es ist keinesfalls unbescheiden von ihm, wenn er das gemeinsame Album als “Klassiker“ bezeichnet: “Wir haben gezeigt, dass es möglich ist, Klassiker zu verwenden und aus ihnen neue Klassiker zu machen.“

Carl Craig & Moritz von Oswald, ReComposed, ist auf Deutsche Grammophonerschienen.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

One Response

  1. ıʞıɥɔı ıſnʎɹ

    @FRED_PERRY_JP パンクどころか、テクノ界の大御所、オズワルド卿も着用しております。http://bit.ly/mgSojL