Wenn skandinavische Mode als die neue Schule nach Antwerpen gehandelt wird, dann haben die Kollektionen von Helle Mardahl einen starken Anteil daran. Ihr ist das zu wenig.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 102

Goethe war der letzte Universalkünstler? Kein Wunder, wenn man die Künstler in Marktformate einsperrt und sie zur einseitigen Spezialisierung zwingt. Nicht mit mir, hat sich Helle Mardahl gedacht und sich gegen die kreative Verkümmerung entschieden.
Dabei war schon alles wunderbar in trockenen Tüchern. Die Kopenhagenerin Helle Mardahl besetzte neben Henrik Vibskov das anarcho-verspielte Ende der skandinavischen Mode, um die gerade so viel Wirbel gemacht wird. Viel zu seriös am Londoner Central Saint Martins ausgebildet, um einfach nur Streetwear mit Aufdrucken zu machen, haben ihre eleganten Frauenkollektionen einen unseriösen Dreh in den Druckmotiven, der sich über das Damenhafte lustig zu machen scheint. In ihrer Mode blitzte immer die Freiheit gegenüber der Mode auf.
Aber genau diese Freiheit ging ihr im professionellen Modebetrieb verloren. Nach sechs Kollektionen klinkt sie sich aus und wird – Universalkünstlerin. Wir erwischen sie mitten in der Umstrukturierung, während sie an Etuis für Sonys PSP und Stühlen für das dänische Einrichtungshaus MUUTO und die Premium-Modemesse in Berlin sitzt.

Deine Kunst ist nicht so weit entfernt von den Mustern, die du für deine Kleidung entworfen hast. Warum beschränkst du dich nur noch auf die Kunst?

Wenn du Mode machst, gerätst du in die Tretmühle, musst ein Produkt zu festen Terminen herstellen. Ich habe 24 Stunden am Tag gearbeitet. Je stärker meine Arbeiten wurden, desto schwächer wurde mein Sozialleben. Ich habe Kleidung zum Ausgehen entworfen, konnte aber selbst nie ausgehen. Das gibt brillante Ergebnisse, lässt sich aber nicht lange durchhalten.

Du wolltest also den Druck nicht mehr auf dich nehmen?

Ich musste ihn nicht mehr auf mich nehmen, weil ich ein dreijähriges Staatsstipendium erhalten habe, eine Menge Geld. Es rettete mich vor dem Weg, eine Geschäftsfrau zu werden und zu vergessen, was mich eigentlich interessiert.

Aber ist die Ausrichtung auf Kunst an der Wand nicht eine kreative Einschränkung gegenüber der Mode, die ja praktisch Kunst am dreidimensionalen Körper ist?

Drucke auf Kleidung zu setzen, ist doch absolut trivial geworden. Es geht um den Mix aus allen Disziplinen. Ich produziere ja weiterhin Kleidung, nur nicht im saisonalen Kollektionszwang des Marktes. Und sie muss in Verbindung mit meiner Kunst stehen. Ich will nicht für den Laufsteg, aber auch nicht ausschließlich für die Galerie arbeiten.
Ich mag nur sehr wenig Kunst. Das liegt wohl daran, dass mir Zeichnen und Malen so wichtig sind – und sich viele Kunst gar nicht darum schert. Oft ist es nur arty, aufgeblasener Bullshit. Ich dachte immer, Kunst soll schön sein. Ich muss es fühlen können, fast schmecken. Und es braucht nicht so anmaßend langsam zu sein, dadurch wird es nicht besser. Hm, da kommt wohl meine Mode-Perspektive durch. Künstler werfen der Mode ja genau die Kurzlebigkeit vor. Ich will weder Modedesignerin noch Künstlerin sein, sondern eine Zwischenfigur.
Als Modedesignerin fragte ich mich oft: ”Verdammt, wieso kann es nicht einfach flach sein? Wieso muss ich mit Volumen arbeiten.“ Wenn ich jetzt vor dem Zeichen- und Maltisch stehe, denke ich: ”Dreidimensional war auch ganz schön.“ Warum soll ich mich auf Zeichnungen, Malerei, Illustrationen, Mode beschränken? Es können genauso gut Stühle sein, Skulpturen, alles ist sehr modeverwandt, alles lässt sich mit einem roten Faden verbinden.
Wenn ich in einer Galerie ausstelle, darf es keine reine Kunstgalerie sein. Was habe ich gelesen? ”Fashion helps to move around the art, in a not arty way.“ Die Kombination ist mir wichtig. Ich habe eine Mode-Ausbildung, aber ich war immer sehr auf meine Drucke ausgerichtet, auf meine Zeichnungen. Meine Schnitte sind simpel, was ich draufdrucke, ist mir wichtig. Das ist mein Kommentar in der Modewelt. Ich bin Teil dieser New-Romantic-Welle von vor etwa sechs Jahren – viele Drucke und Farben. Heutzutage ist alles auf Schwarz ausgerichtet. Ich denke immer noch, dass Drucke eine Menge Möglichkeiten für Statements und Persönlichkeit bieten.

Würdest du wirklich sagen, deine Schnitte sind simpel und der Druck ist das Entscheidende? Du bist doch himmelweit entfernt von den Graffiti-Punks, die einfach ihre Zeichnungen statt auf die Wand auf ein Basic-Shirt drucken und sich als Modedesigner aufführen?

Natürlich interessiert mich immer, wie sich die 3-Dimensionalität der Kleidung auf die Muster auswirkt. Wo werden Teile der Muster verdeckt, in Falten zum Beispiel, wie schwingen sie am Körper, wie verziehen sie sich. Aber ich benutze einfache Materialien, Jersey, Sweatshirt-Stoff. Und wichtiger ist mir, dass meine Drucke und Bilder etwas erzählen. Ich liebe Märchen, seltsame Figuren, es treten immer Personen in meinen Zeichnungen auf. Ich mag dieses seltsame Universum und ich möchte, dass es seltsam bleibt.

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Elektronische Lebensaspekte.