Tilman Baumgärtel war einer der größten Enthusiasten der Netzkunst: eine Familie. Kreative Dynamik. Künstlerische Autonomie. Neue Sprachen. Längst sieht er es gelassener und wirft einen Blick zurück auf eine Kunst, an deren soziale Relevanz sich kaum noch jemand erinnert.
Text: Chris Koever aus De:Bug 100

Die Netzkunst ist tot
Es lebe die Netzkunst

Interview mit Tilman Baumgärtel

Vor gut zehn Jahren, als das Internet neu, radikal und aufregend war, war auch Netzkunst neu, radikal und aufregend. Sie wurde als Genre der Zukunft gepriesen und als die angemessene Form, auf eine zunehmend vernetze Welt künstlerisch zu reagieren. Sie machte ihr eigenes Ding, versprach eine Utopie, sperrte sich gegen die Einverleibung in den muffigen traditionellen Kunstbetrieb, räumte jährlich Preise auf der Ars Electronica ab und war auch in Debug oft genug Thema. Doch seit Ende der 90er ist es zunehmend ruhig geworden um die Netzkunst. Abwechselnd ist von einer Krise oder gar ihrem “Tod” (Armin Medosch) die Rede.

Tilman Baumgärtel, Medienwissenschaftler, freier Autor und ehemals Mitarbeiter des Internetmagazins “Telepolis”, hat die Entwicklung der Netzkunst von Anfang an begleitet. In zahlreichen Artikeln, Interviews mit Protagonisten/innen der ersten Stunde wie Jodi, Alexei Shulgin, Heath Bunting oder Olia Lialina und zwei Büchern zu dem Thema dokumentierte er nicht nur die damalige Entstehung der netzspezifischen Kunst, sondern trug auch maßgeblich zur Herausbildung und Definition des Genres “Netzkunst” bei.

Inzwischen redet und schreibt er zwar ebenso wenig über Netzkunst wie der Rest der Öffentlichkeit, ist aber nach wie vor einer der ersten Adressaten, wenn es um eine Rückschau auf die kurze Geschichte und eine Diagnose des aktuellen Zustandes von Kunst im Netz geht.

Debug: Was waren für dich die wichtigsten Merkmale von Netzkunst in ihrer Anfangszeit?

Tillmann Baumgärtel: Die Netzkunst war für mich in der Frühzeit, die ich Mitte der 90er Jahre mitverfolgt habe, eine Art kulturelles MMORPG (Massively Multiplayer Online Role-Playing Game). Es gab eine überschaubare Zahl von Spielern. Auf deren Webseiten und über Mailinglisten wie Nettime, Rhizome und 7-11 konnte man deren Spielzüge verfolgen und auf diese reagieren.
Diese Interaktion war das Spannendste an dieser Periode, und aus ihr sind zum Teil eigene Arbeiten und Kooperationen entstanden. Heute sind davon nur noch die Web-Relikte übrig. Die können als Kunstwerke zum Teil auch für sich selbst stehen. Aber das Faszinierende war für mich am Anfang dieser halb-direkte Kontakt mit Leuten, die ich zum Teil persönlich kannte, zum Teil auch nicht, und die Rollenspiele und die kreative Dynamik, die sich daraus ergab. Ich habe eine Zeit lang alle halbe Stunde meine Email angeguckt und fast täglich die Seiten bestimmter Künstler gecheckt, um zu sehen, ob sie was Neues gemacht hatten. Und oft hatten sie das auch.

Debug: 2002 hast du in der “Zeit” die Krise der Netzkunst ausgerufen und das u.a. damit erklärt, dass es nach dem Dotcom-Crash einen allgemeinen Backlash gegen das Internet und seine Phänomene gab. Was ist seitdem passiert?

Baumgärtel: So eine Intensität lässt sich natürlich nicht ewig aufrechterhalten. Interessanterweise waren es vor allem die amerikanischen Teilnehmer an diesem Spiel, die die Mühen der Ebene nicht gescheut und weitergemacht haben. Die Europäer haben sich entweder mit großer Geste verabschiedet oder sind einfach verstummt.
Die Künstler haben sich von dem schwer zu beherrschenden Medium Internet abgewandt und zuerst auf Software, dann auf Computerspiele konzentriert. Die Software-Arbeiten waren technisch komplexer und es hat da schnell so ein Abgleiten ins Nerdhafte gegeben. Darum habe ich mich damit nicht so stark beschäftigt.

Debug: Die Popularität von Netzkunst war ja in den 90ern stark an den allgemeinen Hype um das Internet geknüpft. Jetzt ist Web 2.0 als Schlagwort für die aktuellen Entwicklungen im Netz in aller Munde und das Internet wieder frisch und toll. Glaubst du, dass Netzkunst im Zuge dieses neuen Netz-Erwachens einen zweiten Frühling erleben wird?

Baumgärtel: Keine Ahnung. Ich bin froh, wenn ich die Vergangenheit korrekt vorhersagen kann. Wenn das “Wiedererwachen der Netzkunst” darin bestehen würde, künstlerische Kommentare zum Tagging oder PHP zu liefern, wäre das wahrscheinlich kein Fortschritt. Ich habe zwar immer für eine formalistische Netzkunst plädiert. Aber man kann sich auch darin verschleißen, jede neue technische Entwicklung künstlerisch zu begleiten. Die sozialen Entwicklungen, die du erwähnst, brauchen wahrscheinlich keine Künstler.

Debug: Welche Rolle haben Medienkunst-Festivals für die Entwicklung von Netzkunst gespielt?

Baumgärtel: Festivals wie die Transmediale oder die Ars Electronica sind wichtige Institutionen als Treffpunkte und Diskussionsforen für die Szene. Die Außenwirkung lässt meiner Beobachtung nach zu wünschen übrig, und darum verführen sie dazu, ausschließlich für diese Szene zu arbeiten. Das ist sehr ambivalent. Wenn es in den 70er Jahren solche Festivals gegeben hätte, wäre die Videokunst, wie wir sie heute kennen, vielleicht nie entstanden.

Debug: Was waren deine persönlichen Lieblingsprojekte?

Baumgärtel: Mir waren die Projekte immer am liebsten, die nicht von Künstlern/innen kamen, aber Kunst hätten sein können. Ende der 90er Jahre war mein Lieblingsbeispiel für so etwas die “JenniCam”, die es inzwischen nicht mehr gibt. Heute ist diese Million-Dollar-Home-Page ein Beispiel für lupenreinen Webformalismus. Danach hätten sich in den goldenen Jahren der Netzkunst alle die Finger geleckt. Solche High-Concept-Sachen waren damals gar nicht möglich, weil da noch die wenigsten wussten, was ein Pixel ist, und niemand für “Virtual Reality” Geld ausgegeben hätte. Heute geht das. Das Firefox-Plugin “All-in-one gestures” ist ein anderes Beispiel für ein Projekt, das keine Kunst ist, aber als Kunst betrachtet werden könnte.

Debug: Eines der Versprechen von Netzkunst war ja, dass die Künstler/innen durch das Netz die Vertriebswege ihrer Kunst besser kontrollieren und somit auch unabhängiger vom klassischen Kunst- und Galeriebetrieb würden. Hat sich das bewahrheitet?

Baumgärtel: Ja und nein. Technisch stimmt es natürlich nach wie vor, dass das Netz die traditionellen Kunstvermittlungswege umgeht. Das findet ja auch statt. Es gibt eine eigene Infrastruktur zur Verbreitung von Informationen und Arbeiten, die relativ gut funktioniert. Es gibt Mailinglisten wie Rohrpost, Rhizome und Net Art News, Blogs wie “We make money not art” und viele Künstler haben Websites. Das ist nicht wenig. Allerdings hat das – wie auch die Festivals – dazu geführt, dass man es sich in dieser Infrastruktur bequem macht und die meisten ihr eigenes Süppchen kochen.

Das ist bei der traditionellen Kunstszene natürlich auch nicht anders. Da wird ab einer bestimmten Größenordnung letztlich auch nur für eine kleine Gruppe von Sammlern und Galeristen produziert. Allerdings hat die traditionelle Kunstwelt in der westlichen Welt diese herrlichen, riesigen, staatlich subventionierten Kunstmuseen. In denen sind wenigstens theoretisch schon Zufallsbegegnungen mit Leuten möglich, die nicht zum eigenen, kleinen Zirkel gehören. Das kann einen schon neidisch machen. Denn ich finde es immer noch interessant, mit Netzkunst Leute zu erreichen, die sich eigentlich nicht für Kunst interessieren. In der Frühzeit hat das eine Zeit lang funktioniert, weil die Leute neugierig waren.

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Elektronische Lebensaspekte.