Text: Ingrid Arnold aus De:Bug 43

Das Astralbaby liegt im Sterben
Die “apokalyptische Komödie” DIE NEUN LEBEN DES TOMAS KATZ

Nach 20 Minuten hat man ja angeblich entschieden, ob einem ein Film gefällt oder nicht. TOMAS KATZ fängt an. Schwarz-weiß. Britisch, surreal, etwas artsy. Au weia, wo bin ich denn jetzt gelandet. Aber nach einigen schnellen Persönlichkeitssprüngen ist die Titelfigur im Stadtpiratenoutfit Fischereiminister geworden, ein spiritueller Polizei-Inspektor heftet sich auf seine Fersen, und der Film fängt an, richtig Spaß zu machen. Man weiß wieder, wie anregend absurde Texte sein können – und auch wie nervig – und freut sich über die Selbstironie im Werk eines Absolventen des Royal College of Art.

Aber von vorn. Ein seltsam gekleideter Mann (Thomas Fisher) windet sich aus einem Erdloch nahe der Autobahn. Keiner weiß, wer er ist oder woher er kommt. Mit dem Taxi geht es Richtung London. Nach einer beunruhigenden Unterhaltung sitzt der Fahrgast plötzlich in den Kleidern des Taxifahrers hinterm Steuer – und der Fahrer bleibt am Straßenrand zurück. Als Tomas Katz mit dem nächsten Fahrgast dasselbe Wechselspiel treibt, ahnen wir, dass ein teuflischer Plan die Welt zum Untergang bringen will. Einzig ein blinder Inspektor (Ian McNeice) scheint den Zusammenhang mit den beunruhigenden Meldungen von Fensterverschwörungen und der Börsen-Implosion zu verstehen: Das Astral-Baby liegt im Sterben. England steht kurz vor der Sonnenfinsternis. In London herrscht Anarchie.

Mit kleinem Team und nach dem Guerilla-Prinzip an öffentlichen Plätzen in London gedreht, ist TOMAS KATZ ein Phänomen: Ein improvisierter Kunstfilm ohne ästhetischen Overload. Ein Experimentalfilm, der eine unterhaltsame Story erzählt. B-Picture-Effekte und dokumentarische Außenaufnahmen wechseln sich stilsicher mit perfekt gefilmten Video-Clip-Elementen ab. Im Soundtrack mischen sich Heine-Texte mit georgischen Chorgesängen.

Regisseur Ben Hopkins beschwört in seinem zweiten Langfilm ein mythisches London, das unter der Oberfläche liegt und die Stadt beherrscht. TOMAS KATZ spielt mit den Metaphern der Unterwelt: das Böse, Scotland Yard, die Tube. Zielscheiben sind die Wirtschaftspolitik, der Niedergang der Esskultur auf der Insel, Touristen – oder inhaltsschwache Kunstfilme. Die Verwendung von Symbolen – “the astral child that represents existence” – ist hier immer eine Verarschung der Symbole: Nur schlechte Kunstfilme verwenden Symbole, deren Bedeutungen ohnehin klar sind, ohne zuzugeben, wofür diese stehen.

Eine Inspirationsquelle des Films war ein Klassiker der fantastischen Literatur: Michail Bulgakows “Der Meister und Margarita”, in dem der Teufel Moskau heimsucht. Das Charisma des Bösen kombiniert Hopkins wie Fritz Lang in DR. MABUSE aus der Trivialität des B-Pictures und seinem Stilkonzept – wobei der erste expressionistische Mabuse-Film offen den zeitgenössischen CALIGARI imitierte, während TOMAS KATZ zur Zeit filmästhetisch sogar ziemlich konkurrenzlos dasteht. Und Anleihen an eine Stummfilm-Ästhetik bedeuten hier keineswegs moralisch aufgeblasenes Kunsthandwerk à la TUVALU.

Die souveräne multiple Performance von Thomas Fisher ist das Herz des Films, er hat Ben Hopkins überhaupt inspiriert, diesen Film zu drehen: Fisher in der Hauptrolle und der Filmtitel THE NINE LIVES OF TOMAS KATZ standen fest, bevor das Drehbuch geschrieben wurde. Auch die Eklipse war angeblich schon zu einem frühen Zeitpunkt eingeplant, ohne zu wissen, dass es 1999 tatsächlich eine Sonnenfinsternis geben würde. Macht ja nichts, die ungeplante Anspielung auf die Banalität beschichteter Pappbrillen angesichts des bevorstehenden Weltuntergangs passt wunderbar.

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Elektronische Lebensaspekte.