Hard- und Software aus Berlin: Von der Hinterhofbutze zum Marktführer
Text: Benjamin Weiss aus De:Bug 165

Anfang der Neunziger ist trotz Technoboom nicht viel los in Sachen Audiotools aus Berlin. Computer sind noch zu langsam, um mehr als MIDI zu bearbeiten, die diversen Spielarten elektronischer Musik werden vorwiegend mit modernen Samplern, klassischen Drummachines und Synthesizern aus den Siebzigern und frühen Achtzigern produziert. Selbst der Berliner Pionier Manfred Fricke hat sich auf Produkte für die Videoanwendung verlegt und steigt erst 1997 wieder ins Audiobusiness ein.

Jomox und SchneidersBüro
Jürgen Michaelis, Erfinder der X-Base 09 und Inhaber von Jomox, hatte bis Mitte der Neunziger beim Synthesizerladen X-Tended Geräte repariert und für die Berliner Techno-Größen auch die eine oder andere 909 getunt sowie diverse andere Geräte modifiziert. Das brachte ihn schließlich auf die Idee, eine eigene Drummachine zu bauen, die die Kernfeatures der für viele viel zu teuren 909 (damals um die 2000 Mark) haben, aber deutlich günstiger sein sollte. 1996 entwickelte er die X-Base 09 und gründete im Jahr darauf Jomox, war Entwickler, Firmenchef, Vertrieb und sein einziger Angestellter in einer Person.

Die X-Base 09 entwickelte sich schnell zu einem unerwarteten Erfolg und der Zufall wollte es, dass Michaelis eines Tages bei einem Umzug Andreas Schneider kennenlernte, der wie viele andere auch Anfang der Neunziger aus Neugier nach Berlin gezogen war. Schneider kümmerte sich um den Vertrieb der X-Base 09, denn Vertriebsstrukturen von Indie-Herstellern mit kleinen Stückzahlen gab es zu dieser Zeit so gut wie gar nicht. Er packte sich ein paar Drummachines ins Auto und fuhr quer durch Deutschland und Europa, um die meist höchst skeptischen Einzelhändler von dem Gerät zu überzeugen. Mitte der Neunziger hatten sich die großen Hersteller auf Workstations und Sampler verlegt, und den Trend zu direkt und intuitiv bedienbaren Drummachines und Analogsynthesizern größtenteils völlig verschlafen. Kleine Boutique-Hersteller, die ihre Geräte nicht nur selbst entwickelten, sondern auch bauten und zu vertreiben versuchten, füllten diese Lücke aus. Schneider erkannte das Potenzial und baute mit viel Enthusiasmus nach und nach einen Vertrieb für die Indies auf, den er SchneidersBüro nannte. Im Showroom am Alexanderplatz (heute am Kottbusser Tor) konnten Knöpfchendreher und Strippenzieher fortan all die Geräte ausprobie- ren, die die Kleinsthersteller in mühevoller Heimarbeit zusammenfrickelten.

Native Instruments und Ableton
1996 wurde Native Instruments von Stephan Schmitt und Volker Hinz gegründet. Computer wurden damals langsam aber sicher fähig, Audio in Echtzeit zu verarbeiten, Harddisk-Recording löste die bis dahin vorherrschende Aufnahme auf DATs schrittweise ab. Das erste Instrument von NI war der modulare Synthesizer-Baukasten Generator, der schon bald zu Reaktor wurde und den Grundstein für Natives langjährigen Erfolg legte. Reaktor ermöglichte nicht nur das vergleichsweise einfache Konstruieren von Synthesizern und Effekten am Rechner, sondern gab mit seiner umfangreichen Online-Library auch Einblick in die Konstruktion klassischer Hardwaresynthesizer, die von einer engagierten Community nachgebastelt wurden. 2001 folgte mit Traktor die erste DJ-Software: noch weit vom heutigen Funktionsumfang entfernt und in Sachen Stabilität und Performance auch wegen der damaligen Hardware nicht vergleichbar, blieb das Auflegen mit dem Rechner zunächst eher eine Nischenangelegenheit für Nerds und war noch keine Konkurrenz für Vinyl. Drei Jahre später begann sich das schon langsam zu ändern, als NI eine Partnerschaft mit dem gerade erst gestarteten Downloadportal Beatport einging, das noch ziemlich unbedeutend und ausschließlich in den USA verfügbar ist.

Ableton wurde 1998 von Gerhard Behles und Bernd Roggendorf, die zuvor beide bei NI gearbeitet haben, ge- gründet. Behles hatte bis dahin zusammen mit Robert Henke als Monolake jede Menge Erfahrung als Musiker gesammelt und während dieser das gemeinsame Projekt musikalisch fortführte, konzentrierte sich Behles auf die Entwicklung von Live, das sowohl im Studio als auch auf der Bühne ein intuitives Musiktool werden sollte, an der Schnittstelle von Instrument und DAW. Die erste Version von Ableton Live erschien 2001 und stellte mit ihrem neuen Konzept das Prinzip der DAW gründlich auf den Kopf. Statt Timeline gab es Scenes und Slots, die Oberfläche erging sich nicht in der naturgetreuen Emulation altbekannter Studio-Hardware, sondern gab sich nüchtern und übersichtlich, der flexible Umgang mit Samples und Timestretching in Echtzeit revolutionierten die Musikproduktion. Ableton konzentrierte sich in den folgenden Jahren voll auf die Weiterentwicklung von Live, Erweiterungen wie den Sampler und den von Henke ent- wickelten Operator, sowie später Max 4 Live und diversen anderen Add-Ons. Native Instruments ging einen anderen Weg und erweiterte sein Portfolio in alle Richtungen. Zu diversen Synthesizer-PlugIns gesellten sich der Softwaresampler Kontakt mit verschiedenen Samplebasierten Instrumenten, außerdem entstand neben der DJ-Division auch noch eine Gitarren-Abteilung, und nach den ersten Audio Interfaces folgten eigene Controller für die zahlreichen Software-Produkte.

Die zunehmende Internationalisierung Berlins schuf ideale Bedingungen für die beiden Unternehmen, die sich aus dem großen Pool an Neuankömmlingen bedienen konnten, der nicht nur aus DJs und Produzenten, sondern auch aus Programmierern aus aller Welt bestand. Natürlich machten sich immer wieder Programmierer selbständig und so entstanden Firmen, zum Beispiel Sugar Bytes, die sich neben den beiden Großen behaupten konnten.

Ein neues Abgrenzungsbewusstsein
Während sich das Techno-Business in Berlin mit immer mehr Clubs und zunehmendem Partytourismus zum dauerhaften Wirtschaftsfaktor mauserte, wuchs Mitte des letzten Jahrzehnts auch die Anzahl derjenigen Produzenten, die sich die etwas teurere analoge Hardware leisten konnten und wollten, denn die Demokratisierung der Musikproduktionsmittel hatte ein neues Abgrenzungsbewusstsein geschaffen. So zu klin- gen wie Produzent XY war deutlich einfacher geworden, zu einfach für viele. Digitales Auflegen wurde mehr und mehr salonfähig, die meisten Livesets wurden mit Laptop und Ableton bestritten, auch das gefiel nicht allen, sie woll- ten zurück zu individuelleren Tools, wovon wiederum die Hardware-Indies profitierten.

Ein weiterer Grund für das wiedererstarkte Interesse an Hardware war der zu dieser Zeit noch unbefriedigende Zugriff auf die Klangerzeugung des Rechners, denn die meisten MIDI-Controller waren von den Bedienelementen her zu beliebig und orientierten sich am althergebrachten Keyboard-Layout. Ableton reagierte auf das Problem mit der Zusammenarbeit mit Akai, die zur APC 40 führte, dem ersten wirklich für Live angepassten Controller, NI brachte die Groovebox Maschine auf den Markt. Die Pioniere von einst waren zu Firmen mit Millionenumsätzen geworden, die schon längst weit über ihre ehemalige Kernzielgruppe hinausgewachsen waren.

Mit dem iPad und der aufkommenden iOS-Entwicklerszene entwickelte sich ein weiterer Zweig von Audiotools, Firmen wie touchable, Liine und Konkreet Labs entstanden, die auf ihre Weise durchaus viel mit den Hardware-Indies gemein haben: kleine Teams mit individuellen Ansätzen und Ideen, die sich nicht an Vermarktungsstrategien halten müssen. Aber auch der Hardwaresektor bekommt immer wieder Neuzugänge, Koma Elektronik etwa mit ihren analogen Effektpedalen und im Softwarebereich treten gerade Bitwig an, ihrem ehemaligen Brötchengeber Ableton Konkurrenz zu machen.

Die Bilder hat der Fotograf Andreas Chudowski für uns bei Schneider im Laden geschossen. What you see is what you get. Kabel, Knöpfe und Gelöt.

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