Die Totalen des Totalen
Text: Sulgi Lie aus De:Bug 158


Bilder: Matthew Plummer-Fernandez

Der 3D-Effekt hat es in diesem Jahr zu zweifelhaftem Ruhm gebracht. Nachdem das Kino seinen Realitätseindruck im Laufe von über 100 Jahren Schritt für Schritt maximiert hat, soll die Technologie die letzte Barriere überwinden: die Grenze zwischen Kinoraum und Zuschauerraum. Unser Autor fragt sich anhand der großen Blockbuster des Jahres: Wollt ihr das totale Kino?

Schuld ist einmal mehr James Cameron: Nach morphenden Terminatoren in den frühen und digitalen Schiffsuntergängen in den späten 90ern hat er nach einem Jahrzehnt Pause mit dem gigantischen Erfolg von “Avatar” (2009) Hollywoods Blockbuster-Kino mit einem neuem technologischen Virus infiziert: 3D. Kaum eine Großproduktion der letzten beiden Jahre, die nicht dreidimensional aufgemotzt war, um im Windschatten von Camerons Flugtieren einem weiteren Box-Office-Rekord entgegen zu segeln. Doch Camerons Nachahmer in Hollywood konnten nicht nur dem kommerziellen Höhenflug von “Avatar” nicht das Wasser reichen, auch technisch und künstlerisch sind die meisten 3D-Filme der letzten beiden Jahre ziemliche Abstürze. Die dritte Dimension endet nur allzu oft im Desaster.

Perfektionierung der Illusion
So beginnt auch das 3D-Jahr 2011 mit einem lieblosen Machwerk, an dem sich die ganzen Probleme der neuen Technologie zeigen: “The Green Hornet” ist nicht nur der misslungene Versuch von Michel Gondry, vom Art-House ins Action-Fach zu wechseln, es bleibt auch rätselhaft, was überhaupt der Mehrwert von 3D in diesem Film sein soll: unkonturierte schlierige Farben, statisch steife Einstellungen und am schlimmsten jener Silhouetten-Effekt, der eben nicht die gewünschte Raumillusion produziert, sondern den Körpern gerade ihre plastische Tiefe raubt. Anstelle einer kontinuierlichen Schärfentiefe besteht der “Deep Space” der 3D-Filme aus einer Schichtung von scherenschnittartigen Flächen, die sich nicht homogen im Raum zusammenfügen.

Vielleicht ist dieser merkwürdige Eindruck einer flach gerasterten Tiefe das Kardinalproblem einer noch unausgereiften Technologie, die sich in Zukunft noch verbessern wird. Doch im mittlerweile dritten 3D-Jahr 2011 weckt nicht nur “The Green Hornet” den unguten Verdacht, dass die Verwertungszwänge der Filmindustrie mittlerweile so immens sind, dass ein technisch unterentwickeltes Verfahren als “State of the Art” des Blockbuster-Spektakels verkauft wird. Aber auch unabhängig vom ökonomischen Zwang des Blockbuster-Systems, dem globalem Publikum immer neuere und größere Schauwerte anzubieten, ist die Perfektionierung der Illusion ein alter Traum des Kinos: vom Stummfilm zum Tonfilm, von Schwarzweiß zur Farbe, vom klassischen Format von 1,33 zu den Superbreitwandformaten, vom Mono zu Dolby, von der analogen Körnung zu den digitalen High-Definition-Pixeln – all diese technologischen Revolutionen in der Filmgeschichte sind von dem Wunsch nach einer Illusionsmaschine genährt, in der die Differenz von Wirklichkeit und Bild aufgehoben ist.

Wollt ihr das totale Kino?
So spricht der französische Filmtheoretiker André Bazin bereits in den 50er-Jahren (in der auch die ersten 3D-Verfahren entwickelt werden) vom “Mythos eines totalen Kino”, das sich zwar niemals vollständig realisieren kann, aber zumindest asymptotisch eingekreist werden soll. Nachdem das Kino seinen Realitätseindruck im Laufe von über 100 Jahren Schritt für Schritt maximiert hat, soll nun 3D eine unüberwindbar scheinende Barriere überwinden: die Grenze zwischen Kinoraum und Zuschauerraum. Wenn im Mythos des frühen Kinos der Zug der Gebrüder Lumiere direkt auf die noch unschuldigen Zuschauer zuzufahren schien, so springt der Zug in 3D aus der Leinwand in den Kinosaal. Nicht wirklich, sonst wären wir armen Zuschauer ja tot, aber trotzdem verdammt close to Reality. Deshalb sind die meisten 3D-Effekte meist auf zwei einfache Vektoren zurückzuführen: entweder die Immersion des Zuschauers in die Bildtiefe oder umgekehrt die Bewegung von Objekten in Richtung des Zuschauers, der nach den umherfliegenden Blättern in “Avatar” greift oder vor einer frontal abgefeuerten Kanonenkugel in Deckung geht. So fliegt uns in “Tron: Legacy” der futuristische Bumerang ständig entgegen, oder wir tauchen in möglichst monumental gerenderte Architekturen ab, am liebsten aus der Vogelperspektive gefilmt.

Aber die Totalen des totalen 3D-Kinos sind zumindest in Filmen wie “Tron” oder auch in Kenneth Branaghs missratenem “Thor” leider auch totalitär: In beiden Filmen herrscht ein unangenehmer Terror von Zentralperspektive und Symmetrie, der auch Leni Riefenstahl sicher gut gefallen würde. Das Übermenschentum des nordischen Superhelden ordnet die Massen ganz seinem Holzhammer unter: Wollt ihr das totale Kino? Anstatt den Raum in der dritten Dimension weiter zu entgrenzen, zelebrieren “Tron” und “Thor” einen technoiden Faschismus des Massenornaments, der sich an der Ordnungsfunktion des herrschaftlichen Blicks aufgeilt. Gegen so viel maskulines Mythengedonner kann leider auch die zarte Natalie Portman nichts ausrichten.

Pimp my ship
An den popfaschistischen 3D-Totalen beider Filme entpuppt sich die neue Bildtechnologie keineswegs als unschuldiger Special Effect, sondern als hochgradig ideologieanfällig. Aber gerade weil “Tron” und “Thor” die prekäre Verschränkung von Technik und Ideologie offen ausstellen, sind sie letztlich interessanter als solche Filme wie “The Green Hornet”, die 3D nur als hippes Gimmick benutzen. Man sieht den einzelnen Filmen schon an, ob sie von Anfang an in 3D konzipiert, oder nur nachträglich gepimpt wurden. Letzteres trifft ganz sicher auf den vierten Teil der “Pirates of the Carribbean”-Reihe zu, der den endgültigen Schiffsbruch dieses Franchise besiegelt. Nicht nur hat mit Rob Marshall ein ausgesprochen talentfreier Mann den Regisseurstuhl von Gore Verbinski übernommen, auch als 3D-Film ist “On Stranger Tides” eine visuelle Katastrophe in diffusen Farben und lustlosen Effekten. Da droht man mit der 3D-Brille auf der Nase seekrank zu werden.

Wer sich als Zuschauer von solchen Streifen in seiner Intelligenz beleidigt sieht, findet ausgerechnet in kleineren B-Movies die originellere 3D-Ideen. So gibt es in “Drive Angry” mit dem derangierten Nicolas Cage den durchaus geglückten Versuch, “Bullet Time”-Ballereien dreidimensional zu modellieren. In “Priest” mit Paul Bettany wird aus der postapokalyptischen Szenerie eine Ansammlung taktiler Oberflächen aus Metall, Wasser und Wüstensand.

Massenornament & Scherenschnitt
Überhaupt ist 3D nicht dort am interessantesten, wo es die zentralperspektivische Illusion überbieten will, sondern in der neuartigen Sensorik von Objekten. Wie vielleicht kein anderer Regisseur hat das ausgerechnet der Bernd-Eichinger-Protegé Paul W.S. Anderson verstanden, der mit seinem letztjährigen “Resident Evil: Afterlife” den vielleicht bis dato besten 3D-Film gedreht hat. Gerade die kleinen Details der Dingwelt werden da zum Ereignis: der Zeitlupen-Regen zu Beginn des Films, die spiegelnde Pfütze am Boden, das sterile Weiß virtueller Räume.

Leider hat Anderson mit seinem diesjährigen 3D-Film “The Three Musketeers” diesen Pfad wieder verlassen und sich vom hohlen Bombast der Vogel- und Zentralperspektive verführen lassen. Immer wieder schwingt sich der Blick auf die Höhe der Ballonschiffe auf und schaut auf die computergenerierten Massenornamente hinab. Es bleibt zu hoffen, dass Anderson mit dem für nächstes Jahr angekündigten “Resident Evil 5” wieder an die artifizielle Oberflächenästhetik des Vorgängers anknüpft.

Auch weil die beiden aktuellen Hegemonen des Blockbusterkinos in diesem Jahr der dritten Dimension nichts wirklich Neues abgewinnen konnten: Steven Spielbergs “The Adventures of Tin Tin” treibt zwar das Morphing von realen Körpern und digitalen Motion Capturing auf ein neues Level, aber die Notwendigkeit von 3D bleibt dieser Animation äußerlich. Michael Bay gibt sich in “Transformers 3” ganz einer entfesselten Destruktionslogik hin, die in der einstündigen Vernichtung Chicagos durch böse Transformer-Roboter mündet, aber als 3D-Bild bleibt vielleicht nur die groteske Zeitlupe von Victoria’s-Secret–Modell Rosie Huntington haften, die sich im Scherenschnitt-Effekt mit ihren Super High Heels von der Action-Orgie im Hintergrund absetzt. Bei so viel eindimensionaler Regressivität in 3D sehnt man sich dann doch zum guten, alten 2D-Kino zurück.

Aus dem Special in De:Bug 158: FAZIT 2011

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