Keine Angst, ihr müsst nicht demnächst über Plateauschuhen Plastiktrichterhosen tragen. Die Gefahr, dass die Neunziger das nächste Retro werden, ist gering. Der Zyklus der Dekaden ist an seine eigene Grenze gestoßen: die Gegenwart. Nur... Was kommt als nächstes? Statt Historismus ein Retro-Futurismus des 19. Jahrhunderts, zum Beispiel. Wachsmasken heraus.
Text: mercedes bunz | mrs.bunz@de-bug.de aus De:Bug 53

Stay Young
Der Historismus ist vorbei

Die Zeiten, in denen man auf den Attributen der Mode teleologisch geradlinig durch die Jahrzehnte reiste, sind vorbei. Mode ist wieder unvorhersagbar. Der Historismus der Jahrhundertwende liegt zwei Schritte hinter uns. Noch bis gerade eben folgte die Mode dem Diktum der Dekaden und beschränkte sich von der Haute Couture bis zur Straße auf eine Auswahl der Elemente aus der engen Bandbreite der Originalzeit. Die Frage war nie, welcher Stil als nächstes kommen, sondern was aus diesem Stil wieder aufgerufen werden würde: Für die 80er beispielsweise entschied man sich für wild bedruckte T-Shirts, Nietengürtel und RAF-Sterne und gegen die Ambossfrisur. Auch pluderige Elefantenpo-Bowie-Hosen hat man nicht wieder gesichtet, Allah sei Dank. Dem Diktat der Dekaden weiter zu folgen und die Neunziger als Zitat zu verwursten, das stellt sich allerdings als ein Ding der Unmöglichkeit dar auf Grund der mangelnden Distanz. Das System Mode unterscheidet sich in den Neunzigern dort noch nicht von seiner mit ihm interagierenden Umwelt. Information ist der Unterschied, der einen Unterschied macht, schrieb Luhmann, denn um etwas als modischen Stil zu erkennen, sind wir auf den Unterschied angewiesen. Ab sofort kann die Umwelt nicht mehr im System der Dekade auftreten. Sie muss sich neue Formen und Wege suchen, eine neue Umwelt also auch. Wie trotzdem vorne dran sein? Die umliegenden Modebilder versuchen das Unmögliche. Zu Gunsten eines Retro-Futurismus überspringen sie die dezimalen Dekaden mit einem Salto zurück in die Zukunft eines viktorianischen Jahrhunderts: eine goldverbrämte Rosenblüte am Kragen, die Ärmel an der Schulter der goldgewaschenen Jeansjacke leicht puffärmelig angesetzt. Bei der Schlafenden blitzt unter der vergoldeten Kordjacke das gestrickte Mieder der damaligen Unterwäschetechnik hervor. Schon Neal Stephenson hatte in seinem experimentellen Roman “Diamond Age” die Fiktion einer nanotechnologischen Zukunft mit viktorianischen Stilen und Sitten beschworen. Das Kultivieren der Künstlichkeit durch sorgsam gehüteten elfenbeinfarbenen Teint und den zart-rosigen Wangen der obersten Gesellschaftsschicht ist hier dagegen der Effekt einer Technik des 18. Jahrhunderts: der Wachsmaske. Das Nachbilden in Wachs wurde ursprünglich für anatomische Studien betrieben, erst Madame Taussaud aka Marie Grosholtz stellte die Wachsproduktion erfolgreich vom Abbild der Krankheit auf das Abbilden der Prominenz um. Und immer noch besticht Wachs durch seine zeitlose Aktualität: Die Masken dieser Bilder knüpfen überraschend nahtlos an den derzeitigen No-Make-Up-All-Natural-Trend an, andererseits verweisen sie gleichzeitig auf die zu perfekte Natürlichkeit artifiziellen Lebens, ein Effekt, der auch ausgiebig in A.I. von Spielberg genutzt wurde. Der französische Fotograf Jean-Pierre Khazem hat die Kampagne der Firma Diesel gelungen fotografiert und dem von der Amsterdamer Agentur “KesselsKramer” erfundenen Motto der Unsterblichkeit “Stay Young” einen Rahmen gegeben, indem er ihn weggelassen hat. Das Wachsfigurenkabinett ist in einen White Cube gestellt worden, um unabhängig von einer realen zeitlichen und sozialen Kulisse die Unsterblichkeit zu unterstreichen und dem Kontext ein Schnippchen zu schlagen – eine alte Kunststrategie. Einen austauschbaren Hintergrund können wir euch zwar nicht bieten, dafür verlosen wir zwei golddurchwirkte Jeansjacken aus dem Vordergrund – eine für Jungs, eine für Mädchen. Außerdem 10 Diesel-Kataloge und 5 Neal Stephenson Bücher. Zuschreibungen bitte an: Debug – Stay Young – Brunnenstr. 196, 10119 Berlin.

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Elektronische Lebensaspekte.