Dub und Briefmarken. Digital Jockey, Mitglied der Computer Jockeys, schafft mit seinem Digital-Dub-Debutalbum den Soundtrack zum Wohltätigkeitsbriefmarken-Projekt, mit dem er das Erbe seiner Großmutter zum Nutzen der Weltbevölkerung einsetzt. Der Forrest
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 40

Briefmarken statt Filesharing
Digital Jockey

UTOPIE TÄGLICH
Vielleicht wird man irgendwann sagen: Computer Jockey, klar, das ist der mit den Briefmarken. Hatte der nicht all diese phänomenal wundervollen und komplett wertlosen Marken von seiner Oma geerbt, daran Bilder sortieren, klassifizieren, markieren gelernt? Wurde er nicht hinterher Kittlerschüler und geläuterter Musiker, um sie einzusetzen für sein globales ‘Sozialhilfe durch Briefmarken’-Projekt, mit diesem unaussprechlich langen, floatenden Namen? Vielleicht. Und vermutlich wird Computer Jockey dann darüber schmunzeln, sich zurücklehnen, in irgendeinem digitalen Orbit herumtauchen, in dem ein Geruch die Dichte des Wassers jagt, der nächste Geruch das Aufblitzen noch arkanoiderer Tiergestalten, der nächste und übernächste Menschen, was immer sie gerade ruhig als ihr Leben arbeiten lassen. Menschen im Groove. In Dub. In Technicolor und via Satellit.

DEBUT IN DUB
Digital Jockey wollte ein Dubalbum aus seinem Debutalbum machen. Eines, das seinen Ausgangspunkten entsprechen könnte und auf seine Weise damit klären kann, was man nach Rhythm & Sound “noch” sagen könnte. Dub war der klare Punkt, der fixiert werden musste, an der geraden Bassdrum, der Angelpunkt, um den sich diese Welt drehen sollte. Eine Welt aus Politik und Naturalismus according to Prefab Sprout oder My Bloody Valentines Loveless (In Planung: eine symphonische Loveless Wiederaufnahme von ihm mit Donna Regina als Sängerin). Eine Popwelt, zugänglich für jeden. Schon das eine Utopie, sortiert nach Jahrzehnten, aber erreichbar (wenn auch auf utopischen Wegen) durch Briefmarken. Briefmarken? Ja.
Wäre ich Postmanager, ich würde als Retrokampagne die Marke wieder herausholen und mit ihr die Welt, das Greifbare an ihr. Das könnte auch einen neuen-alten, verschollenen Sinn in die Diskussion und das Wesen der Marken bringen. Das Vergessene der multiplen, monetären Wasserzeichen würde aufleben. Ich würde den forschen, besserwisserischen Postmann, der in der Post-Werbung im Fernsehen Yahoo, Amazon usw. alles hinterherträgt und sich so unabkömmlich machen will, eintüten, und heraus aus der Wundertüte mit Digital Jockey und seinem globalen Charity Briefmarken System. Ähnlich wie Forrest Gump könnte man ihn neben den illustren Modernismuspäpsten wie Kofi Annan und zahllosen UNO Schützlingen dann leicht irritiert vom Handschlag ein letztes Dub stottern hören.

SING SING
Digital Jockey ist ein Teil der Computer Jockeys und als solcher natürlich ein reiner PC Mensch. Ein Filesortierer. Seine Tracks hatten immer schon weniger vom Kölner Minimalismus als die von Hagedorn, sondern eine Poporientierung, die transkontinental mit einer Leichtigkeit – sonst gerne als “Ethno” diffamierte – Sprengsel von Musik in einen digitalen Kontext setzen kann, der einen ganz schön überrascht. Sein neues Album hat er zusammen mit dem jamaikanischen Sänger Joseph Grant aufgenommen, seines Zeichens mit “To Be Poor Is A Crime” (“so etwas wie eine jamaikanische Nationalhyme” – so Digijock) mehrfach abgerippter Underground-Held und immer noch Festivalmusiker mit seiner Band. Er erzählt ganz relaxt auf der Hälfte der Tracks von Jamaika. Digital Jockey fragte ihn aus, nach Kindheit, nach Dschungel, nach Natur. Um diese Synthese hinzubekommen: Politik, Natur, Pop. Um die Dominanz der Stimme in einer relaxten Nebensächlichkeit aufgehen zu lassen. Ein ähnliches Konzept findet sich auf “Four”, wo Schnipsel der Restäußerung ansonsten vocal-gestisch komplett überzogener, wenn auch nicht ganz ungroßartiger R’n’B Sängerinnen, das Aushauchen, der letzte Restfluss eines Luftstroms, sozusagen der laue Nachtwind von R’n’B, dem Track eine gespenstische Nähe einhauchen. Irgendwo in den Zwischenräumen aus Tourismus, Einbürgerung und Gefangennahme von Wörtern und Sounds etwas finden, das einen näher an das herankommen lässt, was man nicht greifen kann.

CHARITY
Weshalb dehnt sich dieser Artikel so ein wenig aphoristisch? Weshalb lungert er so rum, wenn nicht, weil die Musik dazu im Hintergrund läuft und lungert? Eins der Strukturprinzipien für diese Platte – Digital Jockey wollte mit Sicherheit nicht einfach ein Bilderbuch der herumreisenden Feldmusikanten machen – ist die Szene der Surrealisten. Die Wortgebungen dieser Szene. Das “einen langen Atem” haben. “8 Studies in Dub Considering Global Welfare As Well As International Charity Stamps And Letters” ist nicht wirklich ein Albumtitel, der einem leicht von der Zunge geht. Er spielt. Mit einem Stil der Benennung (Surrealisten) und in seiner Länge fast chronisch, aber einfach zugleich. Er sagt, was die Platte sein will. Eine kindliche, einfache Utopie als Bogen. Warum nicht die Armen der Welt mit dem Erlös aus einer weltweiten Aktion von Hilfsbriefmarken füttern? Gerade jetzt, wo Briefmarken zusehends das Bindende verlieren, bis hin zur Nichtexistenz im normalen Emailverkehr. Wo sie aber vielleicht an der Grenze zwischen den digitalen und nicht digitalen Welten stehen (wem schickt man noch Post im altertümlichen Sinn und warum?). Vielleicht sagt Digital Jockey mit seinem Album auch (und uns würde das nicht wundern), dass man immer auf mehreren Grenzen gleichzeitig stehen muss. Nicht um besonders advanct zu sein, um im Avant-Irgendwas-Land herumzulungern, sondern um sich nach draussen zu bewegen. Wo immer das sein mag.

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Elektronische Lebensaspekte.