Er ist das Lieblingskind der gesamten Musikindustrie: Der DMCA - mit vollem Namen "Digital Millenium Copyright Act". Mit dem Gesetz lässt sich nämlich prima verbergen, dass die eigenen Kopierschutztechniken nichts taugen. Wer sie knackt, wird einfach in Grund und Boden prozessiert. Auch in Deutschland wird ab Dezember das Umgehen des Kopierschutzes unter Strafe gestellt. Doch jetzt klagen die Gegner zurück.
Text: janko roettgers aus De:Bug 60

Alle werden kriminell
Eine kleine Chronologie des DMCA

Musik kopieren. DVDs rippen. PDFs ausdrucken. Fonts embedden. Streams abspeichern. All diese harmlosen Dinge sind seit 1998 tendenziell kriminell. Zumindest nach US-Recht. Denn seit 1998 gilt in den USA der Digital Millennium Copyright Act, kurz DMCA. Ein Gesetzespaket, das neben vielen anderen Regelungen eine Passage zum Umgehen von Kopierschutzmaßnahmen enthält. Besser gesagt: Zum Verbot des Umgehens.
Nun gibt es wie in Deutschland auch in den USA ein Recht auf Fair Use. Private Kopien gehen völlig okay, ebenso das private Weiterverkaufen von Musik und Büchern. Was aber, wenn Musik und Bücher kopiergeschützt sind? Um von seinen Rechten Gebrauch zu machen, müsste man sie dann ja eigentlich knacken. Das aber ist illegal. Wie noch so vieles anderes: Kryptografie-Forschung beispielsweise. Oder auch einfach nur das Dokumentieren dessen, was man mit Kopierschutzmechanismen machen dürfte, wenn es eben nicht verboten wäre. Der DMCA macht uns alle zu Kriminellen.

Der DVD-Kopierer

Eric Corley stand am Anfang dieser Entwicklung. Er hatte auf seiner Website 2600.com das Programm DeCSS zum Download angeboten und wurde damit zum ersten DMCA-Angeklagten. DeCSS ist ein kleines Tool, das den Zugriff auf die – in der Regel verschlüsselten – Rohdaten einer DVD ermöglicht. So kann man sie beispielsweise ins DiVX-Videoformat umwandeln, um sich eine Kopie auf einen normalen CD-Rohling zu brennen. Doch dagegen haben die Hollywood-Studios etwas, weshalb sie DeCSS gerne aus dem Netz verbannen wollten. Also ließen sie eine Website nach der anderen schließen. Meistens machten die Webmaster oder ihre Provider dabei halbwegs freiwillig mit.
Nur Eric Corley wollte nicht. Seiner Meinung nach ist DeCSS vom Recht auf freie Meinungsäußerung geschützt. Hollywood war andere Meinung und zerrte ihn vor Gericht. Mittlerweile steht es 2:0 für Hollywood, doch Corley will nicht aufgeben und sein Verfahren zur Not mit Unterstützung der Electronic Frontier Foundation (EFF) bis zum US Supreme Court bringen.

Der Princeton-Professor

Edward Felten ist es nicht ganz so schlimm ergangen. Der Princeton-Professor nahm Ende 2000 am “Hack SDMI!”-Wettbewerb der Secure Digital Music Initiative teil. Als er die Ergebnisse seiner erfolgreichen Cracks jedoch auf einem wissenschaftlichen Kongress vorstellen wollte, wurde er von der Initiative und den darin federführenden Plattenfirmen unter Druck gesetzt. Solch eine Publikation verstoße gegen den DMCA und könnte strafrechtliche Konsequenzen haben, ließ ihn etwa die Recording Industry Association of America (RIAA) wissen.
Anstatt auf die Klage zu warten, ging Felten lieber in die Offensive und klagte selbst. Woraufhin seine Opponenten sofort zurückruderten und erklärten, man habe ihm natürlich niemals in seine wissenschaftliche Arbeit reinreden wollen. Felten konnte daraufhin sein Paper mit etwa einem halben Jahr Verspätung veröffentlichen. Ganz zufrieden wird er dennoch nicht gewesen sein: Mit ihrem raschen Einknicken nahm die Musikindustrie Felten und der natürlich wieder mitmischenden Electronic Frontier Foundation die Chance, höchstrichterlich feststellen zu lassen, dass der DMCA die Freiheit der Forschung behindert.

Der PDF-Cracker

Dmitry Sklyarov war für DMCA-Gegner zwischenzeitlich so etwas wie der erste Gefangene der Bewegung. Der russische Programmierer war im Juli 2001 in New York verhaftet worden, nachdem er dort auf der Hacker-Konferenz Def Con 9 über Sicherheitslücken in Adobes eBook-Verschlüsselung gesprochen hatte. Grund dafür war ein Programm seines Arbeitgebers Elcomsoft namens “Advanced eBook Processor”, mit dem sich der Kopierschutz eines PDF-Dokuments verändern lässt. Die Verhaftung führte zu weltweiten Protesten. Sklyarov wurde nach einigen Wochen auf Bewährung aus der Haft entlassen und konnte Ende des Jahres schließlich wieder zurück in seine Heimat. Gegen seinen Arbeitgeber wird aber weiter ermittelt.

Der Font-Designer

Tom Murphy ist als Font-Designer Nutzer des Macromedia-Programms Fontograhper. Dummerweise hat Fontographer die Eigenschaft, für alle Fonts standardmäßig erst einmal das Embedden, also das Einbinden in andere Dokumente zu verbieten. Was weiter kein großes Problem ist, denn um das Embedden wieder zu ermöglichen, muss nur ein einzelnes Bit in der Truetype-Font-Datei geändert werden. Für genau diese Aufgabe programmierte Murphy vor rund fünf Jahren das kleine Tool Embed.
Seit Anfang des Jahres bekommt er nun Post von einer Anwaltskanzlei, die ihn im Auftrage von Agfa auffordert, Embed von seiner Webseite zu entfernen. Das Programm verstoße gegen den DMCA, weil es einen Kopierschutz umgehe, so die Begründung. Dass man Fonts auch viel einfacher ohne Embedden kopieren kann, stört Agfa dabei nicht. Murphy will Embed allerdings weiter anbieten und mal gucken, ob ihn wirklich jemand wegen des Tools verklagt. “Ich hab’s nicht auf Stress abgesehen, aber ich reagiere auch nicht freundlich auf Schikanen”, erklärte er dazu gegenüber CNET News.com.

Die Widerständigen

Seitdem der DMCA 1998 in Kraft trat, sind immer wieder Programmierer und Webmaster von Firmen mit Hinweisen auf das Gesetz abgemahnt worden. Bekannt geworden sind u.a. Abmahnungen gegen das Programm Streamripper, Erweiterungen für Sonys Aibo-Dogs, Spielkonsolen-Erweiterungen und die Nerd-Community Slashdot. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen. Bekannt wurde auch, dass sich der ein oder andere Wissenschaftler nicht mehr in die USA traut. Das russische Außenministerium hat Russlands Programmierer sogar ganz offiziell vor einer Reise ins DMCA-Geltungsgebiet gewarnt.
Doch jetzt formiert sich neuer Widerstand gegen das Gesetz. Ende April hat eine kleine Softwarefirma Hollywoods gesammelte Studiowelt verklagt. Der Grund: 321 Studios vertreibt ein Programm namens DVD Copy Plus, das auch auf dem umstrittene DeCSS-Tool aufbaut. Nun will die Firma vor Gericht klären lassen, dass die eigene Software legal ist, da sie für Fair Use-Rechte gebraucht werden kann. Hollywood ist dabei ein schicker Gegner, aber eigentlich zielt das Verfahren natürlich auf den DMCA ab. EFF-Anwalt Fred von Lohmann dazu gegenüber De:Bug: “Es gibt eine Menge völlig legitimer Gründe, eine DVD zu kopieren – Backups, eine Kopie auf der Festplatte deines Notebooks, damit du auf langen Flügen Strom sparst, eine Kopie für den Home Video Server. Außerdem gibt es viele Filme, die mittlerweile Public Domain sind, wie etwa Buster Keatons Klassiker aus den Zwanzigern. Diese Filme dürfen frei kopiert werden. Aber so lange wie der DMCA Tools wie DVD Copy Plus verbietet, wird der durchschnittliche DVD-Besitzer keine Möglichkeit haben, von diesen Rechten Gebrauch zu machen.”
Widerstand gegen den DMCA kommt auch vom US-Abgeordneten Rick Boucher. Im Juni will er einen Gesetzentwurf in den Kongress einbringen, der den DMCA um Fair Use-Rechte erweitert. Der Unterstützung durch Büchereien, Internet-Aktivisten und Technologie-Firmen kann er sich dabei sicher sein. Und unserer natürlich auch.

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Elektronische Lebensaspekte.