"Jeder Gegenstand hat eine Geschichte zu erzählen“, glaubt Microsoft-Forscher Marc Smith. Mit einer Kombination simpler Technologien will er uns helfen, diese Geschichten zu ergründen – und dabei ein virtuelles Konversationsnetz um unsere Umwelt spannen.
Text: janko röttgers aus De:Bug 90

Die digitale Aura

Marc Smith nutzt Barcodes, um Web und Welt zusammenzubringen

Kaum ein Thema erregt derzeit so sehr die Gemüter von Daten- und Verbraucherschützern wie RFID. Die Funkchips sollen nach dem Willen von Walmart, Metro und Gillette schon bald im Supermarkt den guten, alten Barcode ersetzen. Inventar soll sich so besser erfassen, Waren an der Kasse schneller abrechnen lassen. Kritische Geister sehen darin allerdings bereits Big Brother im Microchip-Format. Verbraucher ließen sich damit überwachen, Waren eindeutig identifizieren – und zwar auch nach dem Einkauf, und möglicherweise sogar aus mehreren Metern Entfernung.

Beiden Szenarien ist gemein, dass sie uns Verbraucher auf die Rolle des dummen Einkaufswagen-Schubsers reduzieren, der sich für Chips nur interessiert, wenn man sie sich vor dem Fernseher einverleiben kann. Microsoft-Forscher Marc Smith ist das nicht genug. “Wenn alles ein maschinenlesbares Etikett hat – warum sollten wir es nicht lesen? Und warum sollte es nicht jeder kommentieren können?“ Smith hat gemeinsam mit seinen Mitarbeitern der Community Research Group von Microsoft ein System namens Aura entwickelt, das uns derartige Möglichkeiten zur sozialen Interaktion mit Produkten bietet.

Das Handy als Maus
Auf RFID wollte er dabei nicht warten. Stattdessen kombiniert Aura ganz einfach Pocket-PCs und Mobiltelefone mit Barcode-Lesern. Ist der Strichcode erst einmal ausgelesen, dann baut die Aura-Software per drahtlosem Internet oder Mobilfunk eine Verbindung zum Web auf. Je nach Natur des Produkts kann Aura dort eine Reihe von simplen Diensten ausführen. So kann das System nach Buchpreisen auf Amazon suchen, Anfragen an Google schicken und die gescannten Etiketten in einer Art Logfile auf dem Aura-Server erfassen.

“Jeder Gegenstand hat eine Geschichte zu erzählen“, erklärt Marc Smith dazu. Jedes Produkt ist mit einer Vielzahl digitaler Informationen verknüpft – einer digitalen Aura, wenn man Smiths Begrifflichkeiten folgen will. Das Mobiltelefon werde dabei zu einer Art Maus, die uns beim Navigieren durch diese Informationen hilft. “Man kann mit ihm auf Dinge klicken“, so Smith. “Wenn du auf ein Buch klickst, kann es dir dabei helfen, eine Nachricht zu einer Diskussion über das Buch zu schreiben. Oder es ermöglicht dir, das Buch zu kaufen.“
Bisher ist Aura noch nicht viel mehr als ein Testaufbau, der uns zeigt, wie wir in der Zukunft mobile Technologie, digitale Informationen und reale Gegenstände miteinander verbinden können. Doch selbst im Teststadium zeigt Aura schon erstaunliches Potential. So scannten Smiths Mitarbeiter in einem Supermarkt den Barcode einer Packung Frühstücks-Flocken ein. Das Aura-System entzifferte den Code und schickte eine Suchanfrage an Google. Wenige Sekunden später konnte das erstaunte Team nachlesen, dass der Hersteller für dieses Produkt einen Rückruf wegen nicht deklarierter und möglicherweise allergener Inhaltsstoffe gestartet hatte. “Jedes Produkt hat eine Geschichte zu erzählen“, wiederholt sich Smith. “Diese ist: Wenn du mich isst, kannst du dabei draufgehen.“

Objekte werden zu Newsgroups

“Wir glauben, dass Labels uns nicht genug über ein Produkt verraten“, meint Marc Smith. Mit Aura bewaffnete Verbraucher könnten im Supermarkt jedoch eine ganze Reihe zusätzlicher Informationen anzapfen. Neben einfachen Google-Suchen wären auch spezielle Datenbanken von Gewerkschaften und Anti-Sweatshop-Aktivisten denkbar, die über die Herstellungsbedingungen eines Produkts Auskunft geben.
Auras klobiger Barcode-Scanner könnte schon bald durch Handy-Kameras und mobile Bilderkennung ersetzt werden, erklärt Smith. Genug Megapixel hätten die meisten Geräte schon heute, nur an der Fokussierung würde es noch ein bisschen mangeln. Dazu werde es eine ganze Reihe weiterer Sensoren geben. Mobilfunk-Zellen könnten schon heute zur Ortung genutzt werden. GPS ist ebenfalls kein Fremdwort mehr für Handy-Hersteller. Telefone haben bereits Kameras, Videos und teilweise sogar Neigungs-Sensoren. In islamischen Staaten gäbe es zudem Mobiltelefone mit integriertem Kompass zum Auffinden von Mekka, weiß Smith zu berichten.

All diese Sensoren werden uns seiner Meinung nach dabei helfen, unsere fassbare Umwelt um digitale Auren zu erweitern. Jeder Ort und jeder Gegenstand könnte zum Startpunkt für eine digitale Diskussion werden. Anstatt Flyer an der Bushaltestelle aufzuhängen, würden wir einfach eine digitale Nachricht hinterlassen – und dann den RSS-Feed abonnieren, um über Antworten informiert zu werden. “Objekte werden damit zu so etwas wie Newsgroups“, prophezeit Marc Smith.
Wer in Zukunft ein Reiseweblog verfasst, integriert ganz einfach GPS-Ortungspunkte. Gefunden werden kann das Blog dann ganz normal übers Web wie auch über die Welt mit ihren physikalischen Koordinaten. ”In den nächsten 18 Monaten werden wir die ersten Anfänge dieser Entwicklung sehen“, ist sich Smith sicher.

Datenschutz egal?
Eins steht bereits fest: Datenschützern wird diese Entwicklung gar nicht gefallen. Auch Smith macht sich Sorgen um den Umgang mit persönlichen Daten in einer Welt allgegenwärtiger Information. Seine Erfahrungen mit Aura haben ihm gezeigt, dass er damit oftmals allein steht: “Den meisten Leuten wird dies egal sein.“ Aura speicherte alle gescannten Objekte erst einmal nur zur persönlichen Nutzung ab. Wer damit eine öffentliche Diskussion beginnen wollte, musste sie explizit freigeben. “Wir waren davon überrascht, wie viele Objekte unsere Nutzer öffentlich gemacht haben“, resümiert Smith. “Letztlich glaube ich, dass Menschen diese Technologien akzeptieren werden.“
Die Diskussion um RFID hält Smith in diesem Zusammenhang für überbewertet. “RFID ist nicht annähernd so sexy, wie viele Leute es gerne hätten.“ Die Technologie sei noch sehr teuer und deshalb in vielen Fällen weit entfernt vom Massen-Einsatz. An die massenhafte Produktion mobiler RFID-Reader sei beispielsweise erst in drei bis fünf Jahren zu denken. Die Geräte hätten mit zu hohem Batteriekonsum und einer zu geringen Reichweite zu kämpfen.
Aura wird deshalb auch in Zukunft auf RFID verzichten. “Ich bin sehr auf Barcodes fixiert“, so Smith, “weil sie einfach schon da sind.“ Er hat jedoch vor, Ortungsmöglichkeiten in das System zu integrieren. Außerdem soll Aura auf spezifischere Szenarien zugeschnitten werden. Zu Hilfe kommen ihm dabei zahllose Internet-Anbieter, die ihre Dienste über Web-Services verfügbar machen. Nach ersten geschlossenen Testläufen will man Aura schließlich bald auch als offenen Beta-Test auf die Netzgemeinde loslassen.
In einem wissenschaftlichen Aufsatz zum Aura-System heißt es dazu wenig bescheiden: “Eine weite Verbreitung derartiger Geräte wird wahrscheinlich viele Lebensbereiche verändern.“ Der Diskussion um RFID dürfte es auf jeden Fall ein paar neue Impulse geben.

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Elektronische Lebensaspekte.