Die Zentrale Intelligenz Agentur und der Blog Riesenmaschine sind beste Beweise dafür, dass es ein selbstständiges Leben unter Web2.0 gibt, das mehr mit Selbstverwirklichung als Selbstausbeutung zu tun hat. Holm Friebe und Sascha Lobo, beide Mitinitiatoren obiger Plattformen, haben das Antwortmanifest auf die "Urbane Penner"-Dystopie geschrieben.
Text: Kito Nedo aus De:Bug 107

Buch

Wir nennen es Arbeit
Die digitale Bohème

“Das Anschauungsmaterial zu der Arbeit ist in Berlin zusammengetragen worden, weil Berlin zum Unterschied von allen anderen deutschen Städten und Landschaften der Ort ist, an dem sich die Lage der Angestelltenschaft am extremsten darstellt. Nur von ihren Extremen her kann die Wirklichkeit erschlossen werden.” So steht es im Vorwort von Siegfried Kracauers Buch “Die Angestellten”, das – nach einem Vorabdruck in der Frankfurter Zeitung 1929 – ein Jahr später in Buchform erschien. Mit dem Text beschrieb Kracauer die Entstehung einer neuen städtischen Schicht zwischen Proletariat und Großbürgertum. Das Buch ist ein Klassiker, denn noch immer ist die Angestelltenkultur eine der großen Taktgeberinnen unserer Gesellschaft. Der Journalist studierte ihre Zeitungen und Magazine, setzte sich mit ihr am Wochenende ins Kino, ging mit ihr zum Tanz oder ins Lokal. Er sprach mit Sekretärinnen, Beamten, Personalchefs, Soziologen und Gewerkschaftsfunktionären und beobachtete die “Heraufkunft gewisser Normaltypen von Verkäuferinnen, Konfektionären, Stenotypistinnen usw. […] die in den Magazinen und den Kinos dargestellt und zugleich gezüchtet werden. Sie sind ins Allgemeinbewusstsein eingetreten, das sich nach ihnen sein Gesamtbild von der neuen Angestelltenschicht formt.”

Heute, fast achtzig Jahre nach Kracauer lohnt es sich wieder, auf Berliner Straßen und in den Cafes von den Extremen auf die Wirklichkeit zu schließen und das (vielleicht) nächste große Ding der Arbeitswelt zu beobachten und zu analysieren. Anfang des Jahres leitete Mercedes Bunz mit einer Titelgeschichte im Berliner Stadtmagazin Zitty die große Debatte um die “Urbanen Penner” ein, einer neuen Schicht des städtischen Prekariats, die ihre kreativen Talente ohne Festanstellung auf einem hart umkämpften Markt zu Dumpingpreisen verkaufen muss. “In dieser Stadt sieht man uns überall. Wir bevölkern die Cafes mit unseren Laptops. Wir betreiben kleine Läden, in denen wir vorne junge Mode oder minimale Möbel ausstellen. Und wenn man spätabends an den erleuchteten Fenstern unserer Ladenlokal-Büros vorbeigeht, sieht man uns immer noch Design entwerfend hinter den Rechnern sitzen. Wir sind hip, hoch qualifiziert, diffus kreativ und arm. Urbane Penner eben.” Bunz’ Analyse der Situation der freien Kreativen hatte damals einen ziemlich düsteren Unterton: “Wieso leben wir eigentlich in einer Stadt, die uns nicht ernährt?” Klingt irgendwie nach: Ach Kind, das ist doch alles nichts, such dir doch endlich eine ordentliche Arbeit!

Aber was tun, wenn es anderswo nicht wirklich anders ist? Wenn der Spruch “In Berlin hat man Projekte und in München hat man Arbeit” von gestern ist? Wenn das Gegenmodell zum Projektslacker gerade in der generellen Krise steckt? Wenn all die Auslands- und Praktikumssemester, Volontariate, Hospitanzen und sonstiges Ranschmeißen an die Personalchefs nichts mehr nützen, weil niemand mehr deinen tollen Lebenslauf liest? Dann heißt es, das Beste aus der Situation zu machen. Dieser Devise folgend, versuchen der Volkswirt und Journalist Holm Friebe und der Werbetexter Sascha Lobo, die Autoren des gerade erschienen Buches “Wir nennen es Arbeit”, die positiven Aspekte der aktuellen Berliner Krankheit herauszuarbeiten. Mit einer guten Portion Verachtung für hierarchische Arbeitsverhältnisse, jeder Menge Technikeuphorie und dem Vertrauen in das Freiheitsstreben jedes Einzelnen rufen sie die “digitale Bohème” als die Avantgarde der kreativen Klasse aus, statt mit den urbanen Pennern das Ende der Angestelltenkultur und Festanstellungsära zu bejammern. “Früher war die Gesellschaft starrer und die Arbeitswelt restriktiver. Wenn man sich nicht in die Strukturen fügte, verdiente man kein Geld. Also waren die Leute, die lebten, wie sie wollten, und nicht, wie sie sollten, arm. Heute muss das nicht mehr so sein, und dass es nicht mehr so ist, verdanken wir zu einem großen Teil der Entwicklung des Internet und dem Übergang von einer analogen zu einer digital orientierten Kultur. Die digitale Bohème, das sind Menschen, die sich dazu entschlossen haben, ein selbst bestimmtes Leben zu führen, dabei die Segnungen der Technologie herzlich umarmen und die neuesten Kommunikationstechnologien dazu nutzen, ihre Handlungsspielräume zu erweitern.” Mit dem selbst bestimmten Ausscheiden aus der Welt der geregelten Erwerbstätigkeit, so die Autoren, gehe der Verzicht auf übermäßiges Sicherheitsdenken und der Abschied vom Geldverdienen als zentrales Sinnstiftungsinstrument einer bürgerlichen Biografie einher. Wichtiger hingegen würde das soziale Kapital, das in der netzwerkförmig organisierten Arbeit mit Gleichgesinnten in verschiedenen Projekten angehäuft werde: “So viel für Geld arbeiten wie nötig, so viel in Respektnetzwerke investieren wie möglich.” Wie schön, wenn das funktioniert.

Alter Hut?
Der technoliberale Unterbau der Digibobos kommt einem irgendwie bekannt vor. Haben wir es vielleicht mit einem Stück aufgewärmter kalifornischer Ideologie zu tun? Anfang bis Mitte der neunziger Jahre träumten Gurus wie Nicholas Negroponte ganz ungeniert von den ganz großen Umwälzungen durch die digitale Revolution, in welcher der Grad der Vernetzung als Allheilmittel für nahezu alle irdischen Probleme propagiert wurde. Science-Fiction-Romane von Bruce Sterling wurden wie Sachbücher gelesen und der Datendandy war das Rolemodel der Stunde. Tatsächlich käme jetzt einiges aus dieser Zeit auf “Wiedervorlage”, erklärt Friebe im Gespräch, doch um einen erneuten Streifzug durch die Zukunftsvisionen des vergangenen Jahrzehnts sei es den beiden mit ihrem Buch nicht gegangen: “Wir haben das alles nicht wieder hervorgekramt, sondern uns darauf konzentriert, zwei Dinge zusammenzudenken, die merkwürdigerweise nicht, oder so noch nicht zusammengedacht werden, sondern immer in einzelnen Geschichten – das ist die Frage der Arbeitsgesellschaft, der Arbeit, der Selbstständigkeit, auch der Prekarisierung zusammen mit dem, was durch die digitalen Techniken entsteht. Häufig wurde der digitale Lifestyle als eben genau das diskutiert: als Lebensstil – und nicht so sehr als Arbeitsstil. Der handelte davon, wie wir in der Freizeit einkaufen, chatten und uns austauschen. Aber was tatsächlich für ein emanzipatorisches Potenzial im neuen Charakter des Webs für die Möglichkeit der selbst bestimmten Arbeitsorganisation steckt: Das war der Punkt, den wir herausarbeiten wollten.”

Dass das Dasein als kreative Wir-AG mit Laptop und Mobile oftmals nicht frei gewählt ist, sondern nicht allzu selten einer wirtschaftlichen Zwangslage entspringt, das wissen die digitalen Bohèmians selber gut genug. Spätestens bei der Nachwuchsfrage fangen auch die lockersten Freien an zu frösteln. In dieser Richtung gäbe es durchaus eine Menge unbeantwortete Fragen, sagt Lobo, wo der Staat durchaus mit politischen Lösungen gefragt sei. Wer diese Lobbyarbeit leistet, ist jedoch unklar. Generell sei die digitale Bohéme aus einer gewissen Unbekümmertheit und einem Misstrauen gegen Organisationen, Kollektiv- und Großstrukturen politisch etwas unterbelichtet, geben die Autoren zu. Als neoliberale Szenetheorie möchten die beiden Schreiber ihr Buch dennoch nicht verstanden wissen, sondern als Anstoß zu einer Diskussion. Friebe: “Es ist tatsächlich auch nicht so, dass wir diese von den Arbeitgebern offen gehaltene Tür einrennen und sagen: ‘Eigeninitiative’ und jeder, der nichts zu tun hat, soll sich mit seinem Bratwurstbauchladen an den Alexanderplatz stellen. Im Prinzip formulieren wir ein ‘utopisches Drittes’, jenseits der Festanstellung, um die die ganze Arbeitsgesellschaftsdiskussion eigentlich immer noch kreist, diesen Fetisch, die Leute tatsächlich wieder in Festanstellung zu bringen, und dem anderen, der pragmatischen Reaktion, die auf Einzelkämpfertum und Eigeninitiative hinausläuft. Und da setzt unser Bohème-Begriff an, der sagt: Es gibt Gruppen- und Kollektivstrukturen, die jenseits von Firma und jenseits von reiner Freizeitgestaltung funktionieren. Und das sind die Produktionszusammenhänge, die das Beste aus beiden Welten mehr oder weniger vereinen. Diese Option erst mal euphorisch und emphatisch zu formulieren, ist nicht so trivial, wie es klingt.”

Die Neuentdeckung des Sozialen …
… komme nicht von ungefähr, sondern habe eine ganze Menge mit dem Scheitern der New Economy um das Jahr 2000 zu tun, erklärt Lobo. Der Autor Ingo Niermann veröffentlichte vor drei Jahren ein kleines Suhrkamp-Bändchen mit dem schönen Titel “Minusvisionen”, das vor allem als Retrospektive auf die Boom-Jahre der unmöglichen Geschäftsideen gelesen wurde. Lobo: “Ich habe ja das Scheitern in einer expliziten Art und Weise mitgemacht, die auch so in ‘Minusvisionen’ hätte stehen können. Ich hatte ja in der ersten New Economy eine Agentur mit fünfunddreißig Mitarbeitern in der Spitzenzeit und habe die dann frontal gegen die Wand gefahren. Das war ein relativ klassisches Web-Werbeagenturenspiel. Das Scheitern hat sich insofern gelohnt, als dass die Asche, die da runterfiel, eine Mischung aus fruchtbarer Asche war, aber auch eine, die einen geschützt hat, Fehler noch einmal zu machen. Ich glaube, dass diese Implosion, die damals stattgefunden hat, die Augen für bestimmte Werte geöffnet hat, die eben nicht kommerziell sind. Und ich glaube, dass nicht umsonst direkt nach dem Zusammenbruch der New Economy die Blogs hochgekommen sind, weil die ein unkommerzielles Tool im Netz sind und sehr auf den Menschen bezogen. Insofern bin ich absolut überzeugt davon, dass zwischen diesen Minusvisionen, meiner eigenen Minusvision und den vielen Börsenminusvisionen, die da existiert haben, das Scheitern der ersten kommerziellen Revolution sogar sehr gute, fruchtbare Asche hervorgebracht hat.”

Bleibt noch die Frage nach den Lesern. Ein Buch für die digitale Bohème selbst, für die Eltern in der Provinz oder für die Politik, die den Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt hinterherhinkt? Lobo: “Viele Leute, die wir beschreiben, haben es gar nicht mehr nötig zu lesen, wie sie so sind, die haben dafür ein Gefühl, die wissen das. Aber natürlich klafft da in der Vermittlung zwischen Generationen oder Schichten und Klassen, um es mal anders auszudrücken, eine Lücke. Wie erkläre ich eigentlich meinen Eltern, was ich mache? Die denken doch, ich hänge den ganzen Tag rum. Nein: Was wir hier tun, nennen wir Arbeit. So sieht das aus. Und es hat Erfolg und Zukunft.”

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Elektronische Lebensaspekte.