DVD ist nicht nur was für den Filmmarkt und die Videothek. Sie ist ein Format, dass man auch mit eigenen Produktionen füllen kann. Wie zeigen die Berliner Visomaten und das Londoner Label Addictive. Und auch nach Harald Schmidt macht Reinzappen wieder Spaß.
Text: Kay Meseberg aus De:Bug 79

DVD-Label
Der VJ kriegt Futter

In den Zeiten der Krise hofft die Plattenindustrie auf die DVD. Die könnte nämlich ein Format sein, das die mageren CD-Verkäufe als Surplus zumindest aufpeppt. Ob das klappt wird man sehen. Als Ding für den Playerschlitten konzentrierte man sich leider bislang unklug auf Zweit- bis Xt-Verwertung bestehender Inhalte, etwa der goodiecharmigen Speicherung von Live- und anderen Erlebnissen. Gerade aus dem Indielager wagt sich erst jetzt allerdings eine Truppe von VJs an die Schaffung originärer Inhalte. Das mag verwundern, bieten doch gerade VJ-Künstler mutmaßlich perfekte Voraussetzungen, den Konsumenten mit visuellen Extravaganzen und subtilen Schönheiten zu verwöhnen.

Addictive TV
Addictive TV ist in der Selbstdarstellung das erste DVD-Label weltweit. Visuell ist man deutlich an der englischen Clubszene orientiert, die manchmal für unsereinen schon ziemlich krass rüberkommt. Aber immerhin: Das Londoner Kollektiv um Graham Daniels und Nick Clarke existiert seit 1992. Graham: “Die Idee für ein Label hatten wir schon vor fünf Jahren, da produzierten wir das Fernsehprogramm ‘Transambient’ für ‘Channel 4’. DVD war das funkelnagelneue Medium und es war für uns einfach offensichtlich, Musik und Visuals auf diesem Medium zu kombinieren und zu veröffentlichen.” Bei den Addictive-DVDs geht es um die seitens vieler VJs beschworene Symbiose aus Bild und Ton. Visuals können zu einem sehr wichtigen Teil der Musik werden, viel stärker man das in vielen Musikvideos praktiziert. Vielleicht liegt aber gerade im starken Zusammenspiel mit der Musik auch die Schwierigkeit von VJs und ihren DVDs: Die Visuals sind von der Musik abhängig, sie müssen darum kämpfen, für sich wahrgenommen zu werden. Die Herausforderungen als DVD-Label besteht für Graham deshalb auch vor allem darin, mit dem Publikum zu kommunizieren, was genau sie denn produzieren: “Wir passen noch nicht in eine verständliche Kategorie. Wir sind kein Musiklabel, aber auch keine Filmfirma. Irgendwo dazwischen muss man die Arbeit von Addictive einordnen. Alles, was neben dem Mainstream produziert wird, hat seine Schwierigkeiten, egal ob es Musik, Visuals, Filme oder Fernsehshows sind. Zur Zeit ist es auch sehr schwer, eine europaweite Distribution für audiovisuelle DVDs zu bekommen. Was mich verwundert: Europa hat eine reiche Musik- und Filmkultur und ausgerechnet in den USA ist es viel einfacher, die Leute treten der Idee viel offener gegenüber. Naja, trotz der Schwierigkeiten: Bei einer neuen Bewegung ganz vorn dabei zu sein, eröffnet einem andererseits die Möglichkeit, deine eigenen Regeln aufzustellen.” Darüber hinaus verkauft sich ihr Produkt wie warme Semmeln. Lücke gefunden.
Auch seitens der Industrie wird das Potential bereits erkannt: Die Firma Pioneer wird in naher Zukunft ein Gerät auf den Markt werfen, das die Herangehensweise an AV im Live-Moment dank der DVD verändern dürfte. Addictive TV haben den DVJ-X1 DVD-Player schon mal getestet. Mit dem Player ist es möglich, DVDs wie Vinyl abzuspielen, Scratching inklusive. Jedoch müssen wohl noch ein paar Hürden zwischen DJs und VJs überwunden werden, um das Bild-Ton-Spiel salonfähig und floorkompatibel zu machen. Graham betont auch, dass es noch an Inhalten mangelt.

VISOMATEN
Die Aufbruchstimmung in VJ-Land beweist nicht allein der Pioneer-Player. Die Berliner Visomaten bauten, unterstützt von einem Autohersteller, eine Website, die als VJ-Forum fungieren soll, aber auch Neulinge begeistern wird. Unter http://www.avience.net findet sich so genau das, was mit DSL Spaß macht. Und an den Berlinern kommt man im DVD-Zusammenhang ohnehin nicht mehr vorbei. Ihre DVD “DIN AV” ist ihr persönlicher Erstling, eine Zusammenstellung feiner Filme zu/mit/auf passender Musik. Kommt demnächst. Die Bild- und Musikinhalte sind überdies ausschließlich für das Medium DVD produziert. DIN AV zeigt zum ersten Mal überhaupt einen nur für das DVD-Format entwickelten Content und schmiedet damit also nicht einfach neue Glieder für die Verwertungskette, das ist Visomat Gereon Schmitz wichtig. Und zugegebenermaßen: Selbst die Addictive-DVDs bestehen meist aus bereits im Fernsehen gesendetem oder im Club benutzten Material. In Bezug auf Produktionsmechanismen sind die Visomaten eh besonders aufmerksam: Ausgangpunkt der DIN AV DVD war die Verknüpfung von Fernseher und Stereoanlage dank des DVD-Players, aber auch dank der Dolby-Home-Kino-Systeme. Das konnten die ersten selbstproduzierten VHS-Tapes wie “Berlin Club Video” noch nicht leisten. Dem Visomat-DVD-Erstling, der jetzt in Kooperation mit Scape erscheint, traut Gereon Schmitz dann auch eher die Funktion einer CD denn einer VHS oder eines Films aus der Videothek zu. Also gucken und hören oder nur hören oder Pause drücken. Das liefern auch die Bilder. Sie sollen keine Geschichte erzählen, sondern vor allem als Formen funktionieren. Dabei geht es jedoch nicht einfach um Abstraktion, sondern um einen subtilen Transport eines Lebensgefühls, nur eben nicht mit dem Alko-Pop direkt ins Gesicht, wie in der Werbung, sondern eben etwas subtiler. Der visuelle Teil der DVD ist vielfältig wie das Telefonbuch. Visomat haben beispielsweise Berliner Architekturmodelle durch die Schärfenzoom wandern lassen. Jutojo schnipseln sich durch die Natur und festivaleske Live-Erlebnisse. Die Pfadfinderei lädt zur heftig ruckelnden Kochkurspersiflage inklusive Spassframes mit Überraschungseffekt. In Zukunft soll aus dem bald vorliegenden Erstling eine Serie werden. Hoffentlich, denn der VJ, aber auch die Heimanlage können es gut brauchen.

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Elektronische Lebensaspekte.