Die Demoszene lässt sich grob als künstlerische Auseinandersetzung mit Computern beschreiben. Was in den 80er-Jahren noch sehr amateurhaft aussah, ist heute zu einer ernsthaften, wenn auch wenig bekannten Kunstform gereift. Der digitale Kultur e.V. will da Abhilfe schaffen.
Text: Lars Sobiraj aus De:Bug 92

DIGITALE KULTUR TRIFFT DEMOSCENE

DEMO
Demo? Was ist das? Ganz einfach. Stellt es euch wie einen Trailer für Grafikkarten und Prozessoren vor. Ein Demo machen heißt: Die Möglichkeiten eines Rechners als Kunstform austesten. Ein Demo ist ein Programm, das in Echtzeit Computergrafiken und Musik darstellt. Mit Spieledemos hat das nichts zu tun. Manche Demos sehen Musikvideos verblüffend ähnlich, aber das Hauptaugenmerk liegt woanders. Für ein gelungenes Demo müssen sowohl künstlerisches Talent als auch umfangreiche Programmierkenntnisse vorhanden sein. Oftmals besteht das Team hinter dieser Kunstform aus Computerfreaks aus ganz Europa, die sich je nach Neigung die Aufgaben teilen und lediglich via Email in Kontakt stehen. Demos werden für alle möglichen Computer und Spielekonsolen der Vergangenheit und Gegenwart erstellt, wobei die Fraktion der Produktionen für Windows natürlich dominiert. Die Demoszener von heute – früher gehörte das zu ihrem Ruf – verteilen keine illegalen Raubkopien von Spielen. Auch verstecken sie sich nicht mehr hinter anonymen Postlagerkarten. Im Gegenteil: Sie möchten ihre Clips einem möglichst breitem Publikum vorstellen.

Der Verein “Digitale Kultur e.V.”, dessen Mitglieder sich fast ausnahmslos aus aktiven digitalen Künstlern rekrutiert, ist in Deutschland angetreten, dies aktiv zu unterstützen. Glücklich stellten die Kulturschaffenden deshalb im Januar de.scene.org, den ersten deutschen Mirror des digitalen Archives der Demoszene, online. Kein Geheimnis ist natürlich, dass Scene.org in Holland schon seit langem auch die Heimat vieler Netlabels ist. (Archive.org kam erst viel, viel später hinzu.) Mit monatlich 250 Gigabyte an ausgelieferten Daten rotieren die Festplatten schon jetzt in Köln. Schneller als erwartet. Es gab also genug Gründe, beim Vorsitzenden Stefan Keßeler die Hintergründe zu erfragen und wohin es den Verein zukünftig treiben wird.

Was muss sich ein Außenstehender unter dem Verein “Digitale Kultur e.V.” vorstellen?

Der Verein verfolgt den Zweck, digitale Kunst zu fördern und breiteren Bevölkerungsschichten vorzustellen. Dabei geht es jedoch um eine speziellere Form der digitalen Kunst: die Demoszene, die sich seit dem Aufkommen der ersten Heimcomputer mit dem Thema beschäftigt. Dabei sind fast alle Mitglieder des Vereins aktive Demoszener.

Wie ist es zur Gründung dieses Vereins gekommen?

Die Gründungsmitglieder rekrutierten sich fast ausschließlich aus dem engeren Organisationskreis der Evoke, einer Party-Reihe, die wir seit acht Jahren in Köln und früher in Aachen organisieren. Für uns war die Gründung des Vereins eine logische Entwicklung, wenn man – bei stetig steigenden Besucherzahlen der Party – an die daraus resultierenden organisatorischen Konsequenzen denkt. Mithin ist aber auch der positive Imageeffekt, den man als eingetragener Verein hat, ein Faktor.

Ihr habt auf Messen und Veranstaltungen wie z.B. der CeBIT 2004, LAN-Parties oder der “You 03” den Besuchern die Demoszene vorgestellt. Was gab es für Reaktionen?

Sehr unterschiedlich. Wenn man auch an die unterschiedlichen Zielgruppen dieser Veranstaltungen denkt. Eher mäßig war die Resonanz auf der Jugendmesse YOU in Berlin, was aber wohl auch an der Komplexität des Themas liegt. Die Resonanz des Publikums auf der Cebit war aber durchaus gut. Hier waren die Besucher offener.

Ist es nicht schwierig, dem durchschnittlichen Computerbenutzer so etwas Abstraktes wie die Demoszene näher zu bringen?

Unsere Auftritte hatten eher die Zielsetzung, den Besucher zu ermuntern, selber kreativ mit dem Rechner zu werden. Dabei stellen wir die Demoszene als ein Angebot vor, das man ja zunächst auch nur passiv genießen kann. Zum Beispiel indem man sich die Kreationen der Demoszene herunterlädt und anschaut.

Wie kann man einen chronischen Gamer dazu motivieren, sich von heute auf morgen kreativ mit dem Medium Computer auseinander zu setzen?

Uns ist es zunächst wichtig, computerbegeisterte Jugendliche auf die Demoszene hinzuweisen. Anders als zu Beginn der Demoszene in den 1980er-Jahren kommt man ja heute nicht mehr automatisch mit den Kreationen der Demoszene in Berührung. Damals haben sie sich ja als Cracker mit kleinen Intros vor den Spielen verewigt, deren Kopierschutz sie entfernten.

Was fasziniert dich persönlich so sehr an dieser Freizeitbeschäftigung?

Neben der Ästhetik der Demoszene ist der entscheidende Faktor wohl die Möglichkeit, etwas wie die Evoke auf die Beine zu stellen. Die Demoszene hat die fast einzigartige Fähigkeit, Menschen mit ihren unterschiedlichen Begabungen eine Heimat zu bieten. Daneben ist es wohl der Wettbewerbsgedanke innerhalb der Szene, der jeden immer wieder antreibt.

Wir leben in einer Welt, in der man gegen Bezahlung von der Industrie unterhalten, aufgeheitert, zugeflimmert, verstrahlt wird. Welche Ideen hat euer Verein, die häufig angetroffene Grundeinstellung der Couch Potatoes zu ändern?

Ich weiß gar nicht, ob wir das machen müssen. Wir zeigen ja höchstens eine Möglichkeit auf, für den Fall, dass einem die Unterhaltung, das Geflimmer, die Strahlen zu viel werden. Letztlich muss man natürlich sehen, dass die Demoszene einer Entdeckergeneration entstammt. Ein C64 bietet ja deutlich mehr Möglichkeiten etwas Kreatives zu machen als eine heutige Spielekonsole. Was man schon alleine daran sieht, dass die Erklärung einer Programmiersprache beim C64 noch zum Umfang des Handbuches gehörte, bei einer modernen Konsole das Selberprogrammieren von Seiten der Hersteller aber unerwünscht ist.

Im November letzten Jahres war erstmals in der Geschichte der Demoszene ein Intro-Wettbewerb Teil eines Filmfestivals. Hatte der Verein dabei seine Finger im Spiel?

Das Bitfilm-Festival ist wohl das erste Filmfestival in Deutschland, das auch Demos prämiert hat. Für uns ist dies natürlich sehr erfreulich, auch um etwas aus der Untergrund-Nische herauszukommen. Weiterhin ist für uns positiv, dass die Impulse zur Zusammenarbeit von Seiten der demobegeisterten Organisatoren des Festivals ausgegangen sind. Wir konnten dann mit Kontakten in die Demoszene helfen. Leider konnte ich selber auf dem Bitfilm-Festival nicht dabei sein. Unser Pressesprecher Ekkehard Brügemann – der dort zur Beginn der Vorführung die Einleitung zur Demoszene moderiert hat – erzählte jedoch von einer sehr positiven Resonanz auf diese Demo-Kategorie.

Wie seht ihr die Zukunft der Demoszene im Idealfall? Gibt es in fünf Jahren in Hollywood die erste Oscar-Verleihung oder einen Golden Globe für eine Demo?

Die Demoszene ist ja meist weniger glamourös, mehr bodenständig. Ich sehe da also wenig Anknüpfungspunkte zum Oscar oder zum Golden Globe. Ansonsten mag ich das Orakeln gerne anderen überlassen. Viele Szener würden wohl den Tod der Demoszene voraussagen, wobei man das schon seit 15 Jahren hört. Etwas problematisch ist es halt tatsächlich mit dem Nachwuchs. Interessanter finde ich jedoch die Frage, wohin sich die Ästhetik der Demoszene entwickelt und wie sie in Zukunft mit narrativen Elementen umgeht.

Früher haftete der Computerszene etwas Geheimes, Anrüchiges an. Macht es Sinn, eine solche Untergrundbewegung von Eingeweihten einem breiten Publikum vorzustellen?

Was wir meist vorstellen sind die Produktionen der Demoszene. Und diese Demos und Intros werden ja gerade erstellt, um von möglichst vielen Leuten gesehen zu werden. Die Demopartys hingegen versuchen wir schon etwas “abzuschirmen”. Wir haben natürlich nichts gegen Presseberichte im Nachhinein, alleine auch schon in Bezug auf unsere Sponsoren. Was wir aber tunlichst zu verhindern versuchen, sind Hinweise im Vorhinein, damit Demopartys nicht zu Familienausflugszielen verkommen. Wobei ich jedoch gerne betonen möchte, dass wir natürlich nichts gegen interessierte Besucher haben.

War die eher laienhafte Präsentation wie der DemoDienstag in NBC Giga eher hilfreich oder schädlich für die Vereinszwecke?

Soweit ich mich erinnere, war der Verein zu dem Zeitpunkt noch gar nicht gegründet. Aber ich würde das im Nachhinein doch eher positiv werten: Letztlich ist die Präsentation bei den Zuschauern positiv aufgenommen worden. Das hat uns gezeigt, dass das Thema “Demoszene” durchaus für diese Zielgruppe interessant ist und dass es sich lohnt, in die Öffentlichkeit zu gehen.

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Elektronische Lebensaspekte.